Ganz genau 4 Tage, also 96 Stunden haben wir von Salvador bis zur Ansteuerung von Cabedelo gebraucht. Eine Punktlandung, besser hätte man es nicht planen können und bei uns war es einfach Zufall. Genau als wir die Einfahrt passierten war Niedrigwasser, das ist ideal für die Einfahrt in den Rio Paraiba. Während wir langsam den Fluss hochtuckerten setzte die Flut ein und schob uns sanft flussaufwärts.
Nun liegen wir vor der Marina Jacare Village vor Anker. Jacare ist ein kleiner eher unspektakulärer Ort, zwischen Cabedelo auf der Landspitze und der Stadt Joao Pessoa. Wir sind nun in Brasilien „ganz an der Ecke“. Hier geht die Sonne in Amerika zuerst auf, dies ist der östlichste Ort ganz Amerikas (des Doppelkontinents). Die Marina hier ist nett, es macht Spaß mal wieder andere Segler zu treffen. Einige kennen wir bereits aus anderen Häfen und es ist natürlich interessant zu hören wie es den anderen in der Zwischenzeit ergangen ist.
Rückblickend könnte man behaupten wir hatten eine tolle Überfahrt. Schönes Segeln, keinen Regen und der leuchtend blaue Atlantik. An Tag zwei war ich allerdings gänzlich anderer Meinung, als ich ziemlich seekrank im Cockpit hing und darüber nachgedacht habe warum man freiwillig segeln geht. Schon währenddessen wusste ich, ich würde es wieder tun. Nun habe ich den blöden Teil der Reise bereits weitgehend verdrängt. Aber, es war wirklich nicht immer schön!
Zunächst segelten wir hart am Wind. Wir kamen schnell voran und Mari zeigte, dass sie auch bei wenig Wind flott segeln kann, doch das Leben an Bord war sehr schräg und wir haben schlecht geschlafen. In den nächsten Tagen drehte der Wind langsam und kam aus südlicheren Richtungen. In der letzten Nacht hatten wir einen perfekten Halb-Wind-Kurs, die Welle lief nun genau quer zum Schiff, ein unglaubliches Geschaukel. Mit entsprechender Müdigkeit und einer ausgefeilten Kissenanordnung, haben wir aber ganz gut geschlafen. Unser Wetterbericht versprach leichten Wind für die Nacht zu Montag und den folgenden Tag, so dass wir damit rechneten eventuell erst Dienstag anzukommen, doch stattdessen nahm der Wind immer weiter zu und wir wurden immer schneller. Am Montag in der Ansteuerung auf Cabedelo hatten wir schließlich satte sechs Windstärken, so dass wir uns zwei Stunden vor der Ankunft noch ein zweites Reff gegönnt haben. Die Einfahrt wurde durch den Wind und den stark nach Norden setzenden Strom etwas spannender und wir waren froh, als wir die ersten Tonnen erreicht hatten. Der Rest war dann ganz einfach.
In Brasilien soll man sich ja immer fleißig an und ab melden. Neuer Bundesstaat, neuer Spaß. Wir haben uns heute also hübsch gemacht, das heißt lange Hosen und Schuhe angezogen, und uns auf den Weg zu Capitania gemacht. Wir hatten unterschiedliche Informationen, wo man sich anmelden soll und haben die falsche Möglichkeit gewählt. Wir waren an der Capitania in Cabedelo, die Jungs waren sehr freundlich und haben uns zur Capitania in Joao Pessoa geschickt. Da werden wir dann morgen hinfahren. Praktischerweise gibt es hier eine Bahnverbindung. Ein „Vorortszug“ fährt für einen Real (umgerechnet sind das 25 Cent) in die eine Richtung nach Cabedelo, in die andere Richtung nach Joao Pessoa.
Da wir nun schon einmal in Cabedelo waren, sind wir zum Strand gelaufen und haben dort fantastischen gegessen. Hummer in Kokosmilch. Es hätte schlimmer kommen können.
Tchau Salvador!
Der Fernseher wurde wieder ausgepackt, weiterhin kann im Mercado Modelo Fußball geguckt werden. Heute waren vor allem kroatische Fans unterwegs. Die Stimmung war wieder super. Für uns war es (hoffentlich) das letzte Spiel dieser WM, während des Finales werden wir auf See sein.
Gestern waren wir ein letztes Mal in der Altstadt, haben dort noch einmal hervorragend gegessen und einen besonders schönen Sonnenuntergang beobachtet. Salvador ist uns ans Herz gewachsen, es ist marode, gelegentlich schmutzig und manchmal sehr chaotisch, aber vor allem ist es bunt und fröhlich.
Heute haben wir noch eine kleine Einkaufstour gemacht, waren im Segelladen, wo wir nur einen Punkt von unserer Liste erledigen konnten, und im Supermarkt um frischen Proviant für die Reise zu kaufen und unsere Biervorräte aufzustocken. Mal wieder haben wir uns über die Vielfalt brasilianischer Getränkedosen und –flaschen gefreut. Unsere Cachaca-Flasche hat 965 ml. Irgendwie sind wir in einen Einkaufsrausch verfallen, unser Obst würde für eine Atlantiküberquerung locker reichen. Orangen, Mandarinen, Papaya, Limetten, Bananen, Äpfel, Maracuja. Außerdem hat Nobbi beschlossen, dass drei Ananas für eine fünftägige Reise genau die richtige Menge sind…
Im Shoppingcenter wurde die Brasiliendeko abgenommen, nun kommt die Winterdeko wieder zur Geltung. Das passt auch viel besser zur Eisfläche. Jeder der möchte kann dort sein Eislauftalent unter Beweis stellen. Die brasilianisch sehr minimalistisch bekleideten Mädels auf der Eisbahn, wunderbar! Da jetzt Winter ist, trägt der ein oder andere auch Jeans und wir haben sogar einen Mantel gesehen, für den ist es aber nur im Shopping Center kalt genug.
