Atlantik-Tag 4

Nach dem Fruehstueck am Samstag geht es schliesslich los. Wir drehen noch eine Runde durchs Feld der Ankerlieger und winken alten und neuen Freunden ?Farewell? . Dann geht es in die Duese zwischen Sao Vicente und San Antao. Die Welle ist kurz und ungemuetlich, der Wind nimmt auf Bft 6 bis 7 zu und wir werden in den offenen Atlantik ausgespuckt. In der Abdeckung der Inseln haben wir zunaechst sehr wenig Wind, doch nach ein paar Stunden setzt der Nordostwind ein.
Die ersten beiden Tage schlagen wir uns so durch, kommen aber ueberraschend gut in unseren Rhythmus. Seit gestern macht die Segelei Spass. Die Tage vergehen schnell mit kochen, essen, duschen, funken, lesen und Wellen angucken. Am ersten Abend hatten wir lange Besuch von einer Delfinschule, die uns ueber zwei Stunden begleitet hat, auch am zweiten Abend wurden wir einige Zeit eskortiert. Gestern kam ein Reiher vorbei, der zu gerne auf der Windsteueranlage gelandet waere. Wir freuen uns wie gut unser Kurzwellenfunk funktioniert. Gestern haben wir mit einer Yacht gesprochen, die 400 Meilen noerdlich der Kap Verden stand und heute freuten wir uns die bekannte Stimme von Federico zu hoeren, der immerhin 1100 Meilen entfernt auf La Palma wohnt. Dank Kurzwelle koennen wir nicht nur grib files (Wetterinformation), sondern auch Wetterfax empfangen und eine Nachricht an unseren Blog schreiben.
Heute haben wir festgestellt, dass eine Kugelschreiberlaenge 300 Meilen auf unserer Atlantikkarte entsprechen. Nobbi macht sich Gedanken ueber die Aequatortaufe und ich sortiere das Obst nach Reifegrad.

Tschau Cabo Verde!

Vor genau fünf Wochen haben wir die Kap Verden erreicht. Mit Sal, Sao Nicolau und Sao Vicente haben wir drei ganz verschiedene Inseln kennengelernt. Für uns hat sich der Aufenthalt gelohnt, nicht nur weil ein Stopp hier eine willkommene Unterbrechung der Atlantiküberquerung darstellt. Das Leben hier ist bunt und fröhlich. Die farbigen Häuser, die schöne Musik und die freundlichen Menschen haben dafür gesorgt, dass wir uns hier sehr wohl gefühlt haben. Insbesondere in den touristisch wenig erschlossenen Orten hatten wir viele nette Begegnungen mit hilfsbereiten Menschen und neugierigen Kindern. Das Motto „No Stress“ passt wunderbar zu unserem Reisetempo. Sicherlich gäbe es noch viel mehr zu sehen. Die Inseln im Süden sollen viel grüner sein. Der Abschied fällt uns nicht leicht, verlassen wir nun immer öfter Orte, zu denen wir vermutlich nicht zurückkehren werden. Doch uns zieht es weiter.
Gestern haben wir die letzten Einkäufe erledigt und unsere Gasflasche gegen eine volle getauscht. Nobbi ist ums Schiff geschwommen und hat den grünen Bart abgekratzt. Heute Vormittag waren wir bei der Polizei und der Immigration und wollten heute Nachmittag eigentlich lossegeln, doch irgendwie waren wir noch nicht ganz fertig. Also haben wir unsere Leinen in der Marina gelöst und uns ins Ankerfeld verholt. Hier haben wir in Ruhe gegessen und Kleinigkeiten erledigt, wie die Vorbereitung des Tagebuchs und Datensicherung, ein paar Nachrichten geschrieben, das Ruder unserer Windsteueranlage angebaut und genießen nun die Ruhe. Als wir geankert haben war es ziemlich windig und wir gar nicht so traurig, dass wir unsere Abreise verschoben haben. Morgen geht es nach einem gemütlichen Frühstück los!

Boa viagem

Diesen hübschen Reisegruß hat uns Mareike geschickt! Ob die Boa viagem eine enge Verwandte der Boa constrictor ist? Während ich darüber nachdenke lerne ich, dass zur Familie der Boas (Riesenschlangen) 13 Gattungen und knapp 60 Arten gehören. Ich habe vor allen Angst, doch die Boa viagem macht einen freundlichen Eindruck.

Was ist grün und tanzt Samba?

