Besser als mit einem Bad am Anker kann man den ersten Morgen in einem neuen Land nicht beginnen. Ich bin etwas skeptisch, mir ist nicht entgangen, dass Nobbi hörbar nach Luft geschnappt hat, als er ins Wasser gestiegen ist. Das Wasser ist etwas kühler als südlich der Biskaya. Wir befinden die Badetemperatur aber für ausreichend und schwimmen ums Boot.
Mittags machen wir uns auf den Weg ins nur fünf Meilen südlich gelegene Camaret-sur-Mer. Wir wollen unseren Wassertank füllen, Müll entsorgen und einkaufen. Bei Super U fühlen wir uns wie im Schlaraffenland. Es ist ja nicht so, als gäbe es in Spanien nichts zu essen, aber französische Supermärkte sind einfach eine andere Liga. Dieser ist ganz besonders gut. In Camaret gibt es viele kleine Läden und Galerien zum Stöbern und Gucken. Wir schlendern durch die kleinen Gassen und genießen die Urlaubsatmosphäre.
Am nächsten Tag ziehen wir nach einem Spaziergang und einem weiteren Besuch bei Super U wieder in unsere Ankerbucht um. Auf unserem Weg kreuzen wir das Fahrwasser nach Brest. Ein U-Boot kommt aus Brest und folgt dem Fahrwasser. Ich fahre etwas langsamer und entscheide mich hinter dem U-Boot zu queren. Brest ist ein großer Marine-Hafen, schon bei unserer Ankunft haben wir verschiedene Marine-Schiffe gesehen, eines hat in der ersten Nacht hinter uns in derselben Bucht geankert. Wir haben schon öfter U-Boote gesehen, nicht zuletzt in Kiel, aber ein alltäglicher Anblick ist es auch nicht. Dann dreht ein Helikopter einen Kringel um uns und fliegt in Richtung des U-Bootes. Wenig später kehrt der Helikopter zurück, die Tür öffnet sich und ein Mann winkt uns. Wir sollen nach Osten abbiegen. In einem großen Bogen queren wir hinter dem U-Boot und laufen unsere Ankerbucht an.









Es ist ein schöner Sommertag. Die Sonne glitzert auf dem Wasser und weiße Wölkchen zieren den blauen Himmel. Wenn sich eine größere Wolke vor die Sonne schiebt, wird es kühl und man wird daran erinnert, dass der Sommer in diesen Breiten nicht ewig dauert.
Wir fühlen uns wie in einer Wassersport-Ausstellung. Kinder und Jugendliche segeln verschiedene Jollen: Optis, Laser, Hobies und Tornados. Die Surfer üben noch das Wenden und fallen recht häufig ins Wasser. Die Kanuten probieren ihre Besegelung aus. Am späten Nachmittag lernen Erwachsene Wingfoilen, elegante Jollen und kleine Fischerboote kreuzen in der Bucht, ein Schwimmer kommt mit seiner Boje vorbei und zwei Ruderboote trainieren in unserer Nähe.



Heute ist es genau zehn Jahre her, dass wir zu unserer großen Reise aufgebrochen sind. Am 7.8.2016 sind wir über den Deich zu unserem Boot gelaufen, haben die Leinen gelöst und sind durchs Sperrwerk auf die Weser und hinaus in die Welt gefahren. Ein schöner Grund zu feiern. Und so gibt es nicht nur nachmittags Maracuja-Meringe-Törtchen, sondern abends auch Langustinen satt.
Abends nimmt der Wind zu und es wird ungemütlich. Der Strand leert sich schlagartig und auch wir ziehen uns aufs Sofa zurück.

