An der Alabasterküste: Fécamp und Dieppe

Von Le Havre nach Fécamp sind es nur gute zwanzig Meilen. Mittags geht’s los, der Strom schiebt uns entlang der spektakulären Küste nach Norden. Die Kreidefelsen säumen die Alabasterküste auf fast 130 km. Bei Étretat bilden sie besonders schöne Bögen, die wir uns von See ansehen. Die Steilküste ist etwa 100m hoch und wird ab und zu von einem Einschnitt durchbrochen, in dem meistens kleine Orte liegen.
Die Einfahrt nach Fécamp ist flach. Bei Springzeit können wir bei Niedrigwasser nicht durchfahren und auch das vordere Hafenbecken wäre dann nicht tief genug für uns. Wir erreichen die schmale Einfahrt bei Nippzeit und moderatem Strom, finden die Einfahrt aber trotzdem aufregend. Kurz nach uns fährt ein kleiner Frachter in den Hafen. Die Matrosen filmen die Einfahrt, auch für sie ist es spannend.


Die Tide bestimmt den Zeitplan. Wir entscheiden, uns bei Niedrigwasser aus der Ausfahrt zu trauen, um den nachmittags nach Nordosten setzenden Strom auszunutzen. So haben wir vormittags noch Zeit für einen Spaziergang. Der Strand weist eine erstaunliche Korngröße auf. Die meisten Steine haben einen Durchmesser größer 7 cm. Aus Gewichtsgründen verzichte ich darauf sammeln zu gehen, was außerdem verboten ist. Das verspielte Palais Bénédictine aus dem 19. Jhd. dient noch heute als Produktionsstätte des berühmten Kräuterlikörs und beherbergt eine Kunstsammlung, Ausstellungsräume, Gastronomie, einen Laden und kann auch besichtigt werden. Am Hafenbecken liegt das Fischereimuseum, das wir zu gerne gesehen hätten, doch das Wetter ist zu gut, um nicht weiterzufahren.


Nach Dieppe ist es etwas weiter, 33 Meilen immer an der Steilküste entlang. In schmalen Tälern stehen stolze Villen und sehr hässliche Hochhäuser. Eine Bausünde kommt hier nicht allein. Das Atomkraftwerk Paluel ist auch keine Augenweide, sonst ist die Küste hier aber sehr schön. Für uns ist die Fahrt nur nicht so aufregend, weil es einfach nur geradeaus geht. Dann liegt Dieppe vor uns. Auf beiden Seiten leuchten die hellen Felsen der Steilküste in der Abendsonne. Wir fahren Slalom um einige Fischerbojen, Leinen und Fender haben wir schon für die Ankunft bereitgelegt, da sehe ich, dass auf dem Motorboot vor uns gewunken wird. Das ist kein freundlicher Gruß, da ist jemand in Not. Also steuern wir sie an. Vier Männer sitzen in einem Motorboot und der Motor springt nicht wieder an. Zwei sind sehr besorgt, zwei angeln seelenruhig. Wir nehmen sie in Schlepp und ziehen sie in den Hafen. Dieppe wird von großen Fähren, von Fischern, kleinen Frachtern und von Schiffen, die den neuen Windpark vor der Küste bauen angelaufen. Wir funken Port Control an und erklären, dass wir ein Boot im Schlepp haben. Es schadet nicht, wenn die wissen, dass wir nicht so gut ausweichen können.
Die Motorboot-Crew hat inzwischen einen Kumpel organisiert, der sie unter der Brücke hindurch in den Innenhafen schleppen soll. Sie wollen uns eine Handvoll Geldscheine übergeben, die wir natürlich ablehnen. Es ist selbstverständlich, dass man einander hilft. Wir suchen uns einen Platz im Yachthafen. Der erste Platz gefällt uns nicht, also parken wir noch einmal um. Die Saison ist bereits vorbei und es ist viel Platz, obwohl die Gästestege stark verkleinert wurden, weil dort nun die Windpark-Schiffe liegen.

In Dieppe bleiben wir drei Tage. Das Wetter lädt nicht zur Weiterfahrt ein und uns steht der Sinn nach ein wenig Landvergnügung. Unser erster Spaziergang bringt uns zur riesigen Saint-Jacques Kathedrale, vom 11. Bis 16. Jhd. erbaut wurde. Zahlreiche sehr aufwendige Details sind ebenso beeindruckend, wie die erschlagende Größe des Bauwerks, das aber dringend renovierungsbedürftig ist.
Die dagegen sehr schön restaurierte Kapelle Notre Dame de Bon Secours steht nördlich der Hafeneinfahrt auf der Steilküste und ist den auf Seegebliebenen gewidmet. In der Kapelle gibt es viele Gedenktafeln, die an Schiffsunglücke, Verschollene und Ertrunkene erinnern. In einem Ordner sind verunglückte Menschen und Schiffe aufgeführt. Ein berührender Ort, der insbesondere Segler einlädt innezuhalten.
Im kleinen maritimen Museum lernen wir einiges über die Küstenfischerei und über moderne Energiegewinnung, wie Gezeiten-, Osmose- und Windkraftwerke. Es gibt schöne Exponate zum traditionellen Schiffbau und zur Geschichte des Hafens.
Die Burg im Süden des Strands wurde 1435 auf den Resten einer älteren Burg gebaut und beherbergt ein Museum, das wir ebenfalls besuchen. Dieppe war einer der bedeutendsten Orte der Elfenbeinschnitzerei ab den 16. Jhd. Das Museum zeigt eine schöne Sammlung sehr kunstvoller, filigraner Schnitzereien. Ein weiteres Highlight der Ausstellung sind die Hafenansichten und Gemälde der Küste.
Wir treffen Vereinskollegen und spontane Sympathie führt zu einem langen Abend an Deck, einem gemeinsamen Restaurantbesuch und vielen Schnacks auf dem Steg. So vergeht auch der Regentag ganz schnell.

