Auf nach Roscoff!

Um halb sieben klingelt der Wecker. Wir liegen in der Koje und betrachten fassungslos den Himmel über unserer Koje. Es ist ja stockdunkel! War es nicht die letzten Tage irgendwie früher hell? Wir hatten ausgerechnet, dass wir um sieben, kurz vor Niedrigwasser auslaufen wollen, aber im Dunkeln? Nö. Nobbi überredet sich schließlich Kaffee zu kochen. Auf dem Weg zu den Waschräumen stellen wir fest, dass wir die rote Tonne hinter dem Hafen gar nicht sehen. Nebel. Am Abend vorher hatten wir gesehen, dass für morgens 9 Grad angesagt sind, dass es zu Nebel kommt, wenn diese kalte Luft über das warme Wasser schwabbelt, weiß man ja eigentlich… Wollen wir jetzt los oder nicht? Wir trödeln ein bisschen, beschließen dass der Nebel weniger wird und legen ab. Langsam hangeln wir uns von Tonne zu Tonne. Die Sonne geht auf und die Fahrt auf dem Fluss ist wunderschön. Als wir die Mündung erreichen ist der Nebel fast verschwunden und zwei Delfine begrüßen uns. Der Tag wird richtig schön und warm und die Bekleidung wechselt langsam von Ölzeug zu kurzer Hose. Obwohl der Wind aus Südwest kommt, also ablandig ist, gibt es eine hohe Dünung aus Nordwest. Die Wellen sind manchmal bis zu 3m hoch und schön lang. Manchmal kann man, wenn man im Wellental ist, zu keiner Seite den Horizont sehen. Nachmittags kommen wir in Roscoff an, kurz vor der Ansteuerung treffen wir wieder Delfine, diesmal viele Tiere, bestimmt über 20 und eine andere Art als morgens. Sie sind viel kleiner, als die beiden bei Treguier. Abends machen wir noch einen langen Spaziergang durch den schönen Vieux Port mit den vielen Geschäften und Restaurants, essen Räuchermakrele und fallen ins Bett.
Das Leben an Bord ist lustig. Als ich feststelle, dass ich an Bord viel mehr Alkohol vertrage als an Land, erklärt Nobbi das folgendermaßen: „Der Alkohol wird an der frischen Seeluft zu Sauerstoff, CO2, Wasser und guter Laune oxidiert“. Die Biologin denkt über Redoxreaktionen nach, für Nobbi ist die Sache klar. Die Versuchsreihe zum Sturmglas läuft weiterhin, gerade sagt es, dass es kalt und stürmisch wird. Ich hoffe es irrt.

roscoff-mit-donkey

Treguier 09.09.16

Von St. Malo ging es zunächst nach St. Quay Portrieux. Eine perfekte Hafeninfrastruktur empfängt einen, der Hafen kann immer angelaufen werden und der Gästesteg ist ausgeschildert. Der engagierte Hafenmeister, nimmt die Leinen an und flitzt mit dem Schlauchboot durch den Hafen um Neuankömmlingen den Weg zu zeigen.

Die Strecke nach Roscoff ist uns mit über 60 Meilen bei Westwind zu weit. Bis dorthin gibt es wenige Häfen die für uns in Frage kommen. Deshalb beschließen wir Treguier anzulaufen, ein Ort der ein paar Meilen von der Küste entfernt an einem Fluss liegt. Der Wetterbericht sagte West 4 in Böen 5, das hatten wir auch, die erste Stunde. Dann nimmt der Wind immer weiter zu. Wir segeln zunächst im Schutz der Küste, müssen jedoch schließlich den Landschutz völlig verlassen, um ein paar kleine Felsen östlich der Inseln Brehat zu umfahren. Mittlerweile haben wir West 6. Bei Wind gegen Strom entsteht ein unangenehmer Seegang, die Höhe ist nicht das Problem, die Wellen sind kurz und steil und brechen sich. Bei der Ansteuerung der Flussmündung ist es zunächst schwierig die Tonnen zu finden, zumal das Fernglas ständig mit Gischt besprüht wurde. Als wir die erste grüne Tonne gefunden haben, ist die Einfahrt jedoch einfacher als gedacht. Laut Seekarte sollen wir zwischen zwei eng nebeneinander stehenden Felsen hindurch, in der Realität ist das Tor aber breiter als erwartet. In der Flussmündung steht der Leuchtturm La Corne, als wir ihn runden ist es plötzlich ganz ruhig. Wir fahren eine Stunde den Fluss hoch und sind begeistert, die Flusslandschaft ist wildromantisch. Vor dem Hafen Treguier, den man wegen der dort stark diagonal setzenden Strömungen nur bei „Slack Water“ (d.h. beim Wechsel von Flut und Ebbe) anlaufen soll, liegt ein Warteponton in der Flussmitte verankert. Wir machen daran fest und essen erst mal in Ruhe zu Mittag. Durch das Fernglas beobachten wir den Marina Anleger und erspähen einen freien Platz. Da wir kaum noch Strömung feststellen, wagen wir es und verholen in den Yachthafen.

