Abschied von Brasilien

Nach einer Neuauflage der Chicken-Pool-Party am Sonntag, ist für uns die Zeit des Abschieds gekommen.
Wir wollen auschecken. Die Behörden hier haben einen zweifelhaften Ruf, es soll ewig dauern, Geschichten von sehr langen Aufenthalten bei der Policia Federal kursieren und der Zoll soll es besonders genau nehmen. Wir beschließen es entspannt angehen zulassen und uns selbst ein Bild zu machen. Für die Ausreise muss man zunächst zur Policia Federal, der Immigration, und sich den Pass stempeln lassen, dann zur Receita Federal, das ist der Zoll, und schließlich zur Capitania. Das Prozedere wird dadurch erschwert, dass die drei Behörden in drei verschiedenen Stadtteilen liegen. Die Policia Federal ist in Intermares, die zuständige Receita Federal in Cabedelo und die Capitania in Joao Pessoa.
Zunächst laufen wir nach Intermares und beschließen den Weg am Strand entlang zu nehmen, das ist zwar nicht der direkte Weg, aber wir hoffen auf einen schöneren Weg und frischen Wind. Leider weht kein Wind und es ist sehr heiß. Bei der Polizei hingegen ist es angenehm kühl. Nach ein paar Minuten Wartezeit werden wir aufgerufen. Ein fröhlicher Beamter macht unsere Papiere fertig, nur das Einlesen unserer Pässe dauert etwas. Er beklagt sich über das langsame Internet und wir lachen gemeinsam über den mühsam wachsenden Ladebalken auf seinem Bildschirm. Wir bekommen unsere Stempel und dazu gute Wünsche für die Reise. Das ging schon mal fix. Nun müssen wir nach Cabedelo. Da der Zug erst in über einer Stunde wieder fährt, beschließen wir ein Taxi zunehmen. Wir laufen zehn Minuten bis wir ein Taxi finden und sind dann schnell in Cabedelo.
Zunächst stehen wir im falschen Büro der Receita Federal. Eine junge Frau erklärt uns in schönstem Englisch, dass ihr Englisch leider nicht sehr gut sei, ob sie uns den Weg auch auf Spanisch beschreiben könnte. Ein paar Minuten später sind wir auf dem Hafengelände und auf der Suche nach dem Büro der Receita Federal, da geht hinter uns ein Fenster auf. Wir sind vorbei gelaufen.
Ein sehr resoluter Mann kramt in unseren Unterlagen. Wir haben unsere Bootspapiere nicht mit. Warum eigentlich nicht? ? Doch wir haben Glück. Er erklärt uns, dass er seinen Kollegen aus Salvador traut, die hätten unsere Papiere sicherlich geprüft. Dann wird es lustig. Er entdeckt zwischen unseren Papieren einen Flyer, den wir in Salvador bekommen haben. Unglaublich, die Kollegen aus Salvador haben seinen Flyer kopiert. Er zeigt uns seinen Flyer im Vergleich mit dem der Kollegen aus Salvador, kopiert den aus Salvador und stempelt unsere Papiere. Dann macht er uns darauf aufmerksam, dass wir uns nicht beeilen müssen, 72 Stunden haben wir Zeit für die Ausreise. Die ganze Zeit ist sehr zackig und etwas knurrig. Als ich zum Abschied sage, dass uns Brasilien sehr gefallen hat und wir eines Tages wiederkommen wollen, breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Wir sind jederzeit willkommen.
Jetzt könnten wir zur Capitania nach Joao Pessoa fahren, doch wir entscheiden uns für etwas Sightseeing. In Cabedelo beginnt die Transamazonica. Es gibt ein großes Schild am Kilometer null und ein gekacheltes Bild des Streckenverlaufs. Dahinter, sorgfältig versteckt, ist das Schild zum Fort Santa Catarina. Nicht nur die Portugiesen, auch die Holländer und Französen hatten Interesse an Brasilien und so wurde hier im 16. Jhd. .ein Fort errichtet. Die Anlage ist hübsch und der Ausblick vom Fort auf den Fluss schön. Das Fort liegt direkt neben den Tanklagern, es riecht etwas nach Raffinerie und Diesel.
Heute ging es also nach Joao Pessoa zur Capitania. Die Zugfahrt dauert eine Viertelstunde, nach ein paar Minuten Fußweg stehen wir vor der Capitania. Hier sieht es sehr ruhig aus, ob geschlossen ist? Unser Anliegen wird direkt am Empfang bearbeitet, ein paar Kopien, ein paar Stempel, „gute Reise“, das war’s.
Wir machen noch einen Spaziergang, finden Nobbis Lieblings FlipFlops in blau, kaufen Obst und Gemüse auf dem Markt und essen in einem kleinen Imbiss. Dann bummeln wir ein bisschen durch die sehr heißen Straßen im Elektro-, Bau- und Lampenviertel bis der Zug uns zurück nach Jacare bringt. Zurück auf dem Boot schultern wir unsere Rucksäcke und machen uns auf den Weg zum Supermarkt. Auf dem Rückweg sehen wir kleine Äffchen auf der Stromleitung und legen einen Kokosnuss-Stopp an der Porta do Sol ein, wo wir ein letztes Mal den Bolero hören.
Morgen soll es weiter gehen. Wir verabschieden uns von Brasilien und freuen uns auf Französisch Guyana. Brasilien, vor allem die freundlichen Brasilianer, werden wir vermissen!
Muito obrigado Brasil! Danke für eine schöne Zeit!

