Die Aranui kommt

Die Marquesas sind schon ziemlich abgelegen. Amazon Prime gibt es hier nicht. Abgesehen von den landwirtschaftlichen Produkten, die hier auf der Insel angebaut werden, kommen alle Waren mit dem Versorgungsschiff oder mit dem Flugzeug. Auf der Wurst im Supermarkt kleben kleine Aufkleber „Par Avion“, Lieferung per Flugzeug.
Anfang der Woche war die Aranui 5 hier und hat Inselbewohner und Segler beschäftigt. Die Aranui 5 ist 126 m lang, sieht von vorne aus wie ein Containerschiff und von achtern wie die AIDA. Sie kommt von Tahiti und besucht die Inseln der Marquesas, Bora Bora und gelegentlich auch Pitcairn und Gambiers. Im vorderen Teil des Schiffs werden Container und Fracht gefahren, im hinteren Teil befinden sich die 100 Kabinen für bis zu 250 Passagiere. Frau Google verrät, dass eine 12-tägige Reise von und nach Tahiti etwa 2500 Euro kostet. Für die kleine Bucht von Atuona ist die Aranui ganz schön lang, entsprechend spektakulär ist das Anlegemanöver. Als nachts um halb vier der Anker ins Hafenbecken fällt und das Schiff an der Pier festmacht, stecken fast alle Segler ihre Köpfe aus den Schiebeluks um sich das Schauspiel anzusehen und zu kontrollieren ob ihre Anker halten. Das Schraubenwasser der Aranui sorgt für Unruhe im Hafenbecken. Immer wenn ein Schiff kommt, müssen die Segler im hinteren Teil der Bucht hinter einer „gelben“ Linie liegen. Dadurch wird es recht eng in der Bucht. Eine Crew, deren Boot in der Einfahrt liegt wird von einem Klopfen am Rumpf geweckt und gebeten Platz zu machen. Am Tag nach Aranui kommt ein weiteres Versorgungsschiff und weiterhin ist es kuschelig voll in der Bucht.
Als wir von Land zurückkommen, haben wir einen neuen Nachbar. Das Boot liegt so dicht neben uns, dass die Besitzer schon mal einen Fender rausgehängt haben. Das ist uns zu dicht. Wir bitten sie etwas mehr Abstand zu halten. Sie verlegen sich halbherzig ein paar Meter und düsen dann mit dem Beiboot an Land. Wir sind auf einem anderen Boot zum Sundowner eingeladen und machen uns ebenfalls bei Anbruch der Dunkelheit auf den Weg. Als wir nach einem lustigen Abend zurück an Bord kommen, liegt unser Nachbar nur noch 20 cm von uns entfernt. Der Wind kommt von achtern und sein Heckanker hat nicht gehalten. Die nächsten eineinhalb Stunden verbringen wir damit das Schiff mit dem Boothaken auf Abstand zuhalten. Es ist viel größer und schwerer als Mari und wir bezweifeln, dass unser Anker beide Boote halten würde. Schließlich kehren die Besitzer zurück, bringen ihren Heckanker erneut aus und wir können ruhig schlafen. Am nächsten Tag finden wir eine Flasche Weißwein als Entschuldigung in unserem Cockpit. Wer kann da böse sein? Wir alle sind froh, dass der Wind so schwach blies und beide Schiffe unbeschädigt geblieben sind. In den nächsten Tagen wird kein Schiff erwartet, die Situation am Ankerplatz entspannt sich wieder.

