Ausflugstage

In Französisch Guyana gibt es nichts zu sehen. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man unseren Reiseführer befragt. Ganze vier Seiten widmet er dem Thema Sehenswürdigkeiten und deckt damit das ganze Land ab. Ähnlich viele Ergebnisse bringt die Internet-Recherche. Die Highlights sind anscheinend die Iles du Salut und der Weltraumbahnhof, dann gibt es Verweise auf Cayenne und einige kleine Orte. Sonst nichts. Das wollen wir uns ansehen. Wir wollen wissen, ob es wirklich nichts zu sehen gibt. Also laufen wir am Montag zu den Autovermietern. Da alle anderen geschlossen haben, enden wir bei Sixt. Nach einigen Missverständnissen haben wir schließlich ein Auto für Dienstag und Mittwoch gemietet und vereinbart, dass wir Dienstagmorgen an der Marina angeholt werden.

Die Routenplanung ist einfach. Im Wesentlichen gibt es eine lange Straße entlang der Küste von der brasilianischen Küste bis nach Suriname. Von Cayenne aus nach Westen heißt sie N1, nach Osten N2. Wir machen uns zunächst auf den Weg in die Hauptstadt Cayenne. Cayenne ist eine kleine Stadt, doch mit 60.000 Einwohnern die größte Stadt Französisch Guyanas. Die Häuser haben zwei bis drei Stockwerke, es gibt viele kleine Läden, die Dienstagvormittag auch geöffnet haben, ein paar Restaurants und Cafés. Der junge Mann in der Touristeninformation spricht sehr gut Englisch und gibt uns eine Karte von Cayenne. Vom Fort aus, dessen zugänglicher Teil eine Ruine ist, hat man einen guten Blick auf die Stadt, die Flussmündung und das Meer. Wir machen eine Keks-Pause und vermissen eine Bank. Hinter dem Fischmarkt geht es zum Hafen. Hier liegen viele Fischerboote, alle hervorragend in Schuss. Wir hatten ein solches Boot an den Iles du Salut gesehen und uns gewundert, für ein Fischerboot sah es viel zu perfekt aus, aber für Tauchboote ist das Wasser hier nicht klar genug. Die Fischer stammen samt ihrer Boote aus Venezuela. Die weißen Boote mit ihren blau-gelb-roten Verzierungen sind sehr gepflegt und die Fischer freuen sich als wir ihre Boote bewundern. Die schönsten, gepflegtesten Gebäude in Cayenne sind die Regierungsgebäude. Eine Straße ist gesperrt, man erwartet wichtige Besucher, wir dürfen trotzdem weiterlaufen und Fotos machen. Die Kathedrale ist geschlossen, genau wie eins der Museen. Wir entscheiden uns gegen den Besuch des anderen Museums und für das Café.

Als in der Stadt die Mittagspause beginnt, fahren wir zum Zoo. Der Zoo liegt etwa auf halber Strecke zwischen Cayenne und Kourou. Auf einem kleinen Schotterparkplatz stehen zwei andere Autos, es wirkt sehr ruhig und sehr klein. Wir zucken etwas bei 16,50 Euro Eintritt pro Person, scheint der Preis doch nicht wirklich zum Parkplatz zu passen. Wir werden positiv überrascht. Es gibt nur Tiere, die hier heimisch sind. Zu Beginn des Rundweges, gibt es einige kleinere Gehege und Volieren, im hinteren Teil haben die Tiere erheblich mehr Platz und sind deutlich schwerer zu entdecken. Wir lassen uns Zeit. Vielen Tieren ist genauso heiß wie uns und sie liegen im Schatten rum, doch der Jaguar tut uns den Gefallen, steht auf und streift ein wenig durch sein Gehege. Er balanciert auf einem Balken, das nennt man dann wohl Catwalk, und springt auf ein Podest. Auch der Ameisenbär steht auf, zeigt sich von allen Seiten und fährt seine lange Zunge aus. Das Capybara kommt an den Zaun und nimmt Kontakt auf. Ich finde diese Riesenmeerschweine sehr sympathisch. Wir lernen sogar ein ganz neues Tier kennen, einen Vogel, den wir noch nicht kennen. Die Harpyie ist ein großer Vogel, der Faultiere und Affen erbeuten kann. Er gehört zu den größten und stärksten Vögeln und hat beeindruckende Krallen. Er erinnert mich an Seidenschnabel (Harry Potter Fans wissen wovon ich rede).

Im hinteren Teil des Zoos führt ein Pfad über Seilbrücken durch den Regenwald. Eine halbe Stunde läuft man über die Brücken auf Höhe der Wipfel der niedrigeren Bäume. Unter uns ist es sumpfig. Hier kommt uns die Brücke sehr gelegen, man möchte hier nicht durchs Unterholz kriechen. Über drei Stunden haben wir im Zoo verbracht und nicht nur Tiere, sondern auch die Pflanzen genossen.

Auf dem Rückweg halten wir bei Super U und nutzen es aus, dass wir unsere Einkäufe nicht im Rucksack transportieren müssen. Als Vorsichtsmaßnahme kaufen wir normalerweise nur mit einem Korb ein. Der Inhalt eines gut gefüllten großen Korbs passt in zwei Rucksäcke. Heute laden wir den Einkaufswagen voll. Es gibt Knäckebrot! Und Müsli. Die eigentliche Herausforderung ist es die Einkäufe trocken an Bord zu bringen. Der wasserdichte Rucksack ist sicher im Schiff verstaut.

Am Mittwoch fahren wir nach Westen. Erster Stopp ist der „Montagne de Singe“, der Affenberg. Hier soll es einen kleinen Wanderweg und einen Aussichtspunkt geben. Wir finden einen perfekt gepflegten Wanderweg, liebevoll ausgeschildert. Auf der botanischen Route gibt es viele erklärende Schilder. Vom Aussichtspunkt können wir aufs Meer gucken, sehen das Space Center, Kourou und die Iles du Salut. Der Weg ist sehr schön und ermöglicht es uns auch ohne Wanderausrüstung den Regenwald zu erleben. Die Bäume sind bestimmt 30 m hoch, wieder begeistert uns Artenvielfalt, so viele verschiedene Baumarten und der Lärm, den die Tiere machen.  Die Affen sehen wir nicht, doch unzählige Schmetterlinge, Eidechsen, Leguane und Vögel. Eine kleine Schlange erschreckt mich und zwei Ara-Pärchen sind unser Highlight des Tages.

