Zwischen den Jahren in Salvador

Die Tage zwischen den Jahren vergingen schnell. Am 26. wechselten wir den Liegeplatz und verholten von der Bahia Marina zum Terminal Nautico. Der neue Liegeplatz ist deutlich günstiger, aber auch wesentlich unruhiger. Das Beste an diesem Platz ist der Kokosnusstand gleich auf der anderen Seite der Straße. Zunächst lagen wir hier nur in Gesellschaft eines Engländers und unbewohnter brasilianischer Boote, doch in den letzten Tagen trafen immer mehr Langfahrer ein. Wir trafen Freunde wieder und lernten interessante Menschen mit spannenden Geschichten kennen. Emma aus Schweden gehört zur seltenen Spezies der Einhandseglerinnen und träumt von langen Etappen auf dem Südatlantik, auf http://www.emmasailing.com berichtet sie von ihrer Reise. Ricardo segelt eine schnelle Rennschüssel und ist auf Pilgersegeltour. Zum 100. Jahrestag einer Marienerscheinung in Portugal und dem 300. Jahrestag einer Marienerscheinung in Salvador hat er eine Marienstatue von Fatima in Portugal nach Salvador gebracht. Die meisten, die hier Station machen sind auf dem Weg nach Süden, einige wollen nach Südafrika, andere nach Argentinien oder gar in die Antarktis. Auf dem Steg trifft man immer jemanden zum Quatschen und an Bord einer polnischen Yacht trinken wir einen der besten Caipirinhas überhaupt.
Wir legten einen Arbeitstag ein, die Kühlwasserpumpe vom Motor leckte und an unserer Sprayhood lösen sich die Nähte auf, also schwitzte Nobbi im Motorraum, während ich am Deck genäht habe. Die sich auflösenden Nähte werden uns weiterhin auf Trab halten, die tropfende Pumpe gehört hoffentlich der Vergangenheit an.
Das Forte Santo Antonio, das Fort am Eingang zur Bucht Todos os Santos gefiel uns schon bei der Einfahrt nach Salvador. Auf dem Fort steht ein Leuchtturm, darin ist ein maritimes Museum untergebracht. Der Besuch hat sich gelohnt. Das Fort gibt es seit Ende des 16. Jahrhunderts. 1668 lief die Sacramento am Eingang zur Bucht auf und sank, an Bord war der zukünftige Gouverneur. Dieser Unfall beschleunigte den Bau eines Leuchtturms, der als der erste Südamerikas gilt. Der heutige Leuchtturm wurde 1839 erbaut, die Linse und die Mechanik sind noch immer in Betrieb und die Kennung ist unverändert weiß – weiß – rot. Vom Leuchtturm hat man einen tollen Blick über den Eingang zur Bucht und die Strände. Nach dem Museumsbesuch liefen wir die Strandpromenade entlang und schauten auf die extrem vollen Strände, mussten unseren Spaziergang aber auf Grund der Hitze etwas abkürzen. Es war einfach zu heiß in der Sonne.
Den Busfahrplan haben wir bisher nicht verstanden, wir fragen einfach an jedem Bus, ob der zu unserem Ziel fährt und sind immer angekommen. Für Verwirrung sorgte der Fahrer, der uns zwar sagt er führe zum Shopping Center uns aber nach hinten winkte. Bis wir verstanden hatten, dass wir hinten einsteigen sollen, weil der Kassierer hinten sitzt hat es etwas gedauert. Nun dachten wir, wir müssten in allen gelben Bussen hinten einsteigen, in den grünen vorne. Einen Tag später lernten wir, dass es auch gelbe Busse gibt, bei denen man vorne einsteigt. Es bleibt spannend.
Wir wollten das Jahr nicht zu Ende gehen lassen ohne den Kopf unter Wasser zu stecken und buchten einen Ausflug mit der Tauchbasis hier im Hafen. Um an unser Tauchzeug zu kommen mussten wir die Achterkammer einmal komplett ausräumen und so unser Schiff ins Chaos stürzen. Das Tauchen hat Spaß gemacht. Der erste Tauchgang war das totale Chaos bei miserabler Sicht, aber der zweite, an einem Wrack, war sehr schön und fischreich.
Silvester haben wir mit Rita und Daniel von der Maramalda gefeiert. Die beiden liegen unmittelbar neben uns. Wir hatten einen schönen Abend, haben uns gegenseitig bekocht und uns gemeinsam ins neue Jahr geschlemmt.
Gestern haben wir es ruhig angehen lassen. Morgens fand eine Prozession zur See statt. Eine Marienstatue wurde sehr stilvoll von Marinesoldaten in einem alten Ruderboot aufs Meer gebracht und schließlich in eine Kirche im Norden Salvadors. Da die Prozession gleich neben an bei der Marine aufs Boot ging, hatten wir einen Logenplatz. Nachmittags waren wir in der Altstadt und haben in einem sehr schönen Restaurant ausgezeichnet gegessen. Ein guter Beginn des neuen Jahres.

