Dili – Ankern im Herzen der Stadt

Osttimor ist ein junges Land mit einer jungen Bevölkerung. Erst 2002 wurde Osttimor endgültig Unabhängig und das Medianalter der 1,3 Mio. Einwohner liegt bei etwa 20 Jahren. Portugiesisch und Tetum sind die offiziellen Sprachen, es werden jedoch viele weitere lokale Sprachen, außerdem Indonesisch und Englisch gesprochen. Praktisch alle Bewohner, ungefähr 98 %, sind katholisch, das liegt vor allem an der Rolle der katholischen Kirche während der indonesischen Besetzung. Gezahlt wird mit US-Dollar, ähnlich wie in Panama gibt es eigene Münzen.
Osttimor umfasst den Ostteil der Insel Timors (wer hätte das gedacht), die Exklave Oecusse weiter im Westen der Insel Timor und zwei kleine Inseln. Die Größe von 15.000 km2 entspricht etwa der Größe Schleswig-Holsteins. Und, ein wenig unnützes Quizshow-Wissen, Osttimor ist das einzige asiatische Land, das ausschließlich auf der Südhalbkugel liegt.
Dili ist die Hauptstadt und liegt an der Nordküste der Insel. Und mitten im Herzen der Stadt, gegenüber vom Regierungspalast, liegen wir. Unser Ankerplatz ist mäßig romantisch, dafür aber sehr zentral. Uns gefällt es hier.

Am Sonntag, am Tag nach unserer Ankunft, pumpen wir unser Dinghi auf und fahren an Land. Bei der Policia Maritima gibt es einen Strand, dort können wir anlanden. Wegen des leichten Schwells, brauchen wir ein gutes Timing beim Sprung auf den Strand.
Bei der Policia Maritima interessiert sich niemand für uns, es wird geangelt und Billard gespielt. Schließlich ist Wochenende. Bei der Immigration treffen wir, wie erwartet niemanden an. Wir genehmigen uns unseren Landgang selbst und fahren mit dem Taxi ins Timor Plaza Einkaufszentrum, kaufen SIM Karten samt Datenpaket und essen dort.

Am Montag melden wir uns bei der Policia Maritima, wir dürfen unser Boot gerne an ihrem Strand lassen, und sollen zur Immigration am Hafen gehen. Dort schickt man uns zur Gesundheitsbehörde. In einem kleinen Büro füllen wir ein Formular aus, unsere Impfpässe werden begutachtet und eine Crewliste abgestempelt. Der Chef kommt auch noch vorbei und möchte sich ein wenig unterhalten. Zurück zur Immigration. Dort liegen schon die zwei Einreiseformulare für uns bereit, die ich ausfülle, während Nobbi sich mit den Beamten unterhält. Werder Bremen ist bekannt, Borussia Dortmund findet man sympathisch. Die Pässe werden gestempelt, außerdem auch wieder eine Crewliste. Nobbi zieht unseren Bootsstempel raus und stempelt die Crewliste ebenfalls, das stößt auf große Begeisterung. Wir sollen nun zum Hafenmeister gehen. Ob wir nicht auch zum Zoll müssen? Stimmt, erst zum Zoll. Beim Zoll ist keiner, der uns abfertigen darf. Wir sollen zum neuen Handelshafen fahren. Das wollen wir nicht so gern, das ist 15km entfernt und wir sind nicht so sicher, wo wir da genau hinfahren sollen. Also gehen wir erstmal zum Hafenmeister, der nette Immigration-Beamte schleust uns in den Sicherheitsbereich des Hafens, wir können die Abkürzung nehmen. Dort beschäftigen wir gleich drei Beamte, ob wir eine Crewliste hätten? Wieder füllen wir ein Formular aus, unsere Pässe werden kopiert. Wir erzählen, dass wir zum Zoll im Handelshafen fahren sollen. Der Hafenmeister findet das zu teuer und zu gefährlich. Nachmittags sei doch sicherlich ein Beamter dort. Wir geraten in ein Büro der Hafendirektion, ob wir schon beim Hafenmeister waren und ob wir einen Beleg bekommen haben? Ob wir den Beleg nicht erst bei der Abreise bekommen, fragen wir. Ein Telefonat bringt Klärung und man ist sich einig, den Beleg gibt’s bei der Ausreise und wir sollen nicht zum Handelshafen fahren. Wir gehen wieder zum Zoll, der Mitarbeiter ruft seinen Chef an und bespricht mit ihm, dass wir nachmittags wiederkommen. Als wir zurückkehren liegt das Zollformular unterschrieben bereit, wir brauchen es nur noch auszufüllen, in der Hafendirektion wird es kopiert und schon sind wir einklariert.
Das ganze Prozedere war etwas chaotisch, aber alle die wir getroffen haben waren freundlich und bemüht. Alle Stationen sind nur wenige Meter voneinander entfernt. Unsere wenigen Portugiesisch Bruchstücke haben manches Lächeln hervorgerufen und Geduld und Freundlichkeit, wie so oft, weitergeholfen. Gestern waren wir auf dem Hafengelände um ein Foto zu machen und werden sehr enthusiastisch begrüßt, da darf man mich dann sogar Mami nennen.

Man kann hier überraschend gut einkaufen. Schade, dass wir so gut proviantiert sind und eigentlich gar nichts brauchen. Besonders angetan hat es uns der portugiesische Supermarkt. Wir genießen wunderbare Pasteis de Nata, die tollen portugisischen Törtchen, spanischen Käse und portugiesischen Rotwein. Außerdem kann man hier auch nett Mittagsessen.
Auf dem Gemüsemarkt müssen wir uns für einen Stand entscheiden, die Auswahl ist groß. Eine sympathische junge Frau macht das Rennen. Wassermelone, Maracuja, Bananen, Tomaten und Gurken wandern in unsere Tasche. Die junge Frau ist geschäftstüchtig und möchte uns auch Mangos, Ananas und Soursop verkaufen, wieder versprechen wiederzukommen, wenn wir aufgegessen haben.

