Dienstagmorgen wird es Zeit Tarrafal und Sao Nicolau zu verlassen. Nach dem Frühstück gehen wir Anker auf. Im Windschatten der Insel ist es heiß und flau. Als wir den Windschatten der Insel verlassen nimmt der Wind innerhalb weniger Meter von 3 auf 30 Knoten zu. Wir kennen das von den Kanaren und haben unser Groß nur im zweiten Reff gesetzt. Immer wieder wirft uns der Wind Gischt an Deck. Ich steuere von Hand und werde immer wieder mit Salzwasser besprüht. Da es schön warm ist und ich zur Schwimmweste nur einen Bikini trage ist das nicht so schlimm, doch abends werde ich mich wie ein Salzstreuer fühlen. Nobbi reicht mir ab und zu das Handtuch, damit ich mir das Salzwasser aus den Augen wischen kann.
Wir segeln an den beiden unbewohnten Inseln Ilheu Razo und IlheU Branco (die „weisse“ wegen der Sanddünen) entlang und erreichen nach ungefähr 25 Meilen Santa Luzia. Auch Santa Luzia ist unbewohnt, hat einen gigantischen Sandstrand und ist bekannt für seinen Fischreichtum. Hier wollen wir Ankern und Schnorcheln. Es soll Schildkröten geben. Doch manchmal kommt es eben anders. Eine stattliche Welle bricht sich an dem langen weißen Strand, der Wind der inzwischen eigentlich etwas abgenommen hat, schickt immer wieder Böen Windstärke 7 über den anvisierten Ankerplatz. Es ist gelinge gesagt ungemütlich. Wir sind enttäuscht, aber entscheiden uns die Nacht hier nicht zu verbringen, sondern nach Sao Vicente weiter zu segeln. Die Bucht von Mindelo wollten wir eigentlich auf keinen Fall im Dunkeln anlaufen, steht in der Seekarte doch die Warnung vor „Various ships in different states of disrepair“, eine hübsche Umschreibung für unbeleuchtete Wracks. Wenn wir uns jetzt sofort entscheiden weiter zu segeln, könnten wir es vielleicht mit dem letzten Licht in die Bucht schaffen. Diese Hoffnung begraben wir wenig später im Kanal zwischen den Inseln Santa Luzia und Sao Vicente. Wir haben tüchtig Gegenstrom und machen weniger als 2,5 Knoten. Das ist frustrierend und langwierig, aber nicht zu ändern. Zeit für Käsebrote. Das macht nicht schneller, aber satt sind wir genügsamer. Die schroffe Küste Sao Vicentes bildet im Gegenlicht eine tolle Kulisse, kommt nur leider so langsam näher. Als wir die Nordküste erreicht haben, geht die Sonne unter und der Gegenstrom nimmt ab. Als wir Sao Vicente runden und in den Kanal zwischen Sao Vicente und Santo Antao einfahren, haben wir den Strom, der uns eben noch geärgert hat von achtern und werden nun mit bis zu 8 kn voran geschoben. Wir haben Glück, wenig später kentert der Strom, wären wir ein wenig langsamer gewesen hätten wir in beiden Kanälen Gegenstrom gehabt. Inzwischen ist es dunkel und wir tasten uns langsam in die Bucht von Mindelo. Hier ist allerhand Schiffsverkehr, einige große Schiffe liegen vor Anker, ein gänzlich unbeleuchteter Fischer quert unseren Weg. Letztlich ist die Einfahrt einfacher als befürchtet. Wir erreichen das Ankerfeld, das gar nicht so voll ist und tuckern ganz langsam mit eineinhalb Knoten Fahrt zwischen den anderen Yachten hindurch. Wir wollen nicht zu nah am Fähranleger liegen und auch nicht über eins der Wracks fahren. Natürlich sind nicht alle Yachten beleuchtet, aber als die Augen sich erst an das wenige Licht gewöhnt haben, finden wir uns gut zurecht. Wir finden einen schönen Platz mitten im Ankerfeld zwischen den anderen Yachten und ankern auf 5 m Wassertiefe. Unsere Ankunft und das gelungene Manöver feiern wir mit einem leckeren Gulasch mit Paprika.
Am nächsten Morgen schauen wir uns erst mal um. Wenn man im Dunkeln angekommen ist, ist es immer spannend wie es im hellen aussieht. Eines der in der Seekarte verzeichneten Wracks ist ein auf der Seite liegender Frachter, im hinteren Teil der Bucht finden sich noch weitere Exemplare deren gute Zeiten lange vorbei sind. Außerdem entdecken wir viele Yachten, die wir bereits in anderen Häfen getroffen haben.
Nach dem Frühstück verholen in die Marina. Wir bekommen einen schönen Liegeplatz. Die ganze Steganlage bewegt sich etwas. Man muss den richtigen Moment abpassen um aufs Schiff, oder noch schlimmer, vom Schiff zu springen. Eine große Schildkröte taucht hinter dem Boot auf und versöhnt uns mit dem verpassten Stopp Santa Luzia. Nachmittags melden wir uns bei der Policia Maritima an und machen einen ersten Spaziergang durch die Stadt. Das Abendessen gibt es in der Floating Bar an der Marina. Wir haben eine Menge Schlechtes über Mindelo und die Marina gehört. Irgendwie ist es wie immer. Nichts davon stimmt. Uns gefällt es hier, die Marina genauso wie die Stadt.
Der Tag heute begann mit einem Highlight. Wir haben geduscht. Nach fünf Wochen gab es eine ausgiebige Süßwasserdusche. Ehemalige Kollegen wissen, dass ich ausgesprochen gerne Dusche. Sie kennen diese Sätze, die mit „heute Morgen unter der Dusche habe ich darüber nachgedacht, wir sollten…“ beginnen. An Bord ist Süßwasser ein kostbares Gut, natürlich duschen wir uns ab und zu mit Frischwasser ab, doch eine ausgiebige Dusche inklusive Haarspülung ist absoluter Luxus.