 

 

 

Ein kleiner Jahresrückblick

2017 haben wir vier Länder besucht: Portugal, Spanien, Kap Verden und Brasilien. Wir haben über 5000 Meilen zurückgelegt, sind an 88 Tagen gesegelt (bzw. mit dem Boot unterwegs gewesen) und haben 38 Nächte auf See verbracht. Wir haben 25 verschiedene Häfen besucht, viele davon mehrfach, und an 20 Plätzen geankert, kurze Stopps nicht eingerechnet. 48 Nächte haben wir am Anker verbracht.
So eine Aufzählung ist ganz interessant, wird dem Erlebten aber nicht gerecht. Interessante Orte, schöne Momente, Begegnungen und Erlebnisse lassen sich nicht mit gesegelten Meilen oder besuchten Häfen zusammenfassen. Eine Segelmeile kann mühelos bei sonnigem Wetter unter dem Kiel verschwunden oder aber mühsam erkämpft worden sein.
2017 war für uns ein Jahr voller Highlights, wir haben viele schöne Plätze besucht und können uns nicht entscheiden wo es uns am besten gefallen hat. Culatra hat diesen weißen Strand und den geschützten Ankerplatz in der Lagune, in Cadiz haben wir den Carneval erlebt und auf dem Rio Guardiana die Ruhe genossen. Porto Santo hat mit seinem Traumstrand und Madeira als Wanderparadies überzeugt. Auf Teneriffa hat uns die wilde Mondlandschaft des Teide beeindruckt und mit La Gomera haben wir „unsere“ Kanaren-Insel gefunden. Die Kap Verden haben uns mit ihrem Motto „No Stress“ gefallen, insbesondere im kleinen Palmeira auf Sal haben wir uns wohlgefühlt. Tierischer Höhepunkt war zweifellos Fernando de Noronha mit seinen Delfinen, Schildkröten, Fischen und Vögeln. Und schließlich Salvador bzw. die Bucht Todos os Santos, für uns der vielleicht spannendste Stopp unserer bisherigen Reise.
Der größte Luxus unserer Reise ist die Langsamkeit. Wir verbringen viel Zeit in Orten von denen wir vor einem halben Jahr noch gar nicht wussten, dass es sie gibt und haben Gelegenheit das ganz normale Leben kennenzulernen. Häufig ist das viel spannender als die topp Sehenswürdigkeiten.
Wir sind gespannt wo wir das nächste Silvester verbringen werden!
Allen Bloglesern wünschen wir ein spannendes und glückliches Jahr 2018.

 