Überall trifft man freundliche Hühner, stolze Hähne und flauschige Küken. Sie erklimmen laut gackernd steile Felsen, picken mit Vorliebe heruntergefallene Mangos an und wuseln beim Abladen der Schiffe zwischen Menschen und Autos herum.
Das tierische Highlight bilden jedoch die Mantas! Schon zweimal waren sie morgens zu sehen. Direkt an der Küste schwimmen sie dicht unter der Oberfläche ihre Kreise und sehen aus wie Ufos aus einer anderen Welt, die das Wasser wie riesige Staubsauger durchpflügen. Elf Tiere konnten wir über Stunden beobachten.
Wir haben eine kleine schöne Wanderung unternommen, die uns vor allem zwischen kleinen Gärten hindurch und entlang der Küste geführt hat. Im Gaugin-Museum sind zwar ausschließlich Kopien ausgestellt, trotzdem ist es interessant. Wann hat man schon Gelegenheit das komplette Werk eines Künstlers zu sehen? Ansonsten widmen wir uns dem regen Sozialleben am Ankerplatz. Picnic, Kaffee trinken oder Sundowner auf verschiedenen Schiffen bzw. an Land in wechselnder Besetzung, außerdem Schnack auf dem Dinghisteg oder ein gemeinsamer Spaziergang zum Einkaufen sorgen für Unterhaltung.
Zwischendurch haben wir uns dem Alltag getreu des Mottos „Langfahrtsegeln ist Hausarbeit an den schönsten Plätzen der Welt“ gewidmet. Es ist wieder einigermaßen sauber und gelüftet bei uns, die Wäsche liegt frisch gewaschen und duftend wieder im Schrank, wir haben eingekauft, Diesel getankt und Maris Rumpf geputzt. Wie bei allen Booten die hier ankommen, war unser Rumpf unglaublich dreckig. Neben einer netten Population Entenmuscheln, gab es einen braunen Schmier und gelbe Flecken. Nun ist sie wieder hübsch, den Feinschliff erledigen wir in einer Bucht mit Badewasser. Hier ist es recht trüb und lädt nicht zum Baden ein. Nobbi war beim Friseur. Eine sehr nette Dame verpasst ihm einen guten Haarschnitt im mit Abstand schönsten Friseursalon unserer Reise. Auch unser Französisch macht Fortschritte, Nobbi unterhält sich mit dem Maschinisten der kleinen Fähre, kann sein Essen auf Französisch bestellen und übersetzt für mich, dass das Mehl, das wir gekauft haben einen anti-Grummel-Effekt hat.
Natürlich waren wir auch bei der Post, um unseren Brief nach Tahiti abzugeben. Der Zoll in Tahiti bekommt unsere Daten zwar elektronisch übermittelt, zusätzlich aber eben per Post und diesen Brief mussten wir selbst bei der Post abgeben. Natürlich haben wir bei dieser Gelegenheit auch Briefmarken für die Postkarte nach Deutschland gekauft, mit der der beste Tipp unserer Ankunftszeit belohnt wird. Die meisten haben auf eine deutliche frühere Ankunft um den 10. Mai getippt, selbst nach Korrektur (wir sind später losgesegelt als geplant) war das doch ein wenig optimistisch. Nicola, meine Mama, lag mit ihrer Vorhersage unserer Ankunftszeit jedoch nur zwei Stunden daneben. Sie bekommt die Postkarte von Hiva Oa.

Angekommen in Hiva Oa

Am Freitagmorgen erreichen wir nach 38 Tagen und 2 Stunden auf See Atuona auf Hiva Oa, einer Insel der polynesischen Marquisas. Die letzte Nacht auf See war ruhig. Bei Wachübergabe um vier berichtet Nobbi, dass er Hiva Oa bereits sieht. Während es langsam heller wird und schließlich die Sonne aufgeht beobachte ich wie die Insel sich langsam aus dem Dunkel schält und Kontur annimmt. Die aufgehende Sonne beleuchtet hohe schroffe Felsen und leuchtend grüne Berghänge.
Wir lassen den Wassermacher laufen bis unsere Tanks ganz voll sind, lösen die Sicherungsleine vom Anker, bereiten den Heckanker vor und bergen die Segel. Die Einfahrt nach Atuona ist nicht schwierig, doch nach so langer Zeit auf hoher See erscheint die Bucht zunächst eng. Zwei Yachten liegen vor der Mole, die anderen Boote liegen weiter drinnen in der Bucht. Es ist nicht überfüllt, aber doch gut belegt. Katherine und Steve von der Gemini Sunset haben uns bereits entdeckt und kommen uns mit dem Beiboot entgegen. Sie helfen uns den Heckanker auszubringen, so ist das Manöver einfach. Wir genießen es angekommen zu sein, bewundern die grünen Berge um uns herum und freuen uns bekannte Gesichter wieder zu treffen. Die Seglerwelt ist klein.
Nachmittags laufen wir in den Ort. Die halbe Stunde Fußweg ist eine gute Gelegenheit Beine und Füße nach so langer Untätigkeit aufzuwecken. Die erste Nacht ohne Nachtwachen schlafen wir ausgezeichnet und fast elf Stunden.
Samstagmorgen machen wir uns auf den Weg zur Gendarmerie um uns anzumelden. Das Schild mit den Öffnungszeiten sorgt hier für Unterhaltung: geöffnet lundi a samedi oder in der englischen Übersetzung Monday to Friday. Es gilt die französische Version, wir füllen eine Seite aus und bekommen nicht mal einen Stempel in den Pass, schließlich sind wir in Europa. Anschließend spazieren wir durch den kleinen Ort, ich streichle alle Pferde die am Wegrand stehen, wir lauschen dem schönen Gesang während des Gottesdienstes, sitzen auf einer Bank am Strand, klettern über einen kleinen Bach und kraxeln auf den Hang auf dem der Friedhof liegt. Vom Friedhof hat man eine fantastische Aussicht über die Bucht und den Ort. Natürlich finden wir auf die Gräber von Jaques Brel und Gauguin, eine der Sehenswürdigkeiten der Insel. Auf dem Rückweg legen wir einen Zwischenstopp beim Supermarkt ein. Nach dem Einkaufen setzen wir uns auf eine Bank vor den Laden und beobachten das Leben. Nächste Zwischenstation ist ein Restaurant, das uns mit Ziege in Kokosmilch und schnellem Internet verwöhnt. Der Tag endet mit einem netten und langen Abend auf dem Nachbarboot aus Berlin. Und wieder schlafen wir ausgezeichnet.