Das Ruder der Windsteueranlage ist schon eingehängt und Nobbi hat die ersten Fender bereits weggepackt, es wird ernst. Morgenfrüh müssen wir noch zur Capitania uns abmelden und dann hoffen wir auf eine schöne Segeletappe!

Eine Probefahrt, traurige Brasilianer und zwanzig Tropfen Whisky
Unsere Probefahrt am Donnerstag verlief erfolgreich. Mit Hochwasser um halb neun haben wir Ribeira verlassen und liegen nun wieder im Terminal Nautico, direkt unterhalb der Altstadt. Die Fahrt hierher haben wir durch einige Kringel und Schleifen verlängert, damit wir genügend Zeit hatten alles zu testen. Unser Wassermacher läuft wieder, der Motor schnurrt wie er soll, wir sind zufrieden.
Am Freitag stand eine kleine Reparatur auf dem Programm, die richtig Spaß gemacht hat. Die Fußpumpe für das Frischwasser leckte ein wenig. Wir haben sie problemlos ausgebaut bekommen, hatten das Ersatzteil-Kit mit den neuen Dichtungen an Bord, haben alle Dichtungen und Membranen ausgetauscht und die Pumpe wieder eingebaut.
Gestern stand uns der Sinn nach einem Spaziergang, deshalb sind wir zum Zoo gefahren. Der Zoo beheimatet fast nur in Brasilien heimische Tiere, neben einigen afrikanischen Vögeln bilden Nilpferde, Zebras und ein betagtes Dromedar die Ausnahme. Wir haben den Spaziergang auf sauberen Wegen genossen. Im und um den Zoo gibt es eine Vielzahl schöner großer Bäume, die angenehmen Schatten spenden. Auf dem Gelände leben neben den Zootieren viele Vögel und Affen, die den grünen Fleck in der Stadt zu schätzen wissen. Leider war der Ameisenbär nicht zu Hause, den hätte ich gerne gesehen, aber der Tapir und das Capybara haben mir auch sehr gut gefallen. Vom Zoo laufen wir ans Meer und am Atlantik entlang nach Barra. In der Sonne ist es heiß, aber zum Glück machen auch die Hochhäuser an der Küste angenehmen Schatten.
Heute waren wir im Museum für Moderne Kunst. Das Museum ist auf dem Gelände einer ehemaligen Zucker-Mühle untergebracht. Leider wird das Museum zurzeit renoviert. Nur ein Saal in der früheren Kapelle war geöffnet, alle anderen Gebäude und der Skulpturen-Garten waren geschlossen.
Die Brasilianer sind natürlich schon etwas traurig, dass die WM nun ohne sie weitergeht. Doch sehr tief sitzt die Trauer nicht. Freitag haben wir auf einem großen Fernseher vorm Mercado Modelo das Ausscheiden von Brasilien erlebt. An mangelnder Unterstützung der brasilianischen Fans lag es jedenfalls nicht. Bei uns war es sicherlich lauter als im Stadion. Nachdem Spiel wurde ein wenig geknallt, alle zucken mit den Schultern, nun ja. Gestern haben wir an gleicher Stelle noch das Ende des Spiels Russland –Kroatien, die Verlängerung und das elf-Meter-Schießen gesehen, beide Teams wurden ordentlich angefeuert. Heute ist der Fernseher abgebaut worden. Jetzt wo Brasilien raus ist, ist die hier WM vorbei.
Hier ist absolute Nebensaison, außer Mari ist nur ein anderes Schiff im Terminal Nautico bewohnt. Die Lel aus Kiew haben wir hier Silvester schon getroffen, während wir uns danach in der Bucht rumgetrieben haben und zwischendurch in Deutschland waren, sind sie in Chile gewesen, haben Kap Hoorn gerundet und sind den langen Weg wieder nach Norden gesegelt. Nun sind sie auf dem Weg zurück ins Schwarze Meer. Das Schiff hat der Eigner selbst gebaut. Mit dem schnellen Aluboot hat er schon einige Meisterschaften gewonnen, doch sein Traum war es immer einmal um Kap Hoorn zu segeln. Wir werden eingeladen die Lel anzuschauen und hören spannende Geschichten. Wie sie Eis an Deck hatten, wie mehrere Autopiloten aufgegeben haben und sie per Hand steuern mussten, wie sie den Leuchtturm auf Kap Hoorn angefunkt haben und die Funkwache sie für Teilnehmer des Volvo Ocean Races hielt, dessen Teilnehmer den Leuchtturm nur knapp einen Tag nach ihnen rundeten. Schließlich stoßen wir mit „zwanzig Tropfen Whisky“ auf die frischgebackenen Kap Hoorniers und auf eine glückliche Heimkehr an. Wie gut, dass wir vorher gut gefrühstückt hatten.
Die Regenzeit ist noch nicht vorbei
Fertig wird man auf einem Boot ja irgendwie nie, aber alle wichtigen Punkte auf unserer Liste sind erledigt und nebenbei unzählige Kleinigkeiten abgehakt. Seit die Badeleiter, die während unserer Abwesenheit unter dem Tisch lagerte, und das Vorsegel, das zwischen Tisch und Spüle eingeklemmt war, wieder an ihrem Platz sind, haben wir hier unter Deck ein ganz neues Raumgefühl. Neue Flaggen wehen, die Leinen sind vom grünen Schleier befreit, im Vorschiff haben wir einen neuer Lüfter, es gibt neue USB-Steckdosen, der Motor wurde entkalkt und die Püttinge sind neu abgedichtet.
