Tusitala, Blumenkränze und Weihrauch

In und um Apia gibt es einiges zu sehen. Wir wollen zur Villa Vailima, dem Robert Louis Stevenson Museum. Der Schriftsteller hat die letzten viereinhalb Jahre seines Lebens hier verbracht bevor er mit Mitte Vierzig an Tuberkulose starb. Unter den Samoanern genoss er ein hohes Ansehen, was auch dazu geführt hat, dass sie ihm seinen letzten Wunsch erfüllt haben und ihn auf dem Mount Vaea, dem Stadtberg Apias, beigesetzt haben. Sanna macht eine hervorragende, unterhaltsame Führung. Wir lernen, dass das Haus zu Beginn der 90er Jahre wieder aufgebaut wurde und seitdem Museum ist, dass es im Haus gleich zwei Kamine gibt (sehr sinnvoll bei 30+ Grad…), dass RLS die Ananas nach Samoa gebracht hat (eine gute Idee, wie wir finden), dass er Tusitala, der Geschichtenerzähler, genannt wurde und dass er mehr als dreißig Bücher geschrieben hat (uns fiel nur die Schatzinsel ein), darunter auch Dr. Jekyll und Hyde. Zum Ende der Führung singt Sanna das Gedicht, das RLS für sein eigenes Grab geschrieben hat, in gleich doppelter Ausführung. Auf Englisch und Samoanisch. Ganz toll. Guide im Museum ist also keine berufliche Perspektive für mich, ich scheitere am Gesang.
Im Anschluss an die Führung unternehmen wir die kleine Wanderung zum Grab in 472m Höhe, man soll feste Schuhe tragen und Wasser mitnehmen. Wasser haben wir, die Schuhe, nun ja, wir machen es samoanisch und laufen in FlipFlops bzw. Crocs. Das Rugbyteam, das die Tour gleich zweimal machen muss (!), ist auf Badelatschen unterwegs. Der Weg durch den Wald ist schön schattig und die Aussicht grandios.
Auf der Suche nach einen Supermarkt wandern wir wieder zurück zum Boot und haben am Ende fast 10 km in den platten Füßen. Abends schaffen wir es nur noch in die Marina-Bar. Das sind etwa 100m das geht auch mit ganz müden Beinen, wenn ein kaltes Bier lockt. Das lokale Bier ist sehr lecker, die Jungs von Zoll hatten Recht! Glücklicherweise fällt die Samstagsparty humaner aus als die am Freitag. Freitag hatten wir nicht nur laute Musik, sondern auch noch ein Konzert auf einer Wiese in der Nähe. Die Bässe haben unseren Rumpf vibrieren lassen. Da hier aber um Mitternacht Sperrstunde ist, kommt man schließlich trotzdem zu seinem Schlaf.
Sonntag ist Sonntag. Fast alle Geschäfte, Restaurants sind geschlossen und jegliche Arbeit oder sichtbare Aktivitäten sind unerwünscht. Wir entscheiden uns den Sonntag samoanisch zu verbringen und gehen in die Kirche. Fast alle Samoaner gehören einer christlichen Kirche an und die Kirchendichte ist etwa so groß wie in Salvador. Wir entscheiden uns für den katholischen Gottesdienst um 9.30 Uhr, frei nach dem Motto „wenn schon Kirche dann Kathedrale“. Die Mischung aus Blütenkränzen und Weihrauch ist berührend und der Gesang des Chors zum Niederknien. Nicht nur im übertragenden Sinne, wir sind ja bei den Katholiken. Die Samoaner kleiden sich sonntags besonders schön. Weiß ist die Sonntagsfarbe. Wir sehen viele Frauen in langen weißen Kleidern mit weißem Hut und Männer in weißen Hemden und natürlich im Rock. Bei den Katholiken dominiert weiß nicht, hier sind alle Farben vertreten, doch auch hier kleidet man sich sonntags besonders sorgfältig. Die obligatorische Blume hinter dem Ohr rundet jedes Outfit ab.
Wir verbringen einen ruhigen Sonntag mit lesen, Blog schreiben und fantastischem Fisch zum Abendessen (im einzigen geöffneten Restaurant in der Nähe). Wenn mir die Olivenölflasche nicht umgekippt wäre und sich der Inhalt nicht großflächig verteilt hätte, wäre es ein richtig entspannter Tag gewesen. Irgendwas ist ja immer.

Samoa – der erste Eindruck

Freitagmorgen geht es zunächst zur Immigration. Das richtige Büro ist schnell gefunden und brechend voll. Wir werden in ein angrenzendes Büro gebeten, füllen die Papiere aus, bekommen einen Stempel in den Pass und dürfen nun 90 Tage in Samoa bleiben. Die zuständige Dame ist unglaublich nett und fröhlich. Talofa! Willkommen in Samoa.
Nachdem das Pflichtprogramm beendet ist, stürzen wir uns ins Getümmel. Erster Stopp „bluesky“. Wir kaufen eine SIM Karte samt 10 GB Datenvolumen für umgerechnet 16 Euro und können nun wieder am virtuellen gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Auf dem Fischmarkt sehen wir uns die großen Thunfische an und die Fischkutter mit ihren Langleinen, wir werfen einen Blick in die Kathedrale, befühlen Stoffe in einem Stoffladen, kaufen Briefmarken bei der Post und kommen am Uhrenturm, berühmten Hotels und Regierungsgebäuden vorbei. Es herrscht fröhliches Gewusel und entspannte Geschäftstätigkeit. Essensstände, Flohmarkt, Taxifahrer auf der Suche nach Kunden und unglaublich viele Kinder.
Mann trägt Rock. Das fällt sofort ins Auge. Der Lava-Lava ist nicht nur Teil der Polizeiuniform, er wird zum Oberhemd im Büro getragen oder leger als Freizeitkleidung, in die Kirche, zum Wandern und er ist Teil der Schuluniform. Meist handelt es sich um einen traditionellen Wickelrock in dunklen Farben, aber auch knallbunte Exemplare oder Varianten mit Cargo-Taschen werden getragen. Ich finde es stylisch und bei diesen Temperaturen ist ein Rock sehr angenehm. Es ist so heiß wie so lange nicht mehr, Gedanken an Tee mit Rum wie noch in Raiatea kommen hier nicht auf.
Die Menschen sind unglaublich freundlich und kontaktfreudig. So erfahren wir, dass Apia ein neues Parlamentsgebäude hat, wo das Gericht ist und dass am Mittwoch die Landwirtschaftsausstellung beginnt. Englisch ist zweite Amtssprache, das erleichtert die Verständigung. Nach einem ausgesprochen leckeren Mittagessen, Poission Cru (roher Fisch in Kokosmilch und Zitronensaft) heißt hier Oka, machen wir uns auf den Weg zurück zum Boot.