Als nächstes halten wir bei einem Aussichtspunkt mitten in der Sumpflandschaft an der Küste. Auch hier gibt es einen kleinen Rundweg und eine Hütte von der aus man die vielen Vögel beobachten kann. Wir beziehen den Beobachtungsposten, genießen den schattigen Platz und tatsächlich zeigen sich viele Vögel. Wir stellen fest, dass es genauso schön ist wie Zuhause im Werderland. Nur wärmer.

Iracoubo ist der Wendepunkt unserer Fahrt. Den äußersten Westen des Landes wollen wir erkunden, wenn wir im Grenzfluss zu Surinam ankern. In Iracoubo gibt es eine hölzerne Kirche von 1859, die von innen sehr schön bemalt ist. Ansonsten ist der Ort ausgestorben. Es gibt ein Tourismusoffice, das natürlich geschossen ist. Interessanterweise stehen die Öffnungszeiten des Büros in Kourou an der Tür. Kein Wunder, dass wir nie jemanden antreffen, wenn es doch nur zwischen 8 Uhr und 8.45 Uhr geöffnet hat. In Iracoubo gibt es einen Posten der Polizei an dem die Pässe kontrolliert werden. Wir sind uninteressant und werden durchgewunken, doch mit dem Bus vor uns gibt es Probleme. Der Bus muss die Straße frei machen und alle Mitfahrer werden ins Büro der Polizei geschickt.

Wir legen noch einen Zwischenstopp in Sinnamary ein. Es gibt ein top modernes Rathaus mit gläsernen Aufzug und eine hübsche Promenade am Fluss. Leider sind die Restaurants geschlossen, wir hätten gerne einen Kaffee auf der netten Terrasse am Fluss getrunken.

Wir sind froh, dass wir uns etwas von dem Land, in dem es nichts zu sehen gibt angesehen haben. Es lohnt sich das nichts anzugucken. Wer Baudenkmäler oder spannende Städte sucht wird nicht glücklich werden. Die Attraktion ist, dass es nichts gibt. Leere Straßen und Regenwald. Wie schön muss das Landesinnere sein, der Süden des Landes mit dem dichten Wald, den man nur mit dem Flugzeug erreichen kann, weil es keine Straßen gibt.

Donnerstagmorgen müssen wir unser Auto wieder abgeben. Wir beschließen die Vorteile bis zur letzten Minute auszunutzen. Nobbi bringt mich mit unserer Wäsche zum Waschsalon, und bringt das Auto zurück. Als Nobbi nach seinem 40-minütigen Fußmarsch am Waschsalon auftaucht ist unsere Wäsche bereits trocken. Wir legen einen Zwischenstopp in der Bar ein, trinken einen super Kaffee und freuen uns über flottes Internet. Dann laufen wir zurück zu unserem Fluss Fleuve Kourou.

Ausflug zum Weltraumbahnhof

Wer Kourou besucht, muss natürlich den Europäischen Weltraumbahnhof besuchen. Ich glaube, dass die Franzosen sehr froh sind, dass ihnen eingefallen ist, dass man von hier ganz gut Raketen ins All schießen kann. Seit es hier das Space Center gibt, hat sich Kourou zur zweitgrößten Stadt gemausert, ist mit 25000 Einwohnern aber noch immer übersichtlich. Viele Arbeitsplätze sind hier mit dem Space Center verbunden. 12 % der arbeitenden Bevölkerung Französisch Guyanas (nicht Kourous!) sind hier direkt oder indirekt beim Weltraumgeschäft angestellt.
Tatsächlich hat der Standort hier Vorteile gegenüber anderen Weltraumbahnhöfen. Die Nähe zum Äquator sorgt für extra Schwung, schließlich rotiert Kourou mit deutlich höherer Geschwindigkeit um die Erdachse, als ein Ort der näher an den Polen liegt, wie zum Beispiel Bremen oder die Weltraumbahnhöfe in Kasachstan, China oder den USA. Bis zu 30 % Energie kann eingespart werden, oder eben mehr Fracht in den Weltraumtransportiert werden. Ein weiterer Pluspunkt von Kourou ist der Start hinaus auf den Atlantik. Falls eine Rakete kurz nach dem Start abstürzt, fällt sie ins Meer. Deshalb wurde unser Ankerplatz bei den Iles du Salut auch zum Sperrgebiet und wir mussten auf den Fleuve Kourou umziehen.
Es gibt Rampen für verschiedene Raketen. Zurzeit starten drei verschiedene Raketentypen von Kourou aus: Vega, Soyuz und Ariane 5. Vega und Ariane sind europäische Entwicklungen, die Soyuz ist eine russische Entwicklung und wird auch dort gebaut, in Kourou von russischen Experten montiert und dann an Space Center übergeben. Die ESA hat keine Rakete im mittleren Bereich, deshalb gibt es die Kooperation mit den Russen. Die Soyuz kann etwa 3,5t transportieren und füllt damit die Lücke zwischen Vega und Ariane. Vega ist eine kleine Rakete, mit bis zu 1,5t Nutzlast, die als sehr effektiv gilt. Der Start, den wir gesehen haben als wir vor 10 Tagen hier angekommen sind, war der Start einer Vega-Rakete. Die Ariane 5 ist der Lastesel und kann bis zu 10t ins All bringen, die Startrampe für ihre Nachfolgerin Ariane 6 ist bereits im Bau.
Das Verhältnis von Startgewicht zu Nutzlast ist interessant. Die Ariane 5 wiegt beim Start 780t, wenn sie Satelliten mit einem Gewicht von 10t in eine geostationäre Umlaufbahn bringen soll (die Ariane 5 kann mehrere Satelliten auf einmal transportieren und aussetzen). Unsere Erde ist eben sehr anziehend, da braucht es eine Menge Treibstoff um von ihr loszukommen. Beindruckend auch, dass Satelliten eine Geschwindigkeit von 7,8 km/s erreichen müssen, damit sie nicht zurück auf die Erde fallen. Dieser Weltraumbahnhof ist ein Güterbahnhof, bemannten Missionen werden von hieraus nicht gestartet.
Wer eine Tour machen möchte, muss sich zuvor anmelden. Wir hatten gehofft an einer englischsprachigen Tour teilnehmen zu können, leider gibt es nur sehr wenige englische Touren. Trotzdem hatten wir Glück und haben noch Plätze für die Tour am Donnerstagnachmittag bekommen. Danach sind erstmal 10 Tage Ferien.
Im klimatisierten Bus geht es über das riesige Gelände von 690 km2, da lohnt sich die Busfahrt. Unsere erste Startrampe, die der Soyuz Rakete ist 26 km vom Eingangsbereich entfernt. Insgesamt sind wir über 3 Stunden unterwegs. Die beiden Guides erklären viel, gelegentlich bekommen wir ein Video gezeigt. Wir lernen, dass die Raketenteile und auch die Satelliten aus Europa per Schiff und Flugzeug kommen, wo die Satelliten zusammengebaut und getestet werden, wie die Raketen zusammengebaut und schließlich zur Rampe gebracht werden und das der Treibstoff ebenfalls auf dem Gelände produziert wird.. Und natürlich wie so ein Start abläuft. Wir halten mit dem Bus an verschiedenen Stationen, an der Rampe, wo die Soyuz Raketen gestartet werden, an einem der Kontrollzentren, an einem Aussichtspunkt nahe des Starts der Vega-Raketen und mit Blick auf die Rampe für die Ariane 5. Unsere Tour Ende schließlich im großen Kontrollzentrum.
Schade, dass die ganze Tour auf Französisch ist. Zum Glück sprechen beide Guides sehr gut Englisch und beantworten alle Fragen. Zweitweise können wir den Erklärungen folgen, auf Dauer ist es aber sehr anstrengend und Raketen-Französisch ist auch nicht gerade Basiswissen. Die Fahrt über das Gelände ist auch abseits des Raketengeschäfts interessant. Von dem riesigen Gebiert werden nur kleine Teile genutzt, der Rest gehört Pflanzen und Tieren, die hier abgesehen von einem Knall pro Monat ungestört sind. Es gibt sogar regelmäßig kleine Exkursionen, in denen man die Wildnis erwandern kann.
Insgesamt hat die Tour sich sehr gelohnt und ist sogar kostenlos! Bei jedem Satelliten, den ich sehe (und man sieht viele bei Sonnenauf- und Untergang, ich werde sogar von einer App auf ISS-Sichtungen aufmerksam gemacht), frage ich mich nun ob er seine Weltraum-Reise in Kourou begonnen hat.