Klare Sache. Das Brasilikum. Das ist einer der Lieblingswitze meiner Schwester. Und auch an Bord von Marisol hört man ihn gelegentlich. Im Moment hat das Brasilikum Hochkonjunktur, schließlich wollen wir in seine Heimat. Brasilien ist unser nächstes Ziel.
Zu Brasilien fallen uns Regenwald, Samba, riesige Städte, tropische Früchte und Anakondas ein. Eine wilde Mischung aus Vorfreude, Vorurteilen und Erwartungen. Obwohl wir natürlich einiges gelesen haben, wissen wir immer noch wenig über das riesige Land und freuen uns auf einen ausgiebigen Besuch. Bis vor einigen Tagen lag an unserem Steg eine Yacht mit brasilianischer Flagge. Da habe ich den Skipper natürlich sofort abgefangen und befragt. Er hat uns ein paar Tipps gegeben und uns so begeistert erzählt, dass unsere Vorfreude damit noch einmal sehr gesteigert wurde. Auf unsere Frage wo es am schönsten ist lacht er und empfiehlt uns Bahia als Segelrevier. Das bestärkt uns, genau dort wollen wir hin.
Die Tage hier in Mindelo vergehen schnell. Wir verbringen die Zeit mit kleinen Reisevorbereitungen. Das Schiff wurde innen und außen mit reichlich Süßwasser geputzt, die Wäsche liegt nach ihrem Ausflug in die Wäscherei wieder duftend in den Schränken und die Kontrollen von Motor, Stopfbuchse und Rigg sind zum Glück unspektakulär. Die Nahrungsmittel wurden reisefertig gestaut. Unkomplizierte Lebensmittel sind nun leicht zu erreichen, damit wir bei viel Seegang keine sportlichen Höchstleistungen vollbringen müssen um an Essbares zu kommen. Viele Leckereien sind aus den unterschiedlichen Schapps aufgetaucht, es sieht aus als könnte es eine Schlemmerüberfahrt werden. Heute habe ich Müsliriegel gebacken, Nobbis Lieblingssnack während der Nachtwachen.
Nördlich vom Hafen gibt es einen schönen Strand, den wir gerne als Ziel für kleine Spaziergänge nutzen. Der Markt lockt mit buntem Obst und Gemüse, da macht das Einkaufen Spaß. Und irgendwas gibt es immer zusehen. Eine Gruppe Soldaten joggt singend am Hafen entlang und am Fischmarkt gibt es jeden Morgen einen Menschenauflauf. Es gibt einen Laden, der Kunst von den Kap Verden verkauft, dort gibt es lauter schöne Dinge zu entdecken. In der Galerie wollten wir uns eigentlich nur die Fotographien ansehen und kommen mit einem großen Paket unter dem Arm wieder raus. Die Bilder sind nun sorgfältig verpackt und sollen später unsere Wohnung verschönern. Sonntagmorgen hörten wir Musik und sahen lauter fröhliche Menschen in pinken T-Shirts. Wir folgten dem Zug, lernten neue Teile der Stadt kennen, wie zum Beispiel die Uni, und erfuhren, dass es sich um einem Lauf gegen Krebs handelt. Also eigentlich genau wie an einem Sonntag in Frankfurt.
Anders als auf den anderen Kap-Verden-Inseln treffen wir hier wieder viele deutschsprechende Segler. Gelegentlich trifft man sich in der Floating Bar. Viele der Segler, die wir hier treffen zieht es auch nach Brasilien. Einige, so wie wir, wollen schon bald starten, andere planen zuvor einen Abstecher zum afrikanischen Kontinent oder einen längeren Aufenthalt auf den Kap Verden.
Unsere ToDo-Liste ist so kurz, dass wir schon mit eineinhalb Augen auf den Wetterbericht schielen. Eigentlich kann es losgehen.