Samoa ist ein kleines Land, über das man wenig weiß. Deshalb gibt es hier ein paar Eckdaten. Samoa ist 2830 km² klein (Deutschland ist 123 mal so groß) und verteilt sich auf zwei größere Inseln, Upolu und Savai`i und acht kleinere Inseln von denen nur 3 bewohnt sind. Die meisten der 196000 Menschen leben auf Upolu, knapp 40000 davon in der Hauptstadt Apia. Die Bevölkerung Samoas ist sehr jung, 38 % sind unter 15 Jahre alt. Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahren gestiegen und liegt jetzt bei 78,5 (Frauen) bzw. 72,3 Jahren (Männer). Zum Vergleich, wir Deutschen haben eine Lebenserwartung von 83,4 bzw. 78,7 Jahren. Neben der schlechteren medizinischen Versorgung dürfte dafür auch der nicht unbedingt gesunde Lebensstil sorgen, 47 % der Erwachsenen Samoaner müssen als Fettleibig gelten, in Deutschland sind es etwa halb so viele.
Die Währung heißt Tala, sehr leicht zu merken, und die Geldscheine sind wunderschön bunt. Im Moment sind drei Tala einen Euro wert. Der Tourismus wird langsam die wichtigste Einnahmequelle, exportiert werden Fisch und Bier. Es gibt nur wenig Industrie auf den Inseln, Samoa lebt nicht zuletzt von den vielen im Ausland lebenden Samoanern und der Entwicklungshilfe. Die Annäherung an die Geldgeber (Neuseeland, Australien, China und Japan) erfolgt auf zum Teil skurrilem Wege. Nicht nur, dass man über die Datumgrenze gehüpft ist, 2009 wurde auch der Linksverkehr eingeführt um den Import von Autos aus Neuseeland, Australien und Japan zu fördern, zuvor wurden vor allem Autos aus den USA eingeführt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf entspricht mit 5500 Dollar einem Zehntel des Deutschen.

Samoa wurde etwa 1000 v. Chr. besiedelt. Die ersten Europäer erreichten Samoa 1722 und seit 1830 wurden die Samoaner sehr erfolgreich missioniert. 1857 eröffnete ein Hamburger Kaufmann in Apia eine Niederlassung seines Handelshauses. In den folgenden Jahren stritten die USA, Großbritannien und Deutschland um die Macht. Schließlich wurde die Inselgruppe in Amerikanisch Samoa und Deutsch Samoa geteilt. Zu Beginn des ersten Weltkriegs besetzte Neuseeland Samoa und erhielt es später als Treuhandgebiet. 1962 wurde West-Samoa als erstes kolonialisiertes Land Polynesiens wieder unabhängig. 1963 wurde der Präsident als Staatsoberhaupt auf Lebenszeit gewählt, seit 2007 wird das Staatsoberhaupt nur noch für eine Periode von 5-Jahren gewählt. 1997 wurde der Name von West-Samoa in Samoa geändert.
Ihr seht, wir sind in einer deutschen Ex-Kolonie. Für Engländer oder Franzosen auf Weltumsegelung mag das der Normalzustand sein, für uns ist das ungewöhnlich. An der Uferstraße gibt es ein Denkmal, das die Stelle markiert an der 1900 die deutsche Flagge gehisst wurde.
Die vielen Zahlen habe ich mir nicht ausgedacht, sondern auf der Seite des Statistischen Bundesamtes nachgesehen bzw. bei Wikipedia und im Reiseführer geklaut.

In den nächsten Tagen interessieren uns vor allem die Dinge, die das Statistische Bundesamt nicht erfasst. Wir haben bereits festgestellt, dass die Samoaner unglaublich freundlich und fröhlich sind. Es wird viel und laut gelacht. Außerdem ist uns sofort aufgefallen, dass es vergleichsweise sauber ist. Überall lesen wir „no plastics“, „bring your own straw“ oder „keep our oceans clean“. Seit 30. Januar sind Plastiktüten verboten. Nein, ein Plastiktütenverbot in Samoa wird den Planet nicht retten, aber wir finden es gut, dass die junge Bevölkerung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur erzogen wird. Der Stadtberg wurde mit Bäumen aus einem „reduce your CO2 footprint“ Projekt bepflanzt, so soll man z.B. für jeden Flug nach Neuseeland 6 Bäume spenden und damit die CO2 Bilanz kompensieren. Wenn ich dann allerdings in der Zeitung lese, dass die Leichtathletik-WM in einem Wüstenstaat im klimatisierten Stadion stattfindet… so viele Bäume kann Samoa gar nicht pflanzen.