Die Tour war jedoch nicht der spannendste Teil des Tages. Der Morgen verlief aufregender als wir uns das gewünscht hätten. Nach einem ausgiebigen und reichhaltigen Frühstück wollten wir zeitig starten, um auf jeden Fall pünktlich am Space Center anzukommen.
Als Nobbi das Schlauchboot ins Wasser ließ, fiel eines unserer Paddel ins Wasser. Dieser kleine Zwischenfall war der Beginn eines sehr schweißtreibenden Vormittags. Nobbi ruft also „ich hole eben unser Paddel“, springt ins Beiboot, startet den Außenborder, ich werfe die Leine los, er braust davon. Wenige Meter bevor er das Paddel erreicht, stirbt der Motor. Nobbi versucht den Motor wieder zu starten und treibt dabei flussabwärts. Unser Paddel treibt auch flussabwärts. Der Motor springt nicht wieder an, als Nobbi das offene Meer sieht versucht er mit dem verbliebenen Paddel voranzukommen. Leider hören die Segler von dem anderen Fahrtenboot seine Rufe nicht. Der Strom ist stärker als gedacht und er schafft es nur mit Mühe den Steg zu erreichen. Ich kann aber nicht sehen, ob er irgendwo angekommen ist und mache mir Sorgen. Ich packe die Tröte aus und versuche auf mich aufmerksam zu machen, doch die anderen Segler hören mich nicht. Das vorbei rasende Motorboot beantwortet mein Getröte und Gewinke leider nur mit freundlichem Winken und verschwindet. Nobbi steht nun auf dem Steg. Nur in Shorts, ohne Schuhe, ohne Hemd, ohne Hut und ohne Wasser. Der Steg wirkt verlassen, niemand anders ist zusehen. Er findet heraus, dass der Schlauch vom Außenborder lose ist und versucht dies zu reparieren. Im Werkzeugset fehlt der Griff des Schraubenziehers (warum eigentlich?). Schließlich hilft ihm einer der Segler am Steg aus, der doch noch aufgetaucht ist. Als der Motor endlich wieder läuft, hilft ein anderer ihm bei dem starken Ebb-Strom (über 2 Knoten) vom Steg aus zu starten.
Inzwischen haben wir es sehr eilig, wenn wir es schaffen wollen rechtzeitig am Space Center zu sein. Ich springe mit unseren Sachen zu Nobbi ins Schlauchboot und wir quälen uns gegen den Strom den Fluss hoch. Dreimal geht der Motor aus, dreimal denken wir, dass wir es nicht schaffen rechtzeitig zur Führung dort zu sein. Als wir endlich den Steg der Zollboote erreichen sind wir völlig fertig. Wir binden unser Dinghi dort an und machen uns auf den langen Fußweg. In 40 min beginnt die Führung und es sind 3,6 km bis zum Startpunkt. Wir traben so schnell wie wir bei 32 Grad in der Mittagshitze eben können die Straße entlang. Als wir schließlich ankommen, haben wir noch 12 min Luft (das nenne ich rekordverdächtig!), sind klatschnass und völlig fertig.
Auf dem Rückweg nehmen uns junge Deutsche, die wir während der Führung kennengelernt haben, mit dem Auto mit und unser Dinghi liegt friedlich am Zollsteg. Wir hatten etwas Bedenken, ob wir Ärger bekommen könnten, weil wir uns dort einfach angebunden haben, oder ob das Tor vielleicht geschlossen wird, aber alle die wir dort treffen grüßen nur freundlich.