Den Rest des Tages haben wir kleinen Aufgaben wie Dieselkanister betanken, Handwäsche waschen und Bilgen putzen gewidmet. Im Café de Mar gab es ausgesprochenen leckeren Thunfisch zum Mittagessen. Als Sundowner gab es einen Caipi in der Floating Bar im Kreise der internationalen Seglerschar. Nicht schlecht dieses Leben.
Entschleunigung oder ein Polizeibesuch in Tarrafal
Wir wollen weitersegeln und müssen deshalb zur Polizei und unsere Schiffspapiere abholen, außerdem wollen wir einkaufen und irgendwo lecker Mittagsessen. Wir rudern mit Donkey an Land und sehen einen Fischadler, der erst über der Bucht kreist und dann einen Fisch fängt. Beeindruckend und unerwartet.
Zunächst gehen wir zur Polizei. Wir erklären was wir wollen und bekommen Stühle gebracht. Wir warten. Zwei Polizisten diskutieren, rufen ihren Chef an, „welches Schiff?“, nochmal telefonieren. Nach knapp zwanzig Minuten erfahren wir, dass wir in einer Stunde wiederkommen sollen, dann ist der Chef da. Eigentlich könnten wir die Zeit nutzen Essen zu gehen, doch wir sind noch gar nicht hungrig und beim letzten Mal brauchten wir deutlich länger als eine Stunde. Da hatten wir Pizza bestellt und eine halbe Stunde (!) nach unserer Bestellung läuft die Kellnerin zum Supermarkt um die Ecke und kauft Mehl. Kein Scherz. Die Pizza war dann sehr lecker. Also trinken wir eine Fanta auf einer schattigen Terrasse. Hier treffen wir auch den jungen Mann der uns versichert hatte wir bräuchten uns keine Sorgen um unser Beiboot machen, schließlich würde er persönlich darauf aufpassen. Das Einkaufen macht Spaß. Die Versorgungslage in Tarrafal ist ausgezeichnet, es gibt mehrere Supermärkte. Es gibt alles was wir brauchen und wir staunen was für Produkte es ins kapverdische Supermarktregal schaffen. Zum Beispiel gibt es dänisches Buttergebäck, diese in der runden Blechdose, wo die kleinen Keksstapel in diesem weißen Papier sind. Mit unseren Einkäufen geht es zurück zur Polizei. Wieder bekommen wir die Wartestühle. Nach einigem hin und her stellt sich raus, dass der Chef heute woanders zu tun hat. Nur er hat den Schlüssel zu dem Schrank in dem unsere Papiere eingeschlossen sind. Wir sollen in drei Stunden wiederkommen. Jetzt haben wir Zeit fürs Mittagessen. Wir gehen diesmal in das kleine Restaurant am Hafen und bestellen das Gericht des Tages, auch wenn wir nicht verstehen was das ist. Es gibt Fischfilet mit Reis, Pommes und Bohnen. Die Bohnen holt die Kellnerin noch schnell aus dem Supermarkt an der Hauptstraße… Das Essen kommt schnell und der Fisch ist sehr lecker. Jetzt haben wir noch über zwei Stunden Zeit. Nobbi bringt die Einkäufe zum Boot, ich spaziere am Strand entlang. Anschließend machen wir einen Spaziergang entlang der Bucht, wo Frauen und Kinder Steine sammeln und zu Haufen aufschütten. Beliebt ist die Größe zwei bis fünf Zentimeter Durchmesser. Anscheinend werden sie zum Bauen verwendet, vielleicht für Beton? Pünktlich nach drei Stunden sind wir wieder bei der Polizei. Der Chef ist eingetroffen, wir bekommen unsere Schiffspapiere und das Papier für die Weiterreise. Das Ganze dauert zwei Minuten und schon sind wir fertig.
Wir haben Donkey bereits wieder zusammengefaltet und an den Seezaun gebunden. Morgenfrüh kann es gleich nach dem Frühstück los gehen.
Ein harter Tag für Donkey
Gestern war nicht unser Tag. Eigentlich begann es schon Vorgestern Nachmittag. Da kam Wind auf als wir nachmittags von Land zurück zum Boot ruderten. Am frühen Abend hatten wir Böen zunächst Stärke 6 bis 7, schließlich 8. Immerhin kam der Wind mehr oder weniger aus einer Richtung, doch gemütlich ist was anderes. Der Wind um diese vulkanischen Inseln mit ihren Schluchten ist schwer vorhersagbar und mitunter sehr unangenehm. Das kennen wir schon von den Kanaren. Kurz vor Mitternacht ist der Spuk vorbei und wir haben eine ruhige Nacht.
Am nächsten Morgen beschließen wir einen kleinen Ausflug zu einem nur wenige Meilen südlich gelegene Strand zu machen. Der Wassermacher läuft und wir tüddeln gemütlich die Küste entlang, als wir plötzlich sehr dicht von einer anderen Yacht überholt werden. Unser Nachbar hat anscheinend das gleiche Ziel wie wir. Er fährt ein Ankermanöver was man wertfrei als „freestyle“ bezeichnen könnte und schmeißt erst mal 60 m Kette weg. Wir ankern nun auch.
Kurz darauf nimmt der Wind zu und fegt durch die Bucht. Die Anker der anderen Yacht slippt und sie kommen uns gefährlich nahe. Uns reicht es, wir gehen Anker auf und verlegen uns dichter ans Ufer und deutlich außer Reichweite des slippenden Ankers. Donkey wird von einer Böe erfasst und auf dem Kopf gedreht. Als unser Anker sich gut eingegraben hat, drehen wir Donkey wieder um und schöpfen ihn leer. Inzwischen erreichen die Böen 7 Windstärken und kommen mal von der einen, mal von der anderen Seite, so dass die Boote um ihre Anker herumtanzen. Unser Anker hält, aber unseren Badeausflug hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt. Dabei ist der Strand toll. Heller Sand und türkisenes Wasser, Basaltsäulen und kleine Höhlen bilden eine tolle Kulisse. Wir Schnorcheln ein wenig und freuen uns über das klare Wasser.