Weihnachten auf Marisol

Zunächst ein kurzer Rückblick. Nach unserem Ausflug zum Kloster am Dienstag sind wir am Mittwoch zu einem netten Ankerplatz flussabwärts umgezogen. Hinter zwei kleinen Inseln lagen wir sehr geschützt und haben mit dem Bananaboot rudernd eine der beiden Inseln umrundet. Auf dem Rio Paraguacu sind Saveiros, traditionelle Frachtsegler unterwegs. Die hölzernen Gaffelsegler haben nur wenig Tiefgang und können über die Sandbänke segeln. Sie sind flott unterwegs, kreuzen geschickt den Strom aus und werfen nur den Motor an wenn es gar keinen Wind gibt.
Nach dem Segeln auf dem Atlantik in den letzten Monaten ist das Segeln in der Bucht Todos os Santos eine angenehme Abwechslung. Wir segeln bei glattem Wasser, ohne Welle, und können sogar die Fenster auflassen. Richtiges Spaßsegeln! Todos os Santos ist quasi die Flensburger Förde Brasiliens, ein abwechslungsreiches, geschütztes Gewässer mit Ankerplätzen für jedes Wetter. Salvador ist „ein bisschen“ größer als Flensburg, doch die Anzahl der Segler die sich hier herumtreiben ist deutlich kleiner.
Am Donnerstag ging es quer durch die Bucht zu einem interessanten Ankerplatz südlich der Insel Bom Jesus. Bom Jesus ist nicht die einzige Insel in der „Allerheiligen“- Bucht bei deren Benennung um Gottes Beistand gebeten wurde. Die Einfahrt zu dem Ankerplatz war interessant, weil er mitten zwischen kleinen Inseln und Sandbänken liegt. Wir sind bei Niedrigwasser rein gefahren, so konnten wir die Sandbänke sehen und wussten, dass wir, falls wir auflaufen, nur auf das steigende Wasser warten müssen. Wir sind nicht aufgelaufen und lagen zwischen Mangroven, einer Hotelinsel und der Insel Bom Jesus gut geschützt. Ganz in der Nähe des Bootes waren rote und grau-blaue Ibisse in den Mangroven unterwegs. Sehr hübsch. Nachmittags besuchten wir die Maramalda, die auf der anderen Inselseite ankerte, mussten uns aufgrund der einbrechenden Dunkelheit auf dem Rückweg jedoch sehr beeilen. Nobbi ist 20 min flott gerudert während es schneller dunkel wurde als gedacht.
Am Freitag haben wir nach Salvador in die Bahia Marina verholt. Auch wenn die Marina teuer ist haben wir uns für diesen Ort entschieden, da es hier schnelles Internet gibt das wir für die Planung unserer Reise und für die Weihnachtspost gut brauchen können. Bei einem Bummel am 23. kamen wir an einer Reiseagentur vorbei und buchten spontan einen Ausflug für den nächsten Tag.
Heilig Abend werden wir um acht Uhr abgeholt und fahren nach Praia do Forte, einen kleinen Touri-Ort. Dort gibt es eine Schildkrötenstation von der Organisation TAMAR, die sich für den Schutz von Meeresschildkröten einsetzt. Hier leben 5 marinen Schildkrötenarten, die alle an der Küste Bahias vorkommen. Wir lernen die Arten auseinander zu halten, beobachten wie kranke Schildkröten gefüttert werden und sehen uns die winzigen Babyschildkröten an. Die Organisation schützt die Gelege und zieht einige Schildkröten in der Station auf, um sie später auszuwildern. Die Unterbringung der Schildkröten hätte für unser Gefühl etwas Verbesserungspotential, doch wer möchte kann hier viel lernen. Außer Schildkröten leben hier noch ein Oktopus, Rochen, Thunfische und Ammenhaie. Hier gelang die erste Nachzucht eines Ammenhais in Brasilien, die dritte weltweit.
Anschließend geht es an einen Strand etwas weiter südlich. Hier essen wir lecker zu Mittag und machen einen langen Spaziergang am Bilderbuchstrand. Palmen säumen den weißen Strand und das Wasser schimmert türkis. Kitschig schön. Nach 200m gibt es keine Sonnenschirme mehr und nach 500m haben wir den Strand fast für uns allein.
Die Brasilianische Familie, die mit uns im Kleinbus sitzt, ist sehr nett. Die Mutter möchte sich gerne mit uns unterhalten, die große Tochter muss ins Englische übersetzen, mit dem Vater klappt die Kommunikation in einem Spanisch- Portugisisch Mix. Die Familie kommt aus dem Süden Brasiliens. Letztes Jahr waren sie in Rio, wir bekommen gleich Tipps für die schönsten Strände. Sie passen auf, dass der Tourguide uns die Treffpunkte ins Englische übersetzt und erklären uns in der Eisdiele welches die typischen Sorten sind. Rundum Betreuung. Wir hatten einen schönen Tag und haben auch die lange Busfahrt (zwei Stunden Hinweg, zurück etwas weniger) genossen. Unterwegs haben wir neue Gegenden von Salvador und die Landschaft entlang der Küste gesehen.
Abends haben wir mit „Tatsächlich Liebe“ für Weihnachtsgefühle gesorgt und zur Feier des Tages die allerallerletzte Packung Saftbären gegessen. Seit wir in Salvador sind haben wir unseren Salon mit roten Kugeln und einer Lichterkette geschmückt. Nobbi findet die Weihnachtsdeko sollte mindestens bis Ostern bleiben, weil es so gemütlich ist. Dieser Vorschlag wird derzeit eingehend geprüft.
Gestern haben wir das flotte Internet für allerlei Bürokram genutzt und ausgezeichnet gegessen. Dieses Schokotörtchen mit dem flüssigen Kern…