Endspurt

Zum Ende dieser Etappe haelt der Pazifik uns noch einmal richtig auf Trab. Der Dienstag beginnt ruhig. Fast zu ruhig. Wir werden so langsam, dass ich zu rechnen beginne ob wir einen Tag laenger brauchen. Vormittags werden wir stundenlang von Delfinen begleitet, die so dicht am Boot schwimmen, dass es scheint als koenne man sie anfassen. Der erste Teil der Nacht vergeht ruhig, bei Wachuebergabe um vier Uhr wird es ploetzlich ungemuetlich. Ein dicker Schauer schickt uns Boeen, wir rollen das Vorsegel fast ganz weg und verschwinden in der Regenwolke. Nobbi, der Glueckliche, darf in die Koje, ich habe bis viertel nach fuenf wenig Wind und Boeen von ueber 30 Knoten im Wechsel, immer wieder sorgen heftige Schauer fuer Sichtweiten von unter 10 m. Als es hell wird wundere ich mich zunaechst weshalb es im Osten, wo die Sonne aufgehen sollte so dunkel ist, waehrend der Himmel ueber mir langsam heller wird. Schliesslich sehe ich eine gigantische schwarze Wand im Osten hinter uns, und befuerchte, dass es nun wieder ungemuetlich wird. Zum Glueck zieht das meiste vorbei. Der Vormittag bleibt unfreundlich, die See ist aufgewuehlt, immer wieder fordern Boeen unsere Aufmerksamkeit und einige kleine Schauer duschen uns. Ich bin froh, dass ich weite Teile des Vormittags in der Koje verbringen darf. Nachmittags wird es ruhiger, die Sonne kommt raus und bis auf gelegentliche Schubswellen ist das Bordleben wieder komfortabel. Gestern zeigte der Himmel zwar wilde staendig wechselnde Wolkengebilde, starke Schauer und Boeen blieben jedoch aus. Heute Nacht pirschten sich einige dunkle Wolken an und schickten etwas Wind, jedoch war der Spuk immer noch ein paar Minuten vorbei. Gegen Morgen nimmt der Wind dann so stark ab, dass ich wieder befuerchte unsere Reise verlaengert sich um einen Tag. Also rolle ich unsere riesige Genua komplett aus und zupfe an den Segeln bis wir fuenf Knoten laufen. Jetzt ist der Wind wieder da, die Sonne scheint, der Ozean leuchtet tiefblau und kleine flauschige Woelkchen verzieren den Himmel. Man koennte denken es sei hier immer so friedlich.
Wir versuessen uns die letzten Meilen auf dieser langen UEberfahrt mit leckeren UEberraschungen aus den Tiefen unserer Vorraete. Ich habe Hefeteigschnecken mit Maroni-Fuellung gebacken, Tortellini mit Spinat wurde in die Sammlung unserer Lieblingsrezepte aufgenommen und gestern haben wir das letzte Glas Schweinefleisch Tandoori‘ gegessen, da ich vor zwei Jahren im spanischen Lalinea eingekocht habe.
Von Hiva Oa trennen uns noch 90 Meilen, wir haben gute Chancen morgen, also am Freitag, bei Tageslicht anzukommen!

