T-a-n-g-o

Buenos Aires und Tango sind untrennbar miteinander verknüpft. Nach unseren netten Tango-Erlebnissen in der ersten Woche hier, sind wir weiterhin auf der Suche. Sonntags soll auf dem Markt in San Telmo oft getanzt werden. Wir schlendern über den Markt und halten die Augen offen. Tatsächlich wird hier und dort getanzt, doch die Darstellung ist wenig authentisch, die eigenen Leute sorgen dafür, dass an der richtigen Stelle geklatscht wird, viel Poseing, wenig tanzen. Schließlich werden wir doch noch fündig und entdecken in der Einkaufsstraße, in der alle Läden geschlossen sind, ein junges Paar, das sehr schön tanzt.
Aus Montevideo verabreden wir einen Termin zum Tanzunterricht und anschließenden Besuch einer Milonga mit Lucia und Gerry. Die Argentinierin und ihr Irischer Partner machen einen hervorragenden Unterricht. Alle Teilnehmer in unserer kleinen Gruppe sind sehr zufrieden. Nachdem wir selbst getanzt haben, gehen wir mit den beiden zu einer Milonga. Dieser Tanzabend ist ganz anders als der, den wir in der vorigen Woche erlebt haben, viel steifer und formeller. Für uns ist es sehr interessant. Die Damen sitzen auf der einen Seite des Raumes, die Männer auf der anderen. Per Blickkontakt und Kopfbewegung verabredet man sich zum Tanzen. Lucia und Gerry erklären uns all die Regeln, weisen uns auf besonders gute Tänzer hin und tanzen mit uns. Schließlich wagen auch Nobbi und ich uns auf die Fläche. Zwischendurch wird auch ein Volkstanz mit Tüchern getanzt, den anscheinend alle kennen, und es gibt eine Tangopause in der Rock-and-Roll gespielt wird. Unsere Gelegenheit mal wieder Jive zu tanzen! Dann geht das Licht wieder an und der nächste Tango beginnt. Die Musik stammt fast komplett aus den 40iger Jahren, manch ein Tänzer ist nur unwesentlich jünger. Durch Lucia und Gerry haben wir die Gelegenheit eine Milonga kennenzulernen „wie es früher war“, ohne die beiden wären wir dort nie gelandet.
Ein paar Tage später bummeln wir durch die Straßen und überlegen wie wir den Abend verbringen, als uns Amanda anspricht, ob wir nicht zur Tangoshow wollen und ob sie uns das Theater zeigen soll. Nochmal Tangoshow? Warum eigentlich nicht. Das Theater ist in einer Einkaufspassage, die von außen unspektakulär ist, von innen dafür umso schöner. Diese Tangoshow übertrifft unsere Erwartungen. Zum einen haben wir Glück, erst bekommen wir einen riesigen Rabatt und dann auch noch einen Tisch in einer Loge, einer deutlich besseren Kategorie, zum anderen entspricht die Show genau unserem Geschmack. Keine Merkwürdige Geschichte, die erzählt werden muss. Einfach nur Tango nach der Musik des berühmten Komponisten Astor Piazolla. Die Musik und der Tanz. Wir sitzen auf unserem kleinen privaten Balkon in dem wunderschönen Theater und sind rundum glücklich!
Dem letzten Eintrag habe ich noch einige Fotos von unserem Besuch im Museum des Casa Rosada hinzugefügt.

Kunst, Museen und Bäumchen

Wir sehnen uns nach einer Großstadtpause und beschließen in den Zoo zu gehen. Der alte Zoo soll geschlossen und mit vielen heimischen Tieren und einem Fokus auf artgerechter Haltung wiedereröffnet worden sein. Meine Hoffnung auf ein Treffen mit einem Ameisenbären wird jedoch enttäuscht, der Zoo ist geschlossen. Wir wandern durch die angrenzenden Parks, verwerfen den Plan in den Japanischen Garten zu gehen, dort ist es uns zu voll, und landen schließlich im Botanischen Garten (der Eintritt ist frei). Hier treffen wir viele Bäume, die wir bereits aus den Parks kennen wieder und lernen auch endlich die Mate-Pflanze Ilex paraguariensis kennen.
Buenos Aires verfügt über eine ganze Reihe interessanter Museen, wir entscheiden uns für das MALBA, das Museum für Lateinamerikanische Kunst. Leider sind zwei Ausstellungen gerade zu Ende gegangen und die neuen eröffnen erst nächste Woche, doch auch die Dauerausstellung hat uns sehr gefallen. Dort sind sehr viele moderne Werke zu sehen, von denen uns die meisten viel Spaß gemacht haben. Der Besuch hat sich unbedingt gelohnt, auch das moderne Gebäude ist sehenswert. Auf dem Weg dorthin haben wir uns die Floralis Generica aus der Nähe angesehen, eine riesige metallene Blüte, die in einem netten Park steht. Irgendwie ganz nett, aber mir gefallen die blühenden „betrunkenen“ Bäume besser. Dort treffen wir auf das Reiterregiment. Ein großer Zug mit nach Farbe sortierten Pferden legt den Verkehr lahm, ob es was zu feiern gibt, oder es sich einfach nur um einen kleinen Ausflug handelt erfahren wir nicht. Auf dem Rückweg spazieren wir durch Palermo, eine hübsche Wohngegend mit netten Läden und Geschäften und sehen viele „dog walker“. Die beruflichen Spaziergänger sind mit ganzen Rudeln buntgemischter Hunde unterwegs. Ein junger Mann hatte 19 Hunde im Schlepptau. Beruflich Spazierengehen könnte mir auch gefallen, allerdings mag ich lieber Katzen und da gibt es vermutlich wenig Kundschaft.