Konvent Sao Francisco

Dienstag stand ein Ausflug zum verlassenen Konvent wenige Meilen flussaufwärts auf dem Programm. Der Tag begann verwirrend, wie heißt das Kloster denn nun, Sao Antonio oder Sao Francisco? In zwei Revierführern steht Sao Antonio, im dritten Francisco. Schließlich finden wir heraus, dass der kleine Ort Sao Francisco heißt, auch das Franziskanerkloster heißt auf dem Schild Sao Francisco, wurde aber dem heiligen Antonio gewidmet. Um es noch etwas komplizierter zu machen gibt es auf der anderen Flussseite noch eine Klosterruine, die wiederum Sao Antonio heißt.
Nach einem gemütlichen Frühstück ziehen wir den Anker aus dem Schlick und machen uns auf den Weg. Unterwegs sehen wir ein Pärchen hellgrauer Delfine im Fluss. Bringen Flussdelfine nicht Glück? Gilt das auch für Salzwasserdelfine, die einen Fluss hochschwimmen?
Wir ankern direkt vor der Kirche und rudern mit Donkey an Land. Das Kloster ist verschlossen, doch als wir uns nähern schließt der Wächter auf und wir bekommen eine Führung auf Portugiesisch, von der wir überraschend viel verstehen. Die Kirche stammt von 1660, das Kloster von 1686, es gab nicht nur eine Schule und eine Bibliothek, sondern auch eines der ersten Krankenhäuser Brasiliens. Die Anlage direkt am Fluss ist beeindruckend und ziemlich verfallen, es handelt sich eher um eine Ruine. Die Holzdecken fehlen, nur die Kirche ist noch (wieder?) überdacht. Es stehen nur noch die Grundmauern. Alle beweglichen Teile sind verschwunden. Die Sakristei, die Kirche, der Kreuzgang und weitere Räume des Klosters waren mit portugiesischen Azulejos geschmückt, leider fehlen auch die blau- weißen Fliesen zum Großteil. Das gleiche gilt für die Fußböden, die wohl auch teilweise gestohlen wurden. Die Kirche ist praktisch leer, es gibt einen Altar und zwei Gemälde, die jedoch nicht aus der Zeit der Franziskanermönche stammen, sondern neu sind. In der Kirche findet Samstags ein Gottesdienst statt. In der Ruine treffen wir auf Geier und am Wasser grast ein Pferd vor dem Portal.
Bevor wir zurück zu Mari fahren trinken wir unter einem großen Baum ein Bier. Zunächst sitze ich leider mitten in einem Ameisenhaufen, nachdem ich den Platz gewechselt habe kann ich die Aussicht genießen. Der Ort wirkt ein wenig traurig. Überall liegt Plastik und auf den Tischen stehen leere Bierflaschen, die niemanden abgesehen von uns zu stören scheinen.

Spät nachmittags ziehen wir wieder an unseren alten Ankerplatz vor Maragogipe um. An diesem Platz lagen wir nicht nur sehr geschützt sondern mückenfrei.

 

7:1 für Maragogipe

Maragogipe ist eine nicht besonders schöne Kleinstadt im Nichts. Es gibt keine Sehenswürdigkeiten, die meisten Häuser sind nicht schön, dafür aber hochvergittert. Trotzdem uns gefällt es. Wir entdecken immer wieder schöne, alte oder neue, liebevoll gestaltete, kunterbunte Häuser. Wir erkunden diese ganz normale Stadt. Es gibt eine ganze Reihe Supermärkte, ein Postamt, ein Beerdigungsunternehmen mit 24 h Service, mehrere Werkstätten, einen Dessousladen, kleine und große Bekleidungsgeschäfte, einen Schlachter, mehrere Bäcker, einen Optiker, eine Konditorei, die nur eine Art Kuchen verkauft, und viele Obststände. Mittags schließen die meisten Geschäfte und die eben noch wuselige Straße wirkt wie ausgestorben.
Es gibt viele arme, kleine Häuser und viele Straßen in denen kein Auto steht. Doch es fahren auch viele nagelneue VWs durch die kleinen Kopfsteinpflasterstraßen und so treffen sich Pferde, Motorräder und Autos. Wir beobachten auch eine Fahrschülerin, wie sie in einer Straße, in der kein anderes Auto steht, das Einparken übt. Nachmittags wird es voller in den schmalen Straßen. Jeder der ein Motorrad besitzt führt es aus. Die Männer fahren ihre Liebste spazieren, vorzugsweise um den Platz am Hafen, doch auch auffallend viele Frauen fahren Motorrad. Einen Helm trägt hier niemand, in Hotpants, Bikinioberteil und Flip Flops ist frau genau richtig angezogen für eine Spritztour.
Die lange Pier in den Fluss, über 300m, dient als Sportplatz und Treffpunkt. Morgens sobald es hell wird (um fünf), wird in kleinen Gruppen die Pier entlang gewalkt oder gejoggt. Nachmittags treffen sich die Jugendlichen zum Baden und abends ist die Pier ein beliebter Treffpunt bei Liebespärchen.
Nach zwei Besuchen in der Kneipe am Hafen werden wir nicht nur vom Wirt sondern auch von den Stammgästen begrüßt. Sonntagnachmittag trifft sich hier das ganze Dorf. Die Kinder essen Eis und die Erwachsenen trinken Bier. Ab und zu hält ein Auto und tauscht die leeren Bierflaschen gegen volle um dann weiter durch den Ort zu cruisen. Immer wieder werden wir gefragt wo wir herkommen. „Alemanha“. „7:1“ lautet die Antwort. Doch die Brasilianer sind uns nicht böse, das nächste Mal gewinnen sie.