Angekommen in Apia, Samoa – hier beginnt der Rückweg

Anstrengende Segeltage liegen hinter uns. Nachdem wir uns entschieden hatten Suwarrow nicht anzulaufen, kämpften wir zunächst zwei Tage mit recht wenig Wind. An Bord war es gemütlich, mich haben nur die vielen Gewitter gestört, die zum Glück jedoch nie in unsere Nähe kamen.
Doch Montagabend kam der versprochene Wind, inklusive zunehmend hoher Wellen. Es ist unheimlich. Die Nacht um mich herum ist tiefschwarz, die heranrollenden Wellen kann ich nicht sehen, nur hören. Ab und zu sehe ich im Schein des Hecklichts, wie das Wasser von den brechenden Kämmen weggerissen wird. Erst hypnotisiere ich die Windanzeige, doch das bringt ja nichts und Mari scheint es völlig egal zu sein ob wir nun sieben oder acht Windstärken haben. Ab und zu schüttelt eine kräftige Böe das Rigg, doch Mari segelt völlig unbeirrt nach Westen.
Jetzt sind wir froh, dass wir am Morgen von der Genua auf die Fock gewechselt haben. Unsere Genua ist schon ziemlich alt und schon öfter haben wir gedacht, dass sie es wohl nicht mehr lange macht, doch seit Panama ist sie ununterbrochen im Einsatz. Morgens hatte ich eine offene Naht im Unterliek entdeckt und uns war klar, dass das Segel eine Nacht mit starken Wind wohl nicht überleben würde. Außerdem steht die Fock wesentlich besser als die Genua, so dass wir sie lieber segeln wenn wir damit rechnen kreuzen zu müssen, oder wenn wir das Segel teilweise eingerollt haben. Also haben wir die Genua komplett ausgewickelt, runtergenommen, durchs Vorluk ins Schiff gestopft, die Fock hochgezogen und die Genua unter Deck zusammen gelegt. Das Ganze ging viel schneller als befürchtet und erstaunlicherweise ohne größere Mengen Wasser ins Schiff zubringen. Nachmittags haben wir vorsichtshalber unser Bimini weggenommen, Sonne vor der es uns schützen konnte gab es ohnehin nicht.
Der Wind bleibt uns den ganzen Dienstag erhalten, doch nun kommt auch noch Regen hinzu. Unglaubliche Wassermassen stürzen stundenlang vom Himmel. Die Sicht beträgt vielleicht zwanzig Meter. Die Wellen erreichen jetzt ihr Maximum. Signifikante Wellenhöhe vier bis fünf Meter. Zum Glück sind Wellen schön lang, da macht das nichts. Nur ab und zu kommt ein deutlich höherer Brecher heran gerauscht und versucht uns zur Seite zu schubsen. Es ist mühsam, der beste Platz unter Deck ist die Lee-Koje (d.h. die tiefer gelegene Seite), doch erstens passt da nur einer rein und außerdem ist es heiß unter Deck. Bei dem Versuch auch einen gemütlichen Platz zu ergattern wird Nobbi von der Luv-Bank geschleudert. Die Maststütze stoppt ihn, eine Platzwunde am Kopf ist die Folge. Mein Angebot die Wunde zu nähen lehnt der glücklicherweise ab, das wäre was geworden in dieser Achterbahn. Es blutet nicht sehr und nach einem Erholungsschläfchen ist Nobbi wieder fit.
Mittwochmorgen nimmt der Wind ab, wir feiern das mit Pfannkuchen zum Frühstück. Im Laufe des Tages nimmt der Wind so weit ab, dass wir beginnen zu rechnen, ab wann wir motoren müssten um noch am Donnerstag anzukommen. Nobbi übergibt mir gestern Morgen (Donnerstag) um vier die Wache und berichte von einer sehr entspannten Wache, er habe gelesen und Sterne angeguckt, leider seien wir sehr langsam. Gerade habe ich es mir mit Musik, Buch und Gummibärchen im Cockpit gemütlich gemacht, da beginnt ein leichter Sprühregen. Für mich fällt die gemütliche Lesestunde aus. Auf dem Sprühregen folgt ein Gewitter, dann ein heftiger Schauer, Böen mit sieben Windstärken fordern mich auf die Fock einzurollen, dann dreht der Wind … so geht es immer weiter. Trotzdem, als Nobbi gute drei Stunden später aufwacht bin ich zufrieden. Wir segeln wieder mit fünf bis sechs Knoten, ich hatte Delfinbegleitung und ich habe Samoa bereits gesehen (und mir für die Sichtung Belohnungsschokolade zugesprochen, die ich sogleich verspeist habe).
Die Einfahrt nach Apia ist einfach. Apia Port Control meldet sich schließlich doch noch. Nachdem wir sie etliche Male gerufen hatten und sich nie jemand gemeldet hatte, bekommen wir die Erlaubnis direkt in die Marina zu fahren. Wir dürfen nicht von Bord bis „Health“ und „Customs“ da waren. Der junge Mann von der Gesundheitsbehörde fragt nur, ob wir gesund sind, wir füllen ein Formblatt aus und dürfen die gelbe Flagge runternehmen. Die Herren vom Zoll sind tiefenentspannt, lassen uns zwei Seiten ausfüllen und empfehlen das lokale Bier. Das war schon alles.
Die Marina ist sehr übersichtlich. Einer der beide Stege ist zerstört und es wirkt nicht, als würde er in näherer Zukunft wieder aufgebaut. Am anderen liegen derzeit drei bewohnte Fahrtenschiffe (eins davon ist Mari), zwei unbewohnte Boote und ein paar Fischer. In der Bucht ankern zwei weitere Segler. Es gibt Strom und Wasser auf dem Steg und eine rustikale Dusche auf der anderen Seite des Hafenbeckens. All-you-can-shower, das war toll heute Morgen!

Wir sind angekommen auf der anderen Seite der Erde von jetzt an sind wir auf dem Rückweg. Lesum liegt ungefähr auf dem 8. Längengrad (Ost), auf dieser Seite heißt dieser Längengrad 172 Grad West und führt durch Samoa. (Für Haarspalter: Lesum liegt auf 8,6 Grad Ost und Apia auf 171, 7 Grad West…). Besucher des Klimahauses Bremerhaven wissen das alles, schließlich haben sie diesen Längengrad dort bereist. (Ihr seht ich werde nicht müde einen Bremerhaven-Besuch zu empfehlen). In den nächsten Tagen werden wir herausfinden, ob Samoa tatsächlich so aussieht wie das Samoa im Klimahaus.

Übrigens wir sind euch nun voraus. Vom Gestern ins Morgen. Oder die Letzten werden die Ersten sein. Wir haben die Uhr nicht nur eine Stunde zurückgestellt, sondern auch einen Tag vor. Den Sonntag haben wir einfach ausgelassen. Die Sache mit der Datumsgrenze ist eigentlich ganz einfach, erst wenn man genauer darüber nachdenkt wird es kompliziert. Von Greenwich geht es in beide Richtungen 12 Stunden. Nach Westen UTC -1, -2, -3,… nach Osten UTC +1, +2, +3 und bei +12 ist die Datumsgrenze. Sollte man denken. Wir sind jetzt in der schönen Zeitzone UTC +13. Aus politischen Gründen möchte Samoa auf der neuseeländischen Seite der Datumsgrenze sein. Bei den Nachbarn in Amerikanisch Samoa ist heute gestern. Dort gilt UTC -11. Dort ist es gleich spät, aber eben gestern. Um das Ganze noch ein bisschen interessanter zu gestalten beginnt die Sommerzeit am Wochenende, das ist dann UTC +14 und entspricht Tahiti-Zeit. Nur eben einen Tag weiter. Verrückt.