Pazifisches Happy Sailing

Der Pazifik ist leuchtend blau, einige flauschige Cumuluswoelkchen tummeln sich dekorativ am Horizont und die Welle rollt von Suedosten auf uns zu und hebt und senkt sich. Heute Nacht war es recht windig, doch da die Wellen nicht mehr so hoch sind wie in den letzten Tagen, war es nicht ungemuetlich. Nun hat der Wind sich wieder bei 5 Bft eingependelt und Mari segelt gleichmaessig vor sich hin. Noch immer halten wir einen Schnitt von knapp unter sechs Knoten, das ist fuer unser kleines Reiseschiff eine gute Leistung, zumal unser Grosssegel im zweiten Reff steht und wir die Genua nachts grosszuegig reffen.
Nachts hoeren wir haeufig die gleichen Podcasts und tauschen uns dann morgens darueber aus. So war das Thema beim Fruehstueck heute Kuenstliche Intelligenz‘. Nobbi beschaeftigt sich mit der Frage ob ein selbstfahrendes Auto seinem Wunsch einfach mal ins Gruene zu fahren nachkommen wird oder ob es in der Lage waere ein nettes, nicht zu volles Cafim Blockland zu finden. Voll ist es hier draussen sicherlich nicht, immerhin hatten wir heute mal wieder einen Toelpel zu Besuch. Die einzigen anderen Gaeste sind die fliegenden Fische, morgens sammeln wir die winzigen Tiere von Deck, die meisten sind nur 5 cm gross geworden. Tintenfische haben wir schon laenger nicht mehr gefunden, ihre Tintenflecke an Deck erinnern allerdings noch an ihre Besuche.
Die Essensaufnahme bestimmt unseren Tagesrhythmus. Nach dem morgendlichen Kaffeetrinken und der Dusche gibt es meistens Haferflocken oder Muesli. Heute Mittag gab es Schwarzbrot mit Leberwurst, Zwiebeln, Senf und scharfen Gurken. Da gestern Sonntag und somit Schwarzbrottag war haben wir noch ein paar Scheiben uebrig. Die Abendessenfrage ist heute noch nicht geklaert. Vermutlich irgendetwas mit Hackfleisch. Danach gibt es den Sundowner, heute wieder ein Bier. Am Wochenende gibt es Rotwein. Ausnahmsweise ist das Bier heute sogar kalt. Durch den frischen Wind der letzten Nacht waren unsere Batterien schon vor Sonnenaufgang vollgeladen, deshalb lief heute der Kuehlschrank. Nachts gibt es Muesliriegel, Lakritz oder Erdnuesse. Je nach Bedarf.
Neben dem Kochen gehoert Wasserschoepfen zum Duschen zu den anstrengendsten Taetigkeiten. Es ist ganz schoen schweisstreibend den gefuellten Eimer zwischen Badeleiter, Windsteueranlage und Bimini hochzuziehen und sich gleichzeitig festzuhalten. Nobbi hat ein Duschgel, das Ocean Mineral heisst. Was da wohl drin ist? Ein Schubs Seewasser? Ich dusche jeden Morgen mit mindestens drei Eimern Pacific Ocean Mineral und fuehle mich auch ohne Niveas Hilfe ausreichend mineralisiert.
Wir haben nur noch 440 Meilen vor uns und beginnen vorsichtig auszurechnen wann wir auf Hiva Oa ankommen werden. Vermutlich werden wir die Insel im Dunkeln erreichen. Mal sehen ob wir Glueck haben und der Mond die Bucht genuegend ausleuchtet. Freunde von uns sind uns etwa zwei Tage voraus, so ist es schoen zu wissen, dass wir erwartet werden.