Püttinge sind die Beschläge an denen die Wanten befestigt sind. Das Abdichten der Püttinge ist einer der wenigen Punkte, die die wenige Seiten dünne „Anleitung“ unseres Boots vorschlägt. Einen Job haben wir diesmal nicht selbst gemacht, das Abkratzen des Riffs an unserem Unterwasserschiff hat einer der Männer von der Marina übernommen. Fische und Krebse, die sich in „unserem“ Riff eingerichtet hatten, waren über die Säuberungsaktion nicht erfreut. Heimatlos schwammen sie um Mari herum. In den ersten zwei Tagen nach der Reinigungsaktion schwammen bei jeder Toilettenspülung heimatlose Krebse im Spülwasser, zweimal sogar ein Fisch!
Der Regen gibt den Takt der Arbeiten vor. Nachdem es an den ersten Tagen nach unserem Amazonas-Ausflug weitgehend trocken war, hatten wir bereits auf einen allgemeinen Trend gehofft. Anfang dieser Woche war es dann so regnerisch wie zuletzt in Sines in Portugal im November 2016. Montag war durchgehend Weltuntergang. Die Arbeiten an Deck waren in den letzten Tagen sehr mühsam, weil es immer entweder regnete oder noch nass war.
Wir genießen das Brasilianische Obst. Mehrfach die Woche laufen wir zum Supermarkt, schwelgen in Maracuja, Papaya, Melonen, Orangen und Ananas, und finden irgendwas für unsere Vorräte. Unser Saftschapp haben wir mit Säften gefüllt die es nur in Brasilien gibt, Umbu, Caja und Caju. Nun sind alle Schapps gefüllt, es wird nicht mehr eingekauft.
Es wird Zeit weiter zu segeln. Zunächst steht eine Probefahrt auf dem Programm. Wir hoffen, dass diese ereignislos verläuft und wir Salvador bald Richtung Norden verlassen können. Der Wettercheck gehört bereits zum Tagesablauf.
Die Geschichte mit der Gasflasche
Gas ist ein beliebtes Thema unter Seglern, gibt es doch in jedem Land andere Gasflaschen. Sie sind nicht nur unterschiedlich groß und dick, sie haben auch unterschiedliche Anschlüsse, außerdem werden sie entweder mit Propan oder mit Butan gefüllt.
Irgendwann letzte Woche beim Einkochen war die Gasflasche leer. Nobbi schnappt sich die Flasche und fragt bei den Marineros, ob die Flasche hier gefüllt werden kann. Nachdem unsere Flasche ein paar Tage auf der Terrasse stand, meldet Ana sich, die Sekretärin des Yacht Clubs. Sie erklärt Nobbi genau, wer die Flasche wo füllen kann. Wir finden den veranschlagten Preis teuer, beschließen aber sie trotzdem füllen zu lassen. Wer weiß wie kompliziert es das nächste Mal wird. Zunächst scheint unsere Flasche verschwunden, taucht dann aber nach einigen Tagen gefüllt wieder auf. Wir sollen noch ein paar Euro nachzahlen, weil sie mehr Gas in unsere Flasche gefüllt haben. Da die Flasche nun zu voll ist, wollen wir sie zuerst verwenden und schließen sie abends gleich an,
Am nächsten Morgen erzählt Nobbi mir noch im Bett, dass er über die Gasflasche nachgedacht hat und dass er ein schlechtes Gefühl hat. Im Gaskasten riecht es nach Gas, wir nehmen die Flasche also wieder raus. Der Test mit Spüliwasser ergibt, dass der Boden der Flasche unterm Lack fröhlich korrodiert ist und Gas entweicht. Da nützt uns der gültige Prüfstempel auch nichts. Wir wiegen die Flasche und stellen fest, dass die kaum Gas verloren hat. Trotzdem, eine undichte Flasche wollen wir nicht an Bord haben. Wir lassen das Gas entweichen und bestatten die Gasflasche. Das alles hätten wir einfacher und günstiger haben können…
208 Millionen Neymars
Natürlich ist die Fußball-WM hier in Brasilien eine große Sache. Zum einen, Brasilien und Fußball, klar, zum anderen lauert da doch die eine oder andere Party und die lassen sich die Brasilianer garantiert nicht entgehen.
Weite Teile Brasilianischer Straßen sind unter grün-gelben Plastikgirlanden verschwunden, viele Hauswände haben neue Bemalung in grün und gelb bekommen und die Einkaufszentren ersticken in gelb-grünen Flaggen und Luftballons. Wenn Brasilien spielt, sollte man sich nichts vornehmen. Da bleiben die kleinen Läden geschlossen und es fahren weniger Busse. Die Restaurants machen erst wieder auf, wenn der Sieg ausgiebig gefeiert wurde.
Egal ob im Kiosk, im Supermarkt, sogar in manchen Apotheken, die Berufskleidung wurde vieler Ort für die Dauer der WM durch Brasilianische Trikots ersetzt. Anscheinend wurden nur Neymar-Trikots gedruckt, die Nummer 10 ist überall. An Tagen an denen Brasilien spielt, trägt das halbe Land grün-gelb, Ohrstecker und Ringe mit Brasilien-Flagge und dazu natürlich ein Neymar-Trikot. Mein Lieblingsaccessoir ist der Haarreifen mit Antennen an dem Brasilien-Flaggen wedeln, eine Verkäuferin trägt ihn tapfer seit über zwei Wochen. Nach jedem Tor und am Ende des Spiels wird ausgiebig geknallt, so wie wir es nur von Silvester um Mitternacht kennen.
Das Ausscheiden der deutschen Mannschaft sorgte für ein wenig Schadenfreude, wir wurden aber auch ausgiebig bemitleidet. Heute war es für viele Brasilianer in erster Linie wichtig, dass Argentinien nicht gewinnt. Auf den Nachbarn im Süden ist man mal neidisch mal böse, da ist es doch schön wenn sie wenigstens beim Fußball verlieren.