 


La Boca ist eines der ältesten Viertel Buenos Aires´, liegt am ersten Hafen und wurde Mitte des 19. Jhd. vor allem von italienischen und spanischen Einwanderern bewohnt. Damals wurden die Häuser aus Materialien gebaut, die Bahn- und Hafenarbeiter bekommen konnten. Die Häuser waren aus Blech und Holz und wurden mit Farbresten gemalt. Heute ist ein Teil dieses Viertels ein Künstlerviertel mit Ausstellungsräumen. In der kleinen Fußgängerzone sind die Hauser noch immer traditionell bunt bemalt, auch wenn die Hafenarbeiter im letzten Jahrhundert sicher keine lila oder pinken Farbreste von den Schiffen bekommen haben. Wir nehmen an einer Führung teil, erfahren vieles über das Viertel, die Entstehung des Tangos, der hier seine Wurzeln hat, und über die Boca Juniors, den Fußball Club. La Boca ist bunt und fröhlich. Die kleine Fußgängerzone ist ganz und gar dem Tourismus gewidmet, Restaurants und Andenkenläden reihen sich aneinander und mancher Tangotänzer möchte mit einem für ein Foto posieren. Da wir von der U-Bahn zu Fuß zum alten Hafen gelaufen sind, wovon abgeraten wird, haben wir auch ein anderes La Boca kennengelernt, einen ärmeren Stadtteil mit kleineren Häusern und sehr viel interessanter Straßenkunst. Wir haben uns nicht unsicher gefühlt, fanden es im Vergleich zu Brasilien sehr aufgeräumt und sauber, würden dorthin nachts aber keinen Ausflug unternehmen.

 


Die U-Bahn in Buenos Aires, die Subte, ist super und spottbillig. Man braucht eine Karte, die umgerechnet einen Euro kostet, lädt diese auf und fährt dann für etwa 20 Cent pro Fahrt. Außer in der U-Bahn gilt sie auch im Bus. Sehr praktisch. Die Argentinier sind sehr höflich und drängeln eigentlich nicht. Doch bei einer vollen U-Bahn muss man sich entschlossen reinquetschen. Ganz anders am Bus, da bilden die Argentinier an der Haltstelle eine Schlange und steigen ganz ruhig nacheinander ein. Das geht so weit, dass sie abends einen ganzen Häuserblock entlang Schlange stehen um in die Außenbezirke zu fahren. Diese Schlangen können weit über hundert Meter lang sein. Auch sonst sind die Argentinier auffallend höflich. Frauen werden zum Beispiel beim Einsteigen in den Fahrstuhl vorgelassen und man bietet einander Sitzplätze in Bahn oder Bus an.
Argentiniens Geschichte ist spannend und wir wissen so wenig darüber, deshalb waren wir heute im Museum des Casa Rosada. Neben dem Präsidentenpalast gibt es ein Museum, das auf den Überresten des alten Zollhauses gebaut wurde und sich mit der Geschichte Argentiniens seit der Unabhängigkeit beschäftigt. Kurze Filme führen in kleinen Etappen durch die wechselhafte Geschichte. Zusätzlich sind viele persönliche Gegenstände früherer Präsidenten ausgestellt. Alle Filme sind auf Spanisch, da sie aber Untertitel haben, konnten wir das Meiste verstehen. Dem Museum wird der Vorwurf gemacht, die geschichtliche Darstellung würde sich an den Ansichten der jeweils aktuellen Regierung orientieren. Das können wir nicht beurteilen. Jedenfalls hatte das Museum ein sehr schnellen, freizugängliches WLAN, so dass wir ausgiebig unterschiedliche Quellen befragen konnten. Übrigens ist Internetzugang in Buenos Aires kein Problem, in vielen Parks, in öffentlichen Gebäuden und in Restaurants klappt das problemlos. Nur in unserem Hotelzimmer ist es schwierig. Um diesen Beitrag ins Netz zu senden werde ich entweder auf dem Flur herumlaufen oder direkt hinter der Zimmertür auf dem Boden sitzen müssen. Uns hat die kleine Ausstellung gefallen, wir haben viel gelernt. Da wir die Gelegenheit genutzt haben dort etwas ausführlicher nachzulesen, haben wir dort drei Stunden verbracht. Die Mauerreste des Zollamtes sind im Museum zu sehen und viele Gemälde illustrieren, wie der Platz, an dem heute das Museum ist, sich verändert hat. Eine Video-Visualisierung der Veränderung über die Zeit war besonders beeindruckend. Für uns völlig überraschend ist dort auch ein Gemälde von dem mexikanischen Maler David Alfaro Siquieros ausgestellt. Der Maler wollte 1933 in den Straßen von Buenos Aires malen und durfte dies aus politischen Gründen nicht. Er nahm das Angebot eines Privatmannes an, in dessen Keller zu malen. Tatsächlich bemalte er den gesamten Kellerraum, also alle Wände, die Decke und den Fußboden. Dieser komplette Raum wurde aufwendig abgebaut und ins Museum umgesiedelt und darf nun in kleinen Gruppen im Rahmen einer Führung (für uns sogar auf Englisch) angesehen werden. Es ist sehr eindrucksvoll sich in einer Blase zwischen lauter Meerestieren und Frauen zu befinden.
Auf dem Rückweg waren wir noch einmal in der Kathedrale, beim letzten Mal war hier Gottesdienst da wollten wir nicht stören. Der Bau wurde 1827 fertig gestellt und ist stilistisch eine interessante Mischung aus Barock und Rokoko. Natürlich werden dort Papst Franziskus-Andenken verkauft, ist er doch Argentinier und früherer Erzbischof von Buenos Aires. Außerdem ist hier das Grab von Jose San Martin, dem Helden der argentinischen (und anderer südamerikanischer Länder) Unabhängigkeit. Das Grab wird von den Wachen beschützt, die auch über den Präsidentenpalast wachen.
Wir laufen häufig durch die „Florida“, eine der Hautpteinkaufsstraßen, zurück Richtung Hotel. Dort stehen überall die „arbolitos“, die Bäumchen, und bieten Geldwechsel an. Wenn „aguaguaguagua“ (unbedingt laut ausprobieren), die Werbung der Wasserverkäufer, der Ausruf Brasiliens war, ist es hier das „cambio, cambio“ der Geldwechsler. Argentinische Pesos sind teuer für Touristen. Wir können nur 2000 Pesos abholen, das sind umgerechnet 80 Euro, hinzukommen 10 Euro Gebühren und die Gebühren, die man bei seiner deutschen Bank bezahlt. Da lohnt es sich schwarz Geld zu tauschen, wenn man denn Dollar oder Euro hat. Zum Glück kann man fast überall mit der Kreditkarte bezahlen, aber ganz ohne Bargeld geht es nicht. Viele Geschäfte geben einen Discount, wenn man in bar zahlt. Dann heißt es rechnen, lohnt sich das oder ist das Bargeld am Ende doch teurer.