Der Wetterbericht meldet für heute und morgen West 5 in Böen 6. Da wollen wir nicht gegenansegeln, das trifft sich gut, hier ist es nämlich schön. Treguier ist eine alte mittelalterliche bretonische Stadt mit einer Kathedrale, die z. T. aus dem 11. Jhd stammt und drei Türme aus verschiedenen Jahrhunderten hat. Außerdem gibt es hier 4300 Jahre alte Hinkelsteine.

Zunächst sind wir also durch die Stadt und die Umgebung spaziert und wollten dann einen Ausflug mit dem Dinghy machen. Wir beschlossen nicht „Donkey“ zu nehmen, sondern das Schlauchboot Mari-Chen aufzupusten. Zwischen dem an Deck liegendem Boot und der Cockpitscheibe wuchsen schon Algen… . Nachdem das Boot aufgepumpt und geputzt war, schnell den Außenborder dran und los. Natürlich nicht einfach so. Der Außenborder wollte nicht. Nobbi hat versucht ihn zu überreden, fleißig gezogen, die Zündkerzen geputzt, Benzin gepumpt. Nichts. Schließlich hat Nobbi ihn halb auseinander gebaut und die Vergaserdüsen gereinigt. Und dann lief er! Wir also ins Boot und den Fluss hochgetuckert. Kaum lag der Hafen hinter uns ging der Motor aus und wir sind zurück zur Mari gepaddelt. Diesmal war aber nur der Benzinschlauch abgegangen und das Problem schnell gelöst. Wir sind also wieder los und den Fluss ein Stück hochgefahren. Eine tolle Landschaft, die vielen Felsen die bei Niedrigwasser rauskommen, am Ufer Bäume und versteckte Häuser. Morgen machen wir sicherlich noch eine Tour.

Vor dem Abendessen waren wir noch einkaufen, eins unserer liebsten Hobbys. Der etwas merkwürdige Laden hatte wenig Auswahl und war ungewöhnlich teuer. Wir haben uns zurückgehalten. Morgen machen wir einen Abstecher zur Konkurrenz. Die Versorgungslage ist ansonsten hervorragend. Klar in Frankreich ernährt man sich von Baguette, Käse und Rotwein, außerdem Frischkäse von Madame LoЇk und Maronencreme. Jetzt haben wir auch noch diese kleinen Törtchen mit salzigem Karamell entdeckt und bisher haben wir auch immer leckeren Fisch bekommen, wenn wir danach gesucht haben. Auch Neptun wurde zunächst mit Calvados gehuldigt und jetzt erfolgt der Manöverschluck mit Pastis, nicht mehr mit Jubi wie zu Beginn der Reise.

Auf dem Michel

Jup. Wir waren da! Am Dienstag (6. September) haben wir einen schönen Ausflug zum Mont Saint Michel gemacht. Bei unserem Spaziergang durch St. Malo hatten wir uns überlegt, dass so ein Ausflug eine gute Idee wäre, wenn wir schon mal in der Gegend sind. Montags fährt der Bus nicht, also am Dienstag. Montags sind wir durch St. Servan gewandert und waren im Cap Hornier Museum, ein nettes kleines Museum in der Festungsanlage La Solidor.