Für die WM gibt es auf der Terrasse des Yachtclubs einen Fernseher. Jetzt, da Deutschland ausgeschieden ist, werden wir bei jedem Spiel gefragt für wem wir die Daumen drücken. Gerade beim heutigen Spiel war es nicht einfach, Uruguay gegen Portugal. Uruguay hat „neulich“ das WM-Finale im Maracana-Stadion gegen die Brasilianer gewonnen. Die Schmach von 1950 ist nicht vergessen. Zur ehemaligen Kolonialmacht Portugal hat man ohnehin ein nicht ungetrübtes Verhältnis. Anscheinend war es in Ordnung Uruguay die Daumen zu drücken. Mitten im Spiel hatten wir Stromausfall und haben so das 1:1 verpasst. Hoffentlich gibt es kein Stromausfall während eines Brasilien-Spiels.
Ich bin eigentlich kein Fußballgucker. Doch dadurch, dass Karli mich überzeugt hat an der Tipprunde teilzunehmen, fiebere ich nun mit. Ich lese die Überschriften im Fußballteil der Zeitung, bin so über die unzähligen Favoriten informiert und lege mich durch das Tippen vorher fest an welches Team ich glaube. Für mich steht fest, kein großes Turnier mehr ohne Tipprunde! Danke Karli!
Das nächste Brasilien-Spiel (und hoffentlich weitere) werden wir hier auf der Terrasse ansehen, ich habe keine Angst vor feiernden Brasilianer, eher vor ihren (bestimmt TÜV-geprüften) Böllern.
Mittwinternacht und Rumgetüddel
Schon mehr als eine Woche ist vergangen seit wir aus Manaus zurückgekommen sind und der erste Monat unserer zweiten Spielzeit in Brasilien ist bereits um.
Inzwischen sind alle Amazonasfotos sortiert und bearbeitet und auch die Erkältung, die wir uns mitgebracht haben, gilt als besiegt.
Bevor wir den Hafen verlassen in dem unsere Mari nun seit fast fünf Monaten liegt, erledigen wir kleine und winzige Punkte von unserer Liste. Wir haben eine neue Außenborderhalterung gebastelt, Sprayhood und Bimini mehrfach imprägniert und die freien Einmachgläser gefüllt. Rinderfilet, Papaya-Chutney und Apfelmus warten nun auf ihren Einsatz. Unsere Niedergangstreppe hat neue Haken bekommen und vibriert nun hoffentlich nicht mehr, einige Schrauben wurden ersetzt und ein paar Kleidungsstücke repariert. Da wir zum Glück im Moment keine Schäden haben, haben wir Zeit für diesen ganzen Kleinkram. Außerdem haben wir begonnen unsere Proviantschapps wieder zu füllen, bekommen morgen hoffentlich eine volle Gasflasche zurück und haben unsere Dieselkanister betankt. Unsere Arbeitsliste ist nicht leer, für Beschäftigung ist also auch in den nächsten Tagen gesorgt. Wir überlegen ob wir eine Liste mit Punktesystem anlegen, so dass man sich beim Abarbeiten der Liste von Level zu Level hangelt, quasi wie in einem Computerspiel. Ganz „beliebte“ Punkte stehen noch auf der Liste, die sich als Endgegner eignen würden, z.B. Fußboden in der Pantry abschleifen und neu lackieren…
Seit Monaten hoffe ich jetzt im Südwinter Wale hier an der Küste zu sehen, weil die Buckelwale jetzt Richtung Norden ziehen stehen die Chancen nicht so schlecht. Wir haben vor zwei Tagen einen Wal gesehen, allerdings anders als ich mir die Sichtung vorgestellt hatte. Er trieb tot in der Bucht.
Wir beneiden unsere Freunde, die gerade im hohen Norden segeln, um das lange Tageslicht. Hier wird die Tageslichtversorgung um halb sechs abrupt abgeschaltet. Da wir hier ungern im Dunkeln unterwegs sind, ist der Tag für uns sehr kurz. Angeblich hat der brasilianische Fußballstar Neymar in St. Petersburg das umgekehrte Problem, er kann nicht schlafen weil es so lange hell ist. Vielleicht hätte er statt seinem Friseur eine Augenmaske einpacken sollen? Wir hatten schon in Manaus beschlossen Mittwinternacht an Bord ausgiebig zu feiern. Zurück in Salvador wurden wir vom Yachtclub zu einer Sao Joao Party am 20. Juni eingeladen. Die Junifeste sind eine Mischung aus Sonnenwendfeier und Erntedankfest und werden besonders im Nordosten Brasiliens gefeiert. Traditionell gibt es lauter Leckereien mit Mais und frischen Erdnüssen. Wir werden von den anderen Seglern liebevoll mit salzigem und süßen Gebäck versorgt. Anlässlich von Sao Joao wird auch ordentlich geknallt. Jeden Abend ist hier Geböller, gestern Abend lag ganz Ribeira im Dunst.
Damit uns hier nicht die Decke auf den Kopf fällt, waren wir am Mittwoch in Barra, einem Stadtteil am Atlantik. Wir standen an der Bushaltestelle und unser Bus kam einfach nicht. Also haben wir begonnen bei den Busfahrern nachzufragen. Eine junge Frau, die das mitbekommen hatte, informierte einen anderen Wartenden über unser Ziel als ihr Bus kam. Er wusste, dass wir Bus 220 nehmen müssen. Bevor auch er in den Bus stieg, malte er die Zahlen in die Luft und versuchte es sogar auf Englisch. Ein Taxifahrer, der an der Bushaltestelle auf Fahrgäste wartete, stieg aus und erklärte uns welche Endhaltestelle an unserem Bus steht. Als unser Bus schließlich kommt, stoppt der Taxifahrer ihn und drei Leute sorgen dafür, dass wir auch wirklich einsteigen. Immer wieder unglaublich wie die Brasilianer für uns sorgen! Wir haben fast ein schlechtes Gewissen, wäre unser Bus nicht gekommen, hätte der nette Taxifahrer ein gutes Geschäft gemacht.