Besuch bei der Verwandtschaft

Montevideo ist gewissermaßen die kleine Schwester von Buenos Aires. In Uruguay wird man das allerdings nicht gerne hören, steht man doch ohnehin ständig im Schatten der großen Nachbarn. Mit der Fähre braucht man nur gute zwei Stunden über den Rio de la Plata von Buenos Aires nach Montevideo. Wir wollen uns die Gelegenheit, auch noch einen kleinen Eindruck von Uruguay zu bekommen nicht entgehen lassen, stehen Montagmorgen früh auf und nehmen die Fähre um sieben. Egal wie viel man reist, es gibt immer noch irgendwas Lustiges, das man noch nicht kennt. Vor dem Boarding müssen alle, die an Bord gehen, Überzieher über die Schuhe streifen. Egal ob Passagier oder Crew, wir laufen mit den weißen Stoffhüllen über den Füßen auf der Fähre rum. Falls diese Maßnahme den bereits fleckigen Teppich schützen soll, kommt sie zu spät. Unser Hotel ist toll, wir dürfen gleich einchecken, stärken uns und wandern los. Obwohl der Weg entlang der Standpromenade in die Altstadt länger ist als gedacht, schaffen wir es noch zur Stadtführung (Free-Walking-Tour). Cynthia führt uns nicht nur am Theater, der Nationalbank, den wichtigsten Plätzen, dem Standesamt, der Kirche und am Markt vorbei, sie begeistert uns auch mit vielen kleinen Geschichten und überschüttet uns mit Informationen. Jetzt wissen wir, dass nirgends so viel Rindfleisch gegessen wird wie in Uruguay, dass es 4,1 Rinder pro Einwohner gibt und dass in Uruguay alles etwas länger dauert. Sie berichtet von Fake-Hochzeiten, bei denen man sich trifft und eine Hochzeit feiert, bei der niemand wirklich heiratet. Ein Trend der anscheinend aus Argentinien kommt. Sie erklärt uns wie man in Uruguay Mate zubereitet (natürlich der einzig richtige Weg) und dass die Uni zu wenig Räume hat und deshalb Vorlesungen in einer Kirche abhält. Mit der tollen Führung hat Cynthia uns nicht nur für Montevideo begeistert, sondern auch deutlich gemacht, dass Uruguay nicht immer nur im Schatten der großen Südamerikanischen Länder stehen will. Schließlich gibt es noch den Fußball-Joker. Uruguay hat die erste Fußball-WM gewonnen und Brasilien im Maracana-Stadium besiegt. Abends wandern wir am Wasser wieder zurück zum Hotel. An der Stadtpromenade zählen wir und stellen fest, dass tatsächlich über 80 % der Menschen zum Feierabend Mate trinken. Das Zeug ist ziemlich bitter, aber uns gefiel es so gut, wie die Menschen mit ihrem Mate an der Promenade saßen und die untergehende Sonne die Bombillas (das sind die silbernen Strohhalme) aufblinken ließ. Mate wird auch im Süden Brasiliens, in Argentinien und in anderen Ländern Südamerikas getrunken, jedoch haben wir noch nirgends eine so große Dichte Thermoskannen getroffen wie in Montevideo.
In Montevideo erwartete uns noch eine Überraschung. Rita und Daniel waren am Tag zuvor gerade mit ihrer Maramalda in Uruguay eingetroffen und sind mit dem Bus nach Montevideo gekommen. Bei einem gemeinsamen Mittagessen haben wir die Erlebnisse der letzten Wochen ausgetauscht. Als wir uns Anfang des Jahres in Salvador voneinander verabschiedet haben, hätten wir nicht gedacht, dass wir uns sobald wiedertreffen.
Montevideo ist zwar deutlich kleiner als Buenos Aires, aber mit 1,4 Mio. Einwohnern doch eine Großstadt. In der Altstadt merkten wir davon nichts, sie hat eher ein Kleinstadtflair. Es fühlt sich an wie Osnabrück. Die Menschen bleiben an der roten Ampel stehen, die Bebauung ist nicht so hoch und die Uhren scheinen ein wenig langsamer zu gehen. Uns hat es sehr gut gefallen, die Stadt ist ruhiger als Buenos Aires und nicht so schick, aber charmant und gemütlich. Außerdem kann man den Fluss sehen und am Wasser entlanglaufen. Darauf ist man in Montevideo sehr stolz, anders als Buenos Aires haben sie nicht nur die lange Promenade, sondern auch mehrere stadtnahe Strände.