Wir bummeln an der Promenade entlang wundern uns über die unzähligen Stände mit exakt identischem Warenangebot nebeneinander und beobachten das Leben. Junge Männer bieten Handyreparaturen an, magere Katzen warten auf die Reste aus den Garküchen und überall gibt es Kokosnussverkäufer. Nobbi war beim Friseur und der Haarschnitt ist ganz gut geworden, besonders wenn man bedenkt, dass er mit einer Küchenschere und einem kaum funktionierenden Haarschneider gemacht wurde.
Die Fischer kommen rein, laden ihre Fische ab und versorgen sich mit Lebensmittel und Wasser. Wir wollen uns das Spektakel von nahem ansehen, aber es stinkt höllisch. Im flachen Wasser werden die Fische ausgenommen, sortiert und gewogen.
Die Kanalisation ergießt sich ins Meer und der Strand ist dreckig. Plastikmüll. Ums Schiff ist es dank des starken Wasseraustausches erstaunlich sauber und wir sehen immer wieder Schildkröten neben dem Boot. Ich muss hier aber nicht baden. Osttimor soll viele fantastische, unberührte Strände haben, dass der vor der Hauptstadt nicht dazugehört, ist wenig überraschend. Im Zentrum der Stadt ist es erstaunlich sauber, die Fusswege sind frisch gefegt und die Rinnsteine wurden von Müll befreit, entfernt man sich etwas weiter sieht es anders aus. Vielleicht kommt es aber auch nur drauf an, wo die Stadtreinigung gerade unterwegs war.

Mittags kommt etwas Thermik auf und der Seegang nimmt zu, deshalb sind Dinghifahrten um die Mittagszeit ein wenig sportlicher, morgens und abends ist es meist sehr ruhig. Wir waren jetzt jeden Tag mittags unterwegs und sind immer heil an den Strand und wieder zurück an Bord gekommen. Wenn der Wind abends nachlässt, legt Mari sich gerne quer zum Schwell und schaukelt dann etwas oder auch etwas mehr. Ab und zu muss man sein Glas festhalten, damit es nicht vom Tisch hüpft. Wir haben überlegt einen Heckanker zu setzen, uns dann aber dagegen entschieden. Eigentlich wollen wir bald weitersegeln, gerade fühlen wir uns aber sehr wohl hier.

Acht Tage steile Wellen und raues Segeln

Es ist kurz vor Mitternacht. Wir segeln bei wenig Wind und kaum Welle entlang der Nordküste Timors. Der Mond ist noch nicht aufgegangen, der Sternenhimmel wunderschön klar, keine einzige Wolke zeigt sich. An Land sehe ich weit entfernt einige Lichter von Häusern, Straßenlaternen und gelegentlich die Scheinwerfer eines Autos. Unsere Bugwelle funkelt mit dem Sternenhimmel um die Wette, Millionen von Meeresbewohnern fluoreszieren. Auch die Delfine, die mich seit einer halben Stunde begleiten, ziehen einen glitzernden Schweif hinter sich her. Diese Momente sind es, die dabei helfen die weniger schönen und anstrengenden Teile der Überfahrt bald zu verdrängen.
Am Freitag, 4. August verlassen wir Australien und starten vormittags als der Strom kentert. Flott geht es an Thursday Island vorbei, in der Enge danach schiebt der Strom kurz mit bis zu sechs Knoten, ganz schön aufregend. Wir segeln entlang des Schifffahrtsweges. Das flache Wasser leuchtet milchig türkis, die Welle ist nicht hoch aber ruppig und wir haben mal wieder ordentlich Wind. Hier ist es wirklich unglaublich flach, nach 50 Seemeilen ist die Wassertiefe noch immer nur bei 20m. Am zweiten Tag sehen wir zwei Fischerboote, eines aus Saudi-Arabien und eines aus Aserbaidschan im australischen Seeraum. Wir können sie und ihre Netze, die mit Bojen markiert sind und ein eigenes AIS Signal aussenden (und bei uns auf dem Bildschirm auftauchen), gut umfahren.
Hier ist deutlich mehr Schiffsverkehr als in den Weiten des Pazifiks, wir sehen jeden Tag mehrere große Schiffe. Containerschiffe, Tanker, Bulkcarrier. Die Begegnungen sind ausgesprochen friedlich, ihre Kurse sind leicht auszumachen und sie führen identifizierbare Lichter. Wir achten darauf, dass wir geradeaus segeln und keine Verwirrung stiften. Mehrere Schiffe, die uns sonst etwas nahe gekommen wären, ändern den Kurs um ein paar Grad ohne dass wir darum bitten müssen. So soll es sein.
Am Abend des sechsten Tages verlassen wir die ausschließliche Wirtschaftszone Australiens und segeln gleichzeitig über die 200m Tiefenlinie, jetzt fällt die Wassertiefe auf 500m. Eigentlich für uns völlig uninteressant, aber der sogenannte Kontinentalschelf ist für die Unterwasserwelt extrem attraktiv. Wir merken es daran, dass wir plötzlich zick-zack zwischen den Fischern segeln müssen. 20 Schiffe und mehr sehen wir gleichzeitig, dazwischen unzählige Bojen. Die Beleuchtung ist kreativ. Vorne rot hinten grün, sieben weiße, ein blaues Licht. Die wenigsten der Fischer haben AIS, obwohl es sich um große Schiffe handelt. Die Bojen senden grün-blaue Blitze, rotes Funkeln oder weißes Glimmen. Es ist schwierig den Überblick zu behalten, welche Boje gehört zu welchem Schiff? Das Ganze wäre nicht so anstrengend, wenn wir nicht sechs bis sieben Windstärken hätten, in den Böen auch mal acht. Und dann beginnen die Schauer. Der starke Regen drückt die Wellen platt, aber beschränkt auch die Sicht. Zu zweit versuchen wir uns frei zu segeln. Einmal nehmen wir die Maschine zur Hilfe, ein Fischer leuchtet uns an, wir müssen gegen den Wind abhauen. In dieser Nacht schlafen wir wenig. Nach ein paar Stunden ist der Spuk vorbei, wir sehen noch einige Fischer aus sicherem Abstand und müssen am nächsten Morgen noch ein entschlossenes Ausweichmanöver fahren, das AIS-Signal einer Netz-Boje taucht plötzlich dicht vor uns auf. Die Sonne trocknet die nassen Sachen der Nacht und wir holen etwas Schlaf nach. Danach hatten wir zum Glück keine Begegnungen mit Fischern mehr. Wir vermuten, dass das Meer inzwischen zu tief ist, um als Fischgrund attraktiv zu sein.
Immer wieder notieren wir im Logbuch, dass die Welle ungemütlich ist. Irgendwie verkeilen, lesen, ein Hörbuch hören und durchhalten. Mehr passiert nicht. Kochen und Abwaschen sind Hochleistungssport. Das Duschmanöver will sorgfältig geplant werden. Nobbi behauptet er löst Kreuzworträtsel. „2m waagerecht“ bedeutet: er geht in die Koje, der beste Platz an Bord. Wir können uns nicht erinnern schon mal eine Woche im zweiten Reff gesegelt zu sein. Einen windigen Start der Überfahrt hatten wir erwartet, aber gehofft, dass der Wind nach einigen Tagen abnimmt. Ein Blick auf die Wettervorhersage zeigt heute, dass jetzt ein toller Zeitpunkt für die Passage wäre, tagelang handiger Wind. Aber jetzt sind wir schon hier.
Nobbi hat während einer Nachtwache einen Passagier. Ein Tölpel versucht achtern auf dem Bimini zu landen und wird von der Windsteuerfahne ins Cockpit katapultiert. Der arme Vogel landet unsanft auf dem Cockpitboden. Nach einiger Zeit berappelt er sich und hüpft auf die Bank, als er sein Lager im Schwalbennest aufschlagen möchte, lässt er sich von Nobbi nicht nur anfassen, sondern sogar hochheben. Schließlich fliegt er davon und kann seinen Tölpel-Freunden jetzt eine tolle Geschichte erzählen.
Wie auf jeder Passage freuen wir uns über tolle Sonnenauf- und -untergänge, die fantastischen Farben der Meeres von hellgrün bis dunkelblau, den Sternenhimmel, magische Mondaufgänge, sehr viele Sternschnuppen, Seevögel und über die Ruhe und Freiheit auf See.
Schließlich sehen wir nachts den ersten indonesischen Leuchtturm und erreichen eine Woche nach Verlassen Thursday Islands die Nord-Ost-Ecke Timors. Die zu Beginn beschriebene traumhafte Nacht lässt uns die Strapazen vergessen. Irgendwann schläft der Wind ein und wir motoren durch die ruhige Nacht. Der Sonnenaufgang ist besonders schön und wird durch einen sehr großen Wal der parallel zu uns schwimmt gekrönt.
Die letzten Meilen nach Dili, der Hauptstadt Timor-Lestes ziehen sich, als wollte Neptun uns daran erinnern „man ist erst da, wenn man da ist“. Wir haben entgegen unserer Erwartung starken Gegenstrom und kommen nur langsam voran, obwohl der Ostwind inzwischen zurückgekommen ist und uns kräftig schiebt. In der letzten Stunde haben wir so grausamen Seegang, dass wir uns mit beiden Händen festklammern müssen.
Schließlich haben wir es geschafft. Nach acht Tagen und sechs Stunden laufen wir in den kleinen Hafen von Dili ein. Wir suchen uns einen Ankerplatz, sind sehr froh angekommen zu sein und sehr gespannt auf ein neues, fremdes Land. Musik weht zu uns herüber, bei der Unidade Policia Maritima wird Karate trainiert, viele Motorroller drängeln sich auf der Straße am Hafen. Wir sitzen im Cockpit und beobachten das Leben an Land durchs Fernglas. Müde fallen wir in die Koje. Der Schwell läuft bei Flut übers schützende Riff und Mari schaukelt heftig, aber uns ist das egal und wir schlafen herrlich eine ganze Nacht durch.