Kourou und der begrabene Hund

Je nach Tageszeit präsentiert Kourou sich ausgestorben oder nur leer. Kourou ist nicht der Nabel der Welt. Der Hund der hier begraben liegt wurde zuvor eingeschläfert. In der Mittagszeit ist gar nichts los, aber auf vormittags kann es passieren, dass wir die einzigen sind die die Hauptstraße entlang laufen. Zwar gibt es durchaus schöne Häuser, doch die meisten sind ziemlich herunter gekommen. Wer genau hinsieht, findet einige schöne Innenhöfe, die meisten Gärten sind verwahrlost und werden nur zum Müllsammeln genutzt. Insgesamt ist Kourou irgendwo zwischen langweilig und trostlos anzusiedeln. Das gilt auch für den Friedhof, die Gräber sind lieblos gefliest, der Weg zwischen den Gräbern kaputt, überall fliegen Plastikblumen herum und die Mehrheit der Gräber ist kaputt.
Trotz allem sind wir noch hier und irgendwie gefällt es uns. Der Ankerplatz ist ruhig, Wasser gibt es an der Marina, die kleinen Supermärkte haben alles was wir brauchen und die Menschen sind freundlich. Die Tage vergehen mit ganz normalem Bootsleben, kleinen Erkundungsgängen durch Kourou und Cafébesuchen. Abends übt die Feuerwehr das Marschieren auf dem Festplatz, vielleicht steht eine Feier an? Wir machen eine Pause im Schatten und sehen zu. Die Feuerwehr von Kourou ist sehr gut ausgestattet, lauter neue Löschzüge stehen auf dem Hof.
Sonntag zum Beispiel beschließen wir, dass es Zeit ist den Waschsalon zu besuchen. Den Waschsalon hatten wir bereits am Freitag gefunden. Also haben wir unsere Wäsche in den wasserdichten Rucksack gestopft, sind mir dem Dingi zum Marina-Steg gefahren und von dort die 2,5 km zum Waschsalon gelaufen. Zum Glück ist eine Maschine frei. Während unsere Wäsche sauberer wird, machen wir uns auf den Weg zur „Bar du Sport“, wo wir auf ein kühles Getränk hoffen. Die Bar ist geschlossen, doch im chinesischen Supermarkt bekommen wir etwas zu trinken. Im Waschsalon sitzt man im Schatten und im Wind. Das ist sehr angenehm. Wir gönnen unserer Wäsche eine Runde im Trockner, legen sie zusammen und stapeln sie in den Rucksack. Auf dem Rückweg machen wir noch einen Abstecher zur Tankstelle und füllen unseren Benzinkanister. Ich hab die Wäsche auf dem Rücken, Nobbi hat den Kanister in einer Einkaufstasche unterm Arm. So geht es gut beladen zurück zum Boot.
Gestern Morgen unternehmen wir eine kleine Einkaufstour. Tomaten hätten wir gern und Fisch. Der Fisch ist kein Problem, es gibt einen Fischmarkt ganz in der Nähe. Beim Bezahlen fragt Nobbi dreimal nach, denkt er hat es falsch verstanden, unsere Dorade-Filets sollen nur 2 Euro kosten. Der Tomateneinkauf gestaltet sich da komplizierter. Wir finden in einem chinesischen Markt schließlich eine einzelne(!) Tomate und bezahlen dafür 1,53 Euro. Obst und Gemüse sind hier teuer, zumindest wenn man aus Brasilien kommt. In den Supermärkten ist fast alles gekühlt und sieht schon im Regal kläglich aus. Auf dem Markt sind die Preise auch hoch, aber die Waren nicht gekühlt und noch nicht angegammelt. Gemüsemarkt ist immer samstags, an den anderen Tagen kann man Glück haben und irgendwo einen kleinen Stand finden, oder auch nicht. Gestern Nachmittag sind wir dann bei 32 Grad einmal den Kilometer zur Tankstelle gegangen um 40 Liter Diesel in unsere Kanister zu füllen. Unsere kanadischen Freunde haben uns begleitet, für sie war es bereits die 3. Tour, immerhin haben sie einen größeren Motor und zusätzlich einen Generator zu füttern.
Es soll etwas weiter flussaufwärts Jaguare und Krokodile geben. Bisher ist keiner von beiden vorbei geschwommen, trotzdem baden wir hier lieber nicht im Fluss. Wir freuen uns über die vielen Vögel. Eine große Truppe Geier wacht über den Steg der Fischer, wartet auf die Fischabfälle und kreist über dem Fluss. Bei Sonnenuntergang fliegen etwa 100 Papageien, immer in Paaren, flussabwärts zu ihren Schlafplätzen. Kurz darauf folgen die kleinen Reiher flussaufwärts. Immer wieder sehen wir blaue und rote Ibisse bei Niedrigwasser in den Mangroven und häufig bekommen wir Besuch von kleinen blauschwarzen Schwalben. Die Decksreinigung am nächsten Morgen ist schnell erledigt.
Morgen besuchen wir das Centre Spacial Guyanais, den Weltraumbahnhof, das ist sicher interessant und am Wochenende erkunden wir dann vielleicht die weiterentfernten Stadtteile Kourous.

Kourou

Man merkt es nicht gleich, doch wir sind wieder in Frankreich. Französisch Guyana ist ein Departement Frankreichs, Teil der EU und der Euro-Zone. Übrigens ist Französisch Guyana auf jedem Euro-Schein. Macht euch auf die Suche, es funktioniert mit einem 5 Euro-Schein genauso, wie mit einem grünen Exemplar. Französisch Guyana ist nicht Teil des Schengen-Raums, das überrascht nicht, und nicht Teil des Zollraumes, das ist schon interessanter. Die EU ist schon ein Wahnsinnskonstrukt. Es lohnt sich, sich damit genauer zu befassen.
Am Morgen nach dem Raketenstart, also am Donnerstag, fanden wir es an der Zeit mal beim Zoll vorstellig zu werden. Das Einklarieren ist hier denkbar einfach, wir sind ja in der EU, man muss lediglich zum Zoll.
Wir beschlossen das Schlauchboot klar zu machen und auf dem Fluss zum Zoll zufahren, das erschien uns netter als der Fußweg von einer dreiviertel Stunde. Mari-Chen (so heißt unser Schlauchboot) war schnell aufgepumpt, doch unser Aussenborder hatte keine Lust. Irgendwie bekam er keinen Sprit. Der Schlauchanschluss leckte, zum Glück haben wir Ersatz aus Deutschland mitgebracht. Der neue Stecker passt perfekt auf den Motor, leider jedoch nicht auf den Schlauch. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Nobbi bastelt eine Verbindung. Der Motor will immer noch nicht. Nachdem er den Vergaser ausgebaut, getätschelt und wieder eingebaut hat, schnurrt der Außenborder. Es kann losgehen. Wir legen mit dem Dingi direkt neben dem 20m langen Zollboot an und fragen den ersten der vorbei kommt, ob das in Ordnung sei. Er zuckt mit den Schultern und erklärt uns den Weg zum Zoll. Geradeaus und zweimal rechts. Das Zollgebäude liegt am Ende eines Weges, der zunächst noch geteert, dann geschottert und schließlich nur noch aus Sand ist. Am Zaun hängt ein Schild auf dem in Schriftgröße 26 irgendwas mit Douane steht. Wir sind richtig. In dem unscheinbaren Büro arbeiten fünf Personen, wir werden mit Handschlag begrüßt. Lediglich die Bootspapiere und unsere Pässe sind interessant, nicht mal die Clearance aus Brasilien will der Beamte sehen. „Wann seid ihr angekommen?“ „Am 19. auf den Iles du Salut“ Wir machen ein schuldbewusstes Gesicht. Das ist schließlich fünf Tage her. Doch das scheint kein Problem zu sein. Lautet die nächste Frage nur „Diesen Monats?“. Wir bekommen ein unspektakulär aussehendes Papier in die Hand uns dürfen nun sechs Monate bleiben. „Bon Voyage“. Das war unkompliziert.
Das Industriegebiet, das den Hafen umgibt ist sehr sauber. Wir trauen uns gar nicht unsere Eis-Stile aus Holz in den Graben zu werfen. Das Hafengebiet ist mit mehreren Elektrozäunen und Stacheldrahtreihen geschützt. Die meinen das ernst.
Wir besuchen den Bootsladen und staunen, so etwas haben wir in Brasilien gesucht und nicht gefunden. Einen Händler, der etwas zu verkaufen hat. Das Klientel sind hier vorrangig Angler, aber neben Angeln und Ködern gibt es auch Motorenzubehör, Leinen, Kleinkram, Reparaturkits, Kanus, Hängematten, Farben und lebende Fische. Mir haben besonders die bunten Fische gefallen, aber ein Aquarium auf Mari ist vielleicht doch nicht optimal. Danach überfallen wir einen kleinen Supermarkt. Camembert, Schinken, Baguette, Schokocroissants und Rotwein. Wir sind im Himmel.
Als wir zurück an Bord klettern platscht es am Heck. Wir hatten Besuch. Ein Leguan lässt sich ins Wasser fallen, er hatte es sich auf der Halterung unserer Windsteueranlage bequem gemacht. Die Viecher können verdammt gut schwimmen. Er dreht noch eine Runde, aber mit uns an Bord hat der Platz anscheinend an Attraktivität verloren, er zieht sich in die Mangroven zurück.