Dienstagmorgen hätten wir fast den Bus verpasst. Eine halbe Stunde Fußweg zum Abfahrtspunkt des Busses war eingeplant, wir hatten jedoch nicht daran gedacht, dass unser Weg über die Schleuse führt. Als wir dort ankamen wurden gerade drei Yachten nach draußen geschleust, das ging schnell und wir haben den Bus noch erreicht. Die etwa eine Stunde dauernde Fahrt durch die bretonische Landschaft haben wir dann genossen. Vom Parkplatz sind wir natürlich die 3 km zum Mont Saint Michel gelaufen und haben auf die überfüllten Shuttlebusse verzichtet. Der Eingangsbereich der Anlage war natürlich touristisch sehr entwickelt und überfüllt. In der Abtei selbst war es dann bei weitem nicht so voll wie wir befürchtet hatten, und wir konnten sie ganz in Ruhe ansehen. Die beindruckenden Klosterbauten samt Kirche stapeln sich in drei Ebenen auf dem Berg und sind aus Granit von den Iles Chausey, zwischen denen wir auf dem Weg nach St. Malo hindurch gesegelt sind. Mir hat besonders der Kreuzgang mit den vielen Säulenreihen gefallen, die sich gegeneinander verschieben wenn man hin und her läuft. Und natürlich der grandiose Blick vom Berg aufs Meer.

Gibt es wirklich Leute die zum Mont Saint Michel fahren und sich diese Abtei nicht ansehen? Muss wohl so sein. Sonst wäre es in den Gassen am Fuss des Berges nicht so viel voller als in der Abtei selbst.

Wir waren rundum zufrieden mit dem Tag und sind froh, dass wir uns die Zeit für den Ausflug genommen haben.

Saint Malo

Wir sind in Saint Malo! Genauer gesagt liegen wir im Hafen gleich um die Ecke, zu Fuß brauchen wir ca 20 min in die berühmte Altstadt „Intra Muros“. Am Samstag sind wir hier angekommen. Die Überfahrt von Jersey war wieder sehr schön und die Einfahrt nach Saint Malo beeindruckend. Es ist leicht sich vorzustellen, dass Saint Malo einmal ein berüchtigtes Piratennest war und viele Schiffe beim Versuch die Stadt einzunehmen aufgelaufen sind. Vor der Stadt, die an der Mündung des Flusses Rance liegt, gibt es unzählige Felsen und kleine Inseln, von denen viele nur bei Ebbe sichtbar werden. Der Tidenhub beträgt über 10 m, d.h. Pfähle die bei Hochwasser 2m aus dem Wasser gucken, ragen bei Niedrigwasser 12m neben einem auf. Die „Condor Rapide“, eine Katamaranfähre, werden wir nicht so richtig los. Wir haben sie schon auf Guernsey gesehen, in Jersey ist sie direkt nach uns ausgelaufen und als wir hier ankamen war sie schon wieder da. Diese Fähren laufen über 35 Knoten und sind deshalb bei Seglern unbeliebt, kaum sieht man sie, sind sie auch schon da. Hier ist der Fährhafen direkt neben der Einfahrt zum Yachthafen und wir hatten schon befürchtet, dass sie uns beim Einlaufen entgegenkommt. Unser Liegeplatz ist etwas belebt, zum einen haben wir hier zumindest bei Wasserstand oberhalb des Hafensülls (damit sind hier viele Häfen bei Niedrigwasser gegen leerlaufen geschützt)  permanent etwas Schwell, unser Zuhause schaukelt also fortwährend, zum anderen kennen wir den Fährfahrplan schon ziemlich genau, neben der schnellen Katamaranfähre kommt noch eine große Fähre die „Bretagne“.
Gestern hatten wir Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang durch „Intra Muros“, den Teil Saint Malos innerhalb der gigantischen Festungsanlagen. Da nachmittags Niedrigwasser war konnten wir auch zu den vorgelagerten Forts laufen, die bei Flut von Hochwasser umgeben sind. Leider war es ziemlich bewölkt, so sind unsere Fotos etwas grau geraten. Die Stadt ist wirklich toll und man kann auf den Befestigungsmauern, die so breit sind, dass darin Garagen und Restaurants untergebracht sind, um die ganze Stadt laufen. An drei Seiten ist die Stadt vom Meer umgeben, an der vierten von den Hafenbecken, mit anderen Worten die Aussicht ist in alle Richtungen gigantisch.
Aber auch um den Yachthafen herum in Saint Servan ist es sehr schön, da wollen wir heute das Cap Hornier Museum besuchen. Interessant sind die Badebecken auf dem Strand. Bei Hochwasser werden sie überflutet und bei ablaufendem Wasser sorgt eine Mauer dafür, dass genügend Wasser im Becken bleibt.
Auch der Haushalt darf nicht zu kurz kommen. Da es hier eine Waschmaschine gibt, die man einfach mit Euros bezahlen kann, wollten wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Kaum hing die Wäsche an Deck fing es an zu nieseln, also alles wieder abgehängt und den Salon dekoriert. Die Bewegungsfreiheit unter Deck ist eingeschränkt, aber durch den Schwell ist die Wäsche ständig in Bewegung und wird wohl trotzdem gut trocknen.
Auch sonst bleibt das Hafenleben interessant. Hier im Hafen ist eine Frau unterwegs, die jemanden sucht, der sie mit nach England nimmt. Dieser Tage sollte man sich gut überlegen, wen man auf die Insel bringt, nicht dass man sich da größeren Ärger einhandelt. Unser Nachbar der gerade mit einem 50 Fuss Motorboot neben uns festgemacht hat muss wohl eine Abkürzung über ein paar Steine genommen haben und hat nun einen Taucher engagiert der sein Unterwasserschiff kontrolliert. S… happens und Steine gibt es hier wirklich genug.