 

Das rosa Haus

Das Casa Rosada, das rosa Haus, ist der Präsidentenpalast. Am Wochenende kann man ihn besichtigen, wenn man sich zuvor per Internet anmeldet hat. Carolina macht eine hervorragende Führung und wir lernen das imposante Gebäude kennen. Wir werden durch viele Räume geführt und sehen, dass auf den Vize-Präsidenten am Montag jede Menge Arbeit wartet, auf seinem Schreibtisch türmen sich die Papiere. Im Büro des Präsidenten sowie in dem des Vize-Präsidenten dürfen wir nicht fotografieren. Natürlich verstehen das nicht alle, eine Amerikanerin zieht das Handy raus und macht einige Fotos. Das verzögert unsere Führung etwas. Ihr wird sehr höflich aber sehr deutlich erklärt, dass diese Fotos nun wieder gelöscht werden. Natürlich sehen wir auch die Balkons, den von dem Evita ihre letzte Rede gehalten hat und den von dem die Fußballer jubeln. Das Gebäude hat viele schöne Details, am besten hat uns der Innenhof mit seinen Palmen gefallen.

Teatro Colon und eine Stadtrundfahrt

Das Teatro Colon wollten wir gerne auch von innen sehen. Leider ist gerade Sommerpause und irgendwie ist es schwierig Information zu den Konzerten des Sommerfestivals zu bekommen. Also entscheiden wir uns für eine Führung. Unser Guide macht seine Sache nur mäßig gut, das Opernhaus ist trotzdem toll.
Buenos Aires hat nicht so viele Sehenswürdigkeiten, auch wenn es natürlich viele tolle Museen gibt, es ist selbst die Hauptattraktion. Also laufen wir kreuz und quer durch die Stadt und sammeln viele Kilometer. Um unseren Füßen eine Pause zu erlauben machen wir eine Stadtrundfahrt und kommen so auch in die weiter entfernten Stadtteile. Außerdem sehen wir zum ersten Mal den Fluss. Der Rio de la Plata ist der breiteste Fluss der Welt, doch obwohl Buenos Aires am Fluss liegt, sieht man ihn nur von wenigen Orten der Stadt. Wir kommen an den Polofeldern vorbei und an der Rennbahn. Wir laufen durch Palermo und sehen an der Rückseite des Zoos Capybaras. Das sind diese Riesenmeerschweine, von denen ich immer hoffe, dass sie mal an Mari vorbeischwimmen. Natürlich machen wir Fotos von den bunten Häusern in La Boca und sehen dort das Fußballstadion in den schwedischen Farben (die schwedische Flagge war Vorbild für die Farbgebung). In San Telmo bummeln wir durch die Markthalle und ich passe auf, dass Nobbi keine schrecklichen Antiquitäten kauft.
In Zeiten von Internet und Facebook gibt es unzählige Geheimtipps für Milongas (Facebook – Geheimtipp, finde den Fehler…). Milongas sind Tangotanztreffen. Wir entscheiden uns zwischen den unzähligen Möglichkeiten für eine eher entspannte Variante, gehen vorher zum Unterricht, lernen viel, nicht zuletzt lauter neue spanische Wörter und schauen anschließend denen zu, die es wirklich können.

 