Kourou ist eine verschlafene französische Kleinstadt im Nichts. Mittags werden die Bürgersteige hochgeklappt, die Geschäfte machen Mittagspause von halb eins bis vier, die Straßen sind ausgestorben. Der Handel ist fest in chinesischer Hand. Alle Supermärkte und auch alle „Plastikzeug-Haushaltsdinge-Läden“ gehören Chinesen. Der Bäcker in der Nähe des Hafens hat neben leckeren Baguettes auch guten Kuchen und eine schattige Terrasse mit guter Internetverbindung. Samstag ist der Gemüsemarkt besonders groß und Kourou erwacht für einige Stunden. So sauber es im Industriegebiet ist, so dreckig ist es im Ort. Der Müll wird auf der Straße gesammelt und überall fliegen Plastikflaschen rum.
Die Bevölkerung ist bunt gemischt, wenn auch anscheinend kaum vermischt. Die Polizisten und Zollbeamten sind alle weiß und scheinen zu großem Teil (für begrenzte Zeit) vom Französischen Festland zukommen. Ein großer Teil der Bevölkerung ist schwarz. Anders als in Brasilien, scheint es hier keine Vermischung zu geben, wir sehen keine gemischten Paare. Schwarze, Weiße, Chinesen, Vietnamesen, alle scheinen parallel und doch voneinander getrennt zu leben. Das ist neu für uns.
Es scheint Einwanderer oder Gastarbeiter von überall zugeben. Die Frau in der Bäckerei kommt aus der Karibik und spricht Spanisch. Der Sicherheitstyp von der Marina ist aus Coimbra Portugal, kann auf Deutsch sagen, dass Deutsch sehr schwierig ist und freut sich wenn wir ihn mit „Bom dia“ grüßen. Der Tankstellenangestellte spricht Holländisch mit uns, schließlich ist das so ähnlich wie deutsch, und ist stolz auf seinen niederländischen Pass, den er nicht gegen den Französischen tauschen würde. Kourou ist so klein, dass man sich grüßt. Ob wir vor der Bäckerei auf der Terrasse oder im Waschsalon sitzen, ob wir in der Tankstelle anstehen oder einfach die Straße entlang gehen, wir werden überall gegrüßt.
Unser Dinghi binden wir in der Marina an, die ihren Namen kaum verdient hat. Dort liegen die
Ausflugskatamarane, die zu den Iles du Salut fahren, zwei Yachten einer Segelschule und Schiffe ganz unterschiedlichen Verfallzustands. Nur eines dieser Schiffe sieht aus als würde es noch segeln. Alle anderen sind Schrott, werden aber bewohnt. Die Bewohner sind freundlich und hilfsbereit, wir dürfen einen Wasserschlauch zum Füllen unserer Kanister nutzen und werden auch hier immer freundlich gegrüßt.
Kourou ist zugepflastert mit Werbetafeln. Auf den meisten wirbt Carrefour. Diese Woche ist Pute aus Deutschland im Angebot. Willkommen in Europa.