Abschied von Australien

Horn Island ist eine kleine Insel mit einem Flughafen, zwei Supermärkten, ein paar Hotels und für uns nur interessant, weil sie gegenüber von Thursday Island liegt. Thursday Island liegt übrigens zwischen Wednesday Island und Friday Island. Da ist Herrn Cook und seinen Leuten einfach nichts mehr eingefallen. In Thursday Island, kurz TI, können wir ausklarieren, also Australien verlassen. Deshalb sind wir hier. Der Ankerplatz vor Thursday Island ist gelinde gesagt ungemütlich, aber es ist erlaubt hier bei Horn Island zu ankern und mit der Fähre nach Thursday Island zu fahren.
Am Montag sind wir an dem Ankerplatz angekommen und haben beschlossen unseren Anker einige Tiden zu beobachten. Dienstag haben wir getankt. Was sich so simpel anhört war eine größere Sauerei, weil der Rüssel nicht in die Kanister passte. Also haben wir aus einer Wasserflasche einen Trichter gebaut, trotzdem war das Befüllen der beiden Kanister eine mühselige Angelegenheit. Bei den beiden Supermärkten haben wir unsere Obst- und Gemüsevorräte aufgefüllt und im Pub kann man Bier kaufen. Eine Wild-West-Atmosphäre, ein Ende der Welt, kein Traumort. Nach einem Kaffee im Supermarkt-Café-Postamt ging es wieder an Bord. Während ich Wäsche wasche macht Nobbi noch einen Tanktrip, füllt die anderen beiden Kanister und bringt Waschwasser mit.
Auch wenn erst Mittwoch ist, fahren wir nach Thursday Island, allerdings mit der Fähre. Wir schauen beim Zoll vorbei, drehen eine Runde durch den Supermarkt und trinken Café in einer kleinen Galerie. Der Waschsalon ist eine skurrile Abstellkammer im Hinterzimmer eines Schreibwaren-Tierfutter-Geschenkartikel-Geschäfts. Dort können wir unsere Wäsche waschen, leider sind alle vier Trockner kaputt (und das schon sehr lange) und wir müssen unsere nasse Wäsche auf der Fähre wieder mitnehmen und an Bord trocknen.
Am Anleger sehen wir ein kleines Motorboot mit einem toten Dugong. Erst dachte ich, das Dugong hätte sich in einem Fischernetz verheddert und wäre ertrunken, aber dann lerne ich, dass die Torres-Strait-Insulaner (die indigene Bevölkerung der Region) Dugongs und Schildkröten jagen dürfen. Das wusste ich nicht. Eine ganze Familie klettert zum Dugong ins Boot, die Eltern, 2 Kleinkinder, ein Baby, der Kinderwagen und die Einkäufe stapeln sich auf dem großen Tier.
Heute waren wir wieder auf Thursday Island, ist ja schließlich Donnerstag. Wir wollen ausreisen. Beim Zoll ist niemand, aber ein Telefonat ergibt, dass wir in einer Stunde vorbeikommen können. In der Wartezeit essen wir eine Kleinigkeit, das Ausklarieren verläuft schnell, freundlich und problemlos, noch ein kleiner Spaziergang und schon fährt die Fähre wieder nach Horn Island. Am Anleger sehen wir einen großen Hai, noch ein Grund hier im etwas trüben Wasser besser nicht zu baden. Es ist heute sehr windig. Die Dinghy-Fahrt zurück an Bord und das Verstauen von Außenborder und Boot ist etwas mühsam. Aber nun sind wir bereit. Morgenfrüh geht’s los. Wir verlassen Australien und segeln nach Osttimor. Etwa 1000 Meilen liegen vor uns, wir rechnen mit etwa einer Woche Reisezeit.