Jersey

Gestern haben wir uns einen entspannten Tag auf Guernsey gegönnt. St. Peter Port ist ein nettes, unglaublich englisches Städtchen mit sehr vielen Treppenstufen. Mittags waren wir pünktlich zum traditionellen Kanonenschuss auf Cornet Castle und nachmittags sind wir etwas entlang der schönen Küste gewandert. Vorbei an sehr schönen und teuren Anwesen, durch den Wald, mit wahnsinns Ausblicken und wieder sehr viele Stufen. Guernsey mit den vielen Blumen und der freundlichen Atmosphäre hat uns sehr gefallen. Da könnte man Urlaub machen :)
Heute ging es weiter nach Jersey. Laut Strömungsatlas wäre es ideal gewesen bei Niedrigwasser aus Guernsey auszulaufen und dann mit dem Strom nach Jersey zu segeln. Jedoch mussten wir die Victoria Marina bei Hochwasser verlassen, da sie hinter einer Schwelle liegt über der nur bei Hochwasser genügend Wasser steht. Wir hatten also beschlossen nach dem Frühstück rauszufahren, uns an den Anker zu legen und auf Niedrigwasser zu warten. Als wir an unserem ausgewählten Ankerplatz ankamen, war es da sehr unruhig, so haben wir beschlossen gleich weiter zu segeln. Das war eine gute Entscheidung. Wir konnten den ganzen Weg nach Jersey segeln und haben die Hydrovane, unsere Windsteueranlage, steuern lassen. Ganz toll. Eingestellt und fertig. Wir hätten sie gerne heute gleich getauft. Wir haben aber noch keinen passenden Namen. Vorschläge werden gerne entgegengenommen! Kurz vor Jersey wurden wir von einer Herde Delfine mit mehreren Delfin-Babys begrüßt. Wunderschön! Sie blieben eine halbe Stunde bei uns und sind immer wieder unter Mari hindurch getaucht.
Da wir mit Niedrigwasser in Jersey ankamen mussten wir wieder warten bevor wir in dem Hafen konnten. Der Wartesteg war schon sehr voll, also haben wir uns ins Päckchen gelegt, also längsseits von einem anderen Boot, das wiederum an einem dritten lag. Bald kam eine weitere Yacht und hat an uns festgemacht. Nun wollte das zweite Boot doch wieder raus. Und kurz darauf auch die ganz innen … So haben wir fast die ganze Wartezeit umparken gespielt. Nach dem Anmelden im Hafenbüro (mit 3 Angestellten!)  und Abendessen blieb für St Helier nur ein Spaziergang im Dunkeln. Ein schöner Ort, in dem Freitags Abend richtig was los ist. Restaurants, Bars und Pubs, Mädels im Abendkleid und Türsteher. Volles Programm. Leider hat uns ein Regenschauer zu schnell zurück an Bord gedrängt.