Raketenstart

Nach drei Nächten vor der Ile Royale müssen wir den Ankerplatz räumen. Wenn in Kourou eine Rakete startet werden die Inseln zum Sperrgebiet.
Zunächst sollte der Wettersatellit Aeolus, der uns in Zukunft bessere Wettervorhersagen bescheren soll, am Dienstag in den Himmel geschossen werden. Jeremy, der einzige andere Segler, den wir auf der Insel getroffen haben, informiert uns, dass der Start um einen Tag verschoben wurde, so haben wir einen Tag an diesem Ankerplatz gewonnen.
Dienstagnachmittag kommt das Polizeiboot und macht an einer Boje fest. Wir machen unser Funkgerät an, ob die mit uns kommunizieren wollen? Es bleibt ruhig. Wir paddeln an Land. Am späten Nachmittag verlässt das Boot seine Boje. Wir sind beeindruckt vom Manöver, per Lautsprecher kommen die Kommandos aus dem Brückenhaus. Nobbi hätte auch gerne solche Lautsprecher. Allerdings stehe ich bei Ankermanövern am Ruder und würde dann die Lautsprecherkommandos geben.
Jeremy ist mittags schon weiter gesegelt, wir sind ganz allein in der Bucht. Die Touristen-Katamarane haben schon Feierabend und sind nach Kourou zurückgekehrt. Zwei Stunden später liegt das Polizeiboot wieder neben uns an der Boje. Hektische Geschäftigkeit herrscht an Deck. Wir sind gespannt was nun passiert. Der Grill wird angezündet, Zeit fürs Abendessen. Wir sind ein wenig neidisch. Bei uns an Bord gibt es nichts was man auf den Grill legen könnte. Am nächsten Morgen bekommen wir doch noch Besuch. Das Schlauchboot wird ausgesetzt und drei nette junge (äußerst ansehnliche) Beamte kommen Längsseite. Sie fragen, ob wir wissen, dass wir den Platz wegen dem Raketenstart verlassen müssen? Sie sind sehr nett, sprechen Englisch und freuen sich über unser grottiges Französisch. Wir erklären, dass wir gerne noch zwei Stunden warten würden, da die Einfahrt nach Kourou so flach ist und wir nicht mit Niedrigwasser in der Einfahrt ankommen möchten. Das ist kein Problem, die Rakete startet erst heute Abend.
Heute ist es unglaublich ruhig. Keine Hotelgäste, keine Touristentouren. Der Ankerplatz gehört uns ganz allein, die Insel wurde bereits geräumt. Kaum ist das Polizeiboot davon gerauscht, tauschen an Land die beiden Ranger auf und beginnen nervös hin und her zu laufen. Sie rufen uns zu, dass wir den Platz verlassen müssen, wir rufen, dass wir gleich losfahren. Keiner versteht den anderen, sie werden unruhig und beginnen zu telefonieren.
Schließlich fahren wir das langsamst mögliche Ankerauf-Manöver. Wir signalisieren so, dass wir abhauen, schinden aber Zeit. Die Einfahrt nach Kourou ist doch sehr flach. Dann tüddeln wir so langsam wie möglich zum Festland. Bis zur Ansteuerungstonne sind es nur 3 Meilen, wir schaffen es dafür eineinhalb Stunden zu brauchen, machen Wasser und Duschen.
Nun kommen auch noch zwei Hubschrauber vorbei und kreisen über uns. Zum Raketenstart wird hier alles aufgeboten, wir haben uns noch nie so gut beschützt gefühlt. Raketenstarts sind hier wohl das Salz in der Suppe des langweilen Polizeialltags, da würden Schnellboote und Hubschrauber zeigen was sie können. Ob die Polizisten sich freiwillig für den Dienst in dem entlegenen Departement (wir sind ja in Frankreich!) melden, oder ob sie hierher versetzt werden, wenn sie sich in Paris nicht gut benehmen? Vielleicht ist der Dienst auch ein Karrieresprungbrett?
Die Einfahrt ist unglaublich gut betonnt, Tonne an Tonne, auch im Fluss geht es so weiter. Alle sind sehr gut in Farbe und beleuchtet, hier kann man nicht verloren gehen, obwohl einen der Strom versucht aus dem Fahrwasser zu schieben. Ein riesiger Aufwand für die kleine Einfahrt, aber schließlich kommt ab und zu ein Schiff und bringt Raketenteile. Die Einfahrt ist kurz hinter der Ansteuerungstonne am Flachsten, keine 3 Meter und das 2 h nach Niedrigwasser, für uns reicht das, doch bei Welle würden wir das nicht testen wollen.
Die Betonnung ist ein Kontrast zu Brasilien. Da war die Fahrwassermarkierung auch gut, aber manchmal kreativ. In der Bucht „Todos os Santos“ fehlte eine Tonne, wurde aber ein paar Wochen später ersetzt, manch eine rote war so ausgeblichen, dass sie gelb wirkte und eine grüne Tonne entpuppte sich als rot weißer Pfahl. In der Einfahrt nach Cabedelo gab es deutlich mehr Tonnen als in der brasilianischen Karte. Besser zu viele als zu wenige. Am besten hat uns die Lösung gefallen, die wir entdeckt haben, als wir Cabedelo verlassen haben. Eine grüne Tonne wurde eingezogen, wir haben das kleine Boot mit ihr im Schlepp gesehen, und durch ein rot gemaltes Ölfass ersetzt. Darauf soll man erstmal kommen…
Und nun diese perfekte Betonnung in diesem kleinen Fluss. Allerdings, bei einer grünen Tonne geht das Licht nicht, ob ich das direkt nach Paris melden soll?
Wir suchen uns einen Ankerplatz, eine leichte Aufgabe, hier liegen nur zwei andere Schiffe vor Anker. Nachmittags packt die Gendarmerie Maritime auch noch ihre Jetskis aus und sichert damit den Fluss, jetzt sind wohl wirklich alle Kräfte im Einsatz.
Die Rakete startet pünktlich um 1820 Uhr. Wir sitzen gespannt an Deck und beobachten wie sie in den Himmel steigt. Während wir ganz aus dem Häuschen sind, einen Raketenstart sieht man nicht alle Tage, schon gar nicht vom eigenen Boot, unterbrechen die Drachenbootfahrer dafür nicht mal ihr Training.
Der Kondensstreifen der Rakete malt Kringel in die Luft. Ob man daraus die Zukunft vorhersagen kann? Zumindest geben die Kringel Auskunft über die Höhenwinde, da hat der Satellit also schon Wetterinformationen preisgegeben, bevor er von der Rakete getrennt wurde.

Kourou Raketenstart 1Kourou Raketenstart 2Kourou Raketenstart 3Kourou Raketenstart 4 man beachte die SchattenKourou Raketenstart 5 Wolkenkringel