Suwarrow faellt aus

Der Betreff sagt es schon. Suwarrow faellt aus. Heute Morgen haben wir die Entscheidung getroffen an dem Atoll, das zu den Cook-Inseln gehoert, vorbei zu segeln.
Heute ist Tag 7 seit Bora Bora. Ein Segeltag wie aus dem Bilderbuch. Blauer Himmel, vier Windstaerken und dieses unglaublich blaue Wasser des Pazifiks. Wir sind auf West-Kurs gegangen. Der Wind kommt nun schraeg von achtern, das Boot liegt stabil auf Steuerbord-Bug. So macht Segeln Spass, so kann es bleiben.
Seit Bora Bora sind wir recht langsam vorangekommen, oft hatten wir wenig Wind und den auch noch direkt von achtern. Eine schauklige Angelegenheit. Der wenige Wind sorgt fuer geringe Geschwindigkeit, die oft recht hohe Welle schuettelt das Boot. Heute Morgen hat Nobbi laenger die huepfende Teekanne durchs Cockpit gejagt. Alles was nicht eingeklemmt oder angebunden ist macht sich selbststaendig. Doch es geht uns gut an Bord. Nachdem wir eingeschaukelt sind und seit der dritten Nacht gut schlafen, macht das Leben an Bord Spass. Wir lesen viel, heute Mittag haben wir beide zum Beispiel Palstek und Wetterlotse gelesen und dann auch gleich ausfuehrlich diskutiert. Podcasts und Krimis halten uns waehrend der Nachtwachen wach. Wir sammeln die verbliebenen Leckereien aus der Bilge. Die letzten deutschen Wuerstchen sind aufgefuttert, gestern gab es schon das zweite Mal seit Bora Bora Rinderfilet und auch heute Abend gibt es wieder Tomatensalat.
Jetzt, wo wir den wenigen Wind fuer unseren geplanten Aufenthalt auf Suwarrow brauchen koennten, verabschiedet dieser sich. Anfang der Woche ist fuer dieses Seegebiet viel Wind angesagt, dazu heftige Schauer und Gewitter bei 4m Schwell. Eine Wetterlage, die nicht zum recht ungeschuetzten Ankerplatz passt. Ein Revierfuehrer schreibt, dass Suwarrow nur in ruhigem Wetter zu empfehlen sei, der andere raet bei schlechtem Wetter sofort auszulaufen. Etwas enttaeuscht sind wir schon, beide haben wie das Buch von Tom Neale „An Island to Oneself“ gelesen, und davon getraeumt das Atoll eines Tages zu besuchen. Natuerlich koennten wir darauf hoffen, dass das Wetter gar nicht so schlecht wird wie vorhergesagt. Doch dann koennten wir ja auch einfach aufhoeren ueberhaupt den Wetterbericht zu lesen.
550 Meilen sind es auf direktem Weg nach Samoa, eventuell werden wir einen kleinen Umweg segeln um dem schlechten Wetter etwas aus dem Weg zu gehen. Auf See fuehlen wir uns besser geruestet stuermisches Wetter durchzustehen, als an einem unsicheren Ankerplatz.
Wir warten noch immer auf Wale, hier ist gerade Buckelwal-Saison, essen Schokopudding mit Mango und freuen uns nun auf Samoa.

Bora Bora – die schönste Insel der Welt?

Bora Bora wirbt nicht gerade bescheiden damit die schönste Insel der Welt zu sein. Für uns soll Bora Bora die letzte Insel Französisch Polynesiens sein, hier wollen wir ausreisen.
Die Überfahrt von Tahaa macht Spaß. Wir starten gleich nach dem Frühstück, haben perfekten Segelwind und nur wenig Schwell. Wir gewinnen eine kleine private Regatta, deren Hauptpreis die letzte freie Boje vorm Bora Bora Yacht Club ist, was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen. Das Segeln macht so viel Spaß, dass wir hoch am Wind bis in die Einfahrt zum Pass segeln. Auf den letzten Meilen hoch am Wind überholen wir einen Kat und hängen einen zweiten ab. So kommt es, dass wir als erste durch den Pass gehen und Kurs auf die freie Boje nehmen. Das Boot hinter uns ist unter Maschine schneller und versucht auf den letzten Metern zu überholen. Ich fahre ein ungewohnt schnelles Manöver, falle dabei ins Cockpit, höre das Gelächter vom Boot hinter uns und schnappe mir trotzdem die Boje.
Entgegen Bora Boras Werbeversprechen haben wir viel Schlechtes gehört. Die Insel sei hoffnungslos überbewertet und total überlaufen. Wir laufen vom Yacht Club in den Ort, das sind etwa 2,5 km und wundern uns zunächst, dass vergleichsweise wenig Verkehr ist.
Bevor wir auf Entdeckungstour gehen erledigen wir das Pflichtprogramm: Wäsche waschen, Diesel tanken und einkaufen. Bei der Post finden wir eine schnelle Internetverbindung, können so unsere Post lesen, einige Überweisungen wollen getätigt und ein paar Kleinigkeiten erledigt werden.
Dann haben wir Zeit für schöne und unnütze Dinge, wir gehen spazieren, baden, kaufen Bora-Bora-T-Shirts und feiern in einem schönen Restaurant sehr stilvoll unseren Abschied von Französisch Polynesien. Dafür schmeißen wir uns richtig in Schale. Nobbi nimmt sein Hemd vom Bügel (das einzige, das auf einem Bügel hängt, alle anderen müssen zusammengefaltet im Schapp überleben), ich ziehe mein kleines Schwarzes an.
Wir unternehmen eine kleine Wanderung und blicken vom Aussichtspunkt auf den Pass. Vom Ort aus beginnen wir den Aufstieg auf den Berg, doch der Weg ist uns zu steil, wir haben Angst vor dem Abstieg und kehren um. Unser Pfad endet vor einem der vielen „Tabu“-Schilder, was nichts anderes bedeutet, als „verboten“ oder „kein Durchgang“. Auf keiner anderen Insel haben wir so viele Tabu-Schilder gesehen. Sind wir Touristen so dreist, dass diese Schilder nötig sind, oder ist das Bedürfnis sich abzugrenzen so stark? Wir wissen es nicht. Eine Baustelle trennt uns von der Straße. Uns schwant Böses. Wir wollen niemanden gegen uns aufbringen, doch umzukehren würde bedeuten, wieder hoch auf den Berg zu klettern. Mal wieder werden wir überaus positiv überrascht. Wir wollen uns vorsichtig an der Baustelle vorbei schlängeln, doch die Männer unterbrechen die Arbeit, weisen mir den einfachsten Weg quer durch ihre Baustelle und strahlen uns begeistert an, als wir uns mit einem Maururu, dem polynesischen Danke, verabschieden.
Am Yacht Club will man am plötzlich 2000 Franc (das sind 17 Euro) von uns haben – für das Anbinden des Dinghies. Wir weigern uns, klären die Situation. Wir saßen hier mehrfach als Gäste auf der Terrasse und haben (teures) Bier getrunken. Letztendlich müssen wir nicht bezahlen und dürfen unser Dinghy weiterhin dort anbinden. Früher gehörten die Bojen an dieser Stelle wohl zum Yacht Club, nun werden die Bojen überall auf der Insel von den gleichen Leuten betreut (=abkassiert), dass der Yacht Club nun nicht mehr seinen Steg zur Verfügung stellen möchte, können wir verstehen. Aber 17 Euro Parkgebühr für ein Schlauchboot wollen wir auch nicht bezahlen, schon gar nicht, weil wir ja auch Kunden des Restaurants sind. Dieser Zwischenfall beschreibt das Problem auf Bora Bora ganz gut. Einige verdienen sehr gut an den reichen Touristen der Luxushotels, alle anderen wollen nun auch verdienen. Dabei werden zum Teil absurde Preise aufgerufen.
Seit diesem Jahr gibt es eine neue Regelung, die das Ankern um Bora Bora nur noch in bestimmten Gebieten erlaubt. Nur wird sie nicht durchgesetzt, bzw. nur wenn es gerade passt. Die einen ankern in „verbotenen“ Gebieten und dürfen bleiben, die nächsten werden aus „erlaubten“ Gebieten verscheucht. So herrscht gelegentlich Verwirrung oder Unmut.