Wir haben heute übrigens Geburtstag! Heute vor zwei Jahren haben wir in Lesum die Leinen gelöst.

Entspannte Warteschleife

Man kann hier spielend leicht einen Tag, oder auch eine Woche, mit Warten auf irgendwas verbringen.
Warten darauf, dass sich herausstellt auf welchem Platz in der Marina wir liegen können.
Warten darauf, dass eine Internetverbindung hergestellt wird.
Warten darauf, dass unsere Wäsche zusammengelegt ist.
Warten darauf, dass unsere Badeleiter-Aufhängung geschweißt wird.
Der Bundesstaat Bahia (mit Hauptstadt Salvador) hat einen schlechten Ruf in Sachen Effektivität und Schnelligkeit. Von den Brasilianern, die wir auf unserer Amazonasreise getroffen haben, haben wir gelernt, dass es eine Menge Witze über die Langsamkeit in Bahia gibt. Diese Witze haben einen wahren Kern. Auf meiner ganz persönlichen Landkarte ist jedoch Jacare die Hauptstadt der Langsamkeit.
Wir haben Nüsse gekauft. Es gibt hier sehr leckere Kreationen quasi gebrannte Cashewkerne mit Zimt und natürlich Paranüsse. Unsere Ausrede, weshalb wir unbedingt diese ziemlich teuren Nüsse kaufen müssen ist übrigens, dass sie super gegen den kleinen Hunger in der Nachtwache sind. Natürlich muss die Eignung vorher überprüft werden… Die Dame die die Nüsse verkauft ist sehr freundlich und sehr langsam. Hat man eine Sorte ausgewählt und die Nüsse wurden in ein Tütchen gefüllt, wird nun ein Schildchen mit Barcode darauf geklebt. Auf das Schild wird per Hand noch die Sorte notiert. Falls man das mal vergisst wird das Schild wieder abgezogen. Der Vorgang dauert locker 5 min, pro Sorte. Ich tue etwas für meine Haltung und warte auf einem Bein (Fortgeschrittene stehen auf dem Ballen, einbeinig natürlich).
Während unserer Warterei lassen wir es uns gut gehen. Wir haben bereits einige Bücher aus der Marina-Bibliothek gelesen. Hier gibt es eine große Sammlung von Romanen, Segelbüchern und Ratgebern. Interessant finde ich die hohe Anzahl an ungelesenen Langfahrtsegel-Ratgebern. Wer es bis hierher geschafft hat, braucht diese Bücher auch nicht mehr lesen. Unseren sieben Winschen ist der Aufenthalt hier gut bekommen, sie sind frisch gewartet, gefettet und besser als neu.
Beim Putzen des Hecks hatte ich gesehen, dass die Aufhängung der Badeleiter auf beiden Seiten einen kleinen Riss hat. Nichts Dramatisches, aber etwas was man im Auge behalten sollte. Gegenüber unseres Stegs ist eine Outdoor-Schweißerei. Die frisch geschweißten Edelstahlteile machten einen guten Eindruck, also haben wir ein Foto von unserem Schaden gemacht und gefragt, ob er den Riss schweißen könnte. „Klar kein Problem!“. Nun folgte eine typische Bootsbaustelle. Kleine Sache, große Baustelle. Zum Abschrauben der kleinen Platten muss man von innen gegen halten. Dafür „darf“ ich in die Backskiste. Damit ich reinpasse müssen Dieselkanister, Eimer, die Tasche mit den Teakholzresten und der Ersatzanker aus der Kiste raus. Die Niro-Halterungen wurden dem Schweißer am Strand übergeben und verschwanden erstmal, tauchten zum Glück am nächsten Tag schon kurz nach der vereinbarten Zeit wieder auf. Es mussten erst die richtigen Inox Schweißanoden besorgt werden. Mit der Arbeit sind wir sehr zufrieden. Beim Wiedereinbau haben wir sie mit Sikaflex abgedichtet (das ist eine fürchterlich schmierende schwarze Dichtungsmasse). Die Platten sitzen perfekt, ich denke das hält jetzt locker die nächsten 25 Jahre. Da ich sowieso gerade in der Kiste saß, habe ich die Kabel dort kontrolliert, ein paar neu befestigt und etwas „Wetprotect“ verteilt. Alle Kanister und Eimer sind wieder in der Kiste verschwunden. An die Baustelle erinnern nur noch die Sikaflexreste unter meinen Fingernägeln, die wohl rauswachsen müssen. Nobbi hat mehr mit dem Sikaflex rumgeschmiert aber weniger Andenken gesammelt. Er hat mir geraten so lange zu duschen bis ich völlig aufgeweicht bin, dann würde es ab gehen. Toller Tipp. Wie lange muss man denn unter einer kalten! Dusche stehen, bis man verschrumpelt?
Die letzten Tage hielten wieder interessante Tierbegegnungen bereit. Mehrere Flötenfische schwimmen um Mari, ich habe versucht sie zu füttern, aber sie hatten kein Interesse an meinem Angebot. Im Supermarkt habe ich eine riesige Spinne zwischen den Bananen gesehen, ich hatte kein Interesse an einer engeren Interaktion.
Da heute Sonntag ist, wird gegrillt, oder es gibt eine Wiederholung der Chicken-Pool-Party. Genauere Pläne gibt es noch nicht. Die Seglergemeinschaft hat sich dem brasilianischen Tempo angepasst.