Ungeplante Ankunft in Mindelo

Dienstagmorgen wird es Zeit Tarrafal und Sao Nicolau zu verlassen. Nach dem Frühstück gehen wir Anker auf. Im Windschatten der Insel ist es heiß und flau. Als wir den Windschatten der Insel verlassen nimmt der Wind innerhalb weniger Meter von 3 auf 30 Knoten zu. Wir kennen das von den Kanaren und haben unser Groß nur im zweiten Reff gesetzt. Immer wieder wirft uns der Wind Gischt an Deck. Ich steuere von Hand und werde immer wieder mit Salzwasser besprüht. Da es schön warm ist und ich zur Schwimmweste nur einen Bikini trage ist das nicht so schlimm, doch abends werde ich mich wie ein Salzstreuer fühlen. Nobbi reicht mir ab und zu das Handtuch, damit ich mir das Salzwasser aus den Augen wischen kann.
Wir segeln an den beiden unbewohnten Inseln Ilheu Razo und IlheU Branco (die „weisse“ wegen der Sanddünen) entlang und erreichen nach ungefähr 25 Meilen Santa Luzia. Auch Santa Luzia ist unbewohnt, hat einen gigantischen Sandstrand und ist bekannt für seinen Fischreichtum. Hier wollen wir Ankern und Schnorcheln. Es soll Schildkröten geben. Doch manchmal kommt es eben anders. Eine stattliche Welle bricht sich an dem langen weißen Strand, der Wind der inzwischen eigentlich etwas abgenommen hat, schickt immer wieder Böen Windstärke 7 über den anvisierten Ankerplatz. Es ist gelinge gesagt ungemütlich. Wir sind enttäuscht, aber entscheiden uns die Nacht hier nicht zu verbringen, sondern nach Sao Vicente weiter zu segeln. Die Bucht von Mindelo wollten wir eigentlich auf keinen Fall im Dunkeln anlaufen, steht in der Seekarte doch die Warnung vor „Various ships in different states of disrepair“, eine hübsche Umschreibung für unbeleuchtete Wracks. Wenn wir uns jetzt sofort entscheiden weiter zu segeln, könnten wir es vielleicht mit dem letzten Licht in die Bucht schaffen. Diese Hoffnung begraben wir wenig später im Kanal zwischen den Inseln Santa Luzia und Sao Vicente. Wir haben tüchtig Gegenstrom und machen weniger als 2,5 Knoten. Das ist frustrierend und langwierig, aber nicht zu ändern. Zeit für Käsebrote. Das macht nicht schneller, aber satt sind wir genügsamer. Die schroffe Küste Sao Vicentes bildet im Gegenlicht eine tolle Kulisse, kommt nur leider so langsam näher. Als wir die Nordküste erreicht haben, geht die Sonne unter und der Gegenstrom nimmt ab. Als wir Sao Vicente runden und in den Kanal zwischen Sao Vicente und Santo Antao einfahren, haben wir den Strom, der uns eben noch geärgert hat von achtern und werden nun mit bis zu 8 kn voran geschoben. Wir haben Glück, wenig später kentert der Strom, wären wir ein wenig langsamer gewesen hätten wir in beiden Kanälen Gegenstrom gehabt. Inzwischen ist es dunkel und wir tasten uns langsam in die Bucht von Mindelo. Hier ist allerhand Schiffsverkehr, einige große Schiffe liegen vor Anker, ein gänzlich unbeleuchteter Fischer quert unseren Weg. Letztlich ist die Einfahrt einfacher als befürchtet. Wir erreichen das Ankerfeld, das gar nicht so voll ist und tuckern ganz langsam mit eineinhalb Knoten Fahrt zwischen den anderen Yachten hindurch. Wir wollen nicht zu nah am Fähranleger liegen und auch nicht über eins der Wracks fahren. Natürlich sind nicht alle Yachten beleuchtet, aber als die Augen sich erst an das wenige Licht gewöhnt haben, finden wir uns gut zurecht. Wir finden einen schönen Platz mitten im Ankerfeld zwischen den anderen Yachten und ankern auf 5 m Wassertiefe. Unsere Ankunft und das gelungene Manöver feiern wir mit einem leckeren Gulasch mit Paprika.
Am nächsten Morgen schauen wir uns erst mal um. Wenn man im Dunkeln angekommen ist, ist es immer spannend wie es im hellen aussieht. Eines der in der Seekarte verzeichneten Wracks ist ein auf der Seite liegender Frachter, im hinteren Teil der Bucht finden sich noch weitere Exemplare deren gute Zeiten lange vorbei sind. Außerdem entdecken wir viele Yachten, die wir bereits in anderen Häfen getroffen haben.
Nach dem Frühstück verholen in die Marina. Wir bekommen einen schönen Liegeplatz. Die ganze Steganlage bewegt sich etwas. Man muss den richtigen Moment abpassen um aufs Schiff, oder noch schlimmer, vom Schiff zu springen. Eine große Schildkröte taucht hinter dem Boot auf und versöhnt uns mit dem verpassten Stopp Santa Luzia. Nachmittags melden wir uns bei der Policia Maritima an und machen einen ersten Spaziergang durch die Stadt. Das Abendessen gibt es in der Floating Bar an der Marina. Wir haben eine Menge Schlechtes über Mindelo und die Marina gehört. Irgendwie ist es wie immer. Nichts davon stimmt. Uns gefällt es hier, die Marina genauso wie die Stadt.
Der Tag heute begann mit einem Highlight. Wir haben geduscht. Nach fünf Wochen gab es eine ausgiebige Süßwasserdusche. Ehemalige Kollegen wissen, dass ich ausgesprochen gerne Dusche. Sie kennen diese Sätze, die mit „heute Morgen unter der Dusche habe ich darüber nachgedacht, wir sollten…“ beginnen. An Bord ist Süßwasser ein kostbares Gut, natürlich duschen wir uns ab und zu mit Frischwasser ab, doch eine ausgiebige Dusche inklusive Haarspülung ist absoluter Luxus.
Den Rest des Tages haben wir kleinen Aufgaben wie Dieselkanister betanken, Handwäsche waschen und Bilgen putzen gewidmet. Im Café de Mar gab es ausgesprochenen leckeren Thunfisch zum Mittagessen. Als Sundowner gab es einen Caipi in der Floating Bar im Kreise der internationalen Seglerschar. Nicht schlecht dieses Leben.