Nach einem Spaziergang an der Strandpromenade und einer erfrischenden Kokosnuss mit Meerblick, machen wir uns auf den Weg ins Einkaufszentrum. Wir brauchen eine neue Computermaus. Unsere Entscheidung fällt auf ein Modell für umgerechnet zwei Euro, für das wir einen liebevoll ausgefüllten Garantieschein erhalten. Bevor wir den Laden verlassen, gucken wir gemeinsam mit den Verkäufern das Fußballspiel Uruguay gegen Saudi-Arabien zu ende. Anschließend wollen wir bei einem netten Italiener essen, bei dem wir während unseres letzten Brasilienaufenthalts waren und werden enttäuscht. Das Restaurant gibt es nicht mehr. Letztlich stellt sich dies als großes Glück heraus, wir finden ein anderes Restaurant mit einem tollen Büffet. Gemüse in allen Varianten! Eine Seltenheit in Brasilien. Damit ist klar, dass wir diese Woche wieder nach Barra müssen. Es wird sich doch irgendein 2-Euro-Artikel finden lassen, den wir „dringend“ besorgen müssen?
Manaus – die Zweite
Dienstagmittag (12. Juni) sind wir wieder in Manaus und verbringen hier noch eineinhalb Tage bevor wir wieder nach Salvador fliegen.
Nach einem ausgiebigen Mittagessen im Fischrestaurant gehen wir zu den Ausstellungsräumen des Museu Amazonas. Das Museu Amazonas ist ein riesiger botanischer Garten etwas außerhalb der Stadt, am Opernplatz gibt es jedoch einen Ausstellungsraum. Wir stellen fest, dass der Garten am Mittwoch geschlossen ist und sehen uns eine kleine Ausstellung über Sagen der Ureinwohner an. Nach einem Spaziergang zum Hafen, einem Jenipapo bzw. Ananassaft in unserem „Saftladen“ und einer Pause im Hotel stoßen wir bei „Caipi Fruta“ auf den gelungenen Regenwaldausflug an. Mein Favorit ist Maracuja Caipi, der auch dafür sorgt dass ich früh und lange schlafe.
Am nächsten Tag besuchen wir zunächst das „Museu indio“. Es versprüht den Charme der 50er Jahre, so alt ist die Ausstellung und vermutlich wurde sie seitdem auch nicht nennenswert verändert. Trotzdem ist die Ausstellung ganz interessant, auch wenn einige ergänzende Erklärungen nicht schaden würden.
Nach einer Pause an einem Eckkiosk, wo wir gleich wieder erkannt werden, beschließen wir in den Palacete Provincial wenigstens hineinzugucken. Es soll hier irgendwelche Ausstellungen geben. Das ist etwas untertrieben. Nachdem wir uns eingetragen haben, erklärt uns eine Mitarbeiterin, dass es im Haus sechs Ausstellungen gibt. Wir besuchen zu erste die Pinakothek von Amazonas (Amazonas ist nicht nur der Name des Flusses, sondern auch des größten Bundesstaates). Die Sammlung ist toll präsentiert und enthält einige tolle Bilder.
In anderen Ausstellungen über die Militärpolizei, die Entwicklung des Fotoapparates, Münzen aus der ganzen Welt und Archäologische Ausgrabungen sehen wir uns nur kurz um. Dann schließt das Museum. Nach diesem Besichtigungsmarathon brauchen wir eine Pause und verholen wieder zu unserem Eckkiosk, dort gibt es Hamburger. Zum Nachtisch ziehen wir weiter in unseren „Saftladen“ auf einen Obstsalat.
Auf dem Heimweg stellen wir fest, dass der Palacio Justicia heute geöffnet ist. Obwohl die FlipFlopFüße brennen gehen wir hinein. Bis 2006 saß hier der oberste Gerichtshof, jetzt ist es Kulturzentrum. Neben den Gerichtsräumen sind einige Gemälde ausgestellt und es gibt ein kleines Kriminalmuseum, das wir auslassen. Aus den Räumen im ersten Stock hat man einen fantastischen Blick auf den glitzernden Fluss und die hässliche Bebauung am Ufer.
Abends gibt es ein Konzert auf dem Opernplatz, das von einem Suppenstand gesponsert wird. Wir ergattern wieder einen Platz in unserer Pizzeria und lassen unsere Amazonas-Reise bei Pizza und Caipi ausklingen.
Von Piranhas, Ameisen und Fledermäusen
Das erste Highlight am Sonntagmorgen ist ein schwarzer Kaiman, der unter der Terrasse sitzt und uns ebenso interessiert beobachtet wie wir ihn. Dann geht es zum Piranha angeln. Wir sollen die Fische mit den berüchtigten Zähnen mit einer traditionellen Angel aus dem Wasser holen. Die beiden anderen Reisenden, die heute mit uns unterwegs sind, verzichten und so liegt es an uns. Die Piranhas beißen tatsächlich, sind aber auch sehr erfolgreich darin den Köder abzuknabbern und die Haken zu ignorieren. Schließlich sind wir jedoch beide erfolgreich. Manoel zeigt uns die scharfen Zähne und lässt die kleinen Exemplare wieder frei. Zwei große Piranhas landen später auf dem Grill.