Umzug in die Marina

Wir liegen am Steg. Der Umzug in die Marina gestaltete sich komplizierter als gedacht, ursprünglich wollten wir am Montag an den Steg umziehen gestern, also Mittwochmorgen, war es schließlich so weit. Um sieben Uhr, pünktlich zu Hochwasser haben wir unseren Anker ausgegraben. Das Manöver war durch die „Hilfe“ der Marineros spektakulärer als nötig, doch zum Glück kann man unsere vergleichsweise leichte Mari per Hand von den scharfkantigen Pfeilern abhalten. Hier am Steg ist es nicht unbedingt gemütlicher als am Anker, die Wellen platschen unter die Schiffe und gegen die Schwimmstege, aber die Wege sind deutlich kürzer. Morgens mal eben Duschen oder Brötchen holen geht zu Fuß einfach schneller als mit dem Beiboot. Wir freuen uns über die kurzen Wege, bringen Wäsche zum Waschen, setzen uns nachmittags mit den Laptops in den Yacht Club und freuen uns über die französischen Brötchen. Die Brötchen hier sind eine Sensation, sie sind tatsächlich nicht gesüßt! Was Zuhause selbstverständlich ist, ist hier die Ausnahme. In vielen Produkten sind unglaubliche Mengen Zucker enthalten, von versteckt kann nicht die Rede sein. Manch ein „Saft“ hat mehr Zucker als Cola, „Naturjoghurt“ ist oft unerträglich süß und eben auch fast jedes Brot ist ordentlich gezuckert. Inzwischen haben wir Säfte ohne Zuckerzusatz gefunden, wissen von welchen Herstellern es zuckerfreien Joghurt gibt und haben jetzt eben diese leckeren Brötchen entdeckt.
Die kleinen Tücken des (Boots-) Lebens halten uns auf Trab. Nobbis Computer erkennt jedes WLAN, nur das des Yacht Clubs nicht, in meinem Rucksack ist Waschmittel ausgelaufen (das hat vielleicht geschäumt) und leider haben wir die Rostbrösel der Druckfeder aus unserem kaputten Niederholer gleichmäßig übers Boot verteilt (innen und außen), was wieder zu unschönen Rostflecken führt.
Nach wie vor finde ich es hier nicht besonders schön, trotzdem fühlen wir uns wohl. Die Marina ist inzwischen fest in Französischer Hand. Die Betreiber der Marina kommen aus Frankreich, genau wie alle verbliebenen Gäste, abgesehen von uns. Die meisten sprechen gut Englisch und wir lernen jetzt Französisch in Vorbereitung auf Französisch Guyana. Wir testen unser Französisch an den Kindern auf dem Nachbarboot, die wiederum ihr Englisch an uns ausprobieren. So kommt es, dass wir uns regelmäßig gegenseitig nach dem Namen und dem Befinden fragen. Wer an der Bar etwas essen möchte muss auf Portugiesisch oder Französisch ein paar Stunden zuvor bestellen. Nobbi hat gestern auf Französisch erfolgreich eine Pizza für den Abend bestellt, die ausgesprochen lecker war.
Tierische Begegnungen sind immer ein Highlight. Regelmäßig sichten wir Delfine am Ankerplatz, in einer hohlen Palme nisten grün-gelbe Papageien, eine Truppe grüner Papageien macht viel Krach beim abendlichen Rundflug (immer in Paaren) und ein merkwürdiger Eulen(?)vogel schreit uns auf dem Weg zum Supermarkt immer vom gleichen Zaunpfahl aus herausfordernd an.