Frisch verliebt in Buenos Aires

Buenos Aires gefällt uns. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Eine großartige Stadt, die sich für uns, die wir aus Brasilien kommen, sehr europäisch anfühlt. Große Teile der Stadt wurden Ende des 19. Jhd. geplant und gebaut, in einer Zeit, in der Argentinien zu den reichsten Ländern der Welt gehörte. Es gibt unzählige Parks, breite Boulevards und traumhaft schöne Gebäude. Buenos Aires wollte sein wie Paris und baute noch höher und noch breiter. Es gibt einen unglaublichen Stilmix, jeder hat gebaut was ihm gut gefällt und so findet man von römischen Säulen bis Jugendstil alles. Uns erinnert Buenos Aires nicht nur an Paris, sondern auch an Chicago. Nur die Menschen sind gelassener. Buenos Aires ist lebendig, aber nicht hektisch. Es ist ein wenig größenwahnsinnig und dann auch wieder entspannt. Wir lernen schnell, dass Buenos Aires die breiteste Avenida der Welt hat. Eine riesige Straße mit 18 Spuren, mehreren Mittelstreifen und sehr schönen Bäumen und dass es nicht so schlimm ist, wenn man nur mäßig beeindruckt ist. Die Statuen wohin man schaut, jeder Park und jeder Platz hat gleich eine ganze Reihe von Statuen.
In den letzten dreieinhalb Tagen haben wir schon zwei lange Stadtführungen (Free Walking Tours) gemacht, um zunächst einen Überblick zu bekommen und waren auch auf dem berühmten Friedhof, auf dem auch Evitas Grab ist. Auf dem Recoleta Friedhof gibt es dann noch mehr Statuen.
Nachdem wir Ricardo und Mercedes getroffen haben und sie uns abends Puerto Madero gezeigt haben, wollten wir uns den recht neuen Stadtteil bei Tag ansehen. Das ehemalige Hafengebiet ist ein schicker Stadtteil geworden. In den Hafenbecken liegen zwei Museumsschiffe und weil wir ja nun schon drei Tage nicht auf einem Boot waren, haben wir die Corbeta Uruguay, einen Dreimaster mit Dampfmaschine von 1874 besichtigt.
Argentinien hat 1810 die Spanier rausgeschmissen. Die 200-jährige Geschichte der Republik ist aufregend, wechselhaft und zum Teil sehr traurig. Argentinien hat 6 Diktaturen hinter sich und hält wohl den Weltrekord von 5 Präsidenten innerhalb einer Woche. Während der Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 „verschwanden“ bis zu 30.000 Menschen. Wer sich für die interessante und erschreckende Geschichte Argentiniens interessiert sollte unbedingt mal eine seriösere Quelle als einen Reiseblog befragen.
Schon bei unserem ersten Spaziergang am Montagabend stellen wir fest, dass es hier zurzeit politisch zur Sache geht. Die Straßen sind voller Plakate. Die Inflation ist sehr hoch. Die Prognosen liegen für dieses Jahr irgendwo zwischen 9 und 30 %, je nachdem wen man befragt. Supermärkte werben damit, dass die Waren im April noch das Gleiche kosten. Gestern gab es eine riesige Demonstration. Die Menschen demonstrieren für eine Anhebung ihrer Gehälter relativ zur Inflation. 100.000 bis 200.000 Menschen (je nachdem wen man fragt) sollen auf der Avenida 9 de Julio unterwegs gewesen sein. Wir haben uns natürlich angesehen wie Argentinier demonstrieren (musikalisch und energisch).
Zu Buenos Aires gehört natürlich der Tango. Gestern Abend haben wir in eine Tango-Show besucht. Im Eintritt inklusive war die Tangostunde vor der Show. Wir hatten keine großen Erwartungen und sahen uns in einem überfüllten Raum zwischen lauter amerikanischen Kreuzfahrttouristen (ihr merkt, keine Vorurteile) auf und ab laufen. Doch es kam ganz anders. Wir waren nur drei Paare, unsere netten Lehrer sind individuell auf uns eingegangen und wir haben viel gelernt. Die Show war auch super. Ein gelungener Abend.
Schön, dass wir so viel Zeit haben Buenos Aires zu erkunden, die schönen Parks zu genießen und über die Fülle toller Gebäude zu staunen. Es gibt noch viel zusehen.

