Über die Biskaya nach Frankreich

Muxia ist baulich keine Perle, liegt aber sehr schön auf einer schmalen Landzunge. Wir spazieren entlang der Küste und laufen auf den Monte do Corpiño. „Monte“ hört sich beeindruckend an, er ist nur knapp 70m hoch, bietet aber einen schönen Blick über Muxia und den Ría.
Die Wallfahrtskirche „A Virxe da Barca“, was mit Schiffsjungfrau übersetzt werden kann, steht dem Meer zugewandt direkt an der felsigen Küste. Sie gehört zu den bedeutendsten Pilgerzielen in Galicien und erscheint uns der ideale Ort zu sein, um Schutz für die bevorstehende Überfahrt zu erbitten. Die Etappe über die Biskaya ist mit knapp 400 Seemeilen nicht besonders lang, doch die Orcas, die vielleicht vor der spanischen Küste auf uns warten und unser Ruder abbeißen wollen, sorgen für ein mulmiges Gefühl.

Die Kirche steht direkt am Meer.
Muxia liegt auf einer schmalen Landzunge.
Auf dem Monte Porpino
Ferida, die Wunde.
Ferida erinnert an die Prestige-Katastrophe. Der Tanker zerbrach vor der Küste und verursachte eine riesige Ölverschmutzung.
Mit Blick auf den Ozean.
Weihnachten 2013 verbrannten Teile der Kirche.
Virxen da Barca, die Schiffsjungfrau.

Am Sonntag, den 2. August, geht’s los. Morgens ist es zunächst ganz freundlich, dann zieht Nebel auf. Die andere Seite des Rías ist in dichter Watte verborgen. Wir frühstücken gemütlich und spazieren zum Bäcker. Auf dem Rückweg freuen wir uns darüber, dass die Sonne herauskommt. Als wir zurück an Bord sind, verschwindet das andere Ufer wieder in einer Nebelbank. Wir legen trotzdem ab. Es ist grau und ungemütlich.
Statt nach Nordosten abzubiegen und direkten Kurs nach Frankreich abzusetzen, entfernen wir uns in Richtung Nordwesten von der Küste. Wir wollen auf kürzestem Weg aus der Orca-Zone verschwinden. Es gilt den Bereich zwischen 20 und 1000 Meter zu meiden. So ganz einfach ist das nicht. Es gibt ja noch andere Randbedingungen wie den Wind und die Großschifffahrt. Die großen Schiffe kommen aus dem Verkehrstrennungsgebiet an der spanischen Nordostecke und fahren in den englischen Kanal. Wir beschließen bis an diese Hauptverkehrsader heranzufahren und dann parallel mitzuschwimmen.
Schließlich sorgt der Wind aber dafür, dass wir die Wahl haben, uns entweder unter die großen Schiffe zu mischen oder wieder Richtung Orca Spielplatz zu fahren. Wir entscheiden uns für die großen Schiffe und das klappt erstaunlich gut. Die Frachter fahren links und rechts an uns vorbei. Nach der ersten Nacht schleichen wir uns langsam wieder aus dem Verkehrsstrom hinaus und fahren östlich der Hauptroute.

Nach vielen Etappen am Wind, kommt der Wind bei dieser Überfahrt endlich einmal wieder von achtern. Daher sehen wir die angekündigte Zunahme des Windes für den zweiten Tag gelassen. Die Warmfront des Tiefs, das uns die südlichen Winde in der Biskaya beschert zieht über uns hinweg. Die Böen haben weniger Kraft als gedacht und wir verzichten darauf das zweite Reff einzubinden. Wir werden von Wind und Wellen flott voran geschoben. Wechselnde Strömungen sorgen für unterschiedliche Wellenmuster. Mal sind die Wellen lang und passen zum Wind, dann sind sie wieder steil, ungemütlich und spritzen vorwitzig ins Cockpit.
Am dritten Tag legt der Wind dann doch noch zu, da er bereits westlicher gedreht hat und nun mehr von der Seite kommt, entscheiden wir uns nun doch für das zweite Reff. Unserer Geschwindigkeit tut das keinen Abbruch, Mari rennt nach Osten.
Nachdem wir in der ersten Nacht beide überraschend gut geschlafen haben, bekomme ich am zweiten Tag Migräne, die mich auch erst am Morgen des vierten Tags wieder verlässt und ich finde die Überfahrt etwas mühsam.
Der Wind dreht weiter auf West und schließlich auf Nordwest und lässt langsam nach. Wir sehen einige Fischer, die meisten an der 200 Meter Tiefenlinie, dem Kontinentalschelf. Der Meeresboden hebt sich ziemlich steil von über 1000 Metern auf 200 Meter. Hier entstehen viele (vor allem vertikale) Strömungen: ein guter Futterplatz für Fische und damit auch für Fischer.

Es ist nicht mehr weit, in ein paar Stunden kommen wir an. Doch wir sind beide etwas genervt. Wir haben wenig Wind, Strom gegenan und erstaunlich viel Welle. Wir hoppeln nur sehr langsam voran. Die Segel schlagen, das Boot schlingert und wir holen uns ein paar neue blaue Flecken.
Irgendwann beginnt der Strom sachte zu schieben. Und dann kommen die Delfine! Zuerst umkreist uns eine kleine Gruppe, einzelne Tiere schwimmen neben uns her. Dann schließt eine größere Schule auf und wir stecken mitten in der Delfinsuppe. Einige Tiere verabschieden sich, andere bleiben. Über zwei Stunden schwimmen sie an Maris Seite. Ein Delfin legt seine Schnauze an das Ruder der Hydrovane, der beliebteste Platz ist aber am Bug. Sie schießen davon, springen, drehen um und reihen sich wieder an Maris Seite ein. Dann verändert sich die Stimmung. Die Tiere werden immer aktiver, tollen herum, es spritzt und schnauft. Es dauert ein bisschen, bis wir verstehen, dass unsere Begleiter sich mitten im Liebesspiel befinden. Da die Tiere einen leuchtend weißen Bauch haben, können wir gut beobachten, wie sie Bauch an Bauch schwimmen.

Der Wind schläft ein, die Delfine verabschieden sich und wir machen die Maschine an, um die letzten Meilen zum Ankerplatz zu motoren. Westlich von Brest fällt unser Anker in einer schönen Bucht. Pünktlich zum Sonnenuntergang genießen wir ein spätes Abendessen und fallen müde in die Koje.
Am nächsten Morgen haben wir Gelegenheit uns umzusehen. Ein bretonischer Traum. Die Steilküste wird von vielen hübschen Stränden unterbrochen, die herausgeputzten, weißen, typisch bretonischen Häuser blicken aufs Meer. Eine bretonische Freundin verrät uns, dass wir vor einer der besten Wohngegenden in der Umgebung von Brest ankern.

Mit der Biskaya haben wir unsere letzte See-Etappe zurückgelegt. Ein schönes, aber auch ein merkwürdiges Gefühl. Natürlich können wir entscheiden, in einem Rutsch von hier nach Bremerhaven zu segeln, nur wären wir in Küstennähe unterwegs und könnten die Passage jederzeit unterbrechen. Bei einer Ozean-Etappe geht das nicht.
Die Bretagne lockt nun mit vielen schönen Stopps und wir freuen uns auf die kommenden Tagesetappen.

Biskaya mit Regenbogen
Delfinbesuch
Nobbi und die Delfine
Stundenlang schwimmen die Delfine neben Mari.