Schließlich entscheiden wir, dass wir nicht über Nacht hier bleiben wollen, sondern lieber wieder zu unserem alten Platz wechseln. Als wir Ankerauf gehen, sehe ich wie Nobbi das Relais der Ankerwinsch mit der Schraubenzieher überreden muss. Kaum ist der Anker an Bord, dreht der Wind Donkey wieder um. Während ich noch überlege, ob ein Schlauchboot jetzt besser wäre, kentert das Schlauchboot unsers Nachbarn samt Außenborder. Uns gelingt es Donkey zurückzudrehen und leer zu machen, leider nur kurz. Dann laufen die Wellen von hinten in unser kleines Boot. Wir versuchen Donkeys Zustand durch Verlängern der Schleppleine zu verbessern, doch es bringt nichts, wir müssen ihn aus dem Wasser holen. Ich sehe, dass sich einer der Pins, die die Sitzbank halten gelöst hat und habe Angst, dass wir gerade dabei sind unser geliebtes Beiboot kaputt zu machen. Inzwischen haben wir 7 Windstärken. Wir drehen bei, Donkey ist mittlerweile komplett vollgelaufen, aber zum Glück unsinkbar. Zu zweit schaffen wir es ihn aufs Vorschiff zu ziehen und dort anzubinden.
Gegen Wind und Strom machen wir nur 2,5 Knoten Fahrt. Na Prima. Der Blick auf die Insel ist fantastisch, doch die Muße ihn zu genießen gering. Der große Vulkankegel wacht über die Sao Nicolau und im Süden sieht man einen großen Krater. Die östlicheren Berge der Insel sind deutlich grüner als die westlichen. In der Abendsonne sehen wir auch zwei hoch gelegene Dörfer, die wir von unseren Ankerplatz hier nicht sehen können. Als wir uns Tarrafal nähern nimmt der Wind ab, wir sind wieder schneller und erreichen unseren Ankerplatz, an dem es fast windstill ist. Wir ankern wieder am alten Platz. Donkey kommt wieder ins Wasser. Wir haben zwei der Pins verloren mit denen die Bänke gesichert werden. Wir sind froh, dass wir nicht die Sitzbänke eingebüßt haben und nichts kaputt gegangen ist. Für einen Tag haben wir genug gelernt, wir kommen sicher nicht sobald wieder auf die Idee das Boot „mal eben“ hinterherzuziehen.
Heute Nacht um drei wachen wir bei absoluter Windstille auf, das Boot rollt leicht im Schwell hin und her, der Sternenhimmel ist grandios. Die einzig andere (bewohnte) Yacht die hier ankerte läuft aus (nachts um drei!). Jetzt liegt hier nur noch ein Dauerlieger (mutiger Platz, quasi mitten im Atlantik) und wir. Ich sehe eine ungewöhnlich helle Sternschnuppe und beschließe wieder in die Koje zu kriechen.
Heute lassen wir es gemütlich angehen. Wir können ohnehin nicht auschecken, es ist Sonntag. Da würde der Polizeichef nur ins Büro kommen, wenn es nicht anders geht. Es geht anders, wir haben ja Zeit. Der Aprikosenstreuselkuchen ist gerade fertig und ich habe heute bisher auch erst einmal gebadet.
Umzug nach São Nicolau
Als ich Montagmorgen bade treibt ein Plastikbecher vorbei. Eigentlich verwunderlich, dass ich zuvor noch keine Kollision mit Plastikmüll hatte. Im Ort, also in Palmeira, ist es relativ sauber und das Stadtzentrum von Espargos ist sogar auffallend sauber. Leider gilt das nicht für die Umgebung. Auf der Suche nach einem Müllcontainer werden wir nach Norden an den Ortsrand geschickt und finden den Container nicht, bis uns ein kleiner Junge hinbringt. Die ganze Fläche zwischen dem Hafengelände und den Häusern ist voll mit Müll, in der Mitte der Fläche stehen in einem Verschlag drei Container, zwei davon sind umgekippt. Am Strand treiben einige Plastikbecher im flachen Wasser herum und überall liegen Bierflaschen bzw. deren Scherben. Die Farbdosen, mit deren Inhalt die Fischerboote aufgehübscht wurden, bleiben einfach am Strand liegen. Uns macht das traurig, wir gehen nicht barfuß aus Angst vor den Scherben, doch es ist der Strand an dem sich die Jugend zum Fußballspielen trifft, die Kinder schwimmen lernen, Familien picknicken und alle baden.
Wir paddeln an Land und gehen zur Polizei. Da wir weitersegeln wollen holen wir unsere Schiffspapiere ab und bekommen ein Papier (Clearance), das unseren nächsten Hafen angibt und gestempelt wird. Nach einem Abstecher in den Supermarkt essen wir in einem Restaurant gegrillten Thunfisch. Den Nachmittag verbringen wir damit, alles für die Weiterreise vorzubereiten, Donkey wird wieder an den Seezaun gebunden, alle Fenster werden verschlossen, die Seekoje vorbereitet und alle potentiellen Flugobjekte unter Deck gesichert.
Über Nacht segeln wir nach Westen zur Insel São Nicolau. Eigentlich haben wir eine super Nachtfahrt. Das Wetter ist gut und wir segeln flott durch die Nacht. Trotzdem sind wir ziemlich müde, als wir morgens die Südspitze der Insel erreichen. Die erste Nacht auf See ist immer besonders unruhig und der letzte Tag auf Palmeira war auch zu anstrengend, zumal er sehr früh begonnen hatte. Ein Schwarm Fische musste lautstark im Morgengrauen von den jugendlichen Fischern unter unserem Boot gefangen werden. Pünktlich zu Sonnenuntergag bekommen wir Besuch von einer großen Schule Delfine, die uns lange begleitet. Während der Nachtfahrt freue ich mich mal wieder über das AIS: „Sehen und gesehen werden“. Ein Tanker mit Ziel Las Palmas taucht auf dem Display auf und noch bevor ich seine Lichter erkennen kann, sehe ich, dass auch ich auf seinem Display aufgetaucht bin, denn er ändert seinen Kurs um 30 Grad und fährt zweieinhalb Meilen hinter mir durch. Sehr angenehm so ein komfortabler Sicherheitsabstand. Bei Sonnenaufgang ist es sehr diesig, so dass wir leider nicht viel von São Nicolaus Bergen sehen. Im Gegensatz zum flachen Sal ist São Nicolau bis zu 1300 m hoch und erinnert uns an La Gomera.