Durchs Alderney Race nach Cherbourg und weiter nach Le Havre

Zwischen dem Kap de la Hague und den Kanalinseln, genauer Alderney, liegt das Alderney Race, eine für seine Strömungen berühmt-berüchtigte Wasserstraße. Bei gutem Wetter ist es hier kabbelig, es entstehen Strudel und unangenehmer Seegang. Bei schlechtem Wetter möchte man hier nicht sein, dann türmen sich hohe Wellen auf, die auch für große Schiffe gefährlich werden können.
Der Revierführer empfiehlt, bei Slack, also wenn der Strom kentert, am Beginn des Race zu sein. Das bedeutet, dass man bei Gegenstrom aus St. Peter Port auslaufen muss. Ortszeit Viertel nach fünf, um Viertel nach sechs deutscher Zeit, zeigt sich gerade ein heller Streifen am Horizont. Wir verlassen den Hafen und spüren bald den Gegenstrom. Im Little Russel, der Wasserstraße zwischen Gurnsey und Herm, kommen wir nur mit drei Knoten voran. Kaum haben wir die engste Stelle passiert, nimmt unsere Geschwindigkeit wieder zu und schon viel früher als erwartet, haben wir leichten Strom mit. Die Sonne geht auf, Alderney liegt voraus, der mitlaufende Strom setzt sein, das Wasser ist glatt und bildet kleine Strudel, wir werden immer schneller und die flotte Fahrt macht richtig Spaß. Bis zu sieben Knoten Strom und eine Geschwindigkeit von bis zu zwölf Knoten über Grund beobachten wir. Da der Strom nicht genau von achtern, sondern schräg von hinten kommt müssen wir ordentlich vorhalten.
Kurz vorm Kap de la Hague nimmt zwar unsere Geschwindigkeit nicht ab, jedoch die Lustigkeit. Hier hat sich ein wirrer Seegang ausgebildet. Die Wellen sind gar nicht so hoch, aber sehr steil. Unsere Geschwindigkeit durchs Wasser nimmt auf unter vier Knoten ab, trotzdem sind wir mit zehn bis elf Knoten unterwegs. Wir müssen uns gut festhalten, Mari hüpft in alle Richtungen. Als wir das Kap mit der wenig malerischem Atommüllaufbereitungsanlage hinter uns lassen, ist das Wasser plötzlich schlagartig wieder glatt. Mit zehn Knoten gleiten wir mühelos auf Cherbourg zu. Kurz vor der Einfahrt in den riesigen Vorhafen ist der Strom weg. Eine Punktladung.
Auf Guernsey gab es richtige Vollmilch, mit einem Fettanteil von 5 %. Diese Milch haben wir im Geschaukel vorm Kap de la Hague zu Butter geschlagen. Das dürfte eine eher ungewöhnliche Art der Buttergewinnung sein, dass man gleich das ganze Schiff schüttelt.
Am nächsten Morgen (Mittwoch) heißt es Abschied nehmen, Freunde ziehen weiter, wir bleiben in Cherbourg. Das ist ein bisschen traurig, weil es so nett war. Gleichzeitig freuen wir uns, sie sind auch Bremer und wir werden uns bald wiedersehen.
Wir spazieren durch Cherbourg sehen uns die beeindruckende Basilika Sainte Trinité an, erfahren in der Regenschirmfabrik, dass das Einsteigermodell 280 Euro kostet und besuchen das Thomas Henri Museum. Der Sammler schenkte seine Gemälde der Stadt zunächst anonym. Die gegründete Stiftung erweiterte die Sammlung und weitere Bürger der Stadt schenkten Kunstwerke. Die Sammlung umfasst Werke aus ganz verschiedenen Epochen von Kirchlichem aus dem 14. Jhd., über riesige Seestücke bis zu vielen Gemälden aus dem 19. Jhd.
Donnerstagmorgen ist es grau und es nieselt. Die Lust loszufahren ist begrenzt. Wir motoren in eine graue Nieselwand. Im riesigen Vorhafen setzen wir Segel. Der Wind kommt zunächst genau von achtern. Wir schalten den Motor ab und wollen uns gerade einer Tasse Tee widmen, da stellen wir fest, dass unsere Großschot gebrochen ist. Vom Drahtstropp, der Großbaum und Talje verbindet, stehen drei Kardeele ab, die verbliebenen vier werden sich wohl auch gleich verabschieden. Provisorisch baut Nobbi einen neuen Draht an, so können wir erstmal weiter segeln.
Wir nähern uns dem Leuchtturm von Gatteville und der Strom setzt, wie geplant ein. Als wir das Pointe de Barfleur runden, kommen wir mit fast zehn Knoten voran und freuen uns über die schnelle Fahrt. Auf Raumschotskurs geht’s nun mit frischem Wind immer geradeaus nach Le Havre. Diese Bedingungen liegen Mari, ordentlich Wind schräg von achtern. Sie stören auch die Schauer nicht. Ich steuere von Hand und freue mich, dass der Regen von hinten kommt. Navigatorische Schwierigkeiten gibt es nicht, nur der Schiffsverkehr sorgt für Abwechslung. Gleich zwei große Containerschiffe lassen sich treiben, während sie auf ihren Liegeplatz in Le Havre warten, ein paar kleine Tanker kommen vorbei und die Fähre aus England überholt uns. Erst als wir das Fahrwasser nach Le Havre schon fast erreicht haben, setzt leichter Gegenstrom ein und der Wind nimmt ab. Plötzlich erklingt ein komisches Geräusch hinter uns, eine neugierige Kegelrobbe schaut uns interessiert an und schwimmt ein paar Meter hinter uns her, bevor sie wieder abtaucht. Das war ein schöner Segeltag! Über 70 Meilen und es hat sich gar nicht so lang angefühlt.
Einen Tag bleiben wir in Le Havre liegen, waschen Wäsche, reparieren die Großschot, kleben Segelstiefel und machen einen Spaziergang. Anders als Saint Malo wurde Le Havre nach dem Krieg nicht nach historischem Vorbild wieder aufgebaut, sondern als eine moderne Stadt aus Beton errichtet. Durch einheitliche Gebäudehöhen und abwechslungsreiche Fassaden entsteht trotzdem ein angenehmer Gesamteindruck. Besonders positiv fallen uns die viele Radwege und die tollen Kunstwerke auf.

Über den Felsen nördlich von Herm geht die Sonne auf.
Im Alderney Race ist das Wasser glatt, aber es bilden sich Strudel.

Cherbourg:

Le Havre:

Die Möwen öffnen die Miesmuscheln, in dem sie sie aus einigen Metern Höhe auf die Stege fallen lassen.