Ein kleines Stimmungstief

Dieser Ozean ist riesig. Gestern, unserem 31. Tag auf See, hatten wir ein kleines Stimmungstief. Ich musste es einfach mal aussprechen: Ich wuerde gerne ankommen. Nobbi weiss nichts zu entgegnen, ihm geht es nicht anders. Wer sich hier draussen selber sucht ist hier falsch. Hier ist niemand. Und in den langen Nachtwachen ist man mit sich selbst allein. Besser man mag sich.
Wir segeln inzwischen wieder vor dem Wind, die eingerollte Genua auf der einen, das gereffte Gross auf der anderen Seite. Das Rollen von einer Seite auf die andere ist nervig. Wir sammeln eifrig blaue Flecken. Der Wind ist ziemlich konstant bei 5 Bft, mal etwas weniger, mal etwas mehr. Der Seegang unregelmaessig und ueberraschend steil. Gestern hatten wir alle 10 min eine Gruppe von Wellen ueber 4 m hoch und steil. Mari laesst sich davon nicht beeindrucken und laesst sie unter ihrem Heck durchrauschen. Ursel, unsere Windsteueranlage, steuert souveraen. Haeufig hoert man Windsteueranlagen wuerden vor dem Wind schlecht steuern. Das koennen wir nicht bestaetigen. Ursel steuert auch bei steilen Seen besser als wir das koennten.
Als Nobbi mich um zehn weckt ist er wieder bester Dinge. Er hat im Cockpit eine entspannte Leseposition gefunden und erzaehlt begeistert von seinem Buch. Die Nacht ist schauklig aber angenehm. Ich lese in meinen beiden Nachtwachen, mache etwas Gymnastik zu Sonnenaufgang und beginne mit dem Broetchen backen sobald Nobbi die Augen aufschlaegt. Das Fruehstueck mit frischen Mohnbroetchen mit Butter und Marmelade schmeckt uns sehr und wirkt sich positiv auf die Stimmung aus. Grosse Schwaerme fliegender Fische springen auf beiden Seiten aus dem Wasser. Ihre hellen Baeuche werden von der Sonne angestrahlt und leuchten vor dem tiefblauen Wasser. Das Exemplar, dass wir im Cockpit gefunden haben gehoert zu einer anderen Art, ist es doch komplett schwarz.
Wir fragen uns, ob direkt vor uns eine andere Yacht segelt, die ihren Muell ueber Bord wirft. Immer wieder treffen wir auf Plastikflaschen, die aussehen, als ob sie noch nicht lange schwimmen.
Noch weniger erfreulich war unsere gestrige Begegnung mit einem Floss, das wohl mal zu einer Fischfarm gehoerte. Wir haben es im Abstand von 20 m passiert und es erst gesehen als wir daran vorbei waren. Eine Flosskonstruktion, mit einer langen Bojenleine mit Schwimmern daran, trieb flott nach Westen. Es muss von Suedamerika bereits 2500 Meilen zurueckgelegt haben. Gut, dass wir da nicht drauf gesegelt sind. Reines Glueck.
Jetzt machen wir unsere Wetterbeobachtung, dann lernen wir Franzoesisch-Vokabeln und schon ist Zeit fuer das Abendessen. Heute gibt es Rinderfilet mit Champignons in Sahnesosse und dazu Reis. Essen haelt Leib und Seele zusammen. Zu feiern gibt es auch schon wieder etwas: weniger als 900 Meilen bis zum Ziel und mehr als 15000 Meilen seit Lesum!