Unser Anker fällt vor Tarrafal, auch hier müssen wir uns bei der Polizei anmelden. Unsere Ankerwinsch fällt aus, so dass wir manuell ankern müssen. Das bedeutet vor allem, dass wir ungern ein zweiten Versuchen machen wollen, weil wir den Anker per Hand auf holen müssten und hier ist es recht tief, 10 bis 12 m. Bei unserer Ankerwinsch war nur die Sicherung durchgebrannt und nachdem Nobbi sich für kurze Zeit im Schrank verknotet hatte schnurrte sie wieder. Am Tag zuvor, als Nobbi den Anker aufholte wollte unsere Ankerwinsch nicht abschalten und bis ich unter Deck war und den Strom abgestellt hatte, hatte die Sicherung ihre Aufgabe bereits erfüllt.
Das Anmelden übernahm Nobbi diesmal allein, ich hatte starke Kopfschmerzen und habe Mari bewacht. Während der Fallböen, die sich hier gelegentlich von den Hängen stürzen, wollten wir sicher sein, dass der Anker hält. Die Nacht ist ruhig und wir schlafen fast elf Stunden.
Beim Morgenbad treffe ich einen 1 m langen Fisch unter dem Boot, wir erschrecken beide. Das Wasser ist klar und tiefblau. Wir hatten gelesen, dass der Strand am Hafen so dreckig sei, dass vom Baden abgeraten wird. Tatsächlich ist es an Land auffallend sauber. Am Strand liegen ein paar tote Fische, kein Müll, die Straßen sind pikobello und es gibt mehrere kleine, bepflanzte Plätze. Schön, dass es sich die Situation hier anscheinend verbessert hat.
Tarrafal ist eine kleine Stadt mit kopfsteingepflasterten Straßen, vielen Straßenpalmen, kleinen Geschäften, netten Restaurants und zwei Stränden mit feinem schwarzen Lavasand. Auch hier sind die Häuser wieder buntbemalt, es gibt auffallend viele Neubauten und viele Baustellen. Wir bummeln durch die kleine Stadt, schauen in die Kirche und essen auf der Terrasse eines netten Restaurants. Bei 33 Grad versuchen wir uns nicht zu schnell zu bewegen und einen schattigen Platz zu suchen. Nach einem Spaziergang entlang der Bucht geht es wieder zurück zu Mari.
Eigentlich wollten wir hier nur kurz Stoppen, doch es gefällt uns und dann gibt es da noch diese Ankerbucht ein paar Meilen südlich, von der unsere Nachbarn schwärmen. Die Rede ist von weißem Sand, vielen Fischen und klarem Wasser. Hört sich an, als müssten wir dort hin.
Ein lustiger Frisörbesuch
Am Mittwoch machten wir uns noch einmal auf den Weg nach Espargos, ein Frisörbesuch stand auf dem Programm. Nobbis letzter Haarschnitt bei Rita auf Gomera war schon ziemlich lange her und es wurde Zeit wieder etwas Fell zu verlieren. Außerdem ist so ein Frisörbesuch ja immer eine tolle Gelegenheit Land und Leute kennenzulernen. Und für mich auch sehr entspannt, da es ja um Nobbis Kopf ging.
Beim Frisör war sehr voll, also sind wir zunächst durch den Ort geschlendert, waren in einem Supermarkt obwohl wir nichts brauchten und sind dann zurückgekehrt. Mittels Zeichensprache erklärte Nobbi, dass er einen Haarschnitt braucht. Als er dann gefragt wurde ob portuguese oder kriouli Style war er doch nicht so mutig und hat den portugiesischen Haarschnitt gewählt. Sonst hätte er jetzt vielleicht auch ein Muster im Nacken rasiert, genau wie seine Nachbarin im Frisörsalon. Über den Spiegeln hingen aus Zeitschriften ausgeschnittene Bilder von denen man sich die Wunschfrisur aussuchen konnte. Dafür, wie scheinbar planlos der Frisör auf seinem Kopf herum geschnibbelt hat, ist das Ergebnis ganz gut ausgefallen. Dazu beigetragen hat sicher auch der Programmwechsel im Fernsehen. Zunächst griff eine Gruppe Vampire einen Zug an, anscheinend sehr spannend. Die Frisöre schauten mehr auf den Fernseher als auf ihre Kunden. Der kleine Junge hinter Nobbi bekam so sehr kurze Haare und war damit nicht glücklich. Dann folgte eine Paartherapiesendung, bei der der Zuschauer per What‘s App Fragen stellen oder Empfehlungen abgegeben kann. Grausam. Aber da es nicht so spannend war bekamen die Köpfe der Kunden nun mehr Aufmerksamkeit. Nachdem wir die abgefahrene Frisur von Nobbis Nachbarin bestaunt und gelobt hatten, legten wir eine Pause im Café in der Fußgängerzone ein, bevor es wieder zurück nach Palmeira ging.
Donnerstag, also gestern, wollten wir eigentlich weitersegeln und hatten schon alles vorbereitet. Doch dann erwachte ich mit starken Kopfschmerzen, deshalb verschoben wir unsere Abreise. Eine gute Entscheidung, mir ging es im Laufe des Tages eher schlechter als besser und auch Nobbi hat es wieder erwischt. Heute sieht die Welt schon wieder besser aus, wir werden uns übers Wochenende auskurieren und Montag einen neuen Versuch starten.
Sonntags in Palmeira und ein Besuch in Espargo
Der Wind hat nachgelassen, die Yachten schaukeln sanft in der dunklen Bucht und der warme, weiche Wind trägt die Musik von Land über die Bucht. Mit der Musik wehen das Lachen der Menschen, ihre Wünsche und Sehnsüchte aufs Meer. Ein traumhafter Abend, einer zum Festhalten und Erinnern.