Mit Australien und den Australiern sind wir nicht so ganz warm geworden. Cairns hat uns gefallen, Lizard Island war ein Highlight und wir hatten einige nette Begegnungen, aber der Funke ist nicht übergesprungen. Vielleicht beim nächsten Mal!

In fünf Etappen zur Torres Straße

Wir liegen bei Horn Island vor Anker und haben damit die Nordspitze Australiens erreicht. Von Night Island sind wir noch fünf weitere Etappen gesegelt.
Eine sportliche Etappe nach Portland Road forderte uns. Morgens dachten wir zunächst wir hätten einen schweren Fehler gemacht unseren Platz in Night Island aufzugeben, viel Wind und die steile Welle von der Seite machten den Start sehr rau. Nach 2h wurde es ruhiger und wir haben die 40 Meilen zum nächsten Ankerplatz schnell bewältigt. Hier sahen wir mal wieder eine andere Yacht, einen Motor-Kat, den wir schon aus Lizard kannten und der genau wie wir furchtbar im Schwell rollte.
Am nächsten Tag ging es in die Margaret Bay hinter Cape Grenville. Wieder ein flotter Segeltag, schnelle 45 Meilen. Immer wieder wundern wir uns über die hohen steilen Wellen, die sich schnell aufbauen, also kein Wellnesssegeln. Aber tolles Wetter. Kurz vorm Ankerplatz segeln wir zwischen den Home Islands hindurch, eine schöne Passage zwischen sandigen Trauminseln. Später finden wir hier heraus, dass wir hier ein Anwesen auf einem privaten Eiland pachten könnten, entscheiden uns aber dagegen. Am Ankerplatz beobachten wir Delfine, die im nur 4m tiefen Wasser jagen und eine Luxusyacht, die diesen Platz mit uns teilt.
Um die nächste Etappe etwas zu verkürzen ziehen wir am nächsten Morgen in die Shelbourne Bay um. Nur 10 Meilenliegen vor uns, das Wetter scheint ruhig und sonnig, wir freuen uns auf einen kurzen Tag und einen entspannten Nachmittag. Mal wieder haben wir uns getäuscht. Die kurze Etappe ist extrem rau und der neue Ankerplatz sehr flach, wir haben inzwischen Springzeit, die Niedrigwasser sind besonders niedrig und wir trauen uns nicht so weit ins flache Wasser, dass wir wirklich geschützt liegen. Einen Meter Wasser wollen wir gerne unter dem Kiel haben, da sich in der flachen Bucht richtiger Seegang entwickelt hat. Nachmittags reparieren wir bei satten 6 Bft unser Bimini und werden fast weggeweht. Der Sonnenschutz ist wichtig und wir wollen nicht riskieren, dass die Naht noch weiter reißt. Wir schlafen besser als erwartet, allerdings nur kurz. Um halb zwei klingelt der Wecker, eine lange Etappe liegt vor uns. Nach einer aufmunternden Tasse Kaffee geht es um zwei Uhr los. Im Mondlicht setzen wir Segel, der Seegang hat sich beruhigt und wir segeln Tee trinkend in den frühen Morgen. Bald begleiten uns Delfine. Wir freuen uns sehr, hier haben wir viele Delfine gesehen, aber sie wollten uns, anders als in anderen Gebieten, nie begleiten. Ein wenig müde genießen wir den Segeltag und freuen uns darüber, dass unser Zeitplan aufgeht. Wir wollen durch die Albany Passage fahren und bei Niedrigwasser vor der Einfahrt stehen, so dass die einsetzende Flut uns durch die 2 Meilen lange Enge trägt. Trotz perfektem Zeitplan steht das Wasser in der Durchfahrt leider nicht still. Wir fahren schließlich gegen 2 Knoten Strom und kabbeliger Welle durch die Passage und beobachten, dass der Strom erst 2 Stunden später kentert. Nach 80 Meilen sind wir müde, etwas genervt und haben beide Kopfweh. Unsere Stimmung steigt gewaltig, als der Ankerplatz in der Shallow Bay direkt nach der Enge sich als schwellfrei und windstill entpuppt. Damit hatten wir nicht mehr gerechnet. Neerströme drehen Mari gelegentlich in die eine oder andere Richtung. Wir schlafen zehn Stunden und sind dann bereit für die letzte Tagesetappe.
Der Strom schiebt uns flott auf Horn Island zu, die Sonne scheint und das Wasser hat wieder diese ganz besondere Farbe, irgendwo zwischen türkis und jadefarben, leicht milchig leuchtet es. Wolken lassen es petrol bis dunkelblau werden. Cape York, die Nordspitze des australischen Festlands, ist eine harmlose Landspitze. Etliche Schildkröten sehen wir an diesem Vormittag und immer wieder umkreisen uns Tölpel. Dank des schiebenden Stroms sind wir schnell am Ziel. Die Beamten von der Border Force Police umkreisen uns mit einem Boot, machen ein Foto von uns und winken. Wir werden gut bewacht. Am Ankerplatz liegen ein paar Yachten, einige Arbeitsschiffe und ein paar heruntergekommene Wohnschiffe. Wir suchen uns einen Platz mit genügend Schwoi-Raum. Der Strom dreht die Schiffe alle sechs Stunden herum und oft liegen die Schiffe quer zum frischen Wind.