Nun geht das Rechnen wieder los. Für die Planung müssen wir nicht nur die Windrichtung beachten, sondern die Tiden und die Strömungen. Eigentlich ist alles ganz einfach. Man möchte, dass der Strom einen schiebt, dass Wind und Strom möglichst nicht gegeneinanderstehen und, dass man genügend Wasser unterm Kiel hat.
Die großen Tiden sind nicht nur herausfordernder Umstand für Segler, sie formen auch diese einzigartige Landschaft, die sich mit dem Wasserstand kontinuierlich ändert und Tidensegeln kann auch viel Spaß machen. Zum einen ist es entschleunigend. Die Tide gibt den Takt vor. Abfahrt ist zu einer bestimmten Zeit, oder eben erst zwölf Stunden später wieder. Zum anderen kann die Strömung schnelle Reisen ermöglichen und der enorme Tidenhub kann Abkürzungen ermöglichen. Bei Hochwasser hat man eine ausreichende Wassertiefe an Stellen, an denen man ein paar Stunden später mit trockenen Füßen spazieren gehen kann.
Am Samstag klingelt der Wecker um 5:45 Uhr. Nach dem ersten Kaffee gehen wir Anker auf. Der Anker lässt sich etwas bitten, er hat sich zwischen den Felsen verhakt. Mit ein wenig Geduld und sanftem Überfahren bekommen wir ihn aber bald frei. Inzwischen ist es so hell, dass wir die Fischerbojen in der Bucht gut sehen und ihnen ausweichen können. Der Himmel leuchtet pink, es ist fast windstill und wunderbar ruhig.
Um kurz nach sieben sind wir wie geplant am Point de Saint-Mathieu, dem südlichen Eingang zum Chenal du Four. Der Strom schiebt uns, wir hangeln uns von Tonne zu Tonne und Delfine begleiten uns. Der pinke Morgen verwandelt sich nicht in einen sonnigen Vormittag, stattdessen bewölkt es sich und es wird kalt. Nobbi serviert Tee mit Honig und tauscht seine Shorts gegen die kuschelige Fleecehose, auch wenn dies für Erheiterung bei anderen Mitgliedern der Crew sorgt.
Gegen neun passieren wir den Leuchtturm „du Four“ am nördlichen Ende des Chenal du Four und haben diese interessante Passage damit schon hinter uns gebracht. Der Strom schiebt uns nun entlang der Bretagne Nordküste und schon mittags erreichen wir L’Aberwrac’h. Aber Wrac’h ist ein Fluss mit einer breiten Mündung und vielen vorgelagerten Inselchen. Der Hafen liegt etwa drei Meilen flussaufwärts und wir werden vom Flutstrom sanft dorthin geschoben. Wir funken den Hafen an, ein junger Mann kommt uns im Schlauchboot entgegen und zeigt uns, wo wir anlegen können.
Nach und nach füllt sich der Hafen und es herrscht eine ausgelassene Ferienstimmung. Neben unserem Liegeplatz wird ausgiebig gebadet, drei Boote weiter spielt ein Mann Gitarre, es wird geangelt, gesegelt, gerudert und gequatscht. Der Wanderweg führt entlang der kleinen Strände mit Blick über das Gewusel aus Inselchen, Felsen und Muschelbänken. Als wir von unserem langen Spaziergang zurückkehren, sitzen viele Leute mit einem Glas Wein auf den Mauern am Hafen. Da wollen wir nicht fehlen. Wir suchen uns einen schönen Platz auf der Hafenmole aus.











Gerne wären wir ein oder zwei Tage in L’Aberwrac’h geblieben, doch das gute Wetter lädt zur Weiterreise ein. An der Mündung kann man eine Abkürzung zwischen ein paar Felsen nehmen. Das scheint uns interessant. Wir sehen einige Boote vor uns diese kürzere Route wählen. Inzwischen ist es etwas nebelig, aber wir ignorieren das zunächst. Als wir uns der kritischen Stelle nähern, verschwinden die Felsen in der dichten Nebelsuppe und dann dreht die Yacht vor uns auch noch um. Schade, wir dachten, wir könnten einfach hinterherfahren. Wir drehen ab und nehmen den längeren Weg. Minuten später hebt sich der Nebel und die Durchfahrt wäre wieder möglich, doch nun ändern wir unseren Kurs nicht wieder. Der Wind reicht nicht zum Segeln, aber der Strom verhilft uns wieder zu einer flotten Fahrt.
Der Leuchtturm der île Vierge ist der höchste Europas (zumindest wenn man nur echte Leuchttürme zählt) und auch auf der île de Batz, der kleinen Insel vor Roscoff, steht ein hoher Leuchtturm. Das Highlight des Tages sind nicht die Leuchttürme (auch wenn man es wegen der Feuerhöhe erwarten könnte), sondern die beiden Mondfische, die wir sehen. Sie treiben an der Wasseroberfläche und sonnen sich. Auf Englisch heißen sie deshalb Sunfish.
In Roscoff werden wir von einem jungen Mann im Schlauchboot willkommen geheißen, der uns zeigt, wo wir anlegen dürfen. Abends machen wir einen Spaziergang zum alten Hafen im Stadtzentrum.