Jacare Schreivogel

Sabadinho Bom und die Chicken-Pool-Party

Unsere Freitagspläne sind samt der Mondfinsternis ins Wasser gefallen. Nachdem wir lange Glück hatten und es tagsüber immer schön war und wir nur nachts gelegentlich von einem Schauer geweckt wurden, hat es Freitag fast den ganzen Tag geregnet. Schade, ich hätte die Mondfinsternis so gerne gesehen.
Samstags findet in Joao Pessoa Sabadinho Bom statt, das ist eine nette Musikveranstaltung. Auf einer Bühne spielt eine Band, davor wird getanzt, auf einem Platz unter den Bäumen stehen lauter Tische und außen rum gibt es viele kleine Stände, die Gegrilltes, Suppen, Bier und Caipi verkaufen. Die Musik ist gut und die Stimmung fröhlich. Wir entdecken unterschiedlichste Tanzstile unter anderem eine brasilianische Antwort auf Tango, die uns sehr gefällt. Wir mochten die entspannte Atmosphäre, jeder tanzt mit jeden, sogar Leute in kurzen Hosen mit weißen Socken in schwarzen Halbschuhen finden Tanzpartnerinnen. Ein älterer Mann hat seine Triangel dabei und „begleitet“ die Band, niemand stört sich daran. Man trifft sich im Schatten der großen Bäume und wenn der offizielle Teil beendet ist, wird selbst Musik gemacht.
Auf dem Rückweg saßen wir zu sechst in einem Taxi. Die Bahn fährt leider nur unter der Woche und Samstag vormittags, also wurde von irgendeinem hilfsbereiten Bekannten ein Taxi organisiert. Während dieser unterhaltsamen Rückfahrt wurde die Idee eines gemeinsamen Grillhähnchen Essens geboren. Als wir nach unserer Ankunft feststellten, dass der Pool das erste Mal seit wir hier sind mit Wasser gefüllt ist, beschlossen wir eine Chicken-Pool-Party zu veranstalten. Wir hatten Glück mit dem Wetter, haben uns zu zehnt voll gefuttert und gebadet. Jedes Schiff hat einen Salat mitgebracht und die Hähnchen waren sehr lecker.
Nebenbei haben wir Maris Rumpf geputzt, vom Beiboot aus war das eine sportliche Veranstaltung. Dabei haben wir leider festgestellt, dass Mari lauter ganz kleine schwarze Punkte hat. Anscheinend wurde in Salvador der Steg gemalt als wir nicht da waren. Es wird also noch weitere Trainingseinheiten geben. Vorhin hat Nobbi hundert Euro gespart. Hundert Euro soll es kosten das Schiff von unten reinigen zu lassen, Maris Bauch ist aber noch recht sauber, so dass wir das für teuer halten. Nobbi ist bei wenig Strömung in den Fluss gesprungen, hat unseren Impeller gängig gemacht und den Propeller gesäubert.
Heute wollten wir eigentlich an den Strand, der ein oder andere Schauer hat die Begeisterung für dieses Vorhaben gedämpft. Es blieb bei einem langen Spaziergang und einem Wassereinkauf.