Von Cairns bis Horn Island haben wir 518 Meilen in 13 Tagesetappen und zweieinhalb Wochen zurückgelegt. Nun liegen wir in der Torres Strait, der Meerenge zwischen Papua und Australien, hier haben wir nicht nur das Great Barrier Reef, sondern auch den Pazifik verlassen. Der Abschied vom Pazifik, dem Ozean der Träume, fällt ein klein wenig schwer und doch freuen wir uns sehr auf einen neuen Ozean und einen neuen Kontinent.

Übrigens, die letzten Einträge habe ich um Fotos ergänzt.

Endlich ein Croc im Croc-Country

Samstag 22. bis Mittwoch 26. Juli
Krokodil-Witze haben Hochkonjunktur an Bord. Bei jedem Baumstamm der vorbeitreibt, vermuten wir, dass sich ein Croc darunter versteckt, und Nobbi fragt mich, ob ich lieber eine Handtasche oder Schuhe haben moechte. Wir sind an unserem Ankerplatz angekommen, ich sitze im Cockpit und suche mit dem Fernglas den Strand ab. Gerade will ich Nobbi von dem Baumstamm erzaehlen, der aussieht wie ein Krokodil, da sehe ich es. Unser erstes Croc. Dieses Urzeitwesen mit seinem langen Schwanz. Es liegt am Ufer, gerade soweit, dass es nicht nass wird. Es ist bestimmt 4m lang. Nobbi bietet an, sich zum Groessenvergleich daneben zulegen, macht dann aber doch einen Rueckzieher, als ich ihn frage, ob er sofort rueber schwimmen moechte.
An unserem letzten Ankerplatz hatten wir morgens schon Krokodilspuren gesehen, aber leider nicht die Tiere dazu. Wir beobachten es stundenlang, auch wenn es ein ziemlich langweiliges Tier zum Beobachten ist, es macht ja nichts. Es liegt einfach nur herum. Als die Sonne untergeht ist es noch da, am naechsten Morgen ist es weg.

Die Tage sind abwechslungsreich und ueberraschend verschieden. Einen tollen Segeltag erleben wir von Lizard nach Howick. Das Wasser ist tuerkis, die Sonne scheint, wir sind flott unterwegs und das Segeln macht Spass. Ausserdem sehen wir ganz viele Tiere. Wale (Minkwale?), immer wieder Delfine, einen Hai und Duzende Schildkroeten. Der naechste Tag ist fast windstill, wir motoren die ganze Strecke (ueber 50 Meilen) bis zum naechsten Ankerplatz bei Stanley Island und sehen nicht einen einzigen Meeresbewohner, obwohl das Wasser ganz glatt ist. Dafuer sehen wir gleich zwei Schiffe, zwei Viehtransporter, die sich auf unserer Hoehe begegnen.
Unsere naechste Etappe beginnt unangenehm, der Wind hat auf Suedwest gedreht und steht ploetzlich auf den Ankerplatz, wir segeln zunaechst auf Am-Wind-Kurs und nicht nur das Schiff wird komplett eingesalzen. Wie sehen zwei Fischkutter und werden von der ABF, der Australien Borderforce, ueberflogen. Das Flugzeug fliegt dicht ueber uns und blinkt uns an, dann werden wir ueber Funk gerufen. Nobbi gibt Auskunft, woher, wohin, wie wir heissen, welcher Heimathafen und schon sind sie wieder weg.
Auf der Strecke zwischen Fife und Night Island sehen wir zwei Motoryachten, eine ueberholt uns, eine kommt uns entgegen. Und die Fische springen. Immer wieder. Fische von bis zu einem Meter Groesse springen Meter hoch aus dem Wasser, gerne wuerden wir den Jaeger sehen.
Zunaechst haben wir deutlich weniger Wind als erwartet. Es gibt mal wieder eine Starkwindwarnung. Davon merken wir nichts, wir reffen aus und sind trotzdem langsamer als erhofft, zum Teil kommen wir nur mit 4 Knoten voran. Als wir ihn nicht mehr gebrauchen koennen, kommt der Wind schliesslich doch noch. Auf den letzten Meilen werden wir sehr schnell und bergen die Segel bei hohem Seegang.

Insgesamt ist es wechselhafter als gedacht und regnet ueberraschend viel, meistens zum Glueck nachts. Die Planung ist etwas schwierig. Mal haben wir viel weniger Wind als gedacht, mal kommt er aus einer ueberraschenden Richtung. In der Stokes Bay in Stanley Island dachten wir, wir laegen gut geschuetzt, ob es nun weht oder nicht. Um vier Uhr morgens ist es windstill und wir freuen uns ueber den grandiosen Sternenhimmel. Eine gute Stunde spaeter werden wir vom Seegang wach, der Wind hat auf Suedwest gedreht und weht nun in die Bucht was uns zu beschleunigtem Aufbruch motiviert. Am gleichen Abend ankern wir hinter Fife Island, wir haben erst eine Stunde geschlafen, da nimmt der Wind zu, aus Ost-Nord-Ost. Wir haben gerade so eben noch etwas Schutz, mehr Wind sollte es nicht werden. Nach zwei Stunden dreht der Wind auf Suedost, wir liegen wieder ganz ruhig und schlafen wunderbar.

Die Ankerplaetze an den Inseln und Inselchen sind ganz verschieden und alle schoen. Der Ankergrund war bisher ueberall super, der Anker beisst in den Grund sobald er Gelegenheit dazu hat. Howick Island ist flach und dicht mit Mangroven bewachsen, hat einen Riffsaum und wird von Pelikanen bewohnt. Wir sehen 5 Leuchtfeuer vom Ankerplatz, aber kein einziges Schiff.

Die Inseln der Flinders Group, wo wir in der Stokes Bay von Stanley Island ankern, sind hoch, der hoechste Berg ueber 300m. Die Windseite der Inseln ist felsig und hat schroffe Klippen. Unsere Bucht hat einen weissen Strand mit einigen Steinplatten und ist dicht bewaldet.
Ganz anders sieht Fife Island aus, das kleine sandige Eiland liegt auf einem grossen Riff und hebt sich nur ganz knapp ueber die Meeresoberflaeche. Einige karge Straeucher haben hier Fuss gefasst und eine einzelne Kokospalme waechst mitten auf der Insel. Hier leben tausende Voegel, Moewen, Reiher und grosse Greifvoegel (Adler?). Eine lange Sandbank saeumt das grosse Riff und bietet uns einen geschuetzten Ankerplatz.
Night Island ist eine schmale, lange, Mangroven bestandene Insel, nur an der Nordwestseite gibt es ein paar Meter weissen Sandstrand und genau hier lag das Krokodil in der Sonne. Auch hier wohnen viele Voegel. Wir sehen bunte Papageien, die zu ihren Schlafbaeumen fliegen, viele Ibisse und tausende kleiner Schwalben.