Eingeweht auf Guernsey

Wieder geht es zeitig los. Wir verlassen Jersey und machen uns auf den Weg zur Nachbarinsel Guernsey. Die Überfahrt ist angenehm und wir freuen uns über Delfinbegleitung.
Mit den Kanalinseln ist es kompliziert. Sie gehören nicht zum Vereinigten Königreich, sondern sind Kronbesitzungen und direkt der britischen Krone unterstellt. Die Kanalinseln bestehen politisch aus zwei unabhängigen Vogteien: Jersey und Guernsey. In Saint Peter Port müssen wir fürs „Bailiwick of Guernsey“ ein eigenes Zollformular ausfüllen. Das ist schnell erledigt, der Zettel wird einfach in den gelben Briefkasten vom Zoll eingeworfen, dann darf man die gelbe Q-Flagge runternehmen.
Übrigens gelten die Kanalinseln als der Ort mit dem besten Wetter Englands. Die Franzosen sagen, das liegt daran, dass die Inseln nicht in England liegen… Uns verspricht die Wettervorhersage windige Tage, daher bezahlen wir gleich für fünf Nächte und ziehen am ersten Abend noch in den geschützteren Innenhafen um. Wir bekommen den gleichen Liegeplatz wie vor zehn Jahren, mit unserem vergleichsweisen großen Tiefgang kommen auch nicht viele Plätze in Frage, der Hafen ist ziemlich flach.
Die Kanalinseln haben eine lange und wechselhafte Geschichte. Die
Neandertaler lebten dort schon vor 250000 Jahren. So weit wollen wir aber nicht zurückgehen. Ich bin schon beeindruckt, dass der „Welcomer“ in der Kirche erzählt, dass seine Vorfahren 1066 England erobert haben. Im Mittelalter gehörten diese Inseln, und somit auch die Ahnen des Welcomers, zum Herzogtum Normandie und Herzog Wilhelm siegte in der Schlacht von Hastings, was ihm den Namen Wilhelm der Eroberer einbrachte. Beeindruckt bin ich nicht von dem geschichtlichen Schlamassel 1066 sondern davon, dass der Welcomer weiß, was seine Urväter vor 1000 Jahren gemacht haben. Nun möchte manch einer gar nicht wissen, was die Urväter vor, sagen wir, 85 Jahren gemacht haben. Die Verstrickung in 1000 Jahre zurückliegende Kriegsgeschehen ist für die Familiengeschichte attraktiver und zumindest typisch britisch.
Die sehenswerte Kirche stammt aus dem 15. Jhd. und ist uns zunächst durch ihr Glockengeläut aufgefallen, Donnerstagabend wird das Läuten der Glocken geübt. Dank eines englischen Seglers mit einer Leidenschaft für Kirchenglocken, mit dem wir viel Zeit in Vanuatu verbracht haben, wissen wir einiges über die Tradition des Wechselläutens in England. Wenn mehrere Menschen gemeinsam die Glocken läuten, muss das natürlich geübt werden. In der hiesigen Town Church findet das donnerstags statt.
Wir spazieren durch St. Peter Port und kommen am Victoria Tower vorbei. An der Tür hängt ein Schild, dass man den Schlüssel im Museum bekommen kann. Also nichts wie hin. Wir bekommen den Schlüssel ausgehändigt und laufen wieder zum Turm. Eine schmale Wendeltreppe führt hinauf aufs Dach. Von hier haben wir einen tollen Ausblick über den Hafen und die Insel.
Ein schöner Wanderweg führt an der Küste Guernseys entlang nach Süden. Oberhalb des Wegs können wir einige Villen erahnen, unter uns liegen felsige kleine Buchten.
Mit dem Bus fahren wir am nächsten Tag in den Westen der Insel. Als wir aus dem Bus steigen, türmen sich dunkle Schauerwolken über dem Meer auf. Da kein Unterstand in Sicht ist laufen wir einfach los und nach einem kurzen Schauer reißt der Himmel auch wieder auf. Die kleine Insel Lihou ist bei Niedrigwasser trockenen Fußes erreichbar. Ein schöner Spazierweg führt uns um die Insel. Ein paar Mauerreste aus dem 12. und 14. Jhd. erinnern an ein Kloster, sonst gibt es hier nur ein Haus, viele Vögel, Felsen und trockene Wiesen. Die Stimmung ist ein wenig wehmütig, nicht nur der Sommer, auch unsere Reise neigt sich dem Ende zu.
An unserem letzten Tag auf Guernsey findet ein Autorennen statt. Der Start ist in Hörweite des Hafens, sodass wir natürlich angelockt werden und es uns ansehen. Es kommen schnelle Rennwagen zum Einsatz, aber auch manch ein Familien-Fiesta wird den Berg hochgejagt.
Gesellschaftlich ist Guernsey ein Highlight. Wir werden auf einem Nachbarboot zu einem sehr englischen Tea-Time eingeladen und schnell ist klar, dass wir einander mögen. Lange Abende und viele Gespräche auf dem Steg folgen. Ein Segler will nachmittags nur mal Hallo sagen und bleibt bis nach Mitternacht, mit einem Paar verbringen wir einen fröhlichen Abend. Wir freuen uns, hier so viele interessante und nette Menschen zutreffen.

Ein kurzer Besuch auf Jersey

Als der Wecker klingelt, ist es noch dunkel. Ich entscheide mich ausnahmsweise weder barfuß noch in kurzen Hosen zu segeln und ziehe meine Ölhose an. Irgendwann neigt sich auch der längste Sommer dem Ende zu.
Als wir aus dem Hafen motoren geht die Sonne auf. Das Wasser ist glatt, der Strom schiebt uns sanft und wir tuckern gemütlich auf Jersey zu. Zwischen Saint Malo und Jersey liegen die Isles de Minquiers (von Engländern „the Minkies“ genannt) und die Chauseys. Steinhaufen, die bei Ebbe aus dem Meer auftauchen und mit Ausnahme weniger kleiner Inseln bei Flut überspült werden. Gerne hätten wir in diesem Gewusel geankert, doch die Wetterlage ist uns für ein solches Experiment nicht stabil genug und unser Tiefgang von fast zwei Metern ist für dieses Revier schon ziemlich viel.
Später können wir segeln. Auch wenn der Wind abnimmt und wir immer langsamer werden, segeln wir bis zur Einfahrt von St. Helier, der Hauptstadt von Jersey. Es gibt keinen Grund zur Eile, der Innenhafen ist für uns erst nachmittags wieder erreichbar.
Am Wartesteg essen wir zu Mittag, lesen und beobachten den Hafenmeister, der eine Art Ein-Mann-Floating-Party macht und begleitet von lauter Musik mit dem Schlauchboot gut gelaunt durchs Hafenbecken fährt.
In St. Helier müssen wir uns nicht nur beim Hafenbüro anmelden, sondern auch offiziell einreisen. Die Kanalinseln gehören nicht zur EU. Die ETA, die „electronic travel authorisation“, die man für das Königreich auf der anderen Seite des Kanals braucht, haben wir bereits auf den Azoren beantragt. Nun brauchen wir nur noch ein Formular am Computer ausfüllen. Das hatten bereits in Saint Malo online gemacht, aber keine Antwort erhalten.
Wir spazieren ein wenig durch St. Helier. Es sieht sehr britisch aus und es gibt viele Schmuckgeschäfte und Fish&Chips-Läden. Jersey ist ein Steuerparadies, in St. Helier merkt man das an den vielen Bankfilialen und den hohen Preisen bei den Immobilienmaklern. Wir interessieren uns weder für den niedrigen Steuersatz von 1% für Einkommen größer 1,25 Mio £, noch für die nicht existierende Körperschaftssteuer, uns ziehen die Kielboote im Alten Hafen an, die in einer Art Gerüst trockenfallen.
Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus in den Südwesten der Insel. Der Leuchtturm La Corbière steht auf einem Felsen, der nur bei Ebbe zu Fuß erreichbar ist. Zunächst suchen wir uns für unser Picknick einen gemütlichen Felsen mit Blick auf die hübsche Landschaft. Anschließend laufen wir zum Leuchtturm und entschließen uns einen Teil des weiteren Rückwegs zu Fuß zurückzulegen. Zunächst ist es nicht ganz einfach den richtigen Pfad zu finden, doch dann erreichen wir einen Wanderweg, der uns entlang der Küste in die St. Brelade‘s Bay bringt. Wir kommen an hübschen Villen und am Gefängnis vorbei, steigen über viele Treppenstufen und erreichen schließlich eine alte Kirche, die direkt am Meer liegt. Die Küste ist farblich interessant. Die Felsen leuchten rot, daneben locken die hellen Strände und das klare hellblaue Wasser. Der ruhige Wanderweg ist ein schöner Kontrast zur stark autobefahrenen Insel. Es gibt viel Verkehr und in jedem Vorgarten stehen mehrere Autos. Wir lernen, dass Jersey und Guernsey zu den Orten mit der höchsten Autodichte in Europa gehören.
Nobbi besucht noch das Maritime Museum, ist aber nicht so beeindruckt. Ich gehe währenddessen einkaufen, entscheide mich aber nicht für einen Brillantring oder ein Collier, sondern für Brokkoli und Brot.