Kleines Brasilien-Fazit

Morgen verlassen wir Brasilien. Morgen ist Tag 89 von 90 Tagen, die wir in Brasilien verbringen dürfen. Zeit für eine Zwischenbilanz.
Für mich war Brasilien kein Traumziel und als in Recife der Kühlschrank vorbeischwamm, habe ich zu Nobbi gesagt, ich wisse nicht ob ich drei Monate in einem Land verbringen möchte, in dem ich nicht baden kann. Dann kam es zum Glück ganz anders. Die Zeit ist viel zu schnell vergangen, ich habe ausgiebig gebadet und es gäbe noch so viel zu entdecken.
Die beiden Punkte auf die wir immer wieder angesprochen werden und auf die wir trotzdem keine zufriedenstellende Antwort finden, sind Sauberkeit und Sicherheit. In Recife war der Fluss ziemlich schmutzig, Salvador hingegen ist viel sauberer als angenommen. In den Buchten von Ribeira und Aratu muss ich nicht baden, vor Itaparica oder Bom Jesus lädt das Wasser jedoch zu längerem Aufenthalt ein. Müll, insbesondere Plastikmüll, ist ein Problem. Im Supermarkt bekommt man Unmengen dünner Flatterplastiktüten, Plastikflaschen, Strohhalme, Plastikbecher, selbst in Restaurants, und Verpackungen ohne Ende. Die Straßen und Strände sind relativ sauber, dass liegt aber nicht daran, dass die Menschen ihren Müll entsorgen, sondern daran, dass Salvador eine Armada von Straßenreinigern und Müllmännern (und -frauen) einsetzt. Für uns ist es doch sehr gewöhnungsbedürftig, wenn der Kellner die Kronkorken einfach auf die Straße wirft oder der ganze Plastikmüll nach einem Picknick am Strand liegen bleibt. Der Müll, der nicht ins Meer weht wird dann von den „grünen Männchen“ der Müllabfuhr in Schubkarren gesammelt. Doch es gibt Hoffnung. Für Alu gibt es Geld, also werden Getränkedosen gesammelt und auf einigen Bierflaschen aus Glas ist Pfand. Und wenn wir zum Einkaufen Taschen und Rucksäcke mitbringen, werden diese vom Personal genauso sorgfältig gepackt wie die Plastiktüten.
Noch kompliziertes ist es mit der Sicherheit. In Brasilien leben ganz arm und ganz reich häufig unmittelbar nebeneinander. Während die einen alles und noch viel mehr haben, haben die anderen nichts zu verlieren. Noch vor wenigen Jahren galt Salvador als vergleichsweise gefährlich. Die Situation hat sich verbessert, was auch an dem riesigen Polizeiaufgebot in der Altstadt liegt. Wir haben viele Warnungen erhalten. Beim Zoll in Recife (ihr erinnert euch, wir sind stundenlang durch das Hafengebiet und die Stadt gelaufen um das richtige Papier vom Zoll zu bekommen) wurde uns gesagt, dass wir sofort unsere Uhren abnehmen sollen. In Salvador hat uns der Volvohändler gewarnt auf keinen Fall der Straße zu folgen, sondern unbedingt zurück zu gehen, in Recife wollte man uns nur ungerne Busfahren lassen und brasilianische Segler haben uns davor gewarnt auf dem Rio Paraguacu zu ankern. Wie geht man mit den Warnungen um? Zum Glück hatten wir bereits eine tolle Woche auf dem Paraguacu verbracht, als wir gewarnt wurden, sonst wäre uns das vielleicht entgangen. Ansonsten haben wir einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen und beschlossen, dass man kein Land bereisen kann, wenn man beginnt allen Menschen zu mistrauen. Wir haben nur so viel Bargeld mitgenommen wie wir brauchen, mit einer Notreserve in der Innentasche oder im Schuh. Meine Juwelen und die Kreditkartensammlungen habe wir an Bord gelassen, genau wie wir unsere Original-Pässe nur zu offiziellen Stellen mitgenommen haben, sonst hat eine Kopie immer gereicht. Im Dunklen haben wir lieber ein Taxi genommen als den Bus. Auf dem Carnaval habe ich meine Sonnenbrille verloren und dachte nun sei sie halt weg (bei einer 2 Euro Sonnenbrille hätte ich das gerade noch verschmerzen können), da kam ein junges Mädchen mit meiner Brille und fragte, ob ich sie verloren hätte. Wir haben glücklicherweise nur gute Erfahrungen gemacht. Ob es daran lag, dass wir vorsichtig waren? Oder daran, dass wir einfach Glück hatten?
Für uns ist Brasilien das Land der Lebensfreude und der Vielfalt, der unglaublichsten Obstsorten und der spannenden Tiere, der knappen Bikinis und des Fußballs. Brasilien ist das Land der Kontraste glänzende Hochhäuser und Eselkarren in direkter Nachbarschaft, arm und reich, modern und traditionell. Hier ist es laut und bunt. Das Laute kann nerven, aber vor allem mitreißen. Musik ist überall, mindestens einer singt oder tanzt immer. Wir hatten eine schöne Zeit im Land der maroden Kirchen und der bunten Häuser. Wir hatten unglaublich viele schöne Begegnungen mit fröhlichen Menschen. Diese Mischung aus Chaos und Zuversicht, irgendwie wird es schon gehen. Und es geht. Und dabei sind alle fröhlich.
Für uns führt die Reise nun zunächst ohne Boot nach Buenos Aires, bevor es von dort nach Bremen geht. Morgenfrüh werden wir um vier aufstehen und müssen uns dann von unserer Mari verabschieden. Wir freuen uns schon auf die nächste Brasilienetappe. In 90 Tagen dürfen wir wieder einreisen, dann möchten wir weitere Orte dieses riesigen Landes entdecken.
Tchau! Muito obrigado Brasil!