Auch nach 4 Monaten gibt es viele Dinge in Französisch Polynesien, die uns immer wieder staunen lassen. Dazu gehört oft die Preisgestaltung. Der Ananassaft (ok, bei uns dürfte das nicht Saft heißen, wenn es hauptsächlich aus Zucker besteht) aus Moorea, ist deutlich teurer als der Apfelsaft mit 100% bretonischen Äpfeln. Ein paar Puma Sneakers sollen in Papeete 60 Euro kosten, eine (große) Wassermelone auf dem Markt 35 Euro. „Naturschutzsteuer“ auf Fakarava 50 Cent pro Tag, ein Blick in die Pearlfarm 8 Euro. Für dieses Preisungleichgewicht gibt es unzählige Beispiele. Auf den Marquesas haben wir häufig in einem Laden den gleichen Artikel zu unterschiedlichen Preisen gefunden. Wenn für Obst und Gemüse oft (aber nicht immer) so hohe Preise verlangt werden, warum liegen dann so viele Gärten und Felder brach? Wir werden es nicht mehr verstehen und uns weiter fragen wie sich die Menschen das teure Leben hier leisten können.

Bora Bora zeigt sich bei schönstem Südseewetter von seiner besten Seite. Ein Manta umkreist uns, einfach wunderschön. Wir haben die Ausreisepapiere ausgefüllt, müssen nun aber zwei Tage warten, bis wir unsere Clearance abholen können. Wir entscheiden uns für eine Lagunenrundfahrt. Der schönste Platz soll in der Südost-Ecke der Lagune sein, dort wollen wir hin.
Wir fahren in der Lagune immer entlang der Hotels mit den Wasserbungalows. Davon gibt es viel mehr als ich dachte und die meisten der Hotels haben mindestens 50 dieser Palmenwedel gedeckten Hütten. Schon verrückt, die Luxushotels decken die Hütten mit Palmenwedeln, die Einheimischen mit Wellblech.
Die Fahrt durch den flachen Teil der Lagune kostet, besonders mich, Nerven. Ich stehe am Ruder und habe Angst aufzulaufen. Hier ist es ganz schön flach, das Wasser ist superklar und ich kann nicht schätzen wie tief es ist. Das Echolot zeigt meist weniger als vier Meter, oft weniger als drei. Dass Nobbi das Ruder übernimmt, will ich aber auch nicht. Ich bin erleichtert als es wieder tiefer wird und sehr froh, dass wir den Weg auf uns genommen haben. Der Platz ist fantastisch. Das klare Wasser der Lagune, das schützende Außenriff, das Motu mit seinem weißen Strand, die grünen Palmen und im Hintergrund der beeindruckende Berg. Das Türkis leuchtet. Wolken, Vögel, Boote, Flugzeuge, einfach alles reflektiert diese unglaubliche Türkis. Der Vollmond lässt die Lagune sogar nachts leuchten. Unglaublich, wir sehen nachts den Grund am Ankerplatz. Wir baden, schnorcheln, gehen am Strand spazieren und schießen unzählige Fotos. Zielsicher sind wir in der „deutschen“ Ecke gelandet (insgesamt 8 Boote, darunter 3 Deutsche, 1 Schweizer) und freuen uns über ein unerwartetes Wiedersehen.
Gerne würden wir noch ein paar Tage bleiben, doch wir entschließen uns am nächsten Tag weiter zufahren. Dieser Südseetraum ist der perfekte Abschied von Französisch Polynesien.

Bleibt die Frage, ist Bora die schönste Insel der Welt? Für mich nicht, obwohl es hier wirklich sehr sehr schön ist. Ob ich auf Bora Bora keinen Hubschrauber oder Jet-Ski miete oder auf einer anderen Insel ist egal. Das Angebot für die Touristen der Luxushotels brauche ich nicht, ich könnte es ohnehin nicht bezahlen. Unser Luxus ist Zeit. Zeit unser eigenes Paradies zu finden.
Die Konkurrenz um den Titel „schönste Insel der Welt“ ist riesig. Einige Aspiranten wären aus meiner Sicht Fernando de Noronha, Anholt, Porto Santo, Makemo, Lummerland, Amrum… aber ich kann mich einfach nicht entscheiden.

In den letzten Blogbeiträgen von Moorea, Huahine, Raiatea und Tahaa findet ihr nun endlich Fotos!