Das Australische Festland an dem wir entlang segeln liegt meist im Dunst oder ist wolkenverhangen. Oft sehen wir nur die Silhouetten der Berge. Am Cape Melville kommen wir der Kueste ganz nah und koennen uns das Kap aus der Naehe ansehen. Es sieht aus, als waeren Kiesel hoch aufgestapelt worden. Nur, dass die Korngroesse bei ueber 10m liegt. Lauter grosse Granitbrocken tuermen sich zu hohen Bergen auf.

Heute Morgen haben wir beschlossen, noch einen Tag hier vor Night Island liegenzubleiben. Es gibt Broetchen zum Fruehstueck, wir waschen Waesche, putzen ein bisschen an unserer Mari herum, Nobbi wechselt den Zahnriemen am Wassermacher und ich backe einen Apfelkuchen. Immer wieder suchen wir mit dem Fernglas den Strand ab, ob unser Croc zurueckkommt? Bei Sonnenuntergang ist es so weit. Gleich zwei grosse Krokodile sind im flachen Wasser unterwegs. Wir beobachten sie bis es dunkel ist und wir sie nicht mehr erkennen koennen.

Wo ist das Croc?

Pause im Paradies – Lizard Island

Dienstag 18.7. bis Freitag 21.7.
Dienstagmorgen ist das Wetter freundlich. Vermutlich wäre es schlau früh los zu segeln bevor der Wind zunimmt, wir entscheiden uns trotzdem für ein gemütliches Frühstück. Kurz überlegen wir an diesem friedlichen Platz einen Ruhetag einzulegen und entschließen uns dann nach Lizard Island zu segeln. Wir können die Insel schon sehen, heute liegen nur 20 Meilen vor uns.
Lizard Island ist zweifelsohne der beliebteste Platz an diesem Küstenabschnitt. Aus gutem Grund. Die Insel bietet einen sehr guten Ankerplatz, eine interessante Tierwelt, ein abwechslungsreiches Freizeitangebot, eine spannende Geschichte und ist einfach wunderschön.
Wir bergen die Segel im Schutz der Insel, eine hohe Welle schiebt uns in Richtung der hohen Felsen und wir tasten uns langsam in die Bucht. Einige Yachten liegen vor dem weißen Strand. Das Riff mitten in der Bucht ist gut zu sehen und mit Bojen gekennzeichnet. Wir lassen unseren Anker auf 3,5m Wassertiefe in den Sand fallen.
Wir gönnen uns einen gemütlichen Lese-Nachmittag im Cockpit und genießen es, endlich mal wieder zu baden. Die Queensland-Küste ist Croc-Country. Nach Norden nehmen die Bevölkerung ab und die Krokodile zu (ob da ein Zusammenhang besteht?). Die Crocs leben gerne in den Mangrovenbuchten am Festland, werden aber auch immer wieder auf den kleinen Riff-Inselchen gesichtet. Außerdem bietet das Great Barrier Reef noch Haie (nicht alle sind freundlich) und je nach Saison tödliche Quallen. Wassersportler und Badebegeisterte haben es also schwer. Kurz nachdem wir geankert haben, springen die Nachbarn von ihrem Boot ins Wasser, ein Segler schwimmt vom Strand zu seinem Boot und am Riff mitten in der Bucht wird geschnorchelt. Wir entscheiden, dass wir dann auch baden können und freuen uns sehr, denn ankern ohne baden macht einfach weniger Spaß. Am Strand stehen übrigens Croc-Warnschilder.
Mittwochmorgen gibt’s vom Wetterdienst mal wieder eine Starkwindwarnung. Den Wetterbericht können wir hier auf Kurzwelle hören oder mit dem Pactor-Modem abrufen. Wir haben heute keine Ambitionen weiterzusegeln. Das Wasser leuchtet türkis, der Strand weiß und wir waren noch gar nicht an Land. Wir falten das Bananaboot auseinander und rudern an den Strand. Andere Segler versorgen uns mit Tipps, wie dem besten Schnorchelplatz. Sie sind schon länger hier und bleiben auch noch einige Monate in der Gegend, bis der Wind dreht und sie nach Süden segeln.
Unsere Wanderschuhe kommen zum Einsatz, der Berg ist 359 m hoch und wir wollen dem Wanderweg auf den Aussichtspunkt folgen. Dies ist ein berühmter Ort und eigentlich Pflichtprogramm für Segler. Vor 250 Jahres ist James Cook auf diesen Berg gekraxelt und hat nach einer Ausfahrt aus dem Riff gesucht. Weil auch James Cook und seine Mitreisenden Blog äh Tagebuch geschrieben haben, wissen wir, dass sie am 12. August 1770 auf diesem Felsen standen. Einige Wochen vorher waren sie mit ihrer „Endeavour“ aufs Riff aufgelaufen, konnten sich befreien und haben ihr Schiff im Endeavour River in Cooktown (was es damals natürlich noch nicht gab) repariert. Im Gipfelbuch sehen wir, dass wir Freunde nur um Stunden am Ankerplatz verpasst haben, und freuen uns über einige uns bekannte Namen. Von Cook‘s Look hat man einen tollen Ausblick aufs Außenriff und auf die leuchtend blaue Lagune im Süden der Insel. Der Wind reißt uns fast von den Füßen, wir suchen uns deshalb einen etwas geschützteren Platz für unser Picknick.
Der Weg war im ersten Teil ziemlich anspruchsvoll und führt dann durch einen lichten Wald. Wir sehen viele Vögel und auch die etwa 1m langen Eidechsen, die Cook die Idee zur Namensgebung gaben. In der Sprache der Aborigines heißt die Insel Jiigurru.
Mir gefallen am besten die Weberameisen, die kunstvoll lebende Blätter am Ast zu Nestern zusammenkleben oder weben. Eine tolle Teamleistung. (Wer sich für Tiere ohne Fell interessiert, sollte das unbedingt mal googlen, im englischen Wikipedia-Eintrag sind ganz tolle Bilder). Die erste Beschreibung der Weberameisen in der westlichen Welt, wurde vermutlich durch Joseph Banks vorgenommen, der, ihr ahnt es, mit James Cook unterwegs war.
Der Rückweg fällt leicht. Wir legen noch einen Stopp ein, um unsere Emails abzurufen. 120m über dem Ankerplatz gibt es ganz guten Empfang. Hier treffen wir auch andere Segler, die deshalb hier hochgeklettert sind.