 

Guernsey!

Montagnachmittag sind wir aus Le Havre ausgelaufen und haben uns auf den Weg nach Cherbourg gemacht. Vor Le Havre war so viel Schiffsverkehr, dass wir leider gar nicht mitbekommen haben, als wir über den Null-Meridian gesegelt sind. Wir sind jetzt also im Westen.
Wir sind nachmittags ausgelaufen, hatten dann zunächst Gegenstrom und wurden später von der Tide ums Cap Levi in Richtung Cherbourg geschoben. Es ist schon etwas unheimlich wenn man mit 10 kn und 30 Grad Abdrift durch die Nacht rauscht. Mal wieder fehlte eine wichtige Tonne, die wurde eingezogen, haben wir an einem Aushang in Cherbourg gelesen. Außerdem fehlte der wichtigste Leuchtturm in unseren Navionics Karten. Das Leuchtfeuer von Barfleur ist ein 77 m hoher Leuchtturm mit einer Tragweite von 24 Seemeilen und hat uns die ganze Nacht begleitet. Das Einlaufen nach Cherbourg mitten in der Nacht war wieder aufregend, das Hafengebiet ist groß, es gibt einen Fähr- und Handelshafen und größere Teile des Hafens gehören der Marine und sind für Yachten gesperrt. Die Besucherstege waren nicht sehr voll, so haben wir schnell einen Platz gefunden und haben schließlich um halb vier festgemacht.
Heute sollte es nun weiter gehen auf die Kanalinseln, genauer gesagt nach Guernsey. Während man auf der Ostsee in den meisten Fällen einfach lossegelt, wenn man mit dem Frühstück fertig ist, war für diesen Abschnitt ein wenig Planung nötig. Zwischen Alderney und dem Cap de la Hague liegt das Alderney Race. Die Strömungen hier sind berüchtigt, ebenso wie die umliegenden Felsen. In Cherbourg haben wir eine Schweizer Yacht kennengelernt, die an dieser Ecke vor einer Woche ihren Mast verloren hat. Man möchte bei slack water, also bei Stillwasser, am Cap sein, um dann mit einsetzendem Strom nach Südwesten geschoben zu werden. Die Strömungskarten beziehen sich aufs Hochwasser in Dover, also muss man raussuchen wann Dover Hochwasser hat, dann weiß man, wann man am Cap sein muss. Wenn man jetzt rückwärts rechnet, weiß man wann man auslaufen will und wenn man aufgepasst hat, hat man das Ganze auch noch in MESZ umgerechnet. Das Wetter war sonnig und die Landschaft am Cap im Fernglas sehr schön, nur die Atommüllaufbereitungsanlage stört das Auge ein wenig. Es hat perfekt funktioniert, wir sind mit neun Knoten ums Cap gerauscht, dann wurde der Strom geringer, um uns etwas später Richtung Guernsey zu schieben. Kurz vor Guernsey wurde es nochmal spannend, im kleinen Rüssel, der Durchfahrt zwischen Herm und Guernsey wurden wir fast 10 Kn schnell und damit viel zu früh in St. Peter Port. Kurz hinter den gewaltigen Molenköpfen wurden wir schon von einem Marinabediensteten im Schlauchboot empfangen, der uns fragte wo wir liegen und wie lange wir bleiben möchten und dabei die Einklarierungsformulare im Plastikbeutel zu uns an Bord warf. Die Kreditkarte für die Hafengebühren konnte er natürlich auch nebenbei entgegennehmen und online mit seinem Tablet sofort abbuchen. Perfekt – so macht man Kunden glücklich, zumal wir damit bereits alle Zugang-Codes inklusive WIFI erhielten. Da wir kurz nach Niedrigwasser ankamen, konnten wir noch nicht in die Marina einlaufen. Die Häfen sind hier oft gegen „leerlaufen“ durch eine Schwelle geschützt, also haben wir am waiting pontoon festgemacht und die Zeit genutzt, um in der Sonne im Cockpit sitzend Mittag zu essen. Interessiert haben wir dabei das Treiben um uns herum betrachtet, vor allem das Einlaufmanöver der riesigen Fähre, die sich gefährlich zwischen die Ankerlieger drängend rückwärts drehend an die Mole bewegte. Als das auflaufende Wasser in 2 Stunden fast 3 Meter ! gestiegen war konnten wir uns in den Hafen verlegen. Tidenhub in St. Peter Port war heute nämlich 7,2 Meter!
Wir sind jetzt aus der EU ausgereist und mussten also hier einklarieren. Nobbi hat unser Zollformular ausgefüllt und in einen gelben Briefkasten geworfen. Die Kanalinseln gehören zwar zu Großbritannien, aber nicht zur EU (England ja bald auch nicht mehr). Hier gilt die Englische Zeit, also eine Stunde zurück, das britische Pfund (hier gibt es zwar ein Inselpfund, aber es kann auch mit dem Britischen bezahlt werden) und die Autos fahren auf der falschen Seite. Morgen schauen wir uns die Insel genauer an, heute hat es nur noch für einen Spaziergang durch die Altstadt und um den Hafen gereicht.