Entschleunigung oder ein Polizeibesuch in Tarrafal

Wir wollen weitersegeln und müssen deshalb zur Polizei und unsere Schiffspapiere abholen, außerdem wollen wir einkaufen und irgendwo lecker Mittagsessen. Wir rudern mit Donkey an Land und sehen einen Fischadler, der erst über der Bucht kreist und dann einen Fisch fängt. Beeindruckend und unerwartet.
Zunächst gehen wir zur Polizei. Wir erklären was wir wollen und bekommen Stühle gebracht. Wir warten. Zwei Polizisten diskutieren, rufen ihren Chef an, „welches Schiff?“, nochmal telefonieren. Nach knapp zwanzig Minuten erfahren wir, dass wir in einer Stunde wiederkommen sollen, dann ist der Chef da. Eigentlich könnten wir die Zeit nutzen Essen zu gehen, doch wir sind noch gar nicht hungrig und beim letzten Mal brauchten wir deutlich länger als eine Stunde. Da hatten wir Pizza bestellt und eine halbe Stunde (!) nach unserer Bestellung läuft die Kellnerin zum Supermarkt um die Ecke und kauft Mehl. Kein Scherz. Die Pizza war dann sehr lecker. Also trinken wir eine Fanta auf einer schattigen Terrasse. Hier treffen wir auch den jungen Mann der uns versichert hatte wir bräuchten uns keine Sorgen um unser Beiboot machen, schließlich würde er persönlich darauf aufpassen. Das Einkaufen macht Spaß. Die Versorgungslage in Tarrafal ist ausgezeichnet, es gibt mehrere Supermärkte. Es gibt alles was wir brauchen und wir staunen was für Produkte es ins kapverdische Supermarktregal schaffen. Zum Beispiel gibt es dänisches Buttergebäck, diese in der runden Blechdose, wo die kleinen Keksstapel in diesem weißen Papier sind. Mit unseren Einkäufen geht es zurück zur Polizei. Wieder bekommen wir die Wartestühle. Nach einigem hin und her stellt sich raus, dass der Chef heute woanders zu tun hat. Nur er hat den Schlüssel zu dem Schrank in dem unsere Papiere eingeschlossen sind. Wir sollen in drei Stunden wiederkommen. Jetzt haben wir Zeit fürs Mittagessen. Wir gehen diesmal in das kleine Restaurant am Hafen und bestellen das Gericht des Tages, auch wenn wir nicht verstehen was das ist. Es gibt Fischfilet mit Reis, Pommes und Bohnen. Die Bohnen holt die Kellnerin noch schnell aus dem Supermarkt an der Hauptstraße… Das Essen kommt schnell und der Fisch ist sehr lecker. Jetzt haben wir noch über zwei Stunden Zeit. Nobbi bringt die Einkäufe zum Boot, ich spaziere am Strand entlang. Anschließend machen wir einen Spaziergang entlang der Bucht, wo Frauen und Kinder Steine sammeln und zu Haufen aufschütten. Beliebt ist die Größe zwei bis fünf Zentimeter Durchmesser. Anscheinend werden sie zum Bauen verwendet, vielleicht für Beton? Pünktlich nach drei Stunden sind wir wieder bei der Polizei. Der Chef ist eingetroffen, wir bekommen unsere Schiffspapiere und das Papier für die Weiterreise. Das Ganze dauert zwei Minuten und schon sind wir fertig.
Wir haben Donkey bereits wieder zusammengefaltet und an den Seezaun gebunden. Morgenfrüh kann es gleich nach dem Frühstück los gehen.