Iles du Salut

Die Ile Royale ist wunderschön. Wir falten unsere Banane auseinander und paddeln an Land. Die Insel ist dicht bewaldet mit Laubbäumen und Kokospalmen. Es gibt Papageien, Affen und Agutis. Die kleinen Nager mit ihrem braunen Fell gefallen mir besonders gut. Die Hinterbeine sind deutlich länger als die Vorderbeine, dadurch sehen sie lustig aus. Ihr Fell glänzt in der Sonne, deshalb heißen sie auch Goldhasen. Die Affen werden gefüttert und sind dadurch nicht scheu. Wir treffen Totenkopfäffchen und Kapuziner.
Die Ile Royale ist die größte und höchste der drei Inseln. Trotzdem braucht man deutlich unter einer Stunde um einmal um die Insel zu laufen.
Von seiner Vergangenheit als Gefängnisinsel zeugen einige erhaltene Gebäude und Ruinen. Bis 1951 nutzte Frankreich die Inselgruppe als Gefängnis. Auf der Ile Royale befand sich die Verwaltung, das Hospital und der Todestrakt. Die meisten Gefangenen wurden in Zellen auf der Ile Joseph gefangen gehalten. Die Haftbedingungen waren grausam. Es gab Zellen ohne Dach, so dass die Gefangenen dem Wetter schutzlos ausgeliefert waren, der tropischen Sonne ebenso, wie dem Regen. Es gab Zellen für die Einzelhaft und Haft in völliger Dunkelheit ohne Kontakt zu Menschen über lange Zeit. Die meisten Gefangenen starben innerhalb des ersten Jahres, was den Inseln auch den Namen „trockene Guillotine“ gab. Politische Gefangene wurden auf die Ile Diable, die Teufelsinsel gebracht, und dort völlig isoliert. Die Ile Diable ist heute nicht zugänglich.
Im ehemaligen Haus des Direktors gibt es eine kleine Ausstellung zur Vergangenheit der Inselgruppe. Zu unserer Freude gibt es alle Erklärungen auch auf Englisch. Die Kapelle und die Häuser der Wärter sind restauriert worden. In den Wohnhäusern der Wärter kann man heute übernachten, sie gehören zu dem Hotel, das heute auf der Insel ist. Das Haus des Direktors aber auch die der Wärter sind hübsch. Mit Fensterläden und blühendem Hibiskus. Vom Lazarett, das sich an den Leuchtturm schmiegt und dem Kloster stehen nur noch Ruinen. Ein Teil der früheren Gefängniszellen ist verfallen, die Zellen des Todestraktes mit Einzelhaft im Dunkeln sind zum Teil erhalten. Hinter dem Leuchtturm stoßen wir auf den Kinderfriedhof, die erwachsenen Toten der Bewachungsmannschaft wurden auf Ile Joseph begraben, die Toten unter den Gefangenen einfach ins Meer geworfen.
Auf der Insel ist es sehr ruhig. Das Hotel hat ein Restaurant mit sehr europäischen Getränkepreisen. Es gibt keinen Kiosk und keinen Eisladen. Die Tagestouristen bringen sich ihr Picknick in Kühltruhen mit, wer zum Baden auf die Insel gekommen ist, sucht sich einen schattigen Platz auf der Nordseite in der Nähe der Badestelle. Die Badestelle wurde ebenso wie die Straßen und Wege auf der Insel von Gefangenen gebaut.
So schrecklich die Vergangenheit der Inseln ist, so schön sind sie heute als Urlaubsziel. Es ist etwas kühler als am Festland, die Palmen wiegen sich im Wind und das Wasser ist zwar nicht klar, aber im Gegensatz zu den Stränden am Festland milchig türkis und nicht braun. Die Gewässer um die Inseln sollen „haiverseucht“ sein, es wird jedoch fleißig gebadet und wir baden auch. Ob es hier keine Haie mehr gibt, so vielleicht nie gab, wissen wir nicht.
Wir werden noch einmal wieder kommen, wir möchten die Insel noch weiter erkunden und uns unbedingt auch die Ile Joseph anschauen.

Angekommen in Französisch Guyana

Wir haben unseren Bordzoo weiter vergrößert. Hinzugekommen ist Splashy, ein Schiffshalter. Wir haben ihn Splashy getauft, weil er so spritzt, wenn er zu Mari aufschließt. Er hat seinen Platz zwischen den kleinen Fischen am Heck gefunden. Tatsächlich haben die kleinen Fische uns bis heute Vormittag begleitet, über 400 Meilen weit. Splashy ist immerhin 100 Meilen mit uns geschwommen.
Gestern Abend wurde es dann noch einmal interessant. Das Abendessen stand auf dem Herd, grünes Curry und Reis, als der Wind von drei auf sieben Beaufort zunahm. Innerhalb von einer Minute. Also Herd aus und schnell ein Reff ins Großsegel. Mit verkleinerter Segelfläche machte das flotte Segeln richtig Spaß. Mari wurde ausgiebig geduscht und das ganze Salz wurde abgewaschen. Wir haben uns nach untern verzogen und nur ab und zu einen Blick nach draußen riskiert. Nach knapp zwei Stunden war alles vorbei und der Wind schlief komplett ein. Zunächst haben wir versucht zu segeln. Heute Nacht haben wir aufgegeben, die Maschine angeschmissen und sind die letzten Meilen motort.
Auch unsere letzte Nacht auf See war wieder weitgehend sternenklar und wir haben noch einmal viele Sternschnuppen gesehen.
Bei Sonnenaufgang konnten wir die Iles du Salut, unser Ziel bereits sehen. Zwei kleine schwarze Pilotwale begrüßten uns in den neuen Gewässern. Bei strahlendem Sonnenschein legten wir die letzten Meilen zurück.
Nun ankern wir dicht vor der Ile Royale, der größten der der Inseln. Die Boote mit den Tagesausflüglern haben den Ankerplatz verlassen und außer uns liegt hier nur noch ein anderes Segelboot. Wir haben es heute ruhig angehen lassen und den Tag mit Ankommen verbracht. Wir haben uns ausgeruht, gelesen und endlich mal wieder gebadet! Tatsächlich haben wir Ende Januar das letzte Mal richtig baden können.
Morgen wollen wir uns die Insel ansehen. Die Inselgruppe diente Frankreich bis 1951 als Gefängnis und erlangte durch den Roman Papillon traurige Berühmtheit.

Ueberfahrt nach Franzoesisch Guyana – Tierisch gute Laune

Tag 10 der Ueberfahrt. Seit gestern geht es Schlag auf Schlag. Zunaechst hatten wir nachts Delfinbesuch. Morgens schwammen einige kleine blaue Fische mit gelber Schwanzflosse neben Mari. Sie schwimmen jetzt seit eineinhalb Tagen immer in Maris Schatten und ganz dicht hinterm Heck.
Gestern Nachmittag begegnete uns ein grosser Wal. Nur 30m neben uns schwamm er auf Gegenkurs an uns vorbei. Er war etwas groesser als Mari, blieb an der Oberflaeche und wir konnten noch lange seinen Blas sehen. Zu Sonnenuntergang hatten wir wieder ausgiebigen Delfinbesuch. Eine grosse Gruppe Tiere schwamm vor unserem Bug. Bevor es ganz dunkel wurde, kam eine grosse Schildkroete vorbei.
Heute Morgen faellt uns zuerst die veraenderte Wasserfarbe auf. Dunkelgruen statt tiefblau. Und wir haben neue Begleiter. Tuerkis leuchtende Mahi Mahis begleiten uns. Die grossen Goldmakrelen haben einen gelben Schwanz, leuchtend blaue Flossen, einen tuerkisenen Koerper und eine gelbe Stirn. Sie sind elegante Schwimmer, jagen gelegentlich die fliegenden Fische aus dem Wasser und bleiben sonst dicht bei Mari. Unsere kleinen blau-gelben Begleitfische halten sich sehr eng an Mari, seit ihre grossen Kollegen aufgetaucht sind. Nobbis Angelversuche wurden sofort beantwortet. Der Koeder war noch nicht ganz im Wasser, schon wurde der Haken abgebissen. Anscheinend war der Koeder zu klein.
Der Wind schlaeft langsam ein. Bis Mitternacht waren wir sehr flott unterwegs, seitdem geht es immer langsamer voran. Gestern Abend um zehn haben wir eine Halse gefahren, wir standen sehr weit oestlich von unserer Kurslinie. Heute Mittag hat der Wind dann gedreht, wir haben wieder gehalst und die Genua ausgebaumt. Jetzt nimmt der Wind noch weiter ab und die Segel stehen schlecht. Dennoch, solange wir uns in die richtige Richtung bewegen haben wir keine Lust zu motoren.
Wir lassen es um gut gehen. Zum Fruehstueck gab es Ruehrei und Spargel mit Knaeckebrot. Der Speiseplan fuer das Abendessen steht noch nicht. Vielleicht gibt es frischen Fisch?