Traum aus Beton

Der Traum aus Beton ist kein Albtraum. Le Havre gefällt uns ganz gut. Nach dem Zweiten Weltkrieg war von Le Havre praktisch nichts mehr übrig, das Stadtzentrum wurde neu geplant und praktisch alle Gebäude sind aus Beton, inklusive der Kirche mit ihrem über 100 m hohen Turm.
Nachdem wir bei wunderbarem Wetter durch die Stadt spaziert sind, wollten wir doch mal wissen warum es am Strand so laut ist. Auf der Promenade fand ein Skateboard Wettbewerb statt, wir haben ein wenig zugeschaut und mitgejubelt und dann die Kinder beobachtet, die nebenan Wellenreiten üben könnten. Das hätte ich ja auch gerne mal ausprobiert.
Vor der Mole tummelte sich alles was der Wassersport  zu bieten hat. Neben den Yachten, Motorbooten, Opti-Seglern, Surfern und Kitern war auch ein Kiter mit Foil unterwegs, wahnsinnig schnell! Wir stocken jetzt noch unsere Baguette und Fischdosenvorräte auf und machen uns dann heute Nachmittag auf den Weg nach Cherbourg. Übrigens, die Franzosen haben so tolle Worte: hier gibt es eine Conserverie, ein Fachgeschäft für Fisch in Dosen!