Markttag in Maragogipe

Maragogipe ist eine kleine Stadt am Rio Paraguacu. Der Rio Paraguacu mündet in die Baia Todos os Santos, die große Bucht an der Salvador liegt. Mit Rita und Daniel von der Maramalda waren wir Freitagmorgen mitten in der Bucht verabredet, wir wollen gemeinsam mit dem auflaufenden Wasser den Fluss hochfahren. Maramalda kommt aus Salvador, wir haben eine Nacht in Ribeira verbracht und von Donnerstag auf Freitag südlich der Ilha do Frade, einer Insel Mitten in der Bucht, geankert. In Ribeira waren wir auf der Suche nach einem Liegeplatz an dem wir unsere Mari länger liegen lassen können. Der ruhige Stadtteil im Norden Salvadors gefällt uns auf Anhieb. Wir bekommen im Supermarkt Jackfruit geschenkt, einfach so weil wir sie probieren sollen, kaufen in einem Minibaumarkt bei einem sehr freundlichen Mitarbeiter einen 7er Schlüssel und sehen das erste Mal einen Geier außerhalb eines Tierparks. Jetzt, wo wir wissen, dass es hier Rabengeier gibt, sehen wir ständig welche.
An unserem Treffpunkt treffen wir nicht nur die Maramalda sondern auch eine Gruppe Delfine. Die Fahrt flussaufwärts ist abwechslungsreich. Grüner Wald säumt den Fluss, hinter der ersten Biegung wird gerade eine Werft gebaut und einige Ölplattformen warten auf ihre Verschrottung, hier und dort steht ein Haus, mal ein Luxusferienanwesen, mal eine Ruine. Nach zehn Meilen auf dem Fluss ankern wir nebeneinander vor dem langen Steg von Maragogipe.
Abends machen wir einen Spaziergang durch die Stadt. Maragogipe ist eine alte Stadt und wurde bereits 1557 gegründet. In der Region wurde zunächst Zuckerrohr und später Tabak angebaut. In einem kleinen Ort wenige Meilen flussaufwärts gründete der Bremer Geraldo Dannemann eine Zigarrenfabrik. Ende des 19. Jhd. war sicherlich deutlich mehr Verkehr auf dem Fluss, als die Zigarren per Boot nach Salvador gebracht wurden und von dort nach Europa verschifft wurden. Reste kolonialer Architektur und Schriftzüge wie Suerdiek (auch ein Zigarrenproduzent) zeugen von der glanzvollen Vergangenheit. Heute ist es ruhig auf dem Fluss. Einige Fischerboote liegen im flachen Hafen, darunter auf mehrere Einbäume. Bei Niedrigwasser begeben sich die Vögel im Schlamm auf Nahrungssuche, wir sehen hier unsere ersten roten Ibisse.
Heute, am Samstag, ist Markttag. Als wir aufwachen sehen wir bereits viele kleine Boote am Steg liegen, darunter auch ein Segelboot aus Holz. Nach einem schnellen Frühstück rudern wir um halb acht an Land, binden Donkey am Steg fest und machen uns auf den Weg in die Stadt. Zunächst glauben wir den Markt gäbe es nicht mehr, doch dann kommen uns viele Leute mit vollen Taschen entgegen. Wir laufen in die Richtung aus der die meisten Leute kommen und stehen kurz darauf in mitten kleiner Stände. Es werden hauptsächlich Obst und Gemüse verkauft, aber auch Kleidung, Schuhe, Mehl direkt aus dem Sack, lebende Hühner und Singvögel. Wir kaufen reichlich frisches Obst und Gemüse. Das Einkaufen macht uns viel Spaß, zum Einen sind die Menschen freundlich und hilfsbereit, zum Anderen ist das Angebot hervorragend. Obst und Gemüse sind frisch und die Auswahl ist riesig. Wir kaufen was wir brauchen und vieles was wir probieren wollen. Aus den Acerolakirschen haben wir uns ein Getränk gemixt, das von nun an auf der Bordspeisekarte steht, die Süßigkeit aus Zuckerrohr ist klebrig aber sehr lecker und die Verkostung des Cashewapfels steht noch aus. Als es anfängt zu regnen stellen wir uns unter und trinken einen Kaffee. Eine alte Frau hat einen gut frequentierten Imbissstand in der Mitte des Marktes, sie verkauft warmes Essen, Gebäck und uns einen sehr leckeren, sehr süßen Kaffee. Verkehrsmittel Nummer eins ist die Schubkarre. Viele Jungen bieten ihre Dienste an, sie begleiten einen beim Einkauf mit der Schubkarre und fahren einem anschließend die Einkäufe nach Hause. So etwas fehlt in der Kleinmarkthalle! Außerdem sind viele Motorräder unterwegs, auch als Taxis und als Gastransporter. Es ist kein Problem drei große Flaschen a 10kg auf einem Motorrad zu transportieren. An einem kleinen Platz, nicht weit vom Markt, entdecken wir den Pferde- und Eselparkplatz.
In den nächsten Tagen wird an Bord gegessen, das ganze Obst und Gemüse möchte verarbeitet werden. Auf dem Fluss gefällt es uns gut, wir wollen noch weitere Plätze besuchen, bevor wir mit dem Strom wieder flussabwärts in die Baia Todos os Santos fahren.