Im Resort scheint nicht viel los zu sein. Wir sehen nur eine Handvoll Gäste beim Schnorcheln und bei einer kleinen Bootstour durch die Bucht. Dafür bietet eine Yacht Programm. Eine der Motoryachten hat tatsächlich einen Amphibien-Dinghi oder wie auch immer man das nennt. Das ausgewachsene Schlauchboot hat große Räder, die kurz vor dem Strand ausgeklappt werden. Das Boot fährt nun auf den Strand, keine nassen Füße für die Bootscrew. Auf dem Rückweg das gleiche. Das Boot fährt ein wenig auf dem Strand entlang und dann ins Wasser, schließlich schwimmt es, die Räder werden eingeklappt und weiter geht’s als Schlauchboot. James Bond hätte auch gern so eins.

Es ist einfach kitschig schön. Der weiße Strand, die Boote in der Sonne, die Schildkröten im flachen Wasser, die Felsen und Riffe. Wir bleiben noch einen Tag, Zeit für ein Frühstück mit Brötchen, rumtüddeln, lesen, baden, Blog schreiben und einen Strandspaziergang. Leider ist das Wetter nicht ganz so schön wie am Tag zuvor, deshalb entscheiden wir uns am Freitagmorgen noch einen Tag zu bleiben.

Von Cairns innerhalb des Great Barrier Reef nach Norden

Samstag 15. Juli bis Montag 17. Juli
Samstagmorgen regnet es. Das macht den Abschied von Cairns leicht, sorgt aber nicht gerade für große Begeisterung segeln zu gehen. Nach einer letzten langen heißen Dusche legen wir ab. Wir hatten gehofft, dass uns das ablaufende Wasser den Fluss hinunter schiebt, leider führt es eher zu kabbeligem Seegang. Wir werden durchgeschüttelt und sind froh, als wir das Fahrwasser verlassen können. Der Wind lässt auf sich warten und kommt zwischenzeitlich sogar aus West. Die Wellen werden dafür immer höher und sind unangenehm kurz, eine unfreiwillige Achterbahnfahrt, die Butter fliegt vom Brot, das Brot in die Spüle. Wir nutzen die Motorfahrt um den Wassermacher laufenzulassen, aber auch das Füllen unserer kleinen Trinkwasserkanister ist Hochleistungssport.
Als wir die große Bucht von Cairns endlich verlassen, setzt der vorhergesagte Wind ein und nimmt schnell zu. Wir können flott zum geplanten Übernachtungsplatz bei Low Islets segeln. Die Tagestouristen kehren gerade zu ihrem Katamaran zurück und wir sind plötzlich allein an diesem schönen Platz. Wir können uns eine der Nationalpark-Bojen aussuchen und genießen den Sonnenuntergang. Es ist ein windiger und schöner Platz. Große Fledermausfische ziehen unter uns ihre Kreise und der Leuchtturm lässt sein Licht nach Einbruch der Dunkelheit über uns streifen.
Am spätem Abend ist Hochwasser, mit steigendem Wasser läuft immer mehr Schwell übers Riff, das gemütliche Schaukeln geht in ein wildes Taumeln über. Wir liegen jeder auf unserem Sofa und versuchen lesend die Wellen zu ignorieren. Als mein volles Glas vom Tisch abhebt und der Inhalt sich über mich ergießt, gehen wir ins Bett. Morgens wachen wir gerädert auf.
Der Sonntagmorgen wirkt mit dunkelgrauen Wolken wenig einladend. Wir warten einen kräftigen Schauer ab, bevor wir die Boje loswerfen. Ich habe heute gleich meine Ölhose angezogen, der nächste Schauer kommt bestimmt. Es wird ein schneller aber sehr anstrengender Segeltag hinter dem berühmten Great Barrier Reef. Sprühregen und Schauer, an einem Kap ist der Wind plötzlich weg und dann gibt es wieder heftige Böen, dazu dieser teilweise hohe und steile Seegang, der sich auch gerne mal bricht. Nach 42 Meilen suchen wir uns eine Boje bei Hope Island aus. Wir sind wieder das einzige Boot und haben die freie Wahl. Wieder läuft abends der Schwell übers Riff, es ist jedoch nicht so schauklig wie in der Nacht zuvor.

Aus der Nordsee kennen wir diese wunderbar regelmäßigen Tiden. Sechs Stunden läuft es ab, sechs Stunden auf. Etwa alle 12 Stunden ist Hochwasser. Da es nicht genau 12 Stunden sind, verschiebt sich das Ganze von Tag zu Tag. Zur Springzeit ist das Hochwasser höher und das Niedrigwasser niedriger. So schön regelmäßig schwappt das Wasser nicht überall hin und her.
Hier haben wir ein hohes Hochwasser, dann ein weniger niedrigeres Niedrigwasser, dann ein weniger hohes Hochwasser und dann ein niedrigeres Niedrigwasser. Verwirrend? Ein Beispiel Hope Island am 16.7.: abends um 2100 ist das hohe Hochwasser mit 2,60 m, am 17.7. morgens früh um 0300 das weniger niedrige Niedrigwasser mit 1,30 m, das nächste Hochwasser um 0830 ist nur 1,70 m hoch (also hier 0,90m weniger als das am Abend zuvor), das Niedrigwasser um 1400 ist mit 0,40 m viel niedriger als das am frühen Morgen, dann folgt wieder das hohe Abend-Hochwasser um 2130 mit 2,60m.)
Zur Springzeit (wir haben gerade Spring, 19.7 ist Neumond) ist das hohe Hochwasser besonders hoch und das niedrige Niedrigwasser besonders tief. Nun nähert sich das ganze wieder an, bis zu nächsten Spring. Das hohe Hochwasser ist immer nachts, das niedrige Niedrigwasser mittags. Mit anderen Worten nachts ist der Wasserstand höher als mittags. Das ist praktisch, wenn man einen Ankerplatz in einer flachen Bucht gefunden hat, aber unpraktisch, wenn man an einem Riff liegt, das vom Hochwasser überspült wird. Insgesamt ist das alles undramatisch, weil der Tidenhub, also der Unterschied zwischen Hoch und Niedrigwasser, nicht so hoch ist, aber wenn es übers Riff schwappt, schläft man nicht gut.