Entlang der Kreidefelsen

Am Donnerstag ging es von Bologne-sur-Mer nach Dieppe und gestern weiter nach Fecamp. Beide Tage war wenig Wind, so haben sich Segelversuche und fahren unter Motor abgewechselt und wir hatten eine unaufgeregte aber entspannte Reise. Leider war es ziemlich dunstig, so dass wir von der Küste nicht viel gesehen haben. In Dieppe haben wir morgens ausgiebig eingekauft und uns mit Obst, Käse und Baguette versorgt. Während die Einfahrt nach Dieppe recht einfach war, wir bekommen ja langsam Übung und wissen, dass gewaltige Hafenmauern auf uns warten, war die Einfahrt nach Fecamp gestern ein bisschen spannender. Die Hafeneinfahrt ist nur einen Meter tief, da mussten wir also rechnen, wann ist Hochwasser, wann Niedrigwasser, wann ist genug Wasser, dass wir sicher in den Hafen kommen. Wir haben uns nicht verrechnet und sind gut reingekommen, auch wenn die Strömung an der Hafeneinfahrt schon recht stark war. Dem Tipp sich möglichst auf der Nordseite zu halten, konnten wir nicht folgen, wir waren froh, dass wir reingekommen sind, ohne einer der Mauern zu nahe zu kommen.
Heute Morgen hatten wir Glück und deutlich bessere Sicht, so dass wir uns die Küste ansehen konnten. Westlich von Fecamp gibt es Tore in den Kreidefelsen, unglaublich schön da in der Morgensonne vorbei zu segeln. Weniger Glück hatten wir mit dem Wind, die meiste Zeit wenig bis überhaupt gar keiner. Nun liegen wir im riesigen Yachthafen von Le Havre. Le Havre scheint ein Traum aus Beton zu sein, einen längeren Spaziergang machen wir aber erst wenn es etwas abkühlt. Bisher waren wir nur bei der Capitanerie und einkaufen.
Die geruhsamen Tage an Bord haben zu einem wahren Aktivitätsschub geführt, neben Bootsputz (innen und außen) wurden lauter kleine Dinge erledigt, Leinen betakelt, Beine epiliert, Mosquitonetz genäht und Revierführer gelesen. Ich habe schon Muskelkater, der Reeds, das Standardwerk für die europäische Atlantikküste hat 1052 Seiten und ist fast DIN A4 groß. Zum Glück haben wir auch mal in Ruhe in den Navitisch geguckt und so den `Shell Channel Pilot‘ gefunden, ein schöner Führer für den Kanal, nett geschrieben und mit tollen Luftaufnahmen. Es ist mir etwas unheimlich, aber mein Mann lernt fleißig Französisch. Vorgestern höre ich plötzlich so ein Gemurmel unter Deck, Nobbi starrt in die Luft und spricht, aber nicht mit mir sondern mit seiner Französisch-CD. Ich nähere mich dem Französischen vorsichtiger an, war ich doch schon ganz stolz, dass ich in Dieppe die Hafenmeisterin verstanden habe. Ich bin noch nicht sicher, ob mich Nobbis Eifer abschreckt oder motiviert.
Die Hafengelder sind für Dänemarksegler eher hoch. Hier in Le Havre haben wir 35 Euro bezahlt, Duschen kostet extra. Ich habe die Duschen besichtigt und mich entschlossen lieber unter dem Gartenschlauch auf dem Steg zu duschen…. Und es gibt hier IPTS, das kannten wir auch nicht. Das sind (in der Theorie) einheitliche Lichter, die einem anzeigen, ob man in einen Hafen bzw. ein Hafenbecken einfahren darf oder nicht, seit Zeebrügge gibt es die Dinger überall. Manchmal sind sie allerdings ausgeschaltet, oder zeigen was falsches, so wie in Calais, wo wir nochmal nachgefragt haben, ob wir jetzt wirklich neben der drehenden Fähre warten sollen.
Und? Wie geht’s jetzt weiter? Wir würden gerne nach Cherbourg und von dort auf die Kanalinseln, morgen soll der Wind allerdings recht stark aus West kommen, unser Kurs ist 285°, also 60 Meilen kreuzen, gegen die z.T. recht starke Tide. Wir denken mal drüber nach, vielleicht gibt es noch eine andere Option.

Et Voila! La France!