Unser Angelplatz wird auch von vielen fröhlichen Papageien bevölkert. Die kleinen grünen Vögel machen einen unglaublichen Lärm in der Baumkrone über unsern Köpfen. Während wir im Boot sitzen und die Angel baden haben wir Gelegenheit uns die schwimmenden Pflanzen genau anzusehen. Sie haben ganz unterschiedliche Strategien. Mein Favorit sind die kleinen lila Blumen, die aus ihren Blättern einen Schwimmkörper formen. Diese Luftblase hält sie nicht nur über Wasser, sie sieht auch schön aus.
Während unserer Kanutour am Nachmittag treffen wir wieder auf die scheuen Uacaris und haben Glück. Eine ganze Familie der weißen Affen ist in den Bäumen über unseren Köpfen unterwegs. Umso länger man im Wald unterwegs ist, umso mehr Zeit hat man sich für die kleinen Dinge zu begeistern. Wir haben gelesen, dass Ameisen etwa 30 % der tierischen Biomasse ausmachen. Das erscheint zunächst wahnsinnig viel, doch wenn man sich bei einer Kanutour die Äste, zwischen denen das Kanu hindurch gleitet, genau ansieht, hält man es für möglich. Auf fast jedem Ast sind Ameisen unterschiedlichster Größe unterwegs. Auf einem Baum transportiert eine Blattschneideameisen-Straße große Blattstücke, als wir den Ast anstoßen, lassen sie die Blätter fallen. Kaum sind wir vorbei, wird der Transport fortgesetzt. Viele Pflanzen gehen eine Symbiose mit Ameisen ein. Die Ameisen wohnen zwischen dünnen Härchen auf den Ästen und wehren im Gegenzug Fressfeinde ab. Auf einem Blatt hat sich eine kleine Schlange zusammengerollt, an einem Baum hängen kleine Fledermäuse und überall haben Spinnen ihre Nester gebaut.
Der Wald besteht, anders als wir das aus unseren Wäldern kennen, aus einer Vielzahl unterschiedlicher Baumarten. Nur selten stehen Individuen der gleichen Art nebeneinander. Neben den großen Bäumen, für die der Regenwald berühmt ist, wachsen auch viele Palmen im Wald. Darunter die Acai-Palme an der die dunkelvioletten Früchte wachsen, die es in Brasilien überall als Eis oder Saft zukaufen gibt. Kaum ein Baum lebt hier „allein“. Es gibt eine unendliche Anzahl von Epiphyten (Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen), wie zum Beispiel Bromelien. Lianen wachsen von vielen Bäumen nach unten und manch einem Baum wird seine Gastfreundschaft nicht gedankt und er wird später von seinen Untermietern umgebracht, wie bei den Würgefeigen. Es gibt hier auch verschiedene Vertreter der Gattung Inga, ich wusste bisher nicht, dass ich mir den Namen mit einer Pflanzengattung teile. Auch wenn die Bäume häufig nur die Kulisse darstellen, sobald Affen, Faultiere oder Vögel auftauchen, sind die doch die wahren Stars des Regenwalds. Und sie laufen nicht weg, man kann sie ganz in Ruhe betrachten.
Nach dem Abendessen steht eine Nachttour auf dem Programm. Wir sind insgesamt zwölf Personen und sind gespannt was wir im Dunkeln zu sehen bekommen. Die Augen der Kaimane leuchten gelb, wenn man sie mit einer Taschenlampe erwischt. Unsere Guides zeigen uns einige nachtaktive Vögel und fröhlich blinkende Glühwürmchen tanzen um uns herum. Zwischendurch machen wir alle Lichter aus, lassen das Boot treiben, genießen den Sternenhimmel und lauschen den Geräuschen des Waldes. Richtig beeindruckt haben mich die fischenden Fledermäuse. Ja genau, Fledermäuse die sich von Fisch ernähren gibt es wirklich.
Nachdem wir Dani erzählt haben, dass wir gerne noch einmal mit dem Kanu losfahren würden, dürfen wir jeden Tag ins Kanu, so auch Montagmorgen. Die kleine Schlange liegt auf dem gleichen Blatt zusammengerollt wie am Tag zuvor. Ob sie auf diesem Blatt wohnt?
Wir sehen einen Zitteraal, unser Guide warnt uns ihn nicht zu berühren. Das wäre auch keine gute Idee, die Jungs können ihren Opfern einen satten Stromschlag verpassen, eine Spannung von 600 Volt ist keine Ausnahme. Viele Brüllaffen zeigen sich und sind ausnahmsweise nicht so scheu, so dass wir Gelegenheit haben sie in Ruhe zu beobachten. Anders als die kleinen Totenkopfäffchen, springen sie nicht ganz so weit, sondern prüfen vorsichtig ob die dünnen Äste sie auch tragen.
Nachmittags geht es auf unsere letzte Bootstour. Wir unternehmen eine weite Fahrt um dem Sonnenuntergang auf dem Rio Japura anzusehen. Der Sonnenuntergang ist schön, aber noch schöner sind die vielen kleinen, ruhigen Kanäle, durch die wir auf dem Weg dorthin fahren. Wir sehen wieder sehr viele Affen. Eine große Gruppe Schwarzkopftotenkopfäffchen mit Babys, mehrere Gruppen Brüllaffen, einmal mit Baby, eine Truppe Gewöhnliche Totenkopfäffchen, die so wild von Baum zu Baum springen, dass ein Ast mit Affe darauf abbricht und Kapuziner mit zwei Babys. Was für ein schöner Abschied. Am Rio Japura machen wir noch einen kleinen Stopp bei einer Familie, die unser Guide kennt. Hier ist das Land etwas höher gelegen. Die Familie hat viele Kühe, die auf dem Trocknen stehen, und baut Bananen an. Auf der Rückfahrt genießen wir noch ein letztes Mal das goldene Licht auf den schönen Bäumen.