 

Verschwundene Papiere und Pelourinho

Am Sonntag ging es endlich nach Pelourinho, das historische Zentrum. Das Viertel liegt oberhalb des Hafenviertels und der Aufzug bringt einen die 60m Höhenunterschied in wenigen Sekunden nach oben. Die Benutzung des Aufzugs kostet umgerechnet 4 Cent. Ob man mit den Einnahmen das Personal finanzieren kann? Wir bummeln durch die Gassen und da sonntags die meisten Geschäfte geschlossen haben, ist es recht ruhig. Salvador soll 365 Kirchen haben. Die Zahl ist vermutlich etwas hochgegriffen, doch Kirchen gibt es wirklich reichlich, wohin immer man blickt, man sieht eine Kirche. Spontan besuchen wir das Kloster Sao Francisco, das mit einer Vielzahl von blauweißen Azulejos aus Lissabon geschmückt ist. Pelourinho ist toll, bunte Häuser, Kopfsteinpflaster, Läden, Restaurants und unzählige Kirchen. Den Abend verbrachten wir gemeinsam mit Rita und Daniel von der Maramalda, die wir hier wieder getroffen haben, nachdem wir uns in Fernando und Recife jeweils ganz knapp verpasst haben. Wir sitzen gemütlich an Bord, als wir feststellen, dass unsere Bootspapiere verschwunden sind. Später, als wir gemeinsam im Restaurant sitzen, zieht ein Unwetter über Salvador hinweg. Während wir Glück haben, bricht bei Maramalda, die in der benachbarten Marina liegt, die Mooring und ihre Aries-Windsteueranlage wird am Steg verbogen.
Am Montag machten wir uns zunächst auf den Weg zur Capitania, wir waren uns sicher, dass wir die Papiere gar nicht zurückbekommen hatten und vermuteten sie dort auf dem Kopierer. An einem Wochentag ist das Prozedere ein anderes, als wir es vom Samstag her kannten. Wir bekommen einen Besucherausweis und versuchen mit den zuvor aufgeschriebenen Vokabeln unser Problem zu schildern. Schließlich werden wir in ein riesiges Büro mit mindestens zehn Schreibtischen in einer langen Reihe geschickt. Dort übergaben uns sieben Uniformierte unsere vermissten Original-Papiere und freuten sich herzlich mit uns. Unsere Erleichterung war anscheinend sichtbar.
Auch heute sind wir noch ein wenig durch das historische Zentrum der Stadt gebummelt und haben die Souvenirläden unsicher gemacht. In Salvador gibt es viel zu sehen. Hier wird es uns sicherlich nicht langweilig.