Wir sind in Frankreich. Das Übersegeln der Grenze wurde gebührend zelebriert und die neue Gastlandflagge weht unter der Steuerbordsaling. Nachdem wir nochmal Brügge besucht und einen langen Spaziergang durch die Küstenorte gemacht haben, sind wir am Dienstag von Zeebrügge losgesegelt. Der Hafen in Zeebrügge war wirklich groß, 25 min haben wir gebraucht bis wir wieder draußen waren. An Dunkerque ging es ganz nah vorbei nach Calais. Die Fahrt war wunderbar ereignislos, zuerst konnten wir schön segeln, dann wurde der Wind immer weniger und wir sind motort, das Wetter war wunderbar sonnig und wir haben gebadet um uns abzukühlen. Die Einfahrt nach Calais war dann wieder ganz spannend. 58 Fähren fahren da am Tag rein und raus. Außerdem weiß man ja nie was einen in einem fremden Hafen erwartet. Unser Handbuch sagte, eine Brücke würde zweieinhalb Stunden nach Hochwasser öffnen und wir könnten dann in den Yachthafen fahren. Wir hatten Glück, kurz nachdem wir reinkamen ging die Brücke auf. Im Hafen stellten wir fest, dass gerade umgebaut wird und es deshalb keine Besucherplätze gibt. Wir durften trotzdem bleiben und haben nur den halben Preis bezahlt.
Heute ging es weiter ums Cap Griz Nez nach Boulogne-sur-Mer, ein Segeltag wie aus dem Bilderbuch. Beim Auslaufen aus Calais konnten wir die Klippen von Dover sehen, wir hatten leichten Wind, haben ein bisschen gekreuzt und sind ganz entspannt hier angekommen. Wunderschön wenn man schon morgens, wir sind um sieben ausgelaufen, die kurzen Hosen und T-Shirts anziehen kann. Heute war ein guter Tag für Schiffegucker, ich bin da familiär stark vorbelastet und Nobbi ist ohnehin schwer infiziert. Da der Englische Kanal zwischen Dover und Calais so schmal ist, kommen die großen Schiffe ganz dicht vorbei. Wir haben also beim Frühstück den Welthandel betrachtet.
An Bord funktionieren alle Systeme an Bord, auch der Bilgealarm. Kaum standen die Segel hat das Ding losgepiept. Ich hab gerade gesteuert, also hat Nobbi nach der Ursache gesucht. Die Stopfbuchse hat ein bisschen mehr geleckt als sie sollte, nicht schlimm also, ein paar Liter Seewasser aus der Bilge lenzen boten ein wenig Abwechslung am Morgen vor dem Frühstück. Im Hafen wurde die Stopfbuchse dann natürlich nachgezogen.
Heute Nachmittag haben wir die beiden Marina-Waschmaschinen belegt und anschliessend das Schiff über die Toppen geflaggt, Nobbi war bei einer netten Friseurin, die ihn von seiner Schafwolle befreit hat, wir haben eingekauft und im Schnelldurchgang die historische Altstadt besichtigt.
Übrigens, in vier Monaten ist Weihnachten!

Brügge – Backstein und Schokolade

Auf dem Weg hierher habe ich überlegt, was ich eigentlich über Belgien weiß. Nicht viel. Die Küste ist so kurz, dass man schon aus Versehen vorbeisegeln könnte, es gab ewig lange keine Regierung, die Belgier sprechen alle möglichen Sprachen, es gibt Schokolade, Bier, Pommes und Diamanten. Und ich glaube ich kenne nur eine Belgierin, abgesehen von Hercules Poirot.
Der Wetterbericht meldet Starkwind aus West, wir bleiben also hier und wollen was sehen. Nach einen Spaziergang durch das ehemalige Fischerdorf Zeebrügge und die Strandpromenade nehmen wir die Bahn nach Brügge und sind ausgesprochen positiv überrascht. Wir wussten, dass Brügge eine alte Handelsstadt ist und einmal eine reiche Stadt war, aber das hatten wir nicht erwartet. In der ganzen Innenstadt ist eigentlich jeder Straßenzug sehenswert, viele Gebäude aus dem 17. Jhd. sind erhalten und schon im 19. Jhd. wurde damit begonnen Gebäude zu restaurieren. Die Stadt wird durch Wallanlagen eingefasst und ist mit einem Kanalnetz durchzogen. Wir sind den ganzen Tag durch die Stadt gelaufen, haben unzählige Fotos gemacht und die tolle Atmosphäre genossen. Morgen soll es noch mehr wehen als heute, vielleicht fahren wir nochmal nach Brügge.
Neben Brügges städtebaulichen Qualitäten haben mich besonders die Chocolaterien, Pralinenläden und Waffelstände überzeugt und so sitze ich nun hier an Bord und verkoste belgische Pralinen während ich den Tag Revue passieren lasse…