Saint Malo

Aus Saint Quay Portrieux können wir bei jedem Tidenstand auslaufen. Heute passt die Strömung hervorragend zu unseren Plänen, als wir morgens auslaufen. Der Wind meint es auch gut und wir segeln entlang der Küste nach Osten. Die Strecke ist kurzweilig: Felsen, Leuchttürme und Tonnen. In der Bucht von Saint Malo wimmelt es von Segelbooten aller Größen. Wir bergen in den windigsten Minuten des Tages die Segel und schlängeln uns dann zwischen vielen Jollen hindurch zum Hafen.
Auch dieser Hafen hat eine Schwelle damit immer zwei Meter Wasser im Hafenbecken stehen bleiben. Wir kommen zwei Stunden nach Hochwasser an, die Einfahrt ist also problemlos. Da wir gerade Nippzeit haben, der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser also nicht so groß ist (immerhin drei bis vier Meter!), könnten wir gerade zu und jederzeit über die Schwelle in den Hafen einfahren. Wir finden einen guten Platz und ich laufe zum Büro, um uns anzumelden. Die Anmeldung verläuft schnell und sehr nett. Überhaupt sind wir von den netten jungen Leuten in den Hafenbüros begeistert. Überall in der Bretagne waren die Mitarbeiter freundlich, zuvorkommend und sprachen (auch über Funk!) gut Englisch.
Wir liegen in Saint Servan, einem Stadtteil von Saint Malo und können Intra Muros, die Altstadt, auf der anderen Seite des Fährhafens sehen.
Wir spazieren kreuz und quer durch Saint Servan und zum Tour Solidor, einem Festungsturm aus dem 14. Jahrhundert. Schmale Gassen, stolze Häuser, kleine Strände und viele Boote: das volle Bretagne Programm.

Zur berühmten Altstadt innerhalb der Stadtmauer ist es eine halbe Stunde zu Fuß. Wir umrunden die Stadt auf der hohen Stadtmauer und stürzen uns ins Getümmel zwischen Souvenirläden, Restaurants und Bars. Die kompakte Stadt ist beeindruckend. Sie wurde im zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört, aber sehr originalgetreu wieder aufgebaut. Die Häuser strahlen Stolz und Erhabenheit aus. Vor dem blauen Sommerhimmel ist die Stadt schön, an einem nassen Wintertag sicherlich kalt, grau und stolz. Beim Anblick der Silhouette der Altstadt denkt man unwillkürlich an einen Piratenfilm. Außerdem erinnern die massiven Mauern an die Gewalt der Wassermassen, die eine stürmische Springflut hier entfalten kann.
Bei unserem zweiten Besuch schlendern wir durch weniger belebte Straßen, besuchen die Kathedrale mit ihren sehr schönen Glasfenstern und einem ganz modernen Altar und finden schließlich mitten im touristischen Gewühl ein hübsches Café mit zwei ausnehmend freundlichen Mitarbeiterinnen. Nobbi hat inzwischen sein Französisch wieder gefunden (ich suche noch) und die beiden üben begeistert mit ihm.
Wir gönnen uns noch einen entspannten Tag in Saint Servan mit Spaziergängen, Wäsche waschen und ein bisschen Bürokram. Dann darf es weitergehen.

Tréguier und Saint Quay Portrieux

Tréguier hatte uns schon vor zehn Jahren gefallen. Die Stadt ist sehr alt: 535 wurde der Ort das erste Mal erwähnt. Das gegründete Kloster wurde zerstört, die Stadt aufgegeben, eine neue Kathedrale wurde erbaut, von der nur ein Turm erhalten ist. Der Bau der heutigen Kathedrale wurde 1339 begonnen. Ungewöhnlich ist die durchbrochene schlanke Turmspitze aus dem 18. Jhd, die man schon von weitem sieht.
Eine kleine Wanderung führt uns entlang des kleinen Flusses le Guindy und über schmale Wirtschaftswege. Auf dem Rückweg machen wir einen Abstecher zu Super U, kaufen ein und legen die letzten 1,5 km entsprechend schwer beladen zurück.
Abends gibt es in vielen Bars Live Musik, auch am Hafen wird tolle Musik gespielt. An einem Vormittag findet ein großer Flohmarkt statt. Nobbi liebäugelt mit einer traditionellen Ankerlaterne, doch die ist so schwer, dass wir verzichten.
Eine zweite kleine Wanderung bringt und auf die andere Seite des Flusses. Teile des Weges kann man bei Hochwasser nicht laufen. In den Kastanienbäumen hängt Seetang von der letzten Flut. Der Rückweg zieht sich, überall am Wegesrand wollen Brombeeren von mir geerntet werden.
Es ist Springzeit, die Ebbe fällt besonders niedrig, die Flut besonders hoch aus. Der Tidenhub, also der Unterschied zwischen Ebbe und Flut, beträgt ganze neun Meter. Dadurch ist auch die Strömung auf dem Fluss besonders stark. Die Marina liegt in einer Flussbiegung mitten im Fluss und wir mitten in Strom. Ein bis zwei Stunden nach Hochwasser gurgelt das Wasser unter uns durch. Neben den Booten bilden sich kleine Strudel, Boote mit tiefen Kiel (wie Mari) legen sich leicht auf die Seite. Es ist nicht daran zu denken die Festmacherleinen durchzusetzen oder gar auszulaufen.
Extrapunkte gibt es für den Bäckerservice. Man kann im Hafenbüro Baguette und Schoko-Croissants bestellen und sie am nächsten Morgen dort abholen.