Ein harter Tag für Donkey

Gestern war nicht unser Tag. Eigentlich begann es schon Vorgestern Nachmittag. Da kam Wind auf als wir nachmittags von Land zurück zum Boot ruderten. Am frühen Abend hatten wir Böen zunächst Stärke 6 bis 7, schließlich 8. Immerhin kam der Wind mehr oder weniger aus einer Richtung, doch gemütlich ist was anderes. Der Wind um diese vulkanischen Inseln mit ihren Schluchten ist schwer vorhersagbar und mitunter sehr unangenehm. Das kennen wir schon von den Kanaren. Kurz vor Mitternacht ist der Spuk vorbei und wir haben eine ruhige Nacht.
Am nächsten Morgen beschließen wir einen kleinen Ausflug zu einem nur wenige Meilen südlich gelegene Strand zu machen. Der Wassermacher läuft und wir tüddeln gemütlich die Küste entlang, als wir plötzlich sehr dicht von einer anderen Yacht überholt werden. Unser Nachbar hat anscheinend das gleiche Ziel wie wir. Er fährt ein Ankermanöver was man wertfrei als „freestyle“ bezeichnen könnte und schmeißt erst mal 60 m Kette weg. Wir ankern nun auch.
Kurz darauf nimmt der Wind zu und fegt durch die Bucht. Die Anker der anderen Yacht slippt und sie kommen uns gefährlich nahe. Uns reicht es, wir gehen Anker auf und verlegen uns dichter ans Ufer und deutlich außer Reichweite des slippenden Ankers. Donkey wird von einer Böe erfasst und auf dem Kopf gedreht. Als unser Anker sich gut eingegraben hat, drehen wir Donkey wieder um und schöpfen ihn leer. Inzwischen erreichen die Böen 7 Windstärken und kommen mal von der einen, mal von der anderen Seite, so dass die Boote um ihre Anker herumtanzen. Unser Anker hält, aber unseren Badeausflug hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt. Dabei ist der Strand toll. Heller Sand und türkisenes Wasser, Basaltsäulen und kleine Höhlen bilden eine tolle Kulisse. Wir Schnorcheln ein wenig und freuen uns über das klare Wasser.
Schließlich entscheiden wir, dass wir nicht über Nacht hier bleiben wollen, sondern lieber wieder zu unserem alten Platz wechseln. Als wir Ankerauf gehen, sehe ich wie Nobbi das Relais der Ankerwinsch mit der Schraubenzieher überreden muss. Kaum ist der Anker an Bord, dreht der Wind Donkey wieder um. Während ich noch überlege, ob ein Schlauchboot jetzt besser wäre, kentert das Schlauchboot unsers Nachbarn samt Außenborder. Uns gelingt es Donkey zurückzudrehen und leer zu machen, leider nur kurz. Dann laufen die Wellen von hinten in unser kleines Boot. Wir versuchen Donkeys Zustand durch Verlängern der Schleppleine zu verbessern, doch es bringt nichts, wir müssen ihn aus dem Wasser holen. Ich sehe, dass sich einer der Pins, die die Sitzbank halten gelöst hat und habe Angst, dass wir gerade dabei sind unser geliebtes Beiboot kaputt zu machen. Inzwischen haben wir 7 Windstärken. Wir drehen bei, Donkey ist mittlerweile komplett vollgelaufen, aber zum Glück unsinkbar. Zu zweit schaffen wir es ihn aufs Vorschiff zu ziehen und dort anzubinden.
Gegen Wind und Strom machen wir nur 2,5 Knoten Fahrt. Na Prima. Der Blick auf die Insel ist fantastisch, doch die Muße ihn zu genießen gering. Der große Vulkankegel wacht über die Sao Nicolau und im Süden sieht man einen großen Krater. Die östlicheren Berge der Insel sind deutlich grüner als die westlichen. In der Abendsonne sehen wir auch zwei hoch gelegene Dörfer, die wir von unseren Ankerplatz hier nicht sehen können. Als wir uns Tarrafal nähern nimmt der Wind ab, wir sind wieder schneller und erreichen unseren Ankerplatz, an dem es fast windstill ist. Wir ankern wieder am alten Platz. Donkey kommt wieder ins Wasser. Wir haben zwei der Pins verloren mit denen die Bänke gesichert werden. Wir sind froh, dass wir nicht die Sitzbänke eingebüßt haben und nichts kaputt gegangen ist. Für einen Tag haben wir genug gelernt, wir kommen sicher nicht sobald wieder auf die Idee das Boot „mal eben“ hinterherzuziehen.
Heute Nacht um drei wachen wir bei absoluter Windstille auf, das Boot rollt leicht im Schwell hin und her, der Sternenhimmel ist grandios. Die einzig andere (bewohnte) Yacht die hier ankerte läuft aus (nachts um drei!). Jetzt liegt hier nur noch ein Dauerlieger (mutiger Platz, quasi mitten im Atlantik) und wir. Ich sehe eine ungewöhnlich helle Sternschnuppe und beschließe wieder in die Koje zu kriechen.
Heute lassen wir es gemütlich angehen. Wir können ohnehin nicht auschecken, es ist Sonntag. Da würde der Polizeichef nur ins Büro kommen, wenn es nicht anders geht. Es geht anders, wir haben ja Zeit. Der Aprikosenstreuselkuchen ist gerade fertig und ich habe heute bisher auch erst einmal gebadet.