Bomfin – das gute Ende

Bahia und insbesondere Salvador ist der Teil Brasiliens in das afrikanische Erbe besonders deutlich wird. Bis irgendwann vor 150 bis 100 Millionen Jahren Afrika und Südamerika auseinanderdrifteten, kuschelte sich Bahia tief in den afrikanischen Kontinent. Auch wenn das Bild der ineinanderpassenden Kontinente gerne in der Werbung benutzt wird, ist der kulturelle Einfluss Schwarzafrikas deutlich jünger. Zwischen dem 16. Und 19. Jhd. wurden bis zu fünf Millionen Afrikaner als Sklaven nach Brasilien verschleppt. Das Zentrum des brasilianischen Sklavenhandels war Salvador, die erste Hauptstadt Brasiliens (die zweite war Rio ab 1763 und die dritte dann Brasilia seit 1960). Die afrikanischen Wurzeln sind sicher am stärksten spürbar in Musik, Essen und Religion. Für uns ist diese Mischung Brasilien, denn wir kennen ja (bisher) kein anderes Brasilien.
Gestern haben wir die Bonfim-Kirche besucht, die Igreja do Nosso Senhor do Bonfim. Sie ist einer dieser Plätze an dem Katholizismus und Candomblé aufeinandertreffen. Die katholische Kirche ist aus dem 18. Jhd. und für die katholischen Bewohner die vielleicht wichtigste Kirche Salvadors. Gleichzeitig ist diese Kirche der Ort an dem die Fitinhas angeknotet werden und die Prozession Lavagem do Nosso Senhor do Bonfim endet. Der Katholizismus und der Candomblé existieren hier auf merkwürdige Art gleichzeitig, parallel und manchmal vereinigt, die vielleicht nur in Brasilien möglich ist. Candomblé ist eine afro-brasilianische Religion. Die Sklaven brachten aus Afrika ihre Götter mit und weil sie ihre Religion nicht ausüben durften und in Brasilien zwangsgetauft wurden, wurden den katholischen Heiligen afrikanische Götter zugeordnet, die dann stellvertretend angebetet wurden. Gleichzeitig wurden Traditionen und Rituale im Verborgenen gepflegt. Soweit die Kurzfassung, die Wirklichkeit ist, wie immer, deutlich komplizierter. Man kann nicht durch Salvador laufen ohne einige der Götter zu treffen. Oxala, eine Art „Chefgott“ und Vater aller Götter, und Yemanja, die Herrscherin der Meere sind stark vertreten. Die beiden, aber auch andere Götter zieren unzählige Souvenirs. Es gibt viele Fischrestaurants die Yemanja heißen und die Meerjungfrauen Gestalt ist ein beliebtes Motiv. Zu Ehren Oxalas trägt man weiß, besonders freitags an seinem Lieblingstag. Allgegenwärtig sind in Salvador die Fitinhas, die bunten Bänder. Mit drei Knoten lässt man sie an sein Handgelenk binden, wenn das Band abfällt, gehen die Wünsche, an die man während des Knotens gedacht, hat in Erfüllung. Diese Bänder werden überall in Salvador verteilt. Sie sind ein Souvenir der Kirche, gleichzeitig sollen die Farben für verschiedene Götter des Candomblé stehen. Kompliziert. Der Zaun um die Bonfim-Kirche ist unter den Wunschbändern kaum noch zu erkennen.
Candomblé Feiertage sind fester Bestandteil der Kultur Salvadors, nicht nur bei den Anhängern dieser Religion, sondern auch vieler Katholiken. Überhaupt gibt es in Brasilien eine interessante Art der alltäglichen Religionspflege. Es gibt praktisch keinen LKW auf dem nicht Jesus oder Gott um Beistand gebeten wird, über so manchem Stringtanga-Bikini ist eine Maria oder eine Bitte an Jesus tätowiert und gleichzeitig trägt man Bekenntnisse zu Oxala oder Yemanja. Beistand, egal woher, kann nicht schaden. Die Haltung der katholischen Kirche gegenüber dem Candomblé scheint zurückhaltend neutral. Wenn am zweiten Donnerstag im Januar hunderttausende weißgekleidete Menschen zur Kirche pilgern, Oxala ehren und die Kirchenstufen waschen bleibt das Portal jedoch geschlossen.
Die Bonfim-Kirche selbst ist im Vergleich zu anderen Kirchen Salvadors eher schlicht. Sie steht auf einer kleinen Anhöhe, so dass man sowohl die Hochhäuser in Barra sehen kann, als auch über Ribeira. Neben der Sakristei gibt es ein Wunderzimmer, das ich ziemlich verstörend fand. Hier bittet oder dankt man für Wunder, insbesondere Heilungen von schwerer Krankheit. Unter der Decke hängen Wachsnachbildungen geheilter Körperteile. Nicht nur Arme und Beine baumeln von der Decke, auch Bäuche und Köpfe. Die Wände sind mit Bildern bedeckt. Menschen danken für das Kind, das doch noch gekommen ist oder die Heilung vom Krebs. Gerne mit Vorher-nachher-Foto. Was ich beunruhigend fand zieht viele Menschen an. Viele bitten hier um Zuspruch, lassen sich segnen und kaufen Weihwasser.
Neben den viele katholischen Kirchen und dem Einfluss von Religionen mit afrikanischem Ursprung, sieht man Versammlungsräume vieler protestantischer Sekten und Kirchen. Viele dieser Gotteshäuser sind nur durch das Schild von einer Lagerhalle zu unterscheiden. Auch da gibt es Ausnahmen und Kirchen, die gigantische Tempel errichten. Die größte Pfingstkirche Brasiliens ist Assembleia de Deus, deren Versammlungsräume wir überall gesehen haben. Einige der Kirchen in Ribeira haben wir fotografiert.

 

Im Süden ist sie nie zu sehen

Koffer und Segelboote sind nicht kompatibel. Wir haben also keinen Koffer in der Backskiste gestaut, doch nun sollen unsere Souvenirs und unzählige Bücher mit uns nach Deutschland reisen. Die Mission für gestern war es einen Koffer zu kaufen, in den die Bilder passen, die wir auf den Kap Verden gekauft haben. Bewaffnet mit einem Zollstock nehmen wir den Bus ins Zentrum und stellen fest, dass viele Läden geschlossen haben. Wir hatten angenommen an „Aschermittwoch sei alles vorbei“, doch ganze Stadtteile sind wir ausgestorben. Einen Koffer haben wir trotzdem bekommen, nach einem Spaziergang durch Pelourinho und einem ausgezeichneten Mittagessen haben wir uns wieder auf den Rückweg gemacht. Diesmal hat es mit dem Busfahren geklappt, auf Hin- und Rückweg sind wir ohne Zwischenfälle ans Ziel gekommen. Am Hafen haben wir die tolle Galerie an den Hafenschuppen fotografiert. Die meisten Kunstwerke sind von 1998, uns hat es gefreut, dass niemand in der Zwischenzeit auf die doofe Idee kommen ist sie zu verunstalten.
Gestern Abend, als wir auf der Terrasse saßen, erklang laute Musik, wir dachten es gibt eine Karnevalsnachfeier und sind ans Tor gegangen, doch es schob nur jemand seine Lautsprecherbox in der Schubkarre durch die Straßen. Brasilien.
Im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen wird sie untergehen, im Norden ist sie nie zu sehen. Setzen sechs. Dieser Merksatz, den ich kürzlich in der Grundschule gelernt habe, gilt eben nur auf der Nordhalbkugel nördlich des Wendekreises. Für uns steht die Sonne mittags nun im Norden. Heute kulminiert sie um 12:14 Uhr auf 12°35´ S, wir befinden uns auf 12°55´S also südlich der Sonne.