Wir können nur bei Hochwasser aus Treguier ausparken. Doch an der Küste setzt der Ost setzende Strom erst nach Niedrigwasser ein. Eigentlich wollen wir wieder ankern. Diesmal passt es nur zeitlich nicht so gut. Das Niedrigwasser kommt so spät, dass wir dann im nächsten Hafen erst im Dunkeln ankämen. Also wollen wir eine Nacht ankern und am nächsten Morgen weiterfahren. So ganz überzeugt sind wir vom ausgesuchten Ankerplatz nicht. Dort scheinen Austernbänke zu sein, wir bräuchten bei 9m Tidenhub recht viel Ankerkette, der Ankerplatz scheint nicht so geschützt zu sein und der Wetterbericht verspricht eine windige Nacht. Wir fragen die Franzosen um uns herum, die ebenfalls aufbrechen, wo sie hinfahren. Viele wollen in die gleiche Richtung. Auf die Frage, ob sie den Gegenstrom ignorieren, bekommen wir die Antwort dann seien wir eben langsamer.
Wir legen ab, genießen die Flussfahrt und halten Ausschau nach den grünen Fahrwassertonnen, die die östliche Ausfahrt markieren. Der Gegenstrom verlangsamt unsere Fahrt. Kurz bevor wir die engste Stelle erreichen, taucht ein Nieselschauer die Welt in gleichmäßiges Grau. Das kann doch nicht sein! Nebel oder Nieselregen, immer an den engsten Stellen!
Vor uns fährt ein französisches Boot, hinter uns ein englisches. Wir finden die Tonnen und hangeln uns daran entlang bis zum Leuchtturm. Es hört auf zu nieseln, die Sicht wird besser, der Strom nimmt zu und wir werden langsamer. Wir segeln inzwischen. Die Wellen werden höher, wir schaukeln und kommen nur mit zwei Knoten voran. Irgendwann wird es besser, wir freuen uns, das Schlimmste hinter uns haben. Das entsprach leider nicht der Wahrheit. Der Wind frischt auf, wir segeln mit sechs Knoten, leider nur durchs Wasser. Über Grund sind es nur ein bis zwei. Den Booten um uns herum ergeht es nicht besser. Solange es nicht schlimmer wird… Irgendwann muss der Strom doch mal abnehmen. Vor uns sehen wir ein Feld stehender weißer Wellen, das wir umfahren können. Hinter einer Untiefe sind die Wellen plötzlich weg. Zwar haben wir immer noch Gegenstrom, aber das Wasser ist glatt, das Segeln macht wieder Spaß. Wir sind einfach nur langsamer. So hatten wir uns das vorgestellt. Die Etappe gegen den Strom, und dann auch noch zur Springzeit, zu segeln, war doch keine so gute Idee. Machen wir nicht wieder.
Abends ist der Strom dann wieder auf unserer Seite und setzt uns vorm Hafen von Saint Quay Portrieux ab. Der Hafenmeister empfängt uns mit dem Schlauchboot und bringt uns zu unserem Platz.

Freunde machen gerade ganz in der Nähe Urlaub. Als sie hören, dass wir St. Quay Portrieux angelaufen sind, schwingen sie sich aufs Fahrrad und besuchen uns. Was für eine nette Überraschung!
Unser zweiter Tag vor Ort soll ein Regentag werden, also Zeit für Bordarbeiten. Als ich mit der frischgewaschenen Wäsche aus dem Waschsalon komme, geht die Welt unter. Ich stelle mich unter, die Wäsche ist im Gegensatz zu mir wasserdicht verpackt. Nachmittags reißt es auf, die Sonne scheint und wir wollen die Küste entlang spazieren. Da meine Jacke vom Vormittagsschauer noch klatschnass ist (auch von innen), hole ich meine Schwerwetterjacke raus und muss feststellen, dass sie nicht gut gealtert ist. Die Verschweißung der Nähte hat sich abgelöst.
Auf dem Weg zur Post kommen wir an einem Segelladen vorbei, der eine Jacke, die mir passt und gefällt, im Angebot hat. Das ist ein Zeichen. Auf unserem ausgedehnten Spaziergang durch den Ort, in die Kirche und entlang der Küste, trage ich nun zwei Ölzeug-Jacken in der Tüte überm Arm, die alte und die neue. Inzwischen ist es so warm, dass ein T-Shirt völlig ausreicht.
In Binic, dem nächsten Ort, ist Markt. Wir nehmen den Bus und stürzen uns ins Getümmel. Der Markt ist toll, es riecht nach leckerem Essen, es gibt bretonische Kunst und Gemälde, Sommerkleidung, Dekoartikel und super saugfähige Schwämme. Wir brauchen aber gar nichts. Unsere Freunde verbringen einen Teil ihres Urlaubs hier auf dem Campingplatz. Gemeinsam genießen wir den Sommertag. Anschließend laufen wir zurück nach St. Quay Portrieux. Wir nehmen nicht den Wanderweg entlang der Küste, sondern schmale Straßen und idyllische Wege zwischen Feldern, Wäldern und durch kleinere Wohnstraßen. In einem Strand-Café legen wir eine Pause ein und essen einen Galette complète, einen Buchweizen Crêpe mit Käse, Schinken und Ei. Beim Einkauf im Supermarkt haben wir schon sehr platte Füße, zum Glück geht’s zum Boot nur noch bergab.

Roscoff und Trébeurden

Roscoff ist eine hübsche kleine bretonische Stadt. Berühmt ist sie für ihre Zwiebeln, die früher nach England verkauft wurden. Wir interessieren uns mehr für die Algen, die am Hafen von Booten in LKWs umgeladen werden und lernen, dass hier ganz verschiedene Algen geerntet werden. Nicht nur die Kosmetikindustrie interessiert sich für die Meerespflanzen, vor allem tauchen sie in der bretonischen Küche auf. Als Gemüse, Salat, Pesto oder Gewürz.
Die Kirche hat einen interessanten, schlanken Kirchturm und ist auch von innen hübsch. Am Markttag schieben sich die Menschen durch die Gassen der kleinen Stadt, doch abseits der Fußgängerzone ist es ruhig. Wir laufen zu den Stränden in Stadtnähe und machen einen Abstecher auf eine Landzunge.

Leuchtturm am alten Hafen von Roscoff
Kleiner Nobbi, hoher Pfahl
Friedhof mit Blick aufs Meer
Ein Seglerparadies
Der ungewöhnliche Kirchturm überragt Roscoff.
Der alte Hafen – das Wasser ist weg
Der alte Hafen – Wasser wieder da.

Eine kleine Sammlung bretonischer Häuser:

Das Algen-Gemüse wird an Land gebracht:

Trébeurden ist nur einen kleinen Nachmittagstörn entfernt. Wir laufen bei Hochwasser aus und kommen nach drei Stunden an. Trébeurden hat einen Hafen mit einer Schwelle und einem Tor. Der Bereich vor dem Hafen fällt bei Hochwasser trocken, hätte der Hafen keine Schwelle, würde er einfach leerlaufen. Wir haben richtig gerechnet und in das Wasser vor dem Hafen ist tief genug. In den Hafen geht es durch ein schmales Tor. Am Tor zeigt ein Pegel an, wieviel Wasser sich über der Schwelle befindet. Wenn das Wasser auf einen bestimmten Wasserstand fällt, schließt sich ein Tor (oberhalb der Schwelle). Nun können Boote nicht mehr in den Hafen fahren oder diesen verlassen. Der Wasserstand im Hafen ist nun höher als im Meer davor.
Der ganze Ort ist ein einziges Sommerferiengefühl. Hotels, Pensionen, Ferienhäuser, Strände und Boote. Abends beobachten wir mit vielen anderen Menschen die Sonnenfinsternis und die Menschen, die die Sonnenfinsternis beobachten. Die französischen Familien treffen sich mit üppigen Picknicks am Strand und zelebrieren diesen besonderen Abend. Das Glück schenkt uns, nicht nur freien Blick nach Nordwesten, sondern auch einen wolkenlosen Himmel.