Sonntags gehört Palmeira den Einheimischen, es kommen keine Urlauber auf Sightseeingtour und deshalb auch keine fliegenden Händler. Zwar haben einige Geschäfte geöffnet, trotzdem ist es insgesamt viel ruhiger. Nachmittags trifft man sich am Strand, die jungen Männer spielen Fußball, die Frauen quatschen im Schatten der Bäume, Väter bringen ihren Kindern das Schwimmen bei, Teenies schießen Handyfotos, vor der Bar wird mit reichlich Publikum das Bohnenspiel gespielt und überall wird gepicknickt. Wenn es dunkel wird beginnt die live Musik auf dem zentralen Platz. Die Musik ist fröhlich, abwechslungsreich und manchmal ein wenig melancholisch.
Ganz anders ist die Stimmung Montagmorgen. Die allgemeine Geschäftigkeit ist zurück. Touristengruppen springen aus Pickups und die Souvenirverkäufer warten schon, auf der Fischerpier werden Thunfische und Bonitos ausgenommen und junge Frauen verkaufen Sandwiches. Wir wollen nach Espargo, den Hauptort der Insel. Kaum erreichen wir die Hauptstraße stoppt ein Kleinbus „Espargo?“, wir springen rein, der Bus fährt noch eine Runde durch den Ort um weitere Fahrgäste zu akquirieren und schon geht es los. Nach wenigen Minuten sind wir da. Wir haben keine Pläne und flauschen einfach den Ort ab (etwas abflauschen: Bordsprache Marisol für etwas anschauen oder durchsehen, nicht nur Orte, auch Bücher können abgeflauscht werden). Die Fußgängerzone ist ansprechend gepflastert, im Stadtzentrum sind mehrere Kirchen und noch mehr Kindergärten, es gibt Geschäftsviertel mit Banken, Versicherungen und Geschäften aller Art. Der Baumarkt führt hauptsächlich Farben, das wundert uns nicht, schließlich sind die meisten Häuser bunt. Richtig bunt, leuchtend gelb, blau, grün, mint oder pink. Mir hat besonders das Bankgebäude in lila und grün gefallen. Wir suchen uns ein nettes Café und „gucken Leute“. Ob wohl wir im Schatten eines Baumes sitzen bekommen wir noch einen Sonnenschirm aufgespannt. Die Schule ist gerade zu Ende, auch hier lieben kleine Mädchen rosa und große Mädchen sind genervt, wenn sie die kleinen Brüder abholen sollen. Wir machen einen Abstecher in einen recht gut sortierten Supermarkt. Eigentlich brauchen wir nichts, also decken wir uns mit verschiedenen Sorten kapverdischem Kaffee ein, den wir dann demnächst verkosten werden. Mangos und Papaya kaufen wir auf der Straße direkt aus der Schubkarre.
Die Rückfahrt erfolgt ebenso unkompliziert wie die Hinfahrt, gerade als wir die Straße erreichen, in der die Busse nach Palmeira abfahren, steckt der Fahrer eines pinken Busses den Kopf aus dem Fester. Ob wir mit wollen? Wir sind die Fahrgäste Nummer 11 und 12. Hier wird das Potential eines Kleinbusses richtig ausgeschöpft. Die Busfahrt kostet 50 Cent, eine überschaubare Investition.
Auf dem Weg zum Hafen stranden wir in einem Restaurant. Es gibt heute Thunfisch vom Grill. Sehr lecker. Zurück an Bord müssen die Einkäufe verstaut werden. Doch hier darf nichts einfach so unter Deck wandern, erst müssen alle Verpackungen entfernt werden und das Obst wird gründlich gewaschen. Tatsächlich finden sich in der Pappverpackung eines Joghurts Kakerlakeneier und an den Bierdosen unsympathische Larven. Die Kakerlakenvorsichtsmaßnahmen gelten nicht erst seit Erreichen der Kap Verden, auf den Kanaren haben wir diese unwillkommenen potentiellen Mitbewohner überall getroffen, zum Beispiel in Santa Cruz in den Waschräumen, in San Sebastián im Strandcafé und in Tazacorte auf der Pier. Hier haben wir noch keine gesehen, aber ich bin sicher sie warten irgendwo versteckt aufs Boarding.
Nach dem letzten ausgiebigen Bad des Tages lassen wir die Sonne mit einem Gin Tonic untergehen.
„No Stress“
„No Stress“ ist das Motto. Ob Souvenirverkäufer, Boatboy, T-Shirts, Hüte oder Verkäufer alle werben mit dem Entspannungsslogan. Genau das richtige für uns. Entspannen haben wir im letzten Jahr gelernt. Die Souvenirverkäufer kennen uns langsam, nur noch vereinzelt versuchen sie uns Magneten mit Plastikschildkröten oder „No Stress“- Armbänder zu verkaufen. Sie wissen, dass wir nicht kaufen und sie Gefahr laufen von mir befragt zu werden, wo sie denn herkommen und wie das Geschäft läuft. Die meisten kommen vom afrikanischen Kontinent, sie folgen den Touristen, die in den Hotels im Süden der Insel wohnen, auf ihren Rundfahrten.
Nein stressig verläuft das Leben hier wirklich nicht. Wir lassen uns treiben und beobachten das Leben um uns herum. Palmeira ist ein kleiner ruhiger Ort. Wir haben schnell gelernt zu kaufen was es gerade gibt, morgen gibt es etwas anderes oder nichts. Das betrifft insbesondere Obst und Gemüse. Aber auch Geld. Es gibt zwei (oder zwei die wir gefunden haben) Geldautomaten, die im Moment allerdings kein Geld haben. Mal sehen wann es frisches gibt. Dass Nahrungsmittel, mit Ausnahme von Brot, recht teuer sind wundert uns nicht. Sal ist sehr trocken, hier dürfte kaum etwas wachsen. Nachdem wir neulich beim Einkaufen das Gefühl hatten doch etwas zu sehr übers Ohr gehauen worden zu sein, haben wir den Laden gewechselt und auf Umwege auch einen kleinen Laden entdeckt bei dem es am späten Nachmittag leckeres Brot gibt. Wenn wir unseren Dorf oder Strandspaziergang beendet haben, setzen wir uns in die kleine Bar am Hafen und beobachten, bzw. werden beobachtet. Donkey, unser Beiboot, sammelt viele Sympathien. Burro, der Esel. Auf die Frage, ob wir keinen Motor haben, zeige ich immer auf Nobbi. Das sorgt für Gelächter.