Tahaa – Inselrundfahrt und Perlen

Der Samstag beginnt mit einem Frühstück im sonnigen Cockpit. Wir verlassen unsere Boje, bevor das Wetter es sich wieder anders überlegt. Kaum sind wir unterwegs wird es wieder ziemlich grau. Wir ignorieren das diesmal und brechen zur geplanten Inselrundfahrt auf.
Raiatea und Tahaa teilen sich eine Lagune. Wir können also innerhalb des Riffs zu Tahaa hinüberfahren. Aber kräftige Wind sorgt auch innerhalb des Riffs für eine kabbelige Welle, manchmal spritzt Salzwasser übers Deck und ich friere. Dennoch weigere ich mich einen Pulli anzuziehen. Pullover und Südsee das geht einfach nicht. Trotzdem macht die Fahrt Spaß und wir bekommen Vieles zu sehen. Ein Viermaster liegt an der Pier in Raiatea, es findet ein Kanurennen statt, manch ein Surfer ist mit dem frischen Wind überfordert und viele Segler sind zwischen den beiden Inseln unterwegs. Im Norden von Tahaa ist es einsam, wir treffen hier keine anderen Segler und nur wenige Boote, keine Angler, keine Touri-Touren. Die Insel ist nicht so hoch wie Raiatea, aber ebenso grün und im Norden nur wenig bebaut.
Der erste potentielle Ankerplatz in Tahaas Osten ist von Schaumkrönchen dekoriert, die Nordküste ist gänzlich ungeschützt und abgesehen davon, dass das Wasser meist sehr tief ist, tummeln sich unzählige Bojen der Perlfarmen außerhalb des Fahrwassers. Wir finden eine Boje an einer Perlfarm. Natürlich fragen wir, ob wir über Nacht bleiben dürfen und bekommen bei der Gelegenheit die beste Führung in Sachen Perlen, die wir bisher hatten. Die junge Frau spricht sehr gut Englisch und kann alle unsere Fragen beantworten. Das macht richtig Spaß. Natürlich kaufen wir anschließend etwas im Laden. Das gehört dazu und ist sicher kein Opfer. Nun wissen wir, dass wir neben dem Muschelkindergarten liegen. Hier wachsen die Muscheln heran, bis sie zwei Jahre alt sind. Dann bekommen sie die erste Kugel aus Perlmutt eingesetzt, die sie dann in etwa eineinhalb Jahren in eine schwarze Perle verwandeln sollen. Die „erwachsenen“ Muscheln, die Perlen produzieren, hängen auf der anderen Seite des Fahrwassers am Außenriff im tiefen Wasser. Die Muscheln können mehrere Perlen nacheinander produzieren und viele Jahre alt werden. Heute werden alle Perlen nach Tahiti geschickt und dort bewertet. Perlen, die eine zu dünne Schicht um das Implantat besitzen, werden vernichtet. Nach der Bewertung gehen die Perlen zurück an die Perlfarm, ein Teil der Perlen wird dort weiterverarbeitet und verkauft. Der größte Teil der Perlen wird jedoch sofort weiterverkauft. Die dunklen Perlen sind besonders auf dem asiatischen Markt beliebt und die meisten Perlen werden via Hongkong gehandelt. Das ist nicht weiter verwunderlich, sind doch die meisten Perlfarmen in chinesischer Hand.
Heute ist es sonnig und wir entschließen uns ans Außenriff zu wechseln und dort neben dem Hotel zu ankern. Das „Le Tahaa“ ist eines dieser Hotels mit den berühmten Wasserbungalows. Anders als viele andere ist es in Betrieb und anscheinend einigermaßen gut besucht. Viele der Luxushotels sind wenig besucht oder verlassen und verfallen. Das könnte an den Preisen liegen. Wir kennen die Preisliste des „Le Tahaa“ nicht, vergleichbare Hotels hier in der Gegend nehmen aber gerne 1000 Euro pro Nacht. Kein Schnäppchen.
Kaum hat unser Anker gefasst, kommen mehrere Boote und versuchen neben uns zu ankern. Vermutlich denken sie, dass wie DEN Spot gefunden haben. Haben wir nicht. Der Wind kommt heute leider aus Nordost und so haben wir 70 cm Welle am Ankerplatz. Das kann man machen, muss man aber nicht. Wir verlegen also nachmittags wieder an „unsere“ Boje an der Perlfarm. Überhaupt herrscht ein ständiges Kommen- und Gehen. Boote ankern, verlegen, fahren weiter, stoppen ein paar Meilen nördlich, drehen wieder um. Richtig was los. Und wir liegen hier ganz allein in unserer kleinen Bucht und schauen uns das an.
Wir verbringen den Sonntag mit lesen und Schnorcheln. Außerdem bekämpfen wir unsere Bananenflut. Bananenkuchen zum Frühstück, zwischendurch einige Baby-Bananen, mittags gebratene und gesalzene Kochbananen… Zum Glück konnten wir gestern ein paar Bananen an unsere französischen Nachbarn verschenken.
Zum Schluss noch einige tierische Neuigkeiten und Erkenntnisse. Rochen und Haie mögen keine Baguettes und keine Bananen. Rochen gibt es hier überall. Die Adlerrochen springen gerne mal aus dem Wasser, das sieht spektakulär aus und platscht so schön. Die Stechrochen sind da zurückhaltender, sind aber an Stegen, beim Dinghi fahren und beim Baden häufig zusehen. Auf Baguette und Bananen reagieren sie nicht. Anders als Schiffshalter und Doktorfische.
Die Seevögel, die um uns herum auf dem Bojen sitzen, haben tolle Stimmen. Sie lachen sie kaputt. Lauthals. Vermutlich über uns?!
Auch innerhalb des Riffs sieht man immer wieder Delfine. Heute sehen wir die Delfine im leuchtend blauen Wasser vor dem kleinen Motu mit zerzausten Palmen und weißen Sandstrand, die Welle bricht sich auf dem türkis leuchtenden Riff, im Hintergrund die Silhouette Bora Boras. Kitschiger wird’s nicht!

Raiatea – schlammiges Wandervergnügen

Mittwoch wird es Zeit für einen Ortswechsel. Wir wollen zur Nachbarinsel Tahaa umziehen. Während wir Anker auf gehen beginnt es zu nieseln. Als wir die Bucht verlassen, trifft uns der Schwell der durch den Pass in die Lagune läuft. Eine unangenehme, erstaunlich hohe Welle schüttelt uns durch. Die Welle nimmt mit der Entfernung vom Pass ab, dafür nimmt der Regen zu. Wir sehen die Fahrwassertonne in 100m Entfernung nicht mehr. Das macht uns keinen Spaß, die Sightseeingtour hatten wir uns anders vorgestellt. Wir fischen in einer kleinen Bucht eine Boje und beschließen die Weiterfahrt zu vertagen. Nachmittags fahren wir mit dem Schlauchboot an Land und laufen bis zu einem kleinen chinesischen Laden der auch nachmittags Baguette verkauft.
Am nächsten Tag zeigen sich noch immer dunkle Wolken, das Frühstück muss wegen Regen wieder unter Deck stattfinden, trotzdem schnüren wir die Wanderschuhe. Es gibt einen Wanderweg, der zu drei Wasserfällen führen soll. Zunächst wandern wir einen breiten Feldweg zwischen Weiden und Feldern bergan. Hier läuft es sich fantastisch, der Blick auf den Bergkamm ist toll und das Pferd auf der Weide lässt sich streicheln. Irgendwann wird der Weg schmaler und führt über den Bach. Oder sagen wir, normalerweise führt er über den Bach. Durch die starken Regenfälle ist der Bach angeschwollen und über seine Ufer getreten. Ich ziehe meine Schuhe aus, um sie trocken auf die andere Seite zu bekommen. Nobbi holt sich einen nassen Fuß als er auf den moosbedeckten Felsen ausrutscht. Auf der anderen Seite wartet ein Rudel hungriger Mücken auf uns. Wir wehren uns mit Mückenspray und versuchen ihnen davon zu laufen. Der Weg wird nicht nur schmaler, sondern leider auch immer matschiger. Wir queren eine Fläche die mit Elefantenohr-Taro bestanden ist. Das ist toll zwischen den riesigen Blättern hindurch zulaufen. (Für alle, die das Klimahaus in Bremerhaven kennen, das fühlt sich an wie auf der Insektenwiese! Für alle anderen, ihr müsst nach Bremerhaven!) Der vermeintliche Wanderweg endet im Nichts, ob wir falsch abgebogen sind? Wir kehren um und testen einen anderen Pfad, als der Matsch uns hier entgegenfließt geben wir auf. Auf dem Rückweg hole auch ich mir einen nassen Fuß. Nun haben wir beide einen trockenen linken und einen nassen rechten Fuß. Wir wandern die Straße entlang, den in der Karte verzeichneten Bäcker gibt es ebenso wenig wie den Supermarkt. Also kehren wir um, kaufen auf dem Rückweg wieder ein Baguette beim chinesischen Laden und kriechen nach Hause. Der Rückweg zieht sich und uns tun die Haxen weh. Wir beschließen am nächsten Tag auf keinen Fall irgendwo hinzulaufen.
Heute Morgen frühstücken wir draußen! Zwar zeigt sich die Sonne nicht, doch der Himmel ein fröhliches hellgrau. Wir wollen weiter ziehen. Das Schlauchboot hängt startbereit hinter Mari, eine Bojenleine ist bereits gelöst. Es kann losgehen! Da fängt es an zu regnen. Das kann doch nicht sein! Wir streiken. Die Abfahrt ist verschoben – auf morgen. Kuchen backen, Bilge putzen, Rost entfernen. Man kann sich mit so netten Dingen beschäftigen, man muss gar nicht segeln.
Die Stimmung ist trotzdem gut an Bord. Nobbi singt. Ich dachte zunächst er singt Weihnachtslieder, aber nein. Er singt das Lied vom Regentier. „Rudolph, the red nosed rain-deer…“

