Zeebrügge – Fahrradtouren durch belgische Wiesen

Zeebrügge ist unser zweiter belgischer Hafen. Damit haben wir auf der Rückreise bereits doppelt so viele belgische Häfen besucht wie auf der Hinreise. Über Belgien weiß ich noch immer wenig, nicht mal für echte Vorurteile reicht es. In Zeebrügge wird Niederländisch gesprochen. Das kommt mir entgegen, das hört sich so sympathisch und schon etwas nach Heimat an. Belgien bereisen kommt auf die Wunschliste, ich möchte gerne einmal Antwerpen besuchen. Von Zeebrügge ist uns das zu weit, wir sehen uns also in der Umgebung um.
Zeebrügge ist ein Dorf mit einem riesigen Hafen und daher nur mäßig romantisch. Die Container bleiben schließlich nicht auf dem Hafengelände stehen, sondern werden per LKW, Schiff oder Bahn weiter transportiert. Wenn wir den Hafen verlassen wollen, müssen wir also recht stark befahrende Straßen, Schleusen und Brücken queren.
Wir bleiben für sechs Nächte am Steg des RBSC, da das Wetter nicht zur Weiterreise einlädt. Die nagelneue und sehr günstigen Waschmaschine freut uns ebenso wie die hübschen Duschräume, das Highlight sind aber definitiv die Fahrräder, die wir uns leihen können. Kostenlos!
Am ersten Tag fahren wir Richtung Westen an der Strandpromenade entlang, machen einen kleinen Dünenspaziergang und sehen uns die Seebrücke in Blankenberge an. So richtig gut gefällt es uns nicht. Die Bebauung ist nicht besonders hübsch und die Straße stark befahren. Wir beschließen einen Abstecher auf die grüne Wiese zu machen. Lissewege soll ein hübsches Dorf sein. In Belgien gibt es das Knotenpunkte-System für Fahrradwege, wie wir es aus den Niederlanden kennen. Wir suchen uns also die Punkte heraus und müssen sie nun nur abfahren: 76, 26, 19, 30, 88, 40. In einem Supermarkt haben wir Brötchen und Käse gekauft. An einem Bauernhof, bei dem es Erdbeeren, Kartoffeln und viele andere Produkte aus dem Automaten gibt, finden wir den idealen Picknickplatz mit Blick auf ein Steckrübenfeld.
Lissewege ist mit seinen kleinen weißen Häusern an einem schmalen Kanal wirklich malerisch. Die Kirche ist riesig groß und wirkt reichlich überdimensioniert. Hinein gehen wir nur, weil es plötzlich so kühl wird. Die gotische Backsteinkirche stammt aus dem 13. Jhd. und wurde später erweitert, repariert und verschönert. Sie ist in einem sehr guten Zustand und wirkt einladend. Im Kirchenschiff stellen zahlreiche Künstler aus dem Dorf ihre Keramik aus.
Der regnerische Donnerstag vergeht bei ausgiebigem Kaffeetrinken mit Freunden schnell. Für einen Ausflug nach Brügge leihen wir uns am Freitag vom Yacht Club E-Bikes. Es ist schön zu wissen, dass wir dem starken Nord-Westwind auf dem Rückweg nicht wehrlos ausgeliefert sein werden. Nach einigen Kilometern stellen wir fest, dass der Akku von Nobbis Rad leer ist. Das ist das erste Mal, dass wir mit E-Bikes unterwegs sind. Wir haben nicht darauf geachtet. Also drehen wir um, der Hafenmeister gibt Nobbi ein anderes Rad und wir machen uns erneut auf den Weg.
Zunächst geht es immer am Kanal entlang, dann fahren wir kreuz und quer zwischen den Wiesen von Knotenpunkt zu Knotenpunkt, sehen große belgische Rinder, Störche, Kängurus (ja, im Hühnerstall!) und viele nette Häuser und riesige Autos.
In Brügge stellen wir die Räder ab und machen einen Spaziergang. Schmucke Backsteinhäuser reihen sich aneinander, viele große, prunkvolle Gebäude zeugen von der reichen Vergangenheit, die hohen Schokoladenpreise von den wohlhabenden Touristen. Wie vor zehn Jahren, gefällt uns die Stadt, doch es ist voll. In der St. Salvator Kathedrale ist es etwas ruhiger. Der riesige Bau ist in vielen Bauabschnitten seit dem 11. Jhd. entstanden. Wir wollten eigentlich nur kurz einen Blick hineinwerfen, bleiben dann aber, weil das Übungsspiel des Organisten als Konzert durchgehen kann und in der Kirche nicht nur das älteste Gemälde Brügges und viele weitere interessante Kunstwerke hängen, sondern diese auch erklärt sind.
Auf dem Rückweg ist erst die Brücke gesperrt, über die wir die Stadt verlassen wollen, dann ein Teil des Fahrradweges und schließlich landen wir auf einem sehr schmalen Radweg entlang einer starkbefahrenden vierspurigen Straße. Man kann nicht immer Glück haben.
In der Nähe lockt ein Schild „Schokoladenfabrik“. Am Samstag wird hier nichts fabriziert, doch es werden Schokolade, Trüffel und Pralinen verkauft. Wir füllen ein kleines Tütchen mit Pralinen und beschließen unseren Schokoladenbedarf ansonsten im Supermarkt zu decken.
Nachmittags laufen wir den Strand entlang der Promenade nach Osten Richtung Knokke. Obwohl ich mir wirklich Mühe gebe, gefällt es mir einfach nicht. Die Promenade hat Garagenhof-Charme. Die Hochhäuser am Strand sind grau und wirken trist. Auf der Strandseite stehen drei Reihen graue Badehäuser. Das Meer sieht man nur ab und zu. Die teuren Beachclubs können mich auch nicht überzeugen. Wir sind nicht traurig, als wir umdrehen müssen, um pünktlich zum Pizzaabend bei Marlene und Bert auf der „Heimkehr“ zu sein. Der gemeinsame Abend ist nicht nur sehr nett, sondern auch lang. Die Gesprächsthemen gehen uns nicht aus.
Die Fahrradtour nach Brügge hatte uns so gut gefallen, dass wir uns am Sonntag noch einmal auf den Weg machen. Auf dem Hinweg fahren wir immer am Kanal entlang nach Damme und weiter nach Brügge. Nach einer kurzen Pause fahren wir kreuz und quer durch die Wiesen wieder zurück, der Sinn steht uns nicht nach Stadtbesichtigung, dafür gefällt es uns auf den schmalen Straßen und Radwegen umso besser. Die Fahrrad-Infrastruktur ist toll und dementsprechend radelt halb Belgien.
Auch wenn Zeebrügge nicht als liebliches Dorf durchgehen kann, hat es uns gut gefallen. Wir haben hier schöne und abwechslungsreiche Tage verbracht. Der königliche RBSC in Zeebrügge war übrigens im Vergleich zu den Häfen in der Umgebung günstig!