Gelegentlich schwappt ein Bus voller Touristen auf Inseltour zu einem Kurzbesuch durchs Dorf. Die Souvenirverkäufer umkreisen sie wie Haie einen Fischschwarm, teilen die Gruppe in der Mitte, versuchen Schmuck, Tücher, Lampen und „echte“ Rolex unters Volk zu bringen. Kurz darauf treibt eine Tui-Reiseleiterin ihre Gruppe zurück in den Bus und auf der Pier wird es wieder ganz ruhig. Bis der nächste Bus ankommt. Tui scheint das Tourismusgeschäft hier im Griff zu haben, täglich kommen mehrere Tui Flieger rein und viele der Busse und Pick-ups sind hellblau und tragen das wohl beste Logo der Branche. Wenn die Besucher wieder weg sind wird es wieder ganz ruhig. Neben unzähligen Pick-Ups ist die Schubkarre das Verkehrsmittel der Wahl. Darin wird alles transportiert, was für den Kopf zu groß oder sperrig ist, egal ob Obst, Wasserkanister, Wäsche oder Kinder.
Wir haben einen Ausflug in einer Bucht etwas weiter im Süden gemacht. Die Fahrt dorthin und zurück haben wir genutzt um den Wassermacher laufen zulassen und unsere Tanks wieder randvoll zu machen. Das Wasser in der Bucht schimmerte türkis über dem hellen Sandgrund. Im Sommer soll es hier Schildkröten geben, leider haben wir keine getroffen, dafür aber eine Gruppe großer Doktorfische unter dem Boot. Obwohl das Wetter ruhig war, waren die Wellen die auf den Strand trafen doch imposant, eine Gruppe Surfer hat sich gefreut, wir haben darauf verzichtet diese Wellen mit dem Beiboot zu reiten und sind an Bord geblieben.
Zuerst war ich krank, jetzt hat es Nobbi erwischt. Ein weiterer Grund es ruhig angehen zu lassen. Wir müssen ja nichts. Wir lesen viel und entdecken Bücher an Bord, von denen wir nicht wussten, dass wir sie mit haben. Dabei haben wir wenig Platz im Bücherregal.
Zurück am Ankerplatz von Palmeira gibt es Hafenkino, die Frachterpier ist gut besucht. Ein Tanker, kleine Frachter und Fähren wechseln sich ab. Unter den Augen des zahlreichen Publikums wird eine kleine Fähre entladen. Unförmige Säcke und große Kartons, Matratzen und Bretter werden auf die Pier geschafft. Viele Passagiere und ein Pferd gehen an Bord. Die Passagiere sitzen auf dem Achterschiff, das Pferd steht vorne auf der Ladefläche, die Nase im Wind und wirkt unsicher, ob ihm die Reise gefällt. Ein kleiner Frachter mit einem Auto an Deck legt an und lädt große Boxen aus, nimmt das Auto jedoch wieder mit, es ist wohl für eine andere Insel bestimmt. Abends kommt die moderne Fähre aus Boavista und bringt nicht nur Reisende sondern auch Container.
Auch im Ankerfeld der Yachten gibt es Bewegung. Das Fahrtenseglergeschehen ist hier voll und ganz in französischer Hand, doch gestern Abend ist ein Belgier von La Gomera angekommen und heute Morgen ein ehemaliger Fischkutter aus Gäfle unter schwedischer Flagge.
Vermutlich bleiben wir bis Mitte nächster Woche hier und machen uns dann auf den Weg gen Westen, es gibt ja noch andere Inseln zu entdecken.
Buntes Palmeira
Nach unserer Ankunft am Freitagmorgen kochen wir Kaffee, setzen uns ins Cockpit, freuen uns über die Ankunft und beschnuppern vorsichtig das fremde Land, das gerade aufwacht. Wir frühstücken, baden, räumen etwas auf und machen unseren „Donkey“, das Bananaboot, klar. Zeit, dass wir uns anmelden und offiziell einreisen. Wir fragen bei der Polizei, der Beamte parkt uns in seinem Büro und holt einen Kollegen. Die erste Frage lautet, wo wir herkommen und ob wir eine Clearance haben. Das ist interessant. Bis auf zwei Ausnahmen haben uns alle Segler, denen wir erzählt haben, dass wir auf La Palma offiziell ausreisen werden gesagt das sei nicht nötig. Wir sind trotzdem am Morgen unserer Abreise nach Santa Cruz gefahren und waren bei der Policia Nacional um offiziell auszureisen. Eine äußerst hübsche Polizistin wusste sofort was wir möchten, hat unser Formular dreifach gestempelt, die Ausreise eingetragen und uns eine angenehme Reise gewünscht. Natürlich ist es möglich, dass auch eine fehlende Clearance kein Problem gewesen wäre, doch wir waren froh, dass wir einfach nur den Zettel aus der Tasche ziehen mussten. Für die Immigration sollen wir am nächsten Morgen um neun wiederkommen. Samstagmorgen treffen wir einen anderen Beamten an, der seinen Chef anruft und uns auf einen Spaziergang durch den Ort schickt. Wir sollen in einer halben Stunde wieder da sein. Der Zuständige kommt extra mit dem Auto von Flughafen. Was für ein Service! Nun haben wir unsere Stempel im Pass und dürfen 3 Monate bleiben, wenn wir länger bleiben wollen müssen wir wieder zur Immigration.