Raiatea – Regentage

Wir sind nun drei Tage auf Raiatea, aber ob es schön ist können wir nicht genau sagen. Man sieht es nicht. Das Wetter ist so grausam wie schon lange nicht. Nieseln und Regen wechseln sich ab. Der Norddeutsche fühlt sich Zuhause, gestern Abend gab es doch tatsächlich Tee mit Rum, aber dazu weiter unten mehr.
Südseegefühle kommen wirklich nicht auf. Als ich heute Morgen mein Müsli im Cockpit esse, schwappt Wasser vom Bimini in meine Müslischale. Und wann immer wir uns freuen, dass es trocken ist, kommt der nächste Schauer über die Berge.
Wir erledigen Bootsgetüddel. Unsere Hebelklemmen die die Fallen halten haben sich gelöst. Das ist mehr als unerfreulich. Wir haben sie erneuern lassen. Das war die einzige Arbeit in Bremen, die wir nicht selbst durchgeführt haben. Wir setzen längere Schrauben mit reichlich Epoxy ein und hoffen, dass es nun hält. Mal wieder zeigt sich wie wichtig eine gut sortierte Bordwerkstatt ist, Epoxy findet sich im Farbenschapp, in der Schraubensammlung finden sich tatsächlich 4 längere Inbusbolzen der richtigen Stärke. Ich nähe neue Verschlüsse ans Segelkleid, wir putzen ein bisschen, es gibt ein paar neue Taklinge, irgendwas ist immer zu tun. Ansonsten vertreiben wir uns die Zeit mit Regenbeschäftigungen wie Kuchen backen, Fotos sortieren und lesen.
Zum Glück regnet es nicht immer, sondern nur fast immer. Wir fahren mit dem Schlauchboot den Fluss hoch. André bewirtschaftet hier zwei Hektar Land und hat mit den Touristen eine Einnahmequelle gefunden. Er zeigt seinen Garten, erklärt welche Pflanzen er anbaut und verkauft Obst. Wir treffen ihn hinter der ersten Biegung des Flusses. Für uns kehrt er um. In seinem Kanu ist er deutlich schneller als wir mit dem Schlauchboot mit Außenborder. Der kleine Fluss wird immer schmaler und schlängelt sich durch das Tal. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auflaufen, so flach ist es. Seit langem treffen wir in André das erste Mal auf einen Menschen der sich über unsere mühsamen Versuche Französisch zu sprechen freut. Wir erfahren, dass er kein Auto hat und deshalb nicht auf dem Markt verkaufen kann. Doch mittlerweile kommen so viele Touristen, dass er davon gut leben kann. Neben den Seglern, bei denen dieser Ausflug beliebt ist, kommen Touristen mit gemieteten Kanus und sogar ein kleines Ausflugsboot fährt in den Fluss. Er pflanzt verschiedene Sorten Bananen, unterschiedliche Arten Taro, Papaya, Gurken und Bohnen. Er hat einen Mango- und einen Rhambutanbaum, Zitronenbäume und viele schöne Blumen. Pampelmusen- und Orangenbäume hat er neugepflanzt, sie brauchen noch ein paar Jahre, außerdem versucht er sein Glück mit Pfeffersträuchern. Wir kaufen ihm Bananen und Kochbanen, sowie zwei Papaya ab, bekommen noch ein paar Zitronen zugesteckt und eine Trinknuss serviert.
Es wird Zeit mal wieder zu laufen. Wir sind in Crocs unterwegs. Ich habe mir bei unserem Gewaltmarsch auf Moorea eine blutige Blase gelaufen und kann keine anderen Schuhe tragen. Außerdem passt unser Schuhwerk zum schlammigen Untergrund und der Absicht es etwas ruhiger anzugehen. Wir entscheiden uns der Straße ins Inselinnere zu folgen. Wir kommen an einem Kindergarten, der Feuerwehr und einer kleinen Kirche vorbei. Fast jeder hier hat einen großen Garten oder richtige Plantagen. André bekommt professionelle Konkurrenz, der Botanische Garten wird renoviert. Neue Wege wurden angelegt, der Parkplatz ist schon fertig und überall pflanzen Arbeiter prächtige Pflanzen. Auch ein College gibt es hier im Tal und an der Vereinigung der Kokosbauern. Am Wegrand wachsen Avocados, das sind die ersten Avocados, die wir seit Panama treffen. Uns begeistern der grüne Wald mit seinen unterschiedlichen Bäumen und die Vielzahl der Pflanzen, die wir am Wegrand, in den Gärten und Feldern entdecken.
Wenn die Wolken sich zurückziehen geben sie den Blick auf eine tolle Landschaft frei. Hohe grüne Berge und schroffe Felsen werden sichtbar. Der höchste Berg ist immerhin gute 1000m hoch, damit ist Raiatea die höchste der „Iles sous le Vent“. Zur Inselgruppe „unter dem Winde“ gehören neben Huahine, Raiatea und Tahaa auch die weniger bekannten Inseln Maupiti, Tupai, Manuae, Maupihaa (= Mopelia) und Motu One. Der Star der Inselgruppe ist Bora Bora. Raiatea und Tahaa sind nicht nur Nachbarn, die beiden Inseln liegen auch im gleichen Riff und teilen sich eine Lagune. Das finden wir nett, so können wir innerhalb des Riffs, geschützt vorm Schwell zur Nachbarinsel segeln. Das ist dann das Programm für einen der nächsten hoffentlich trockenen Tage.
Wir werden bei einem anderen Boot zu einem leckeren Essen eingeladen und verbringen einen netten Abend zusammen. Und tatsächlich trinken wir Tee mit Rum. Das schmeckt so gut, dass wir das heute Abend wiederholen. Das hätten wir nicht gedacht, dass wir in der Südsee Tee mit Rum trinken! Nun haben wir keinen Rum mehr, hoffen auf besseres Wetter und gehen irgendwann mal wieder einkaufen.
Heute folgen wir der Straße in die andere Richtung und haben Gelegenheit uns die Häuser aus der Nähe anzusehen. Das ist sehr interessant. Traurige Bretterbuden versinken im Schlamm, während die Nachbarn ein hübsches kleines Häuschen in einem schönen Garten ihr Eigen nennen. Es gibt auch in dieser Richtung einige tolle Gärten mit riesigen Fächerpalmen, einer Palmenbestanden Auffahrt samt Parkbank und großem Tor. Eine Pension ist geschlossen und hat ein ziemlich altes Zu-vermieten-Schild an der Tür. Ein Restaurant weckt mit einem Hinano-Schild Hoffnungen auf ein Bier, ist jedoch geschlossen. Das Schild, das für eine Veranstaltung Anfang Juni macht nicht den Eindruck, dass häufig geöffnet ist. Auch viele Wohnhäuser scheinen leer zu stehen. Heute Morgen wurde der Seitenstreifen gemäht, wir laufen also sehr komfortabel auf dem kurzen Gras. Nach einer Pause am Wasser, mit Blick auf den Pass, machen wir uns auf dem Rückweg. Katzenbabys und Kühe, die sich streicheln lassen, sorgen für Abwechslung. Und natürlich regnet es auch wieder.
Auch wenn es aussieht wie Herbst in Norddeutschland, irgendwas ist anders. Tagestemperatur heute ca. 26 Grad…