Am Dienstagmorgen (12. Juni) ist unsere Woche in der Pousada Uacari schon vorbei. Mit dem Boot geht es wieder nach Tefé und dann mit dem Flieger weiter nach Manaus.
Uns hat es in der Uacari Lodge sehr gut gefallen. Die Lodge ist kein fünf Sterne Hotel, der Luxus hier ist die Natur und die Ruhe. Die Zimmer in der Lodge sind schön durch den unvergleichlichen Ausblick. Wir haben selten so gut geschlafen, obwohl es nicht so ruhig ist wie man denken sollte. Brüllaffen, Frosche und Vögel können ganz schön Krach machen. Eine gewisse Toleranz gegenüber Viehzeug sollte man mitbringen. Gelegentlich haben wir eine Kakerlake gebeten sich doch eine andere Übernachtungsmöglichkeit außerhalb unseres Zimmers zu suchen.
Wir haben viel mehr Tiere gesehen als erwartet, tatsächlich gab es keine Tour, ob im Boot oder im Kanu, auf der wir nicht einige Affen gesehen haben. Jeder, der eine Amazonas-Tour macht wird gewarnt, er solle nicht erwarten viele Tiere zu sehen. Im dichten Wald ist es einfach häufig schwierig Tiere zu sichten. Die Pousada Uacari im Mamirauá Reservat liegt am Rio Japura und am Rio Solimoes, am „Weißwasser“. Dort gibt es generell deutlich mehr Tiere, Moskitos eingeschlossen. Hinzukommt, dass die Tiere, die über Wasser leben, in der Flutsaison zusammenrücken müssen, während sich der Lebensraum der Fische stark ausdehnt. In der Trockensaison ist es andersrum, da ist es dann deutlich leichter Kaimane zu sehen. Mosquitos gab es, bei Sonnenuntergang auch sehr viele, dann musste man sich gut einsprühen. Natürlich haben wir einige Stiche gesammelt, es insgesamt aber gut überstanden. Einen Jaguar haben wir nicht gesehen, das haben wir auch nicht erwartet. Die Jaguar-Expedition übrigens auch nicht.
Die weite Anreise hat sich sehr gelohnt. Wir nehmen einen Haufen schöner Bilder und Eindrücke mit. Die Geräusche des Waldes, die Stille, die Tiere, Licht und Schatten im Wald, dieses unglaubliche Grün, der stetig fließende Fluss… wunderbar!
Affen im Gegenlicht
Donnerstag besuchen wir die Boca Mamiraua Community. Obwohl die Varzea nur 5 % der Fläche des Amazonasbeckens ausmachen, sind hier 80 % der Menschen angesiedelt. Der Fluss bringt Sediment aus den Anden mit und die Böden werden so jährlich gedüngt. Jetzt in der Flutsaison steht das Dorf unter Wasser. Die Häuser stehen auf Stelzen oder schwimmen. Wenn man sich besuchen möchte, muss man das Kanu nehmen. Auch die Tiere leben auf den Pontons, ob Schweine, Hunde oder Enten. Es gibt sogar Dörfer, die Kühe halten. Dann stehen die Kühe auch kleinen Pontons und werden mit dem schwimmenden Gras gefüttert. Wir lernen, dass es abends Strom gibt, normalerweise bis 22 Uhr, bei einem wichtigen Fußballspiel auch länger.
Nachmittags sind wir mit dem Boot unterwegs und erleben eine regelrechte „Affentour“. Wir sehen so viele Affen, dass wir auf dem Rückweg nicht mehr stoppen wenn wir Affen sehen. Mir gefallen die kleinen Totenkopfäffchen am besten. Sie springen mutig von Baum zu Baum und sind sehr gesellig. Ein weiteres Highlight ist eine Faultiermutter mit Baby, die (für ein Faultier) schnell zum Nachbarbaum wechselt. Auf dem Rückweg zur Lodge fliegt uns ein Paar roter Aras voraus.
Abends berichtete eine junge Frau über die Primatenarten im Reservat und darüber wie schwer es ist die scheuen Affenarten, wie die Uacaris, in ihrer natürlichen Umgebung zu erforschen. Das können wir gut nachvollziehen. Wir haben nicht den Anspruch perfekte Tierfotos zu machen, drücken aber trotzdem ab und zu auf den Auslöser. Dadurch, dass wir im Kanu oder im Boot sitzen, sehen wir Affen und Faultiere entweder auf grünem Grund oder gegen den hellen Himmel. Zum Glück ist unser Auge unserer Kamera weit überlegen.
Freitagmorgen stehen wir ganz früh auf. Um 5:30 Uhr sollen wir zur Sonnenaufgangstour ablegen. Außer uns ist jedoch niemand da. Wir organisieren uns aus der Küche einen Kaffee und begrüßen den Morgen auf der Terrasse. Verspätet starten wir schließlich doch noch. Wir haben nicht viel verpasst, es ist bewölkt und so war der Sonnenaufgang unspektakulär. An diesem Platz scheint es viel Fisch zu geben, denn wir sehen viele Botos, die rosa grauen Flussdelfine, und Tucuxis, die kleinen grauen Delfine.
Durch unseren frühen Start in den Tag haben wir heute besonders viel Zeit und verbringen den halben Tag auf der Terrasse. Wir sehen wie ein großer Kaiman auf der anderen Seite des Flusses ins Wasser springt und wissen spätestens jetzt weshalb wir nicht baden dürfen. Immer wieder treiben große Inseln aus dem schwimmenden Gras vorbei und Reiher streiten sich um sie.