Gefährliches Jacare

Dieses beschauliche Kaff ist gefährlicher als es zunächst wirkt. Beim Duschen wurde ich von einem Frosch „angegriffen“. Eigentlich ein sympathischer Hüpfer, jetzt wo wir uns kennen dusche ich gern mit ihr (?). Doch als ich mit geschlossenen Augen unter der Dusche stand und sie auf mir landete habe ich mich furchtbar erschrocken.
Gestern auf dem Rückweg vom Einkaufen musste ich in die Büsche springen um nicht unters Pferd zu geraten. Pferde, Mulis und Esel werden hier gerne für den Transport genutzt. Gestern kam uns zum Beispiel eine Sofagarnitur auf einem Eselkarren entgegen. Diese Pferde- und Eseltransporte sind meistens im Galopp unterwegs und nehmen gerne die Innenseite der Kurve.
Jacare bedeutet Krokodil. Leider ist es lange her, dass das letzte Kroko gesichtet wurde. Wir haben natürlich den am Amazonas gelernten Kroko-Ruf ausprobiert und keine Antwort erhalten. Ein paar Meter (vielleicht 300m) flussaufwärts der Marina befindet sich eine kleine Touristenmeile mit vielen Beton-Krokodilen und unzähligen kleinen Läden. Die Faszination der Touristenattraktion „Porta do Sol“ hat sich uns noch nicht so ganz erschlossen. Jeden Nachmittag kommen mehrere Busladungen brasilianischer Touristen hierher und bewundern den Sonnenuntergang, entweder von der Promenade aus oder von einem der Ausflugsschiffe, die jeden Abend die gleiche Runde um unseren Ankerplatz drehen und dabei jeden Abend die gleiche Musik spielen. Der Star ist der Saxophonspieler, der seit 23 Jahren jeden Abend im weißen Anzug in einem Boot stehend den Bolero spielt. Sehr kitschig, aber auch irgendwie schön.
Die Mücken hier stellen eine echte Gefahr dar. Jeden Abend gegen halb fünf stürzen sie sich auf uns. Zum abendlichen Treffen der Segler in der Marina Bar gehen wir nur noch mit Anti-Mücken-Spray. Trotzdem bin ich total zerstochen. Die Mücken bzw. ihre Abwesenheit machen den Ankerplatz gegen über dem Platz am Steg attraktiv. Wir hatten gestern das erste Mal eine einzelne Mücke an Bord, die wir erlegt und seebestattet haben. Ein Platz am Steg wäre bequemer, aber dann müssten wir unsere Moskitonetze wieder konsequent geschlossen halten. Vorerst bleiben wir am Anker.
Bei uns ist es kühler als in Deutschland. Im Moment haben wir jeden Tag sonnige 27 Grad, nachts regnet es gelegentlich. Der frische Wind am Ankerplatz sorgt für Kühlung, wir schließen nachts manchmal die Luke über unsere Koje, weil es uns (mir) zu kühl ist.
Die Tage vergehen mit Kleinigkeiten, lesen und Seglerschnack. Wir haben unsere Dirk ersetzt, einen neuen Niederholer gebastelt und das Segelkleid geflickt. Auch unsere WLAN-Antenne funktioniert inzwischen und das „Nudelschapp“ wurde umgeräumt. Hoffentlich öffnet es sich jetzt nicht mehr im Seegang. Anscheinend ist gerade Kokosnuss-Hochsaison, denn sie schmecken zur Zeit besonders süß und fruchtig. Eine kalte Kokosnuss ist unsere Lieblingserfrischung. Gestern waren unsere Einkäufe schwerer als gedacht und der Heimweg zog sich in die Länge. Dann konnten wir nicht widerstehen und haben auch noch Ananas und Orangen an einem Stand an der Straße gekauft. Nun kam zu den schweren Rucksäcken und einer Tasche auch noch ein Sack Orangen hinzu. Dann haben wir dann auch noch eine Ananas geschenkt bekommen. Völlig überladen hatten wir eine gute Ausrede unterwegs einen Kokosnuss-Stopp einzulegen. Natürlich hätten wir ein Taxi nehmen können, aber dann hätten wir weder die Ananas geschenkt bekommen, noch die Kokosnuss getrunken.
In den letzten Tagen haben fünf Yachten in Richtung Norden abgelegt, eine sechste wird morgen folgen. Wir bleiben noch ein paar Tage, wir sind einfach noch nicht fertig mit dem Nichtstun.