Huahine – eine Südseeperle

Von Moorea nach Huahine sind es über 80 Meilen, das ist zu weit für eine Tagesetappe. Nachmittags verlassen wir unseren Ankerplatz in der Baie de Cook. Beim Segelsetzen bricht Nobbi die Winschkurbel ab. Das hatten wir auch noch nie. Im Pass treffen wir ein befreundetes Schiff, schade dass wir uns knapp verpasst haben. Über Funk tauschen wir Neuigkeiten aus.
Eigentlich ist es eine schöne Segelnacht. Wir haben gerefft, weil wir sonst zu schnell wären, wir wollen Huahine nicht im Dunklen erreichen. Die erste Nacht ist immer anstrengend, wir sind noch nicht im Wachrhythmus angekommen, sind müde und können trotzdem nicht gut schlafen. Es ist überraschend viel Verkehr. Viele Segler nutzen die ungewöhnliche Wetterlage, wir haben Nordwind, um die Insel zu wechseln. Wir werden überholt, eine Yacht segelt fast gleich schnell die ganze Nacht neben uns und uns kommen viele Segler entgegen. Ein Boot ist gänzlich unbeleuchtet, eins hat die Lichter vertauscht und bereitet mir damit Kopfzerbrechen und viele Boote haben kein AIS (das ist so ein hübsches Identifikationssystem, das große Schiffen haben müsse und das inzwischen auch die meisten Yachten haben). Eine Luxusyacht schleicht sich von hinten an, einige Fischer queren und der Versorger ist auch unterwegs.
Huahine präsentiert sich wunderschön im Morgenlicht. Der Pass ist ruhig, das dunkelblaue Wasser bricht sich in weißem Schaum auf dem türkisenen Riff. Die grünen Berge leuchten intensiv, hier und dort gibt es einen weißen Sandstrand. Die Südsee schöner als in jedem Prospekt. Die beiden Pässe auf der Westseite liegen im Norden der Insel. Wir wählen den südlicheren und biegen hinterm Riff nach Süden ab. Wir haben uns einen Ankerplatz ganz im Süden ausgeguckt und schlängeln uns nun an der Westseite der Insel zwischen Riff und Insel entlang. Das Fahrwasser ist gut betonnt, außerdem kann man einfach dem Farbcode folgen. Dunkelblaues Wasser ist sehr tief. Wir genießen unsere Inselrundfahrt. Tiefe Täler, große Buchten, wenige Häuser und nur ein Hotel mit den typischen Pfahlbungalows. Huahine ist sehr ruhig und gemütlich. Die große Bucht im Süden bietet einen schönen Ankerplatz mit sandigem Ankergrund, viel Platz und nicht zu großen Wassertiefen. Eine Rarität in den Gesellschaftsinseln. Meistens ist es sehr tief oder sehr flach.
Wir ruhen uns von der Nachfahrt aus und verbringen den Nachmittag mit Schnorcheln. Dabei lernen wir, dass die hübschen Adlerrochen großen Respekt vor den Stechrochen haben, sobald sie sich nähern suchen die Adlerrochen das Weite. Der Sonnenuntergang über der westlichen Nachbarinsel Raiatea ist spektakulär und wir schlafen ausgezeichnet.
Am nächsten Tag wechseln wir den Ankerplatz und verlegen uns 3 Meilen Richtung Pass. Der Platz, den wir uns ausgesucht haben, ist schön doch das Wasser ist tief und wir sehen keinen sandigen Spot, nur Korallen. Als wir gerade überlegen, wo wir alternativ ankern könnten, legt ein Boot ab und macht eine von drei Bojen frei. Glück muss man haben! Nachmittags schnorcheln wir wieder und trainieren unsere müden Beine. Hier ist hinter dem Riff so viel Strom, dass man permanent paddeln muss. Abends beginnt es zu regnen, wir entscheiden uns für einen gemütlichen Abend unter Deck und schauen einen Tatort.
Samstagmorgen nieselt es. Wir wollen nach Raiatea segeln, in der Nacht soll 3m hoher Schwell aus Südwesten kommen, da wollen wir schon da sein. Ich habe wenig Lust bei Regen zu segeln und mache ein paar halbherzige Versuche Nobbi zum Bleiben zu Überreden. Er murmelt irgendwas Vernünftiges und reicht mit meine Öljacke. Unser Zwischenstopp auf Huahine war viel zu kurz aber sehr schön.
Nach Raiatea ist es nur ein Hüpfer, etwa 20 Meilen. Auf Am Wind Kurs sind wir flott unterwegs, Mari läuft meist 7 Knoten und der Segelspaß ist viel zu schnell zu Ende. Tatsächlich hat es auch gar nicht so viel geregnet, nur ab und zu ein wenig genieselt. Die erste Bucht in der wir eventuell ankern wollen überzeugt uns nicht, wir fahren weiter. Die tief eingeschnittene Bucht von Faaroa gefällt uns besser. Kaum haben wir geankert nieselt es wieder. Zeit sich unter Deck zu verkriechen.