Umzug nach São Nicolau

Als ich Montagmorgen bade treibt ein Plastikbecher vorbei. Eigentlich verwunderlich, dass ich zuvor noch keine Kollision mit Plastikmüll hatte. Im Ort, also in Palmeira, ist es relativ sauber und das Stadtzentrum von Espargos ist sogar auffallend sauber. Leider gilt das nicht für die Umgebung. Auf der Suche nach einem Müllcontainer werden wir nach Norden an den Ortsrand geschickt und finden den Container nicht, bis uns ein kleiner Junge hinbringt. Die ganze Fläche zwischen dem Hafengelände und den Häusern ist voll mit Müll, in der Mitte der Fläche stehen in einem Verschlag drei Container, zwei davon sind umgekippt. Am Strand treiben einige Plastikbecher im flachen Wasser herum und überall liegen Bierflaschen bzw. deren Scherben. Die Farbdosen, mit deren Inhalt die Fischerboote aufgehübscht wurden, bleiben einfach am Strand liegen. Uns macht das traurig, wir gehen nicht barfuß aus Angst vor den Scherben, doch es ist der Strand an dem sich die Jugend zum Fußballspielen trifft, die Kinder schwimmen lernen, Familien picknicken und alle baden.
Wir paddeln an Land und gehen zur Polizei. Da wir weitersegeln wollen holen wir unsere Schiffspapiere ab und bekommen ein Papier (Clearance), das unseren nächsten Hafen angibt und gestempelt wird. Nach einem Abstecher in den Supermarkt essen wir in einem Restaurant gegrillten Thunfisch. Den Nachmittag verbringen wir damit, alles für die Weiterreise vorzubereiten, Donkey wird wieder an den Seezaun gebunden, alle Fenster werden verschlossen, die Seekoje vorbereitet und alle potentiellen Flugobjekte unter Deck gesichert.
Über Nacht segeln wir nach Westen zur Insel São Nicolau. Eigentlich haben wir eine super Nachtfahrt. Das Wetter ist gut und wir segeln flott durch die Nacht. Trotzdem sind wir ziemlich müde, als wir morgens die Südspitze der Insel erreichen. Die erste Nacht auf See ist immer besonders unruhig und der letzte Tag auf Palmeira war auch zu anstrengend, zumal er sehr früh begonnen hatte. Ein Schwarm Fische musste lautstark im Morgengrauen von den jugendlichen Fischern unter unserem Boot gefangen werden. Pünktlich zu Sonnenuntergag bekommen wir Besuch von einer großen Schule Delfine, die uns lange begleitet. Während der Nachtfahrt freue ich mich mal wieder über das AIS: „Sehen und gesehen werden“. Ein Tanker mit Ziel Las Palmas taucht auf dem Display auf und noch bevor ich seine Lichter erkennen kann, sehe ich, dass auch ich auf seinem Display aufgetaucht bin, denn er ändert seinen Kurs um 30 Grad und fährt zweieinhalb Meilen hinter mir durch. Sehr angenehm so ein komfortabler Sicherheitsabstand. Bei Sonnenaufgang ist es sehr diesig, so dass wir leider nicht viel von São Nicolaus Bergen sehen. Im Gegensatz zum flachen Sal ist São Nicolau bis zu 1300 m hoch und erinnert uns an La Gomera.
Unser Anker fällt vor Tarrafal, auch hier müssen wir uns bei der Polizei anmelden. Unsere Ankerwinsch fällt aus, so dass wir manuell ankern müssen. Das bedeutet vor allem, dass wir ungern ein zweiten Versuchen machen wollen, weil wir den Anker per Hand auf holen müssten und hier ist es recht tief, 10 bis 12 m. Bei unserer Ankerwinsch war nur die Sicherung durchgebrannt und nachdem Nobbi sich für kurze Zeit im Schrank verknotet hatte schnurrte sie wieder. Am Tag zuvor, als Nobbi den Anker aufholte wollte unsere Ankerwinsch nicht abschalten und bis ich unter Deck war und den Strom abgestellt hatte, hatte die Sicherung ihre Aufgabe bereits erfüllt.
Das Anmelden übernahm Nobbi diesmal allein, ich hatte starke Kopfschmerzen und habe Mari bewacht. Während der Fallböen, die sich hier gelegentlich von den Hängen stürzen, wollten wir sicher sein, dass der Anker hält. Die Nacht ist ruhig und wir schlafen fast elf Stunden.
Beim Morgenbad treffe ich einen 1 m langen Fisch unter dem Boot, wir erschrecken beide. Das Wasser ist klar und tiefblau. Wir hatten gelesen, dass der Strand am Hafen so dreckig sei, dass vom Baden abgeraten wird. Tatsächlich ist es an Land auffallend sauber. Am Strand liegen ein paar tote Fische, kein Müll, die Straßen sind pikobello und es gibt mehrere kleine, bepflanzte Plätze. Schön, dass es sich die Situation hier anscheinend verbessert hat.