Auf der Seekarte führt der Weg in den Hafen übers Trockene
Dieses Tor markiert die Einfahrt, hier ist das Wasser tief genug.
Leider ist das Niedrigwasser mitten in der Nacht. Ich hätte mir die Schwelle so gerne bei Tageslicht angesehen. Im Bild kann man sie zwischen dem roten Pfeiler und der gelben Stange erahnen.
Verrückter wird’s nicht. Ein AirBnB-Ufo für nur 280 Euro pro Nacht.
Beobachten der Sonnenfinsternis.
Sonnenfinsternis als Event mit Picknick
Sonnenuntergang nach der Sonnenfinsternis.
Dieses Schlösschen ist ein Hotel.
Hübsches Haus in der ersten Reihe.
Abend-Möwe

Den Hafen von Trébeurden müssen wir am nächsten Morgen zur Hochwasserzeit verlassen, damit wir wieder heil über die Schwelle kommen. Der Strom nach Osten setzt aber erst mit Niedrigwasser ein. Unser Plan: morgens kurz nach Hochwasser auslaufen, nahe des Hafens ankern, einen netten Vormittag am Anker verbringen, baden, sonnen, lesen. Am frühen Nachmittag wollen wir dann Anker auf gehen und uns vom Strom nach Treguier schieben lassen.
Als wir den Hafen verlassen, kommt Nebel auf. Minuten später können wir keine 100m weit sehen und tasten uns vorsichtig zum Ankerplatz.
Unsere Frühstücks-Pfannkuchen essen wir unter Deck. Draußen ist es uns zu kalt und zu feucht. Sehen tut man ja ohnehin nichts. Ab und zu taucht ein Felsen, eine Insel oder ein Seezeichen auf, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Auf einer kleinen Insel mit einem breiten Traumstrand friert eine Gruppe Kanuten, wir sehen sie manchmal zwischen den Nebelschwaden. Statt zu baden trinken wir heißen Tee.
Auch als wir uns dann wieder auf den Weg machen ist es noch immer nebelig und wird erst gegen 16 Uhr besser. Am späten Nachmittag leuchtet die rosa Granitküste in der Sonne und macht ihrem Namen alle Ehre. Genau wie wir uns das vorgestellt hatten, setzt der Strom nach Osten und beschert uns eine flotte Reise. Das macht richtig Spaß, bis wir in den Jaudy, den Fluss an dem Treguier liegt einbiegen wollen, dann wird es unheimlich. Wir sind mit fast neun Knoten unterwegs und haben zeitweise mehr als dreieinhalb Knoten Strom. Da wir nun nach Süden in den Fluss einbiegen, kommt die Strömung von der Seite und möchte uns an der Einfahrt vorbeischieben. Das Wasser bildet kleine Strudel und kabbelige Wellen. Es erfordert einige Konzentration beim Steuern die Einfahrt zu treffen. Kaum sind wir hinter den ersten Inseln an der Flussmündung, ist nur noch ein angenehmer Flutstrom zu spüren, der uns den Fluss hinaufträgt. Die Fahrt auf dem Fluss ist sehr abwechslungsreich. Felder, Wiesen, Wälder, schöne Höfe und viele kleine Boote auf dem Fluss sorgen für Abwechslung. Wir sind schneller vorangekommen als gedacht und erreichen den Hafen bereits eineinhalb Stunden vor Hochwasser. Die Hafenmeisterin findet einen Platz für uns, auf dem wir gegen den Strom anlegen können.

Ankern im Nebel
Ab und zu taucht ein Seezeichen oder eine Insel auf
Dicke Seezeichen markieren die Flussfahrt nach Treguier.
Hinterm Türmchen kann man stehen, besser auf der richtigen Seite bleiben.
Eine schöne Flussfahrt bringt uns nach Treguier.

Ankommen in der Bretagne

Besser als mit einem Bad am Anker kann man den ersten Morgen in einem neuen Land nicht beginnen. Ich bin etwas skeptisch, mir ist nicht entgangen, dass Nobbi hörbar nach Luft geschnappt hat, als er ins Wasser gestiegen ist. Das Wasser ist etwas kühler als südlich der Biskaya. Wir befinden die Badetemperatur aber für ausreichend und schwimmen ums Boot.
Mittags machen wir uns auf den Weg ins nur fünf Meilen südlich gelegene Camaret-sur-Mer. Wir wollen unseren Wassertank füllen, Müll entsorgen und einkaufen. Bei Super U fühlen wir uns wie im Schlaraffenland. Es ist ja nicht so, als gäbe es in Spanien nichts zu essen, aber französische Supermärkte sind einfach eine andere Liga. Dieser ist ganz besonders gut. In Camaret gibt es viele kleine Läden und Galerien zum Stöbern und Gucken. Wir schlendern durch die kleinen Gassen und genießen die Urlaubsatmosphäre.
Am nächsten Tag ziehen wir nach einem Spaziergang und einem weiteren Besuch bei Super U wieder in unsere Ankerbucht um. Auf unserem Weg kreuzen wir das Fahrwasser nach Brest. Ein U-Boot kommt aus Brest und folgt dem Fahrwasser. Ich fahre etwas langsamer und entscheide mich hinter dem U-Boot zu queren. Brest ist ein großer Marine-Hafen, schon bei unserer Ankunft haben wir verschiedene Marine-Schiffe gesehen, eines hat in der ersten Nacht hinter uns in derselben Bucht geankert. Wir haben schon öfter U-Boote gesehen, nicht zuletzt in Kiel, aber ein alltäglicher Anblick ist es auch nicht. Dann dreht ein Helikopter einen Kringel um uns und fliegt in Richtung des U-Bootes. Wenig später kehrt der Helikopter zurück, die Tür öffnet sich und ein Mann winkt uns. Wir sollen nach Osten abbiegen. In einem großen Bogen queren wir hinter dem U-Boot und laufen unsere Ankerbucht an.

Unsere Ankerbucht wird vom Castell beschützt.
Traumhäuser. Hier eine modere Luxusversion des bretonischen Hauses.
In Camaret sur Mer am Hafen.
In Camaret gibt es viele kleine Läden und Galerien.
Camaret vom Wasser.
U-Boot voraus!
Besuch vom Helikopter.
U-Boot schwimmt davon.
In der Bucht von Brest ist alles unterwegs was schwimmt.

Es ist ein schöner Sommertag. Die Sonne glitzert auf dem Wasser und weiße Wölkchen zieren den blauen Himmel. Wenn sich eine größere Wolke vor die Sonne schiebt, wird es kühl und man wird daran erinnert, dass der Sommer in diesen Breiten nicht ewig dauert.
Wir fühlen uns wie in einer Wassersport-Ausstellung. Kinder und Jugendliche segeln verschiedene Jollen: Optis, Laser, Hobies und Tornados. Die Surfer üben noch das Wenden und fallen recht häufig ins Wasser. Die Kanuten probieren ihre Besegelung aus. Am späten Nachmittag lernen Erwachsene Wingfoilen, elegante Jollen und kleine Fischerboote kreuzen in der Bucht, ein Schwimmer kommt mit seiner Boje vorbei und zwei Ruderboote trainieren in unserer Nähe.