Ruhige Ankertage in Jacare

„Gibt die Erdbeeren her, sonst sind die gleich weg“. Nobbi hatte Angst, dass ich die gerade erstandenen Erdbeeren an das nette Pferd verfüttere. Hier sind eine ganze Menge Pferde unterwegs, einige sind angeleint, andere laufen hier einfach in der Gegend rum. Natürlich muss ich sofort Kontakt aufnehmen. Wenige Dinge machen mich kurzfristig so fröhlich wie das Streicheln einer samtigen Pferdenase oder einer besonders netten Katze. Das Pferd hat die Erdbeeren nicht bekommen, sich aber bereitwillig streicheln lassen. Im ersten kleinen Laden gibt es eine besonders schöne Katze mit leuchtend blauen Augen, natürlich sind wir bereits Freunde.
Die Tage vergehen schnell hier in Jacare. Wir liegen noch immer Anker vor dem Yachtclub und Nobbi bestreitet sein tägliches Fitnessprogramm in dem er uns an Land rudert. Ich lerne gerade die Ruderkommandos „In die Auslage“ und unterstütze ihn so.
Nach unserem vergeblichen Einklarierungsversuch am Dienstag, waren wir am Mittwoch in Joao Pessoa bei der Capitania und haben dort die Formalitäten erledigt. Wir hatten Glück, es ging schnell, freundlich und unkompliziert. Anschließend haben wir uns in der Stadt umgesehen. Für brasilianische Verhältnisse ist Joao Pessoa mit 800.000 Einwohnern eine Kleinstadt. Sie ist uns auf den ersten Blick sympathisch. Hier ist es recht sauber und irgendwie nett. Die Läden sind „sortiert“, wie das hier üblich ist. Kommt man vom Bahnhof, geht es zunächst entlang der Autoschrauber, dann der Eisenwarenhändler und dann kommen die Möbelläden. Als nächstes kommen die Elektronikgeschäfte. Hier werden Musikanlagen verkauft, deren Boxen 1800 Watt Bums haben, das wäre doch was für Mari…
Wir schlendern durch die Fußgängerzone und besichtigen das Kloster Sao Francisco. Wir haben Glück und es beginnt gerade eine Führung. Wir verstehen kein Wort, trotzdem gefällt uns die Führung, bekommen wir so doch einen guten Überblick. Das Kloster liegt im höchsten Teil der Stadt und ein kühler Wind weht durch die Räume. Der Ausblick vom Kloster über den Fluss und die grünen Ufer ist sehr schön. Nach einer Kokosnusspause haben wir Hunger und landen in einem kleinen Kiosk. Nach einem Hamburger entdecken wir Limetten- und Maracujamousse. Nur für diesen super Nachtisch werden wir wiederkommen. Später stellen wir fest, dass dies unser günstigstes Mittagessen in Brasilien war. Nahe des Bahnhofs gibt es einer ganze Reihe farbenfroh renovierter Häuser. Ich würde gerne in dem Pinken Wohnen.
Am Donnerstag erkunden wir Intermares, der Stadtteil der gegenüber vom Jacare am Strand liegt. Hier gibt es Supermärkte und einige Obststände. Sonst ist es eher tot, oder netter ausgedrückt sehr ruhig. Wir spazieren ein wenig an dem langen Strand entlang und kaufen dann ein.
Die Zeit am Anker nutzen wir für Tüddelei am Boot. An Deck sind während der Überfahrt Brösel aufgetaucht, deren Herkunft geklärt werden muss. Vermutlich kommen sie aus unserem Niederholer (Rod Kicker). An einem der Wasseralarme (die gleichen Dinger, die man unter seiner Waschmaschine legt oder im Labor unter den Autoklaven…) muss eine Lötstelle erneuert werden. Das dauert ungefähr 3 min. Dafür wird der gesamte Salon in eine Baustelle verwandelt und Werkzeug aus drei Schränken wird benötigt. Nach bereits einer Stunde ist es erledigt… Nachdem ich einen ganzen Tag mit unserer WLAN Antenne verbracht habe, sie dann 2 min funktioniert hat und sie jetzt nichts mehr sagt, suche ich mir eine Beschäftigung mit garantiertem Erfolg und putze unsere Schiffsglocke. Beim Messing putzen sieht man unmittelbar seinen Erfolg, das habe ich gebraucht.
Am späten Nachmittag verholen wir auf die Terrasse der Marina, dort trifft man sich. Andere Segler haben ganz andere Probleme, ein Schiff ist vom Slip gefallen und voll Wasser gelaufen. Der Schaden ist immens. Einige der Boote hier sind schon einmal rum und berichten von Südafrika, vom indischen Ozean und immer wieder vom Pazifik. Bei ihnen hört es sich an als sei Cocos Keeling gleich neben an. Das Empfinden der Entfernung verschiebt sich.

Boa ConstricTOOR

Die Fußball WM ist vorbei. Als Frankreich Weltmeister geworden ist, haben wir nicht an Fußball gedacht, sondern querab Recife das leuchtend blaue Wasser genossen. Als wir wissen wollten wer denn nun gewonnen hat, haben wir Radiosender via Kurzwelle gesucht, doch leider keinen Sender mit Nachrichten, die wir verstehen, gefunden. Dafür konnten wir einige chinesische und mehrere spanische Kirchensender empfangen.
Boa ConstricTOOR ist jetzt Frankreich-Fan und ruht sich von der ganzen WM Aufregung aus!