 

Carnaval in Salvador

Wer denkt Rio sei die Karnevalshauptstadt, der irrt. Sagen die Baianos, die Einwohner Bahias. Der Carnaval da Bahia hier in Salvador ist der größte Straßenkarneval und eine der größten Partys der Welt. Das ist eigentlich nicht verwunderlich. Hier wird immer gefeiert, eine Party jagt die nächste, ein Grund wird sich schon finden. Ganz bescheiden wird die Party des Jahres mit „der beste Karneval des Planeten“ beworben. Das riesige Fest steigt an drei Hauptorten und unzähligen Nebenschauplätzen und dauert sechs Tage und Nächte. Karnevalszüge ziehen durch abgesperrte Straßen, die „Trios Eletricos“ sind große LKWs mit Lautsprecherboxen und einer Bühne, auf der die Bands spielen, begleitet werden sie von den tanzenden Fans in sogenannten „Blocos“.
Seit Wochen laufen die Vorbereitungen, die Ladenbesitzer an den Straßen, in denen der Karneval tobt, haben ihre Türen und Fenster verbarrikadiert. Viele Anwohner, die in den entsprechenden Vierteln wohnen, haben ihre Wohnungen vermietet. Wir haben viele Menschen nach dem Karneval gefragt und festgestellt, dass es hier viele gibt, die froh sind wenn der ganze Rummel vorbei ist. Unsere direkten Bootsnachbarn aber sind begeisterte Fans und haben uns gern Auskunft gegeben.
Ob Karneval in Salvador das Richtige für Leute ist, die bereits in Frankfurt auf dem Schweizer Straßenfest Platzangst bekommen? Das galt es herauszufinden. Als wir gestern Mittag auf der Terrasse des Yacht Clubs sitzen und unseren Karnevalsschlachtplan entwickeln, kommen Mauricio und Carmen vom Nachbarschiff vorbei. Sie wollen mit dem Taxi fahren, ob wir nicht mitkommen möchten. Das ist die Gelegenheit. Wir haben drei Minuten Zeit uns umzuziehen und schon geht es los.
Die beiden tragen das Kostüm ihres „Blocos“. Es gibt drei Möglichkeiten am Carnaval teilzunehmen. Man kann in einem Bloco einem Trio folgen, der Bereich wird durch Seile abgesperrt, die von hunderten Helfern getragen werden. Die Blocos sind Karnevalsgruppen die mit Musikgruppen auftreten, aber auch religiöse, gesellschaftliche oder politische Zugehörigkeit ausdrücken können. Wer sich nicht ins dichte Getümmel stürzen möchte, kann von einem Balkon das bunte Treiben beobachten. Diese Camarotes können als Tribüne am Straßenrand stehen oder auf einem zweiten Wagen dem Trio Eletricos folgen. Alle anderen sind als Pipoca, als Popcorn, unterwegs und feiern an der Straße und folgen dem Zug. Für die Blocos und die Balkons kauft man ein Ticket, als Eintrittskarte fungiert ein T-Shirt oder ein ganzes Kostüm. Carmen und Mauricio sind Teil des Blocos „Filhos (Filhas) de Gandhy“. Die Söhne Gandhis tragen aufwendige Kostüme mit Turban und Kopfschmuck (eigentlich ist es ein traditioneller Bloco in dem nur Männer laufen, es gibt jetzt aber auch Töchter Gandhis). Die meisten Blocos haben ein einfaches T-Shirt als gemeinsame Kleidung, die abada heißt. Die Shirts werden von den Teilnehmern, insbesondere von den Teilnehmerinnen dem persönlichen Geschmack angepasst. Die Shirts werden großzügig gekürzt, es werden Ärmel ergänzt oder zu Spaghetti-Trägern umgewandelt, Fransen geschnitten, der Rücken entfernt und neu geschnürt. Besonders Kreative verwandeln das Shirt in ein Kleid oder einen Bikini. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
Als wir Barra erreichen beginnt es zu regnen, bevor wir den Karnevalszug erreicht haben sind wir klatschnass, doch dann klart es auf und wir trocknen schnell wieder. Wir finden einen super Standort ganz dicht am Zug, genießen die feiernde Menge, die ausgelassene fröhliche Stimmung und tanzen zur ohrenbetäubend lauten Musik. Es ist sehr bunt, sehr fröhlich und sehr laut!
Als norddeutscher Karnevalsmuffel muss ich zugeben, Carnaval in Salvador macht Spaß!