Heute ist es genau zehn Jahre her, dass wir zu unserer großen Reise aufgebrochen sind. Am 7.8.2016 sind wir über den Deich zu unserem Boot gelaufen, haben die Leinen gelöst und sind durchs Sperrwerk auf die Weser und hinaus in die Welt gefahren. Ein schöner Grund zu feiern. Und so gibt es nicht nur nachmittags Maracuja-Meringe-Törtchen, sondern abends auch Langustinen satt.
Abends nimmt der Wind zu und es wird ungemütlich. Der Strand leert sich schlagartig und auch wir ziehen uns aufs Sofa zurück.

Hier müsste man wohnen.

Nun geht das Rechnen wieder los. Für die Planung müssen wir nicht nur die Windrichtung beachten, sondern die Tiden und die Strömungen. Eigentlich ist alles ganz einfach. Man möchte, dass der Strom einen schiebt, dass Wind und Strom möglichst nicht gegeneinanderstehen und, dass man genügend Wasser unterm Kiel hat.
Die großen Tiden sind nicht nur herausfordernder Umstand für Segler, sie formen auch diese einzigartige Landschaft, die sich mit dem Wasserstand kontinuierlich ändert und Tidensegeln kann auch viel Spaß machen. Zum einen ist es entschleunigend. Die Tide gibt den Takt vor. Abfahrt ist zu einer bestimmten Zeit, oder eben erst zwölf Stunden später wieder. Zum anderen kann die Strömung schnelle Reisen ermöglichen und der enorme Tidenhub kann Abkürzungen ermöglichen. Bei Hochwasser hat man eine ausreichende Wassertiefe an Stellen, an denen man ein paar Stunden später mit trockenen Füßen spazieren gehen kann.

Am Samstag klingelt der Wecker um 5:45 Uhr. Nach dem ersten Kaffee gehen wir Anker auf. Der Anker lässt sich etwas bitten, er hat sich zwischen den Felsen verhakt. Mit ein wenig Geduld und sanftem Überfahren bekommen wir ihn aber bald frei. Inzwischen ist es so hell, dass wir die Fischerbojen in der Bucht gut sehen und ihnen ausweichen können. Der Himmel leuchtet pink, es ist fast windstill und wunderbar ruhig.
Um kurz nach sieben sind wir wie geplant am Point de Saint-Mathieu, dem südlichen Eingang zum Chenal du Four. Der Strom schiebt uns, wir hangeln uns von Tonne zu Tonne und Delfine begleiten uns. Der pinke Morgen verwandelt sich nicht in einen sonnigen Vormittag, stattdessen bewölkt es sich und es wird kalt. Nobbi serviert Tee mit Honig und tauscht seine Shorts gegen die kuschelige Fleecehose, auch wenn dies für Erheiterung bei anderen Mitgliedern der Crew sorgt.
Gegen neun passieren wir den Leuchtturm „du Four“ am nördlichen Ende des Chenal du Four und haben diese interessante Passage damit schon hinter uns gebracht. Der Strom schiebt uns nun entlang der Bretagne Nordküste und schon mittags erreichen wir L’Aberwrac’h. Aber Wrac’h ist ein Fluss mit einer breiten Mündung und vielen vorgelagerten Inselchen. Der Hafen liegt etwa drei Meilen flussaufwärts und wir werden vom Flutstrom sanft dorthin geschoben. Wir funken den Hafen an, ein junger Mann kommt uns im Schlauchboot entgegen und zeigt uns, wo wir anlegen können.
Nach und nach füllt sich der Hafen und es herrscht eine ausgelassene Ferienstimmung. Neben unserem Liegeplatz wird ausgiebig gebadet, drei Boote weiter spielt ein Mann Gitarre, es wird geangelt, gesegelt, gerudert und gequatscht. Der Wanderweg führt entlang der kleinen Strände mit Blick über das Gewusel aus Inselchen, Felsen und Muschelbänken. Als wir von unserem langen Spaziergang zurückkehren, sitzen viele Leute mit einem Glas Wein auf den Mauern am Hafen. Da wollen wir nicht fehlen. Wir suchen uns einen schönen Platz auf der Hafenmole aus.

Bei Sonnenaufgang gehen wir Ankerauf.
Point Matthieu im Sonnenaufgang
Vor dem Leuchtturm St Matthieu steht noch dieses rote Türmchen.
Leuchtturm Du Four
Im Hafen L’Aberwrac’h
Nobbi muss in den Mast. Eine Möwe hat unseren Windex verbogen.
Wunderschöne Gezeitenlandschaft.
Der schöne Wanderweg entlang der Küste.
Bei Niedrigwasser werden die Inselchen größer.
Die Station der Seenotretter.
Sonnenuntergang

Gerne wären wir ein oder zwei Tage in L’Aberwrac’h geblieben, doch das gute Wetter lädt zur Weiterreise ein. An der Mündung kann man eine Abkürzung zwischen ein paar Felsen nehmen. Das scheint uns interessant. Wir sehen einige Boote vor uns diese kürzere Route wählen. Inzwischen ist es etwas nebelig, aber wir ignorieren das zunächst. Als wir uns der kritischen Stelle nähern, verschwinden die Felsen in der dichten Nebelsuppe und dann dreht die Yacht vor uns auch noch um. Schade, wir dachten, wir könnten einfach hinterherfahren. Wir drehen ab und nehmen den längeren Weg. Minuten später hebt sich der Nebel und die Durchfahrt wäre wieder möglich, doch nun ändern wir unseren Kurs nicht wieder. Der Wind reicht nicht zum Segeln, aber der Strom verhilft uns wieder zu einer flotten Fahrt.
Der Leuchtturm der île Vierge ist der höchste Europas (zumindest wenn man nur echte Leuchttürme zählt) und auch auf der île de Batz, der kleinen Insel vor Roscoff, steht ein hoher Leuchtturm. Das Highlight des Tages sind nicht die Leuchttürme (auch wenn man es wegen der Feuerhöhe erwarten könnte), sondern die beiden Mondfische, die wir sehen. Sie treiben an der Wasseroberfläche und sonnen sich. Auf Englisch heißen sie deshalb Sunfish.
In Roscoff werden wir von einem jungen Mann im Schlauchboot willkommen geheißen, der uns zeigt, wo wir anlegen dürfen. Abends machen wir einen Spaziergang zum alten Hafen im Stadtzentrum.

Der höchste Leuchtturm Europas: Ile Vierge.
Der Leuchtturm vom Ile Vierge im Nebel.

Über die Biskaya nach Frankreich

Muxia ist baulich keine Perle, liegt aber sehr schön auf einer schmalen Landzunge. Wir spazieren entlang der Küste und laufen auf den Monte do Corpiño. „Monte“ hört sich beeindruckend an, er ist nur knapp 70m hoch, bietet aber einen schönen Blick über Muxia und den Ría.
Die Wallfahrtskirche „A Virxe da Barca“, was mit Schiffsjungfrau übersetzt werden kann, steht dem Meer zugewandt direkt an der felsigen Küste. Sie gehört zu den bedeutendsten Pilgerzielen in Galicien und erscheint uns der ideale Ort zu sein, um Schutz für die bevorstehende Überfahrt zu erbitten. Die Etappe über die Biskaya ist mit knapp 400 Seemeilen nicht besonders lang, doch die Orcas, die vielleicht vor der spanischen Küste auf uns warten und unser Ruder abbeißen wollen, sorgen für ein mulmiges Gefühl.