Überfahrt nach Cabedelo

Ganz genau 4 Tage, also 96 Stunden haben wir von Salvador bis zur Ansteuerung von Cabedelo gebraucht. Eine Punktlandung, besser hätte man es nicht planen können und bei uns war es einfach Zufall. Genau als wir die Einfahrt passierten war Niedrigwasser, das ist ideal für die Einfahrt in den Rio Paraiba. Während wir langsam den Fluss hochtuckerten setzte die Flut ein und schob uns sanft flussaufwärts.
Nun liegen wir vor der Marina Jacare Village vor Anker. Jacare ist ein kleiner eher unspektakulärer Ort, zwischen Cabedelo auf der Landspitze und der Stadt Joao Pessoa. Wir sind nun in Brasilien „ganz an der Ecke“. Hier geht die Sonne in Amerika zuerst auf, dies ist der östlichste Ort ganz Amerikas (des Doppelkontinents). Die Marina hier ist nett, es macht Spaß mal wieder andere Segler zu treffen. Einige kennen wir bereits aus anderen Häfen und es ist natürlich interessant zu hören wie es den anderen in der Zwischenzeit ergangen ist.
Rückblickend könnte man behaupten wir hatten eine tolle Überfahrt. Schönes Segeln, keinen Regen und der leuchtend blaue Atlantik. An Tag zwei war ich allerdings gänzlich anderer Meinung, als ich ziemlich seekrank im Cockpit hing und darüber nachgedacht habe warum man freiwillig segeln geht. Schon währenddessen wusste ich, ich würde es wieder tun. Nun habe ich den blöden Teil der Reise bereits weitgehend verdrängt. Aber, es war wirklich nicht immer schön!
Zunächst segelten wir hart am Wind. Wir kamen schnell voran und Mari zeigte, dass sie auch bei wenig Wind flott segeln kann, doch das Leben an Bord war sehr schräg und wir haben schlecht geschlafen. In den nächsten Tagen drehte der Wind langsam und kam aus südlicheren Richtungen. In der letzten Nacht hatten wir einen perfekten Halb-Wind-Kurs, die Welle lief nun genau quer zum Schiff, ein unglaubliches Geschaukel. Mit entsprechender Müdigkeit und einer ausgefeilten Kissenanordnung, haben wir aber ganz gut geschlafen. Unser Wetterbericht versprach leichten Wind für die Nacht zu Montag und den folgenden Tag, so dass wir damit rechneten eventuell erst Dienstag anzukommen, doch stattdessen nahm der Wind immer weiter zu und wir wurden immer schneller. Am Montag in der Ansteuerung auf Cabedelo hatten wir schließlich satte sechs Windstärken, so dass wir uns zwei Stunden vor der Ankunft noch ein zweites Reff gegönnt haben. Die Einfahrt wurde durch den Wind und den stark nach Norden setzenden Strom etwas spannender und wir waren froh, als wir die ersten Tonnen erreicht hatten. Der Rest war dann ganz einfach.
In Brasilien soll man sich ja immer fleißig an und ab melden. Neuer Bundesstaat, neuer Spaß. Wir haben uns heute also hübsch gemacht, das heißt lange Hosen und Schuhe angezogen, und uns auf den Weg zu Capitania gemacht. Wir hatten unterschiedliche Informationen, wo man sich anmelden soll und haben die falsche Möglichkeit gewählt. Wir waren an der Capitania in Cabedelo, die Jungs waren sehr freundlich und haben uns zur Capitania in Joao Pessoa geschickt. Da werden wir dann morgen hinfahren. Praktischerweise gibt es hier eine Bahnverbindung. Ein „Vorortszug“ fährt für einen Real (umgerechnet sind das 25 Cent) in die eine Richtung nach Cabedelo, in die andere Richtung nach Joao Pessoa.
Da wir nun schon einmal in Cabedelo waren, sind wir zum Strand gelaufen und haben dort fantastischen gegessen. Hummer in Kokosmilch. Es hätte schlimmer kommen können.

Tchau Salvador!

Der Fernseher wurde wieder ausgepackt, weiterhin kann im Mercado Modelo Fußball geguckt werden. Heute waren vor allem kroatische Fans unterwegs. Die Stimmung war wieder super. Für uns war es (hoffentlich) das letzte Spiel dieser WM, während des Finales werden wir auf See sein.
Gestern waren wir ein letztes Mal in der Altstadt, haben dort noch einmal hervorragend gegessen und einen besonders schönen Sonnenuntergang beobachtet. Salvador ist uns ans Herz gewachsen, es ist marode, gelegentlich schmutzig und manchmal sehr chaotisch, aber vor allem ist es bunt und fröhlich.
Heute haben wir noch eine kleine Einkaufstour gemacht, waren im Segelladen, wo wir nur einen Punkt von unserer Liste erledigen konnten, und im Supermarkt um frischen Proviant für die Reise zu kaufen und unsere Biervorräte aufzustocken. Mal wieder haben wir uns über die Vielfalt brasilianischer Getränkedosen und –flaschen gefreut. Unsere Cachaca-Flasche hat 965 ml. Irgendwie sind wir in einen Einkaufsrausch verfallen, unser Obst würde für eine Atlantiküberquerung locker reichen. Orangen, Mandarinen, Papaya, Limetten, Bananen, Äpfel, Maracuja. Außerdem hat Nobbi beschlossen, dass drei Ananas für eine fünftägige Reise genau die richtige Menge sind…
Im Shoppingcenter wurde die Brasiliendeko abgenommen, nun kommt die Winterdeko wieder zur Geltung. Das passt auch viel besser zur Eisfläche. Jeder der möchte kann dort sein Eislauftalent unter Beweis stellen. Die brasilianisch sehr minimalistisch bekleideten Mädels auf der Eisbahn, wunderbar! Da jetzt Winter ist, trägt der ein oder andere auch Jeans und wir haben sogar einen Mantel gesehen, für den ist es aber nur im Shopping Center kalt genug.
Das Ruder der Windsteueranlage ist schon eingehängt und Nobbi hat die ersten Fender bereits weggepackt, es wird ernst. Morgenfrüh müssen wir noch zur Capitania uns abmelden und dann hoffen wir auf eine schöne Segeletappe!