Der Ort Palmeira gefällt uns auf Anhieb. Die großen Öltanks am Wasser sorgen nicht unbedingt für romantisches Flair, doch die bunten Häuser und die quirlige Fischerpier sind sympathisch. Schnell stellen wir fest, dass es hier eine ganze Reihe kleiner Läden gibt und wir hier alles bekommen was wir brauchen. Doch bevor wir einkaufen können brauchen wir Geld. Nachdem wir planlos im Zickzack durch den Ort gelaufen sind fragen wir bei der Polizei, dort kennt man uns ja schon. Unser „neues“ Geld investieren wir in eine SIM-Karte, so dass wir Internetzugang haben. Die kapverdischen Münzen gefallen mir sehr gut, auf der Rückseite sind Pflanzen, darunter auch unser Aeonium, und Segelschiffe abgebildet. Wir brauchen Brot, so machen wir uns auf die Suche nach einem Bäcker. Schließlich finden wir tatsächlich die Backstube, doch wo wird das Brot verkauft? Da fährt ein Transporter mit der Aufschrift der Bäckerei davon, ihm folgen lauter bellende Hunde. Wir wiederum folgen dem Hundegebell und landen so in einem kleinen Laden, wo wir frische Brötchen kaufen können.
Die Kapverdier sind sehr freundlich und hilfsbereit. Immer wenn wir hilflos gucken werden wir angesprochen und uns wird der Weg erklärt, gezeigt wo wir unseren Müll lassen können, gefragt wo wir herkommen oder gezeigt wo wir unser Boot anbinden können. Die Amtssprache ist Portugiesisch, ansonsten wird Krioulo, das kapverdische Kreol gesprochen. Viele hier sprechen gut Französisch, im Gegensatz zu mir, aber mit einer Mischung aus Spanisch, Englisch, Französisch und Handgewedel klappt die Verständigung erstaunlich gut. Neben freundlichen Zweibeinern sind hier sehr viele, zum Glück großen Teils friedliche, Hunde. Nobbi hat gleich bei unserem ersten Landgang einen schwarz-weißen Freund angefunden der ihm folgt. Auf der Hauptstraße haben wir eine sehr kontaktfreudige Ziege getroffen, die keine Angst vor LKWs hat.
Heute haben wir viel Wind, doch die Luft ist samtig weich, da macht es nichts wenn sie einem mit 25 Knoten um die Nase rauscht. Wir tüddeln am Boot, sortieren Kabel, backen und essen Kuchen, baden, machen einen Spaziergang an Land und lesen. Nobbi bereitet sich gründlich vor. Gerade liest er im „ Handbuch des Atlantischen Ozeans“ 1. Band, 4. Auflage von 1952. Es geht doch nichts über aktuelle Literatur.
Traditionell sind die Kap Verden auch ein Ort zum Wunden lecken. Hier nutzen viele Segler die Gelegenheit die Schäden der ersten Atlantikwoche zu beheben. Wir haben Glück und keine Schäden zu verbuchen, trotzdem gibt es natürlich einige neue Pünktchen auf der ToDo-Liste. Unser Gläserbord wurde um ein Gummiband ergänzt, das die Gläser davon abhalten soll bei höherer Welle zu hüpfen. Der Riegel, mit dem unser Herd fixiert wird, wenn der nicht schwingen soll, wurde mit Sekundenkleber befestigt. In den unpassendsten Momenten fällt der Griff ab und lässt sich nur in einer äußerst unkomfortablen Position wieder einschrauben. In einer Flasche Reis (alles was sich gut schütten lässt bewahren wir in Plastikwasserflaschen auf) fanden wir unterwegs Rüsselkäfer. Diese Jungs wurden rausgesammelt und seebestattet. Sobald wir weniger Wind haben, wollen wir unser Großsegel lüften und eine neue, längere Leine als Smeerreep (viele Wörter nicht ee rr ee dürfte es nicht geben) für unser drittes Reff einziehen. Seit Monaten sind wir kaum ungerefft gesegelt und da es wahrscheinlich scheint, dass es vorerst so bleibt, wollen wir uns die Turnerei beim Einbinden des dritten Reffs ersparen. Leinen haben wir glücklicherweise genügend an Bord. Außerdem brauchen wir noch eine Idee für die Verriegelung unserer Backofentür. Der Hebel, der sie davon abhalten soll sich unkontrolliert zu öffnen, ist weggerostet. Neben den üblichen Checks und Streicheleinheiten für Motor, Rigg und Co werden wir die nächsten Tage damit beschäftigt sein unser ehemals hübsches Schiff von der braunen Schicht Saharasand zu befreien, die sich heute über uns gelegt hat.
Whalecome to the Atlantic
Wir sind angekommen! Um Punkt sieben fiel unser Anker vor Palmeira auf der Insel Sal nach 817 Meilen. Bis auf die ersten Stunden, in denen wir aus dem Windschatten La Palmas heraus motort sind, konnten wir die gesamte Strecke bis zur Ansteuerungstonne segeln.
Vielen Dank für die vielen Tipps zu unserer Ankunftszeit und die guten Wünsche für die Überfahrt. Da wurde berechnet, Expertenrat eingeholt und geraten. Die prognostizierten Ankunftszeiten lagen zwischen 28.9. 7 Uhr und 1.10. 12 Uhr.
Gewonnen haben Mareike und Guido. Mareike hat getippt, das wir heute um 11.11 Uhr ankommen, Guido hat unsere Ankunft auf 1.01 Uhr geschätzt. Warum ist Mareike nicht die alleinige Siegerin, sie ist doch eindeutig näher dran? Wir haben in der letzten Nacht etwas gebremst, um nicht im Dunkeln anzukommen. Als Guido getippt hat, dass wir um 1.01 Uhr ankommen, hat er gleichzeitig gefragt, ob wir um Sal drum herum schippern bis es hell wird, oder ob das im Dunkeln was wird. Hätten wir nicht versucht langsam zu segeln, was gar nicht so leicht war, wären wir zwischen 2 und 4 Uhr angekommen, dann wiederum wäre Guido mit seinem Tipp näher dran gewesen. Mareike und Guido, ihr bekommt Post! Für uns heißt es also die Post ausfindig zu machen, vielleicht wird das ebenso interessant wie unsere Suche nach einem Geldautomaten heute.