Die Kirche steht direkt am Meer.
Muxia liegt auf einer schmalen Landzunge.
Auf dem Monte Porpino
Ferida, die Wunde.
Ferida erinnert an die Prestige-Katastrophe. Der Tanker zerbrach vor der Küste und verursachte eine riesige Ölverschmutzung.
Mit Blick auf den Ozean.
Weihnachten 2013 verbrannten Teile der Kirche.
Virxen da Barca, die Schiffsjungfrau.

Am Sonntag, den 2. August, geht’s los. Morgens ist es zunächst ganz freundlich, dann zieht Nebel auf. Die andere Seite des Rías ist in dichter Watte verborgen. Wir frühstücken gemütlich und spazieren zum Bäcker. Auf dem Rückweg freuen wir uns darüber, dass die Sonne herauskommt. Als wir zurück an Bord sind, verschwindet das andere Ufer wieder in einer Nebelbank. Wir legen trotzdem ab. Es ist grau und ungemütlich.
Statt nach Nordosten abzubiegen und direkten Kurs nach Frankreich abzusetzen, entfernen wir uns in Richtung Nordwesten von der Küste. Wir wollen auf kürzestem Weg aus der Orca-Zone verschwinden. Es gilt den Bereich zwischen 20 und 1000 Meter zu meiden. So ganz einfach ist das nicht. Es gibt ja noch andere Randbedingungen wie den Wind und die Großschifffahrt. Die großen Schiffe kommen aus dem Verkehrstrennungsgebiet an der spanischen Nordostecke und fahren in den englischen Kanal. Wir beschließen bis an diese Hauptverkehrsader heranzufahren und dann parallel mitzuschwimmen.
Schließlich sorgt der Wind aber dafür, dass wir die Wahl haben, uns entweder unter die großen Schiffe zu mischen oder wieder Richtung Orca Spielplatz zu fahren. Wir entscheiden uns für die großen Schiffe und das klappt erstaunlich gut. Die Frachter fahren links und rechts an uns vorbei. Nach der ersten Nacht schleichen wir uns langsam wieder aus dem Verkehrsstrom hinaus und fahren östlich der Hauptroute.

Nach vielen Etappen am Wind, kommt der Wind bei dieser Überfahrt endlich einmal wieder von achtern. Daher sehen wir die angekündigte Zunahme des Windes für den zweiten Tag gelassen. Die Warmfront des Tiefs, das uns die südlichen Winde in der Biskaya beschert zieht über uns hinweg. Die Böen haben weniger Kraft als gedacht und wir verzichten darauf das zweite Reff einzubinden. Wir werden von Wind und Wellen flott voran geschoben. Wechselnde Strömungen sorgen für unterschiedliche Wellenmuster. Mal sind die Wellen lang und passen zum Wind, dann sind sie wieder steil, ungemütlich und spritzen vorwitzig ins Cockpit.
Am dritten Tag legt der Wind dann doch noch zu, da er bereits westlicher gedreht hat und nun mehr von der Seite kommt, entscheiden wir uns nun doch für das zweite Reff. Unserer Geschwindigkeit tut das keinen Abbruch, Mari rennt nach Osten.
Nachdem wir in der ersten Nacht beide überraschend gut geschlafen haben, bekomme ich am zweiten Tag Migräne, die mich auch erst am Morgen des vierten Tags wieder verlässt und ich finde die Überfahrt etwas mühsam.
Der Wind dreht weiter auf West und schließlich auf Nordwest und lässt langsam nach. Wir sehen einige Fischer, die meisten an der 200 Meter Tiefenlinie, dem Kontinentalschelf. Der Meeresboden hebt sich ziemlich steil von über 1000 Metern auf 200 Meter. Hier entstehen viele (vor allem vertikale) Strömungen: ein guter Futterplatz für Fische und damit auch für Fischer.

Es ist nicht mehr weit, in ein paar Stunden kommen wir an. Doch wir sind beide etwas genervt. Wir haben wenig Wind, Strom gegenan und erstaunlich viel Welle. Wir hoppeln nur sehr langsam voran. Die Segel schlagen, das Boot schlingert und wir holen uns ein paar neue blaue Flecken.
Irgendwann beginnt der Strom sachte zu schieben. Und dann kommen die Delfine! Zuerst umkreist uns eine kleine Gruppe, einzelne Tiere schwimmen neben uns her. Dann schließt eine größere Schule auf und wir stecken mitten in der Delfinsuppe. Einige Tiere verabschieden sich, andere bleiben. Über zwei Stunden schwimmen sie an Maris Seite. Ein Delfin legt seine Schnauze an das Ruder der Hydrovane, der beliebteste Platz ist aber am Bug. Sie schießen davon, springen, drehen um und reihen sich wieder an Maris Seite ein. Dann verändert sich die Stimmung. Die Tiere werden immer aktiver, tollen herum, es spritzt und schnauft. Es dauert ein bisschen, bis wir verstehen, dass unsere Begleiter sich mitten im Liebesspiel befinden. Da die Tiere einen leuchtend weißen Bauch haben, können wir gut beobachten, wie sie Bauch an Bauch schwimmen.

Der Wind schläft ein, die Delfine verabschieden sich und wir machen die Maschine an, um die letzten Meilen zum Ankerplatz zu motoren. Westlich von Brest fällt unser Anker in einer schönen Bucht. Pünktlich zum Sonnenuntergang genießen wir ein spätes Abendessen und fallen müde in die Koje.
Am nächsten Morgen haben wir Gelegenheit uns umzusehen. Ein bretonischer Traum. Die Steilküste wird von vielen hübschen Stränden unterbrochen, die herausgeputzten, weißen, typisch bretonischen Häuser blicken aufs Meer. Eine bretonische Freundin verrät uns, dass wir vor einer der besten Wohngegenden in der Umgebung von Brest ankern.

Mit der Biskaya haben wir unsere letzte See-Etappe zurückgelegt. Ein schönes, aber auch ein merkwürdiges Gefühl. Natürlich können wir entscheiden, in einem Rutsch von hier nach Bremerhaven zu segeln, nur wären wir in Küstennähe unterwegs und könnten die Passage jederzeit unterbrechen. Bei einer Ozean-Etappe geht das nicht.
Die Bretagne lockt nun mit vielen schönen Stopps und wir freuen uns auf die kommenden Tagesetappen.

Biskaya mit Regenbogen
Delfinbesuch
Nobbi und die Delfine
Stundenlang schwimmen die Delfine neben Mari.

Kleine Verzögerung im Blog

Mittwochabend sind wir nach dreieinhalb Tagen auf See wohlbehalten in der Bretagne angekommen. Wir sind so sehr mit dem richtigen Leben beschäftigt,  siehe Titelbild, dass der Blog noch ein wenig warten muss.