Ankunft in Salvador

Inzwischen sind wir in Salvador angekommen. Montag haben wir uns in Recife noch einen gemütlichen Vormittag gegönnt, schließlich konnten wir die Marina ohnehin erst nachmittags mit dem Hochwasser verlassen. Knapp 400 Meilen sind es von Recife nach Salvador entlang der brasilianischen Küste nach Süden. Insgesamt hatten wir eine angenehme Überfahrt, der Strom hat uns geschoben und wir kamen schnell in unseren Bordrhythmus. Wie angenehm die Reise war, kann man daran ablesen, dass ich am zweiten Tag einen Franzbrötchenkranz gebacken habe. Dazu stapelt man einfach die Franzbrötchen dicht an dicht in der Omniaform. Ich liebe Franzbrötchen, den süßen Hefeteig, der furchtbar an den Fingern klebt allerdings weniger. In der zweiten Nacht kam plötzlich Wind, so dass mein Schlaf gleich zweimal von einem Reffmanöver unterbrochen wurde. Am dritten Tag wurde der Wind immer weniger und wir immer langsamer, perfekte Bedingungen für geruhsames Lesen. Die brasilianischen Gewässer präsentierten sich weiter delfinreich, wir hatten mehrfach Besuch. In der Nacht zu Freitag haben wir versucht etwas zu bremsen, schließlich wollten wir Salvador gerne im Hellen erreichen. Das mit dem langsamen Segeln klappte nicht so richtig, um vier Uhr erreichten wir die Bucht „Todos os Santos“ an der Salvador liegt und um fünf Uhr lagen wir bereits in der Marina.
Die Ankunft in Salvador war beeindruckend. Salvador ist eine gigantische Stadt mit knapp 3 Mio. Einwohnern und massenweise Wolkenkratzern. Im Dunkeln sahen wir zunächst nur das Lichtermeer, im ersten Licht dann die unzähligen Hochhäuser, die Strände, den Hafen und die Kirchtürme. Wir entschlossen uns in die Bahia Marina zu gucken, ob wir dort im Halbdunkeln ohne Hilfe einen Platz finden. Als wir die Hafeneinfahrt passieren entdecken wir ein Wachhäuschen, das tatsächlich besetzt ist. Der Wachmann antwortete uns über Funk auf Englisch, was hier mehr als ungewöhnlich ist, und ein Marinero winkte uns an einen Steg. Kaum waren wir fest, gab es ein Feuerwerk, um fünf Uhr morgens! Eine nette Begrüßung. Im Laufe des Tages stellten wir fest, dass hier gestern ein kirchlicher Feiertag war. Viele Bootsbesitzer waren jedoch nicht bei der Prozession, die ganz in der Nähe des Hafens stattfand, sondern feierten auf ihren Booten. Mittags war es in der Marina ohrenbetäubend laut. Motorboote fuhren auf und ab. Ganz wichtig sind die großen Boxen an Bord, auf jedem Boot läuft Musik, laut, sehr laut. Natürlich wird auf jedem Boot eine andere Musik gehört und neben der Marina gab es Livemusik. Nachmittags war die Party plötzlich zu Ende und die Nacht entgegen aller Befürchtungen sehr ruhig.
Es gibt einen neuen Verlust zu beklagen, leider ist mein Laptop gestorben. Zum Glück habe ich eine aktuelle Datensicherung.
Heute, am Samstag, ging es mal wieder um den offiziellen Teil. Neuer Bundesstaat, neues Glück. Das Handbuch sagt wir müssen zur Policia Federal und zur Capitania, die Dame im Marinabüro ist sich sicher, dass wir zuerst zur Policia Federal, dann zum Zoll und schließlich zur Capitania müssen, wir beschließen direkt zur Capitania zu gehen. Unser Zoll-Dokument haben wir ja durch unseren Marathon in Recife bekommen. Tatsächlich waren wir keine zehn Minuten bei den weiß uniformierten Marine-Offizieren im Büro der Capitania und haben ein hübsches neues Papier bekommen. Wenn wir Salvador verlassen, bekommen wir da noch einen weiteren Stempel drauf.
Danach sind wir noch ein wenig durch die Hitze getrabt, haben etwas Sightseeing in verschiedenen Boots- und Angelläden gemacht, waren auf einem Markt mit Kunsthandwerk und Souvenirs, haben einen Maracujasaft getrunken und uns die andere Marina angesehen. Im Terminal Nautico liegen die Rennyachten, die am Race von Le Havre nach Salvador teilgenommen haben. Wir bestaunen die Rennschüsseln und befragen einen französischen Segler. Er hat 14 Tage gebraucht. Als wir erzählen, dass wir vor etwa 14 Monaten in Le Havre waren, fragt er ob wir einen Kühlschrank mit kaltem Bier hätten und meinte, dann wäre doch alles prima. Nachmittags waren wir einkaufen. Als wir im Supermarkt sind, gibt es ein gewaltiges Gewitter. Innerhalb kurzer Zeit sind die Straßen überflutet. Es gelingt uns ein Taxi zu ergattern, das uns durch sehr tiefe Pfützen zur Marina zurückfährt. Das Fenster im Bad war offen, zum Glück hat es direkt ins Waschbecken geregnet. Jetzt, vier Stunden später, gießt es noch immer.
In den nächsten Wochen wollen wir nicht nur Salvador, sondern auch die große Bucht „Todos os Santos“ erkunden. Hier soll es viele schöne Ankerplätze geben, was es zu überprüfen gilt.