Rückblickend hatten wir eine richtig tolle Überfahrt, die Lust macht auf die nächsten langen Etappen. Samstag und Sonntag war ich ganz klar nicht dieser Ansicht. Unsere Fahrt begann grandios mit der Sichtung unseres ersten Wales vor der Küste La Palmas, doch die Bedingungen waren zunächst wechselhaft. Wir motorten zunächst gegen Südwind, wo kommt da denn bitte Südwind her?, aus dem Windschatten La Palmas. Schließlich setzte der vorhergesagte Nordostwind ein. In den ersten zwei Tagen drehte der Wind immer wieder stark zwischen Nord und Ost, nahm so stark zu, dass wir zum ersten Mal unser 3. Reff eingebunden haben, schlief dann ein und ließ uns mit hohen Schaukelwellen zurück. Wenn mir Samstagnacht eine Fee erschienen wäre, sie hätte mich mitsamt Nobbi und Mari in einen kleinen gemütlichen Ostseehafen schicken dürfen. Es kam aber keine Fee. Mir war schlecht, unter Deck war es laut, die Wellen sind aus allen Richtungen gegen den Rumpf gedonnert und auch Nobbi konnte nicht schlafen. Sonntag wurden die Bedingungen schöner und irgendwann haben sich auch bei mir alle Eingeweide daran gewöhnt im Bauch ständig auf und ab zu hüpfen. Ab Montag war es richtig schön, wir hatten unseren Wachrhythmus gefunden. Lesen, essen, auf Meer gucken. Es gibt ja immer was zu sehen. Eine große Gruppe Delfine die vorbei zieht, insgesamt sieben (!) Wale, einer ist sogar für uns gesprungen, Armadas von fliegenden Fischen und Meeresleuchten. Fliegende Fische waren die ganze Zeit unterwegs, doch Mittwochnacht sprangen sie mit so viel Elan, dass es ziemlich anstrengend wurde. Ständig hieß es wieder einen Fisch aus dem Cockpit zu sammeln und zurück ins Wasser zu schmeißen. Sie zappeln so sehr, da muss man beherzt zufassen. Hinterher riechen die Finger, wen wundert’s, nach Fisch. Ein besonders sportliches Exemplar hat den Sprung quer übers Schiff, unter dem Bimini hindurch geschafft. Fische, die auf dem Deck landen, müssen hoffen von der nächsten Welle weggespült zu werden, oder finden ihren Weg erst am nächsten Morgen zurück ins Meer. Keiner darf das Cockpit verlassen, wenn der andere schläft, auch nicht um Fische zu retten. In der Nacht zu Donnerstag hat das Meer uns angeblitzt, nicht dieses normale Meeresleuchten in der Bugwelle, sondern ein wildes Blitzen, auch weiter vom Schiff entfernt. Richtig unheimlich. Wer da wohl an die Oberfläche kommt? Ich muss das genauer recherchieren. Natürlich habe ich sofort an Tintenfische, Kalmare und „den Roten“ gedacht, unheimlich.
Jetzt, wo wir wieder Landgang haben, schaffe ich es nicht mehr jeden Tag ein Buch zu lesen. Schade eigentlich. Den ersten Ausflug an Land haben wir heute bereits gemacht, nun freuen wir uns darauf ein ganz neues Land zu entdecken.
Make an educated guess!
Es geht los! Wir sind tatsächlich absegelbereit. Die Listen sind abgearbeitet, die Navigation läuft wieder, unser Rigg ist gecheckt, genau wie der Motor, der Wassermacher hat Streicheleinheiten bekommen, die Wassertanks sind gefüllt, die Obstnetze sind rappelvoll mit Bananen und Orangen, die Schapps sind vollgestopft mit Knäckebrot und Müsli, das vorgekochte Essen wartet im Kühlschrank, die MP3-Player sind mit Lieblingsmusik bestückt, Lieblingsbücher warten auf Nachtwachen…
Heute legen wir ab. Kurs Kap Verden. Unser erster Stopp soll die Insel Sal ganz im Osten der Inselgruppe sein. Und jetzt kommt ihr ins Spiel. Wann sind wir dort? Schätzt unsere Ankunftszeit, ausgehend von einer Abfahrtszeit heute 15 Uhr Ortszeit! Der beste Tipp wird natürlich belohnt und bekommt Post.
Damit ihr nicht nur raten müsst, sondern eine fundierte Schätzung abgeben könnt hier einige Hintergrundinformationen und das Kleingedruckte: Zu unserem angepeilten ersten Ankerplatz sind es 774 Meilen, wir rechnen normalerweise mit 5 kn Geschwindigkeit (also 5 Seemeilen / Stunde), bei viel Wind schaffen wir auch 6-7 kn, bei wenig Wind dümpeln wir langsamer durch die Gegend. Aus jetziger Sicht sind für die ganze Strecke mittlere Winde angesagt, hoffen wir dass es auch so kommt.
Angegeben werden soll unsere Ankunftszeit auf den Kap Verden Ortszeit! Auf den Kap Verden gilt die CVT (Cape Verde Time), also UTC-1. Hier auf den Kanaren gilt UTC oder Westeuropäische Zeit, jedoch gibt es hier Sommerzeit. Wir stellen unsere Uhr auf der Reise also um zwei Stunden zurück.
Es werden nur Tipps berücksichtigt die bis Sonntagmorgen per Mail unter mail.for.marisol@gmail.com, per Brieftaube oder mittels Delfinpost abgegeben werden. Sollten wir nicht um Punkt 15 Uhr auslaufen, werden wir eure Tipps natürlich bereinigen.
Wir hoffen auf eine schöne Überfahrt mit nettem Segelwetter, Delfinbegegnungen und sternklarem Himmel. Drückt uns die Daumen!