Tarrafal ist eine kleine Stadt mit kopfsteingepflasterten Straßen, vielen Straßenpalmen, kleinen Geschäften, netten Restaurants und zwei Stränden mit feinem schwarzen Lavasand. Auch hier sind die Häuser wieder buntbemalt, es gibt auffallend viele Neubauten und viele Baustellen. Wir bummeln durch die kleine Stadt, schauen in die Kirche und essen auf der Terrasse eines netten Restaurants. Bei 33 Grad versuchen wir uns nicht zu schnell zu bewegen und einen schattigen Platz zu suchen. Nach einem Spaziergang entlang der Bucht geht es wieder zurück zu Mari.
Eigentlich wollten wir hier nur kurz Stoppen, doch es gefällt uns und dann gibt es da noch diese Ankerbucht ein paar Meilen südlich, von der unsere Nachbarn schwärmen. Die Rede ist von weißem Sand, vielen Fischen und klarem Wasser. Hört sich an, als müssten wir dort hin.

Ein lustiger Frisörbesuch

Am Mittwoch machten wir uns noch einmal auf den Weg nach Espargos, ein Frisörbesuch stand auf dem Programm. Nobbis letzter Haarschnitt bei Rita auf Gomera war schon ziemlich lange her und es wurde Zeit wieder etwas Fell zu verlieren. Außerdem ist so ein Frisörbesuch ja immer eine tolle Gelegenheit Land und Leute kennenzulernen. Und für mich auch sehr entspannt, da es ja um Nobbis Kopf ging.
Beim Frisör war sehr voll, also sind wir zunächst durch den Ort geschlendert, waren in einem Supermarkt obwohl wir nichts brauchten und sind dann zurückgekehrt. Mittels Zeichensprache erklärte Nobbi, dass er einen Haarschnitt braucht. Als er dann gefragt wurde ob portuguese oder kriouli Style war er doch nicht so mutig und hat den portugiesischen Haarschnitt gewählt. Sonst hätte er jetzt vielleicht auch ein Muster im Nacken rasiert, genau wie seine Nachbarin im Frisörsalon. Über den Spiegeln hingen aus Zeitschriften ausgeschnittene Bilder von denen man sich die Wunschfrisur aussuchen konnte. Dafür, wie scheinbar planlos der Frisör auf seinem Kopf herum geschnibbelt hat, ist das Ergebnis ganz gut ausgefallen. Dazu beigetragen hat sicher auch der Programmwechsel im Fernsehen. Zunächst griff eine Gruppe Vampire einen Zug an, anscheinend sehr spannend. Die Frisöre schauten mehr auf den Fernseher als auf ihre Kunden. Der kleine Junge hinter Nobbi bekam so sehr kurze Haare und war damit nicht glücklich. Dann folgte eine Paartherapiesendung, bei der der Zuschauer per What‘s App Fragen stellen oder Empfehlungen abgegeben kann. Grausam. Aber da es nicht so spannend war bekamen die Köpfe der Kunden nun mehr Aufmerksamkeit. Nachdem wir die abgefahrene Frisur von Nobbis Nachbarin bestaunt und gelobt hatten, legten wir eine Pause im Café in der Fußgängerzone ein, bevor es wieder zurück nach Palmeira ging.
Donnerstag, also gestern, wollten wir eigentlich weitersegeln und hatten schon alles vorbereitet. Doch dann erwachte ich mit starken Kopfschmerzen, deshalb verschoben wir unsere Abreise. Eine gute Entscheidung, mir ging es im Laufe des Tages eher schlechter als besser und auch Nobbi hat es wieder erwischt. Heute sieht die Welt schon wieder besser aus, wir werden uns übers Wochenende auskurieren und Montag einen neuen Versuch starten.

