Carnaval in Salvador

Wer denkt Rio sei die Karnevalshauptstadt, der irrt. Sagen die Baianos, die Einwohner Bahias. Der Carnaval da Bahia hier in Salvador ist der größte Straßenkarneval und eine der größten Partys der Welt. Das ist eigentlich nicht verwunderlich. Hier wird immer gefeiert, eine Party jagt die nächste, ein Grund wird sich schon finden. Ganz bescheiden wird die Party des Jahres mit „der beste Karneval des Planeten“ beworben. Das riesige Fest steigt an drei Hauptorten und unzähligen Nebenschauplätzen und dauert sechs Tage und Nächte. Karnevalszüge ziehen durch abgesperrte Straßen, die „Trios Eletricos“ sind große LKWs mit Lautsprecherboxen und einer Bühne, auf der die Bands spielen, begleitet werden sie von den tanzenden Fans in sogenannten „Blocos“.
Seit Wochen laufen die Vorbereitungen, die Ladenbesitzer an den Straßen, in denen der Karneval tobt, haben ihre Türen und Fenster verbarrikadiert. Viele Anwohner, die in den entsprechenden Vierteln wohnen, haben ihre Wohnungen vermietet. Wir haben viele Menschen nach dem Karneval gefragt und festgestellt, dass es hier viele gibt, die froh sind wenn der ganze Rummel vorbei ist. Unsere direkten Bootsnachbarn aber sind begeisterte Fans und haben uns gern Auskunft gegeben.
Ob Karneval in Salvador das Richtige für Leute ist, die bereits in Frankfurt auf dem Schweizer Straßenfest Platzangst bekommen? Das galt es herauszufinden. Als wir gestern Mittag auf der Terrasse des Yacht Clubs sitzen und unseren Karnevalsschlachtplan entwickeln, kommen Mauricio und Carmen vom Nachbarschiff vorbei. Sie wollen mit dem Taxi fahren, ob wir nicht mitkommen möchten. Das ist die Gelegenheit. Wir haben drei Minuten Zeit uns umzuziehen und schon geht es los.
Die beiden tragen das Kostüm ihres „Blocos“. Es gibt drei Möglichkeiten am Carnaval teilzunehmen. Man kann in einem Bloco einem Trio folgen, der Bereich wird durch Seile abgesperrt, die von hunderten Helfern getragen werden. Die Blocos sind Karnevalsgruppen die mit Musikgruppen auftreten, aber auch religiöse, gesellschaftliche oder politische Zugehörigkeit ausdrücken können. Wer sich nicht ins dichte Getümmel stürzen möchte, kann von einem Balkon das bunte Treiben beobachten. Diese Camarotes können als Tribüne am Straßenrand stehen oder auf einem zweiten Wagen dem Trio Eletricos folgen. Alle anderen sind als Pipoca, als Popcorn, unterwegs und feiern an der Straße und folgen dem Zug. Für die Blocos und die Balkons kauft man ein Ticket, als Eintrittskarte fungiert ein T-Shirt oder ein ganzes Kostüm. Carmen und Mauricio sind Teil des Blocos „Filhos (Filhas) de Gandhy“. Die Söhne Gandhis tragen aufwendige Kostüme mit Turban und Kopfschmuck (eigentlich ist es ein traditioneller Bloco in dem nur Männer laufen, es gibt jetzt aber auch Töchter Gandhis). Die meisten Blocos haben ein einfaches T-Shirt als gemeinsame Kleidung, die abada heißt. Die Shirts werden von den Teilnehmern, insbesondere von den Teilnehmerinnen dem persönlichen Geschmack angepasst. Die Shirts werden großzügig gekürzt, es werden Ärmel ergänzt oder zu Spaghetti-Trägern umgewandelt, Fransen geschnitten, der Rücken entfernt und neu geschnürt. Besonders Kreative verwandeln das Shirt in ein Kleid oder einen Bikini. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
Als wir Barra erreichen beginnt es zu regnen, bevor wir den Karnevalszug erreicht haben sind wir klatschnass, doch dann klart es auf und wir trocknen schnell wieder. Wir finden einen super Standort ganz dicht am Zug, genießen die feiernde Menge, die ausgelassene fröhliche Stimmung und tanzen zur ohrenbetäubend lauten Musik. Es ist sehr bunt, sehr fröhlich und sehr laut!
Als norddeutscher Karnevalsmuffel muss ich zugeben, Carnaval in Salvador macht Spaß!