28 Tage auf See

Weiterhin kommen wir gut voran. Etmals (also die zurueckgelegte Strecke von Mittagsort zu Mittagsort, also in 24 h) von 130 bis 150 Seemeilen stellen uns zufrieden.
Am Samstag hatte Nobbi Geburtstag und wir haben ausgiebig gefeiert. Die Partygesellschaft war recht uebersichtlich, trotz hohem Seegang gab es natuerlich Kuchen und zum Abendessen Gulasch. Am Sonntag hatten wir eine Verschnaufpause, der Seegang flachte sich ab und auch der Wind liess etwas nach. Ein ruhiger Tag war zur Abwechslung sehr angenehm und langsam waren wir trotzdem nicht. Seit gestern sind wir bei konfusem Seegang wieder schnell unterwegs. Immer wieder schwappen vorwitzige Wellen ins Cockpit oder spritzen ueber Sprayhood und Bimini. Zeitweise ist es recht feucht draussen. Nun kommt der Wind direkt von achtern. Wir haben die Genua an Backbord ausgebaumt, der Gross steht an Steuerbord. Wing-to-wing. Da die Wellen nach wie vor aus unterschiedlichen Richtungen auf uns zu rollen, rollen auch wir froehlich von einer Seite auf die andere. Solange man sitzt oder liegt geht es
Es gab erste Verluste. Bei Nobbis Marisol-Tasse ist der Henkel abgebrochen und mein MP3-Player streikt. Der MP3 Player liegt nun, nachdem wir ihn geoeffnet haben, in Reis. Wir hoffen auf Wunderheilung. Auch Nobbis Kindle hatte ein Nahtoderlebnis nach der Konfrontation mit schwappendem Kaffee. Nobbi hat nicht aufgegeben, ihn immer wieder ein und ausgeschaltet, die Anschluesse mit Luft ausgepustet und siehe da, er lebt wieder. Erschreckt hat uns heute der Wassermacher, der ploetzlich den Dienst quittiert hat. Kurz bevor unsere Tanks voll waren ist er ausgegangen. Zunaechst waren wir erleichtert, dass wir mehr als genug Wasser haben um einigermassen entspannt zu den Marquesas zu kommen. Dann hat Nobbi sich auf die Suche nach dem Fehler gemacht und alle Leitungen durchgemessen. Ich habe das Geschehen nur aus der Koje hinterfragt und kommentiert. Aufgewacht bin ich, als die Pumpe wieder lief. Das Relais ist schuld. Wir haben natuerlich kein Ersatzrelais, bzw. keines was ohne weiteres passt, aber eine manuelle Bedienung ist moeglich.
Nachdem wir in der letzten Woche sehr wenige Tiere gesehen haben, hatten wir heute wieder ausgiebig Delfinbesuch. Eine grosse Gruppe hat uns lange begleitet und erfreut. Auch der Sternhimmel hat uns in den letzten Naechten Freude bereitet. Stundenlang haben wir uns die Sterne mit dem Fernglas angesehen. Selten hat man Gelegenheit die Michstrasse so ausfuehrlich zu bewundern.
1300 Meilen liegen noch vor uns. Das ist etwas die Strecke unserer Atlantikueberquerung von den Kap Verden nach Fernando de Noronha. Trotzdem haben wir das Gefuehl, dass es jetzt gar nicht mehr so weit ist.

Ein Wasserbett

Die letzten Tage sind wir recht flott unterwegs, allerdings ist das Leben an Bord auch anstrengender geworden. Wir haben mehr Wind und hoehere Wellen. Kochen oder Abwaschen sind Leistungssport. Heute ist sehr grau und schwuel- unter Deck ist es sehr warm. Ab und zu kommt eine schwarze Wolke vorbei, bringt Wind aber nur wenig Regen. Immer gerade so viel dass das Cockpit nass ist und man nicht weiss, wo man sitzen soll. Zum Deckwaschen oder fuer eine ausgiebige Dusche reicht das Wasser nicht. Fuer besondere Erheiterung sorgte heute die Lektuere von Jimmy Cornells Segelrouten der Welt. Wir befinden uns gerade am Rande eine Gebietes, in dem der Himmel haeufig bedeckt sein soll und der Schwell konfus, ausserdem soll es hier haeufig flau sein. Die ersten beiden Dinge treffen zu, zum Glueck haben wir jedoch Wind. Ansonsten faenden wir den Hinweis die beste Taktik sei es einfach hindurch zu motoren nicht so lustig. Immerhin umfasst das angesprochene Gebiet mehr als 10 Laengengrade. Der Ratschlag solche Strecken zu motoren ist fuer ein Boot unserer Groesse (und Tankkapazitaet) etwa so hilfreich wie Microsofts Hinweis man solle bei Problemen einen Freund fragen.
Gestern ist eine Welle in einer Boee uebers Deck geschossen. Leider war die Luke uebern Salon auf. Die ganze Zeit haben wir bei jedem noch so kleinen Spruehregen und jeder groesseren Welle die Luke geschlossen. Diesmal haben wir es vergessen. Die Welle hat ihren Weg auf den Tisch, auf dem lauter Buecher lagen, und in unsere Seekoje gefunden. Soll ja sehr luxurioes sein so ein Wasserbett. Ich bin noch nicht ueberzeugt. Inzwischen sind Buecher und Koje getrocknet. Doch der Salzgehalt unter Deck nimmt kontinuierlich zu.
Nobbis Frisur ist richtig gut gelungen. Zunaechst habe ich versucht seine Haare mit der Schere in Form zu bringen, doch wegen der hohen Wellen haben wir auf die Haarschneidemaschine zurueckgegriffen. Ich hatte Angst, dass er ausser seinen Haaren auch ein Ohr verliert. Es ist nicht so einfach sich selbst festzuhalten und gleichzeitig Haare und Schere zu koordinieren. Mindestens eine Hand fehlt.
Die letzten Naechte waren stockdunkel. Wegen der starken Bewoelkung haben wir keine Sterne gesehen und der Mond ist eine ganz schmale Sichel, die erst in den fruehen Morgenstunden auftaucht. Es fuehlt sich an, als segle man im Nichts. Nur kompaktes Schwarz um einen herum. Tagsueber beobachten wir die schnell wechselnden Wolken. Sie ziehen in mindestens zwei verschiedene Richtungen und wechseln staendig Form und Farbe. Im Prinzip finde ich, das Wolken den Himmel erst richtig interessant machen, trotzdem wuerde ich mich ueber einen sonnigen Tag und eine sternklare Nacht freuen.
Wir feiern heute Bergfest. Wir sind 2000 Meilen gesegelt und 2000 Meilen liegen noch vor uns. Zeitlich hoffen wir, dass bereits mehr als die Haelfte der Etappe hinter uns liegt.

