Der Himmel leuchtet pink, als wir vor Sonnenaufgang aus Zeebrügge auslaufen. Eine kleine Welle steht in die Hafeneinfahrt und erinnert uns daran, wie ungemütlich es hier bei schlechtem Wetter ist. Wir sind froh, dass es so ruhig ist. Auch im Fahrwasser nach Antwerpen ist es ruhig, ein Frachter kommt vorbei, dann können wir kreuzen.
Eigentlich haben wir schöne Segelbedingungen, nur die kurzen Wellen stoppen uns auf. Es zieht sich. Irgendwann beschließen wir zu motoren, wir sind sonst zu langsam.
Im Süden der Niederlande münden die Schelde, die Maas und die Waal, wie der Hauptarm des Rheins hier heißt. Die Westerschelde und Einfahrt nach Antwerpen haben wir gleich bei Zeebrügge gequert. In den nächsten Stunden queren wir die Einfahrten zu verschiedenen kleineren Fahrwassern, die einen über Schleusen ins niederländische Binnenland bringen. Hier ist nicht viel Verkehr, aber ein bisschen Aufmerksamkeit ist schon gefordert. Die nördlichste Ausfahrt des Maas-Rhein-Deltas, die Maasgeul, ist die Einfahrt nach Rotterdam. Der Hafen von Rotterdam ist der größte Tiefwasserhafen Europas und der wichtigste europäische Ölhafen. Wenig überraschend also, dass hier viel Verkehr ist. Siebzig Schiffe liegen allein auf der Reede und warten darauf, in den Hafen einlaufen zu können, darunter auch ganz große Containerschiffe. Freizeitboote dürfen hier nicht nach Lust und Laune in der Einfahrt rumkreuzen, sondern müssen sich anmelden und gewissermaßen den Fußgängerüberweg nehmen. Es gibt natürlich keinen Zebrastreifen, also niemanden, der für einen anhält. Wir haben leichten Gegenstrom und der viele Schiffsverkehr sorgt für eine unruhige Schaukelwelle. Vier Schiffe kommen raus, dann kommt eine kleine Lücke, die nehmen wir. Zwei kleinere Tanker (nur 200m lang) halten auf die Einfahrt und damit auf uns zu. Aber es passt, wir rutschen vor ihnen durch. Dazwischen sind auch noch Fischer und Lotsenboote unterwegs. Nun kommt schon wieder ein Tanker aus der Einfahrt und dreht dann gleich nach Norden ab, aber wir haben gerade den nördlichen Fahrbahnrand erreicht und schlagen uns (im übertragenden Sinne) in die Büsche. Das war diesmal aufregend. Nun sind es nur noch ein paar Meilen nach Scheveningen. Abends um halb acht kommen wir an. Wir legen uns neben ein unbewohntes Boot ins Päckchen und gehen früh schlafen.
Am nächsten Tag verlassen wir den Hafen vormittags und haben, abgesehen von der warmen Dusche, nichts gesehen. 25 Meilen sind es nach Ijmuiden, immer an der Küste lang. Dicht unter Land sind die Krabbenfischer unterwegs. Die Fahrt ist unspektakulär, zum Segeln ist zu wenig Wind und es ist grau, aber ab und zu sehen wir eine Robbe.
Nur auf den letzten Metern wird es noch einmal aufregend. Bei Ijmuiden mündet der Nordzeekanal, der nach Amsterdam führt ins Meer. Hier ist lange nicht so viel Verkehr wie bei Rotterdam, aber aufpassen muss man schon. Zwei Tanker passieren die Einfahrt, dahinter wollen drei Segelboote (eins davon sind wir) einfahren und dann kommen zwei Schiffe aus dem Hafen, vor denen zwei Fischer die Einfahrt queren wollen. Fischer und Segler treffen sich in der Einfahrt, nach kurzem Kuddelmuddel klariert sich alles und wir sind drin. Das waren jetzt langsam genügend spannende Einfahrten!
Nachsaison. Der Hafen ist ziemlich leer, das Büro nur drei Tage besetzt, die Hälfte der Duschen und Toiletten sind abgeschlossen, die Stege gehören den Möwen, nur der Preis, den man per QR-Code zahlt, entspricht noch dem der Sommersaison.
Abends machen wir einen ausgiebigen Strandspaziergang und beobachten Seevögel.
Am nächsten Tag beschließen wir zum Supermarkt zu laufen. Als ich einige Stunden später mit nassen Füßen durch hohes Sanddorn-Gestrüpp stapfe, überlege ich, wie es so weit kommen konnte. Alles begann mit Nobbis Vermutung der Weg zum Supermarkt sei landschaftlich reizvoll. Der Blick aufs Stahlwerk lässt dies nicht unbedingt vermuten, doch ich fühle mich herausgefordert und suche nach einem schönen Weg. Der Wanderweg durch die Dünen ist zugewuchert und scheinbar wenig begangen. Schließlich erreichen wir den Strand. Drei Reihen grauer Strandhütten stehen im Reihenhaus-Stil dicht an dicht. Hübsch wirkt das nicht. Aber vielleicht ist es im Sommer schön? Wir wechseln auf einen netten Fahrradweg und kommen bald bei Aldi an. Auf dem Rückweg entscheiden wir uns wieder für den Fahrradweg durch die Dünen und haben platte Füße, als wir wieder nach zehn Kilometern wieder am Boot ankommen.
Gefallen haben mir besonders die vielen sympathischen Nordseepflanzen wie Sanddorn und Strandrosen – für die einen eine Hagebutte, für den anderen eine Juckpulver-Pflanze. Die Strandrose ist übrigens gar nicht heimisch, aber heute nicht mehr wegzudenken.
Mit dem Bus wollen wir nach Haarlem fahren. Leider können wir die Busfahrt nicht bezahlen, das Lesegerät akzeptiert keine unserer Karten. Der Busfahrer nimmt uns trotzdem mit. Im zweiten Bus zahlen wir 6,75 Euro pro Person und Fahrt. Ein stolzer Preis gegenüber den Nahverkehrspreisen in den vergangenen Monaten. Haarlem ist eine hübsche Stadt mit Grachten, Mühle, Backstein, wenig Verkehr und vielen Fahrrädern. Das tolle Wetter rundet den Ausflug ab. Wir spazieren durch die malerische Stadt, finden eine Bank für unser Picknick, beobachten den Bootsverkehr und flanieren durch einen Park, in dem der Rasen von einer lila Welle aus Herbstzeitlosen bedeckt ist. In Haarlem sehen wir ein Stückchen schnuckeliges Holland, ein gutes Gegengewicht zur Industrie am Hafen.





