Salvador Eislaufvergnügen

Eine Probefahrt, traurige Brasilianer und zwanzig Tropfen Whisky

Unsere Probefahrt am Donnerstag verlief erfolgreich. Mit Hochwasser um halb neun haben wir Ribeira verlassen und liegen nun wieder im Terminal Nautico, direkt unterhalb der Altstadt. Die Fahrt hierher haben wir durch einige Kringel und Schleifen verlängert, damit wir genügend Zeit hatten alles zu testen. Unser Wassermacher läuft wieder, der Motor schnurrt wie er soll, wir sind zufrieden.
Am Freitag stand eine kleine Reparatur auf dem Programm, die richtig Spaß gemacht hat. Die Fußpumpe für das Frischwasser leckte ein wenig. Wir haben sie problemlos ausgebaut bekommen, hatten das Ersatzteil-Kit mit den neuen Dichtungen an Bord, haben alle Dichtungen und Membranen ausgetauscht und die Pumpe wieder eingebaut.
Gestern stand uns der Sinn nach einem Spaziergang, deshalb sind wir zum Zoo gefahren. Der Zoo beheimatet fast nur in Brasilien heimische Tiere, neben einigen afrikanischen Vögeln bilden Nilpferde, Zebras und ein betagtes Dromedar die Ausnahme. Wir haben den Spaziergang auf sauberen Wegen genossen. Im und um den Zoo gibt es eine Vielzahl schöner großer Bäume, die angenehmen Schatten spenden. Auf dem Gelände leben neben den Zootieren viele Vögel und Affen, die den grünen Fleck in der Stadt zu schätzen wissen. Leider war der Ameisenbär nicht zu Hause, den hätte ich gerne gesehen, aber der Tapir und das Capybara haben mir auch sehr gut gefallen. Vom Zoo laufen wir ans Meer und am Atlantik entlang nach Barra. In der Sonne ist es heiß, aber zum Glück machen auch die Hochhäuser an der Küste angenehmen Schatten.
Heute waren wir im Museum für Moderne Kunst. Das Museum ist auf dem Gelände einer ehemaligen Zucker-Mühle untergebracht. Leider wird das Museum zurzeit renoviert. Nur ein Saal in der früheren Kapelle war geöffnet, alle anderen Gebäude und der Skulpturen-Garten waren geschlossen.
Die Brasilianer sind natürlich schon etwas traurig, dass die WM nun ohne sie weitergeht. Doch sehr tief sitzt die Trauer nicht. Freitag haben wir auf einem großen Fernseher vorm Mercado Modelo das Ausscheiden von Brasilien erlebt. An mangelnder Unterstützung der brasilianischen Fans lag es jedenfalls nicht. Bei uns war es sicherlich lauter als im Stadion. Nachdem Spiel wurde ein wenig geknallt, alle zucken mit den Schultern, nun ja. Gestern haben wir an gleicher Stelle noch das Ende des Spiels Russland –Kroatien, die Verlängerung und das elf-Meter-Schießen gesehen, beide Teams wurden ordentlich angefeuert. Heute ist der Fernseher abgebaut worden. Jetzt wo Brasilien raus ist, ist die hier WM vorbei.
Hier ist absolute Nebensaison, außer Mari ist nur ein anderes Schiff im Terminal Nautico bewohnt. Die Lel aus Kiew haben wir hier Silvester schon getroffen, während wir uns danach in der Bucht rumgetrieben haben und zwischendurch in Deutschland waren, sind sie in Chile gewesen, haben Kap Hoorn gerundet und sind den langen Weg wieder nach Norden gesegelt. Nun sind sie auf dem Weg zurück ins Schwarze Meer. Das Schiff hat der Eigner selbst gebaut. Mit dem schnellen Aluboot hat er schon einige Meisterschaften gewonnen, doch sein Traum war es immer einmal um Kap Hoorn zu segeln. Wir werden eingeladen die Lel anzuschauen und hören spannende Geschichten. Wie sie Eis an Deck hatten, wie mehrere Autopiloten aufgegeben haben und sie per Hand steuern mussten, wie sie den Leuchtturm auf Kap Hoorn angefunkt haben und die Funkwache sie für Teilnehmer des Volvo Ocean Races hielt, dessen Teilnehmer den Leuchtturm nur knapp einen Tag nach ihnen rundeten. Schließlich stoßen wir mit „zwanzig Tropfen Whisky“ auf die frischgebackenen Kap Hoorniers und auf eine glückliche Heimkehr an. Wie gut, dass wir vorher gut gefrühstückt hatten.