Ich habe Zeit der Frage nach zu gehen, weshalb Faultiere überhaupt vom Baum klettern und stoße auf eine interessante Geschichte über Faultiere, Algen und Motten. Das Faultier beheimatet in seinem Fell eine eigene Algenplantage, diese Algen werden mit toten Motten „gedüngt“. Diese Motten leben ebenfalls im Faultierpelz. Die Motten legen ihre Eier in den Faultierkot, in dem dann die Larven wachsen. Das Faultier frisst bei der Fellpflege seine Algen. Es könnte also sein, dass das Faultier nicht einmal die Woche vom Baum klettert um die Toilette aufzusuchen, sondern um seine Motten zu pflegen (was aufs Gleiche hinausläuft). Da trägt so ein langsames Tier einen Garten und einen Zoo mit sich herum, um seinen Speiseplan zu vervollständigen. Einige Fragen sind allerdings noch offen, zum Beispiel was das Faultier macht, wenn es kein trockenes Land im Umkreis gibt. Diese Algen-Zusatznahrung scheint besonders für Dreifinger- Faultiere, mit denen wir es hier zu tun haben, interessant zu sein.
Dies war übrigens der einzige Tag, an dem die Internetverbindung zu mehr taugte, als zum Versenden von Textnachrichten. Vielleicht lag es auch daran, dass wir an diesem Tag die einzigen Gäste waren. Frühmorgens hatten wir uns bereits von Sheila verabschiedet, mit der wir eine schöne gemeinsame Zeit hatten, die Jaguar-Expedition war auf Katzensuche und die neuen Gäste noch nicht angekommen.
Nachmittags geht es mit dem Kanu durchs Unterholz. Heute ist etwas sonniger als bei unserer ersten Kanutour, das Spiel von Licht und Schatten ist noch schöner. Ein riesiger blauer Schmetterling kreuzt unsere Bahn und wir beobachten viele Vögel. Wir sehen die weißen Uacari-Affen mit ihren roten Gesichtern. Sie sind sehr scheu und ergreifen die Flucht sobald sie Menschen bemerken. Mit den Uacari-Affen haben wir nun alle fünf Primatenarten gesehen, die im Gebiet unserer Touren leben. Zwei davon sind hier endemisch, das heißt sie kommen nirgendwo anders vor. Das Schwarzkopftotenkopfäffchen und der weiße Uacari. Mit ihm begann die Geschichte des Mamiraua Reservats. Der brasilianische Biologe Jose Marcio Ayres sah den weißen Uacari erstmalig im Frankfurter Zoo und beschloss daraufhin, ihn in seiner brasilianischen Heimat zu erforschen. Das Gebiet war damals massiv durch Abholzung, Überfischung und Bejagung bedroht.
Am nächsten Vormittag besuchen wir eine andere kleine Gemeinde. Im Gegensatz zur ersten ist sie nicht überschwemmt. Die Caburini Community ist etwas höher gelegen und man kann sich in diesem Jahr trockenen Fußes besuchen. Der Maniok, das Hauptnahrungsmittel wird direkt am Fluss angebaut, dieser Bereich ist jetzt überschwemmt. Wir lernen wie der Maniok geerntet, geschält, gewässert, gerieben, gepresst, gesiebt und schließlich geröstet wird. Bevor wir zurück zur Lodge fahren besuchen wir die kleine Holzkirche, die wie alle anderen Gebäude auf Stelzen steht.
Nachmittags steht eine Tour zu einem besonders großen Baum auf dem Programm. Hört sich harmlos an, entpuppt sich aber als abenteuerlich. Der Zugang zu dem Baum ist durch eine „schwimmende Wiese“ versperrt. Ein großes Feld treibender Pflanzen verhindert, dass wir uns über einen kleinen Seitenarm dem Baum nähern. Unser Guide will jedoch nicht aufgeben und so schlängeln wir uns am Waldrand entlang, bleiben zwischen zwei Bäumen stecken, wechseln wieder ins Gras. Unser Guide gibt Gas und klappt den Außenborder hoch um sich einen Weg durchs Gras zu bahnen, da schrecken wir einen kleinen Kaiman auf, der sich sicher getarnt glaubte. Schließlich schaffen wir es zu dem riesigen, wirklich sehr schönen Kapokbaum. Im strömenden Regen geht es zurück. Ich erschrecke sehr als der Ast neben mir sich als gelb grüne Schlange zu erkennen gibt. In unserem Boot sind auf dieser Fahrt nicht nur sehr viele Blätter und Zweige gelandet, als wir versucht haben uns einen Weg zu bahnen, sondern auch viele Spinnen und Ameisen, die wir nun von Bord scheuchen. Als es beginnt zu gießen, versuchen die Mücken sich bei uns unterzustellen.
Der ereignisreiche Tag endet mit einem sehr interessanten Vortrag über die Delfine im Reservat. Ein Team beobachtet das ganze Jahr die Delfine, zählt und identifiziert sie. Einmal im Jahr werden die Delfine gefangen und markiert. Die Flussdelfine können im Gegensatz zu ihren marinen Verwandten und den Tucuxis rückwärts schwimmen. So sind sie sehr gut an das Leben im überfluteten Wald angepasst, sie trauen sich zwischen die Bäume in flaches Wasser. Hier am Amazonas gibt es noch Flussdelfine, am Jangtse und am Ganges sind ihre Verwandten schon fast ausgestorben. Doch auch hier wird ihr Lebensraum knapper, Dämme verhindern dass die Männchen zu anderen Flussabschnitten wandern und die Delfine werden bejagt. Ihr Fleisch wird als Köder für einen anderen, seltenen Speisefisch verwendet. Dank verschiedener Naturschutzgruppen ist der Handel mit diesem Fisch nun verboten, hoffentlich bleibt dann zukünftig auch die Delfinpopulation stabil.