Wieder auf der Suedhalbkugel

Der Wind kommt aus Suedost, wir segeln gemuetlich nach Westen. Das Seglerleben kann so schoen sein. Ab und zu schickt eine dunkelgraue Wolke ein paar Minuten Spruehregen. Die Tage vergehen mit essen, lesen, schlafen, Emails schreiben und aufs Wasser gucken.
Und dann passiert doch immer irgendetwas. Fliegende Fische leuchten in der Sonne, Seevoegel umkreisen uns und Delfine springen. Gestern bietet sich uns ein Spektakel der besonderen Art. Mehrere hundert Delfine kreisen Frischschwaerme ein. Die Segelvoegel kreisen darueber und beteiligen sich am grossen Fressen. Wir beobachten die Tiere durchs Fernglas und koennen uns nicht satt sehen.
Und dann gibt es immer wieder Fischer. Nobbi hat eine naechtliche Begegnung der dritten Art, er hoert Stimmen. Fischer in einem offenen Boot schreien und gestikulieren, gerade noch kann er das Netz zwischen Boot und Boje umfahren. Beide Seiten sind gleichermassen erleichtert, dass wir nicht im Netz haengen geblieben sind. Am naechsten Morgen treffen wir auf einer Fischerboot das 12 (!) kleine offene Boote im Schlepp hat. Wir starten den Motor um auszuweichen, weil der Fischer wenig vorhersehbare Schlenker faehrt und ploetzlich auf uns zu faehrt als wir eigentlich schon vorbei sind. Ob da ueberhaupt mal jemand auf dem Fenster guckt? Wir passieren ein weiteres kleines Boot im Abstand von einer knappen Meile, da sehen wir im letzten Moment eine Boje voraus. Zwischen Boje und Boot spannt sich eine Leine ueber der Wasseroberflaeche. Fuer uns ist es zu spaet, wir koennen nicht mehr ausweichen. Eine grosse Welle hebt uns an und schiebt uns ueber das Netz. Nichts passiert! Was fuer ein Glueck.
Wir sind wieder auf der Suedhalbkugel. Am Donnerstag den 25. April um 2100 (Bordzeit) ueberqueren wir zum dritten Mal den AEquator. Neptun laesst uns passieren, merkt aber an, dass Nobbis Frisur grenzwertig wuschelig ist. Deshalb muss er jetzt zum Frisoer. Es gibt nur wenige Frisoersalons hier draussen (wir haben noch keine Frisoerbojen gesehen), deshalb uebernehme ich den Job. Eventuelle Kunstfehler koennen in den naechsten Wochen rauswachsen.