Kleines Fazit unserer Atlantiküberquerung

Bevor wir vergessen haben wie es war, wird es Zeit für ein kleines Fazit. Durch den Stopp auf den Kap Verden haben wir die Strecke von den Kanaren „auf die andere Seite“ in zwei Teile geteilt. Die erste Etappe von La Palma nach Sal war insgesamt angenehm zu segeln. Eine Woche waren wir unterwegs. Nachdem wir unseren Rhythmus gefunden hatten vergingen die Tage schnell, der Wind kam von achtern und das Wetter war schön.
Der Aufenthalt auf den Kap Verden hat uns gefallen. Für uns war es viel mehr als nur eine willkommene Unterbrechung der Segelstrecke. Die zweite Etappe Kap Verden Fernando de Noronha ist eine sehr kurze Variante der Atlantiküberquerung. Von Mindelo nach Fernando sind es direkt nur 1313 Meilen, wir sind durch Kreuzschläge 1630 Meilen gesegelt und haben dafür 17 Tage gebraucht. Von Fernando de Noronha waren es auch noch 300 Meilen und drei Tage nach Recife, doch gefühlt waren wir in Fernando schon fast da.
Und wie war es? So wie wir uns vorgestellt haben? Es war schön, anstrengend, frustrierend, entspannend, gemütlich, nervig und bezaubernd. Als wir kreuzen mussten und nach 24 Stunden nur 2 Meilen weiter südlich standen als am Morgen zuvor, war das sehr frustrierend. Wenn man seekrank ist oder nicht schlafen kann, man sich unentwegt blaue Flecken holt oder alles durch die Gegend fliegt, dann ist das nervig oder anstrengend und mich macht es manchmal wütend. Dann macht Segeln gelegentlich keinen Spaß. Ich bleibe dabei, es segeln so viele Leute über den Atlantik, weil man unterwegs nicht aussteigen kann. Es gab durchaus Momente, da dachte ich, wenn die Fee jetzt fragt, dann liege ich gleich in Bremen unter meiner kuscheligen Daunendecke. Zum Glück kommt keine Fee. Die schönen Tage und zauberhaften Momente waren sehr viel häufiger, als Momente in denen ich mich gefragt habe, wer eigentlich diese blöde Idee hatte. Den Zauber des Ozeans kann ich nicht in Worte fassen. Die überwältigende Weite, das tiefe Blau und der unendliche Sternenhimmel, die einen spüren lassen, dass es ein großes Privileg ist dort draußen zu sein sind unbeschreiblich. Die ruhigen und entspannten Nächte, in denen man nicht nur ein Buch nach dem anderen lesen, sondern auch so frei nachdenken kann, waren sehr schön. Begegnungen mit Delfinen, Sonnenauf- und untergänge, Wolkenformationen, Vogelbesuch, langersehnter Regen und viele weitere besondere Momente bleiben uns im Gedächtnis. Außerdem liegt eine ganz besondere Zeit zu zweit hinter uns.
Viele liebe Menschen haben mit uns mitgefiebert und mitgelitten. Wir haben ganz viele nette Nachrichten und Glückwünsche zu unserer Ankunft bekommen und uns sehr darüber gefreut. Es ist schön zu wissen, dass ihr mit uns reist und an uns denkt.
Wir sind ein bisschen stolz und sehr dankbar, dass wir heil und fröhlich in Brasilien angekommen sind. Zum Glück vergisst man Müdigkeit und Seekrankheit schneller als das Blau, die Weite, den Sternenhimmel und die Delfine. Wir werden es wieder tun!