Ueberfahrt nach Franzoesisch Guyana – Segelwechsel und Fischbesuch

Tag 8 der Ueberfahrt. Wir haben weniger Wind als in den letzten Tagen, noch duempeln wir aber in die richtige Richtung. Kein Grund sich zu beschweren. Gestern haben wir noch vor dem Fruehstueck das Segel gewechselt, die Fock heruntergenommen und die Genua gesetzt. Bei so wenig Wind kann etwas mehr Segelflaeche nicht schaden. Wir sind ganz schoen ins Schwitzen gekommen, doch nun liegt die Fock saubergefaltet im Vorschiff und unsere betagte Genua zieht uns nach Norden. Tatsaechlich sind wir die letzten 9000 Meilen, die Strecke seit Bremen, immer mit der Fock gesegelt. Es wurde Zeit fuer einen Auftritt der Genua.
Es ist waermer geworden. Haben wir uns in den ersten Naechten im Cockpit noch mit einem Handtuch zugedeckt, ist die Nachtwache nun auch in kurzen Hosen gemuetlich. Und es wird etwas feuchter, was wir auch daran merken, dass der Sternenhimmel nicht mehr ganz so hell funkelt wie vor einigen Tagen. Trotzdem ist die Aussucht auf die Milchstrasse berauschend.
Eine Gruppe kleiner Fische begleitet uns, anscheinend gefaellt es ihnen in Maris Schatten zu schwimmen. Heute Morgen hatten wir Besuch von einem Delfin und heute Nacht einen schwarzen Vogel als Passagier. Gelegentlich werden wir von einem Schiff ueberholt. Die Sonnenauf- und Untergaenge sind wunderschoen. Dass wir bereits eine ganze Strecke nach Westen zurueckgelegt haben, merken wir auch daran, dass die Sonne deutlich spaeter verschwindet und auch wieder auftaucht. Praktischerweise haben Start und Ziel dieser Etappe die gleiche Zeitzone, wir muessen die Uhren also nicht umstellen.
Zum spaeten Fruehstueck gab es heute Pfannkuchen mit Pflaumenkompott. Die Pflaumen habe ich im Dezember in Salvador eingekocht. Sehr lecker. Unser langsam ueberreifes Obst haben wir fast komplett aufgefuttert. Es gibt noch eine Handvoll AEpfel und zwei Ananas, sowie 40 Orangen, die sich aber noch eine Weile halten werden.
Fuer die Energiebilanz ist unser Nordwestkurs nicht optimal. Ab fruehen Nachmittag liegt das ganze Schiff im Schatten der Segel, die Solarpanels machen keinen Strom und bei dem wenigen Wind, bringt unser Windgenerator auch nichts. Fuer das entspannte Lesen im Cockpit ist die Beschattung aber wunderbar.

Ueberfahrt nach Franzoesisch Guyana – ein doppelter Feiertag

Tag 6 der Ueberfahrt. Die Stimmung an Bord von Marisol ist ausgezeichnet. Das Wetter meint es gut mit uns. Der Passat schiebt uns, die Welle ist moderat, das Leben an Bord rundum schoen. Wir haben heute Bergfest, die Haelfte der Strecke liegt hinter uns, und wir ueberqueren heute den AEquator und sind dann wieder auf der Nordhalbkugel. Zwei Gruende zu feiern.
Am Mittwoch haben wir Jacare gegen Mittag bei Hochwasser verlassen. Das Ablegemanoever war furchtbar, das Schlimmste unserer Reise, wir haben uns mit dem Kiel in der Mooring des Nachbarboots verheddert, doch zum Glueck ist nichts passiert. Durch die tatkraeftige Unterstuetzung unserer hollaendischen Nachbarn kamen wir frei. In der Flussmuendung treffen wir noch einmal die kleinen Delfine, die Fregattvoegel kreisen, ein letzter Blick aufs Fort, das hohe Silo und den Strand von Cabedelo und schon sind wir unterwegs.
Den zweiten Tag der Reise wuerde ich gern aus meinem Gedaechtnis streichen, ich war furchtbar seekrank. Als ich im stroemenden Regen ueber der Kante hing, habe ich mich nicht zum ersten Mal gefragt warum ich das tue. Die ersten beiden Tage aergerten uns gelegentliche Schauer, seitdem ist es trocken.
Jetzt macht das Segeln Spass, die Tage gehen ineinander ueber, die Ereignislosigkeit ist Luxus. War das gestern als ich das Schiff gesehen habe? Ursel, unsere Windsteueranlage, uebernimmt das Rudergehen, wir lesen, hoeren Musik und Podcasts, unterhalten uns, schlafen und futtern uns durch unsere Vorraete. Das Motto ist, was wir aufgegessen haben, kann nicht mehr schlecht werden. Gestern gab es Nudeln mit Zucchini-Tomaten-Sosse und Tomaten-Gurken-Salat, ausserdem Melone. Heute stehen Suesskartoffeln mit Rotkohl-Tsatsiki und Papaya auf der Speisekarte. Unsere Bananen haben wir schon fast aufgegessen, aber ab morgen muessen wir uns dringend um unsere Ananas kuemmern.
Der Sternenhimmel ist fantastisch, wir koennen Venus, Jupiter, Mars und Saturn sehen. Da der Mond sich nur kurz nach Sonnenuntergang zeigt, ist es so dunkel, dass die Planeten eine silberne Strasse aufs Wasser zeichnen. Ausserdem sind viele Sternschnuppen unterwegs. Natuerlich verrate ich nicht was ich mir wuensche.
Unser friedlicher Bordalltag wurde heute Morgen empfindlich gestoert. Nobbi hat mich mit Kaffee geduscht. Ich schlief, als die Kaffeekanne (French Press) sich nicht runterdruecken lassen wollte und dann schliesslich doch nachgab. Was fuer ein Schreck. Zum Glueck ist nichts passiert. Nur die Kaffeeflecken auf meinem T-Shirt, das eigentlich Nobbi gehoert, und der leichte Kaffeegeruch in unserer Koje erinnern an den Zwischenfall.