Sonntags in Palmeira und ein Besuch in Espargo

Der Wind hat nachgelassen, die Yachten schaukeln sanft in der dunklen Bucht und der warme, weiche Wind trägt die Musik von Land über die Bucht. Mit der Musik wehen das Lachen der Menschen, ihre Wünsche und Sehnsüchte aufs Meer. Ein traumhafter Abend, einer zum Festhalten und Erinnern.
Sonntags gehört Palmeira den Einheimischen, es kommen keine Urlauber auf Sightseeingtour und deshalb auch keine fliegenden Händler. Zwar haben einige Geschäfte geöffnet, trotzdem ist es insgesamt viel ruhiger. Nachmittags trifft man sich am Strand, die jungen Männer spielen Fußball, die Frauen quatschen im Schatten der Bäume, Väter bringen ihren Kindern das Schwimmen bei, Teenies schießen Handyfotos, vor der Bar wird mit reichlich Publikum das Bohnenspiel gespielt und überall wird gepicknickt. Wenn es dunkel wird beginnt die live Musik auf dem zentralen Platz. Die Musik ist fröhlich, abwechslungsreich und manchmal ein wenig melancholisch.
Ganz anders ist die Stimmung Montagmorgen. Die allgemeine Geschäftigkeit ist zurück. Touristengruppen springen aus Pickups und die Souvenirverkäufer warten schon, auf der Fischerpier werden Thunfische und Bonitos ausgenommen und junge Frauen verkaufen Sandwiches. Wir wollen nach Espargo, den Hauptort der Insel. Kaum erreichen wir die Hauptstraße stoppt ein Kleinbus „Espargo?“, wir springen rein, der Bus fährt noch eine Runde durch den Ort um weitere Fahrgäste zu akquirieren und schon geht es los. Nach wenigen Minuten sind wir da. Wir haben keine Pläne und flauschen einfach den Ort ab (etwas abflauschen: Bordsprache Marisol für etwas anschauen oder durchsehen, nicht nur Orte, auch Bücher können abgeflauscht werden). Die Fußgängerzone ist ansprechend gepflastert, im Stadtzentrum sind mehrere Kirchen und noch mehr Kindergärten, es gibt Geschäftsviertel mit Banken, Versicherungen und Geschäften aller Art. Der Baumarkt führt hauptsächlich Farben, das wundert uns nicht, schließlich sind die meisten Häuser bunt. Richtig bunt, leuchtend gelb, blau, grün, mint oder pink. Mir hat besonders das Bankgebäude in lila und grün gefallen. Wir suchen uns ein nettes Café und „gucken Leute“. Ob wohl wir im Schatten eines Baumes sitzen bekommen wir noch einen Sonnenschirm aufgespannt. Die Schule ist gerade zu Ende, auch hier lieben kleine Mädchen rosa und große Mädchen sind genervt, wenn sie die kleinen Brüder abholen sollen. Wir machen einen Abstecher in einen recht gut sortierten Supermarkt. Eigentlich brauchen wir nichts, also decken wir uns mit verschiedenen Sorten kapverdischem Kaffee ein, den wir dann demnächst verkosten werden. Mangos und Papaya kaufen wir auf der Straße direkt aus der Schubkarre.
Die Rückfahrt erfolgt ebenso unkompliziert wie die Hinfahrt, gerade als wir die Straße erreichen, in der die Busse nach Palmeira abfahren, steckt der Fahrer eines pinken Busses den Kopf aus dem Fester. Ob wir mit wollen? Wir sind die Fahrgäste Nummer 11 und 12. Hier wird das Potential eines Kleinbusses richtig ausgeschöpft. Die Busfahrt kostet 50 Cent, eine überschaubare Investition.
Auf dem Weg zum Hafen stranden wir in einem Restaurant. Es gibt heute Thunfisch vom Grill. Sehr lecker. Zurück an Bord müssen die Einkäufe verstaut werden. Doch hier darf nichts einfach so unter Deck wandern, erst müssen alle Verpackungen entfernt werden und das Obst wird gründlich gewaschen. Tatsächlich finden sich in der Pappverpackung eines Joghurts Kakerlakeneier und an den Bierdosen unsympathische Larven. Die Kakerlakenvorsichtsmaßnahmen gelten nicht erst seit Erreichen der Kap Verden, auf den Kanaren haben wir diese unwillkommenen potentiellen Mitbewohner überall getroffen, zum Beispiel in Santa Cruz in den Waschräumen, in San Sebastián im Strandcafé und in Tazacorte auf der Pier. Hier haben wir noch keine gesehen, aber ich bin sicher sie warten irgendwo versteckt aufs Boarding.
Nach dem letzten ausgiebigen Bad des Tages lassen wir die Sonne mit einem Gin Tonic untergehen.