Auch der Montag begrüßt uns mit heftigen Schauern. Wenn es gerade nicht regnet, sieht Hope Island interessant aus, große Vögel kreisen über der Insel, der Strand leuchtet in der Sonne und Riffe säumen unseren Übernachtungsplatz. Auch für heute gibt es eine Starkwindwarnung, morgens soll es bis zu 30kn (Bft 7) Wind geben und dann abnehmen. Wir segeln trotzdem los. Heute ziehe ich zusätzlich zur Ölhose meine Segelstiefel und die dicke Jacke an, ich habe keine Lust mehr auf nasse Füße und durchgeweichte Ärmel.
Wir kommen schnell voran, der Wind nimmt immer weiter zu. Wir finden, dass der Morgen um 14h eigentlich vorbei ist und der Wind langsam nachlassen könnte, doch wir werden nicht gefragt. Schließlich haben wir durchgängig deutlich über 30kn Wind, mit Böen um die 40kn. Segeln bei 7 bis 8 Bft, eigentlich muss das nicht sein. Der biestige Seegang bricht sich, einzelne Wellen sind deutlich über 2m hoch und sehr steil. Unsere Mari interessiert das alles nicht, mit dem Großsegel im 2. Reff stürmt sie mit 7 Knoten voran, häufig sind wir sogar noch deutlich schneller. Das Vorsegel rollen wir den ganzen Tag nicht aus, das hat heute Pause.
Wir entscheiden uns nicht hinter Cape Bedford zu ankern, die Bucht ist zu flach und unser Ankerplatz wäre weit weg vom Strand in unruhigem Wasser, daher segeln wir 22sm weiter bis Cape Flattery. Obwohl wir erst spät aufgebrochen sind, können wir den Platz noch bei Tageslicht erreichen, so hat der viele Wind auch Vorteile.
Hinter Cape Flattery gibt es zwei Buchten, in der westlichen liegen drei Schlepper und zwei Fischer, es gibt einige Bojen und eine Pier. Die östliche Bucht ist leer, da wollen wir ankern. Ein langer weißer Sandstrand fasst die weite Bucht ein, der Meeresgrund steigt langsam an und wir finden einen ruhigen Platz auf 5m Wassertiefe. War es in Vanuatu oft so tief, dass man etwas suchen musste um einen Platz zu finden der nicht so wahnsinnig tief ist, ist es hier oft sehr flach. In Vanuatu fanden wir, dass 20m eine akzeptable Wassertiefe für einen Ankerplatz sind, hier hinter dem Great Barrier Riff ist es nur selten 30m tief. Um in die Bucht einzufahren holen wir weit aus. Eine sandige Nase zieht sich vom Kap nach Norden, bei 2m brechender Welle sind 4m Wassertiefe nicht viel. Viele Buchten sind sehr flach, so dass man oft weit weg vom Land ankert. Hier hinter Cape Flattery aber, ist es auch für Boote mit viel Tiefgang einfach einen geschützten Platz zu finden.
Wir genießen einen ruhigen Abend im Cockpit. Der Wind heult im Rigg, aber wir bewegen uns kaum. Der Tag, der seglerisch etwas aufregender war als nötig, hat uns mit tierischen Highlights verwöhnt. Mehrfach haben wir Delfine und große Schildkröten gesichtet, eine Schlange ist erschreckt abgetaucht und als Krönung haben wir Buckelwale gesehen. Die Walsichtung war sehr schön, trotz der hohen Wellen konnten wir die Tiere eindeutig ausmachen und sie haben uns ihre Fluken gezeigt. Gerne würden wir sie bei weniger Seegang wiedertreffen. Die Begeisterung bei Tierbegegnungen nutzt sich nicht ab, ich freue mich über jeden Delfin und jede Schildkröte, und Walsichtungen sind einfach toll.

Karten

Es wird Zeit für einige Karten, die euch einen kleinen Überblick geben wo wir unterwegs sind. Ich habe mal wieder gemalt. Alle Karten sind, wie üblich, nicht zur Navigation geeignet und weisen einige Abweichungen zur Wirklichkeit auf, die dem zitternden Bleistift, einer gewissen Ungeduld oder endendem Papier geschuldet sind.
Als Titelbild seht ihr die Route, die wir seit Neuseeland gesegelt sind. Ende des Jahres können wir da hoffentlich eine lange rote Kurslinie Richtung Norden hinein malen. Mal sehen wo wir landen.

In die Karte vom Süden Neukaledonien habe ich nur die ersten beiden Kringel, die wir im September und Oktober gesegelt sind, eingetragen. Danach waren wir noch mehrfach in der Baie de Prony, auf Ilot Laregnere und Mbe Kouen, in der Baie de Papaye und an vielen anderen Plätzen. Diese kürzen Touren habe ich nicht eingezeichnet, sonst wäre es viel zu unübersichtlich.

83 Inseln gehören zu Vanuatu, wir haben nur eine Handvoll besucht. Die rote Linie zeigt unsere Kurslinie durch den Archipel.

Die letzten Etappen habe ich auch unter dem Menüpunkt Route eingefügt.

Kaffee im Bücherregal, Schilder und Flugzeuge

Nobbi liest mir beim Frühstück aus der Zeitung vor. Ein Teddy ist in einem Flugzeug gefunden worden und konnte seinem jugendlichen Besitzer zurückgegeben werden, die Lebenserwartung ist weiter gestiegen, eine Touristin aus Belgien wird vermisst, ein Unschuldiger saß fünf Jahre im Gefängnis, ein Rentner ist an einem Wasserfall in den Tod gestürzt, Camper haben einen Panther gesichtet und an einem Badeplatz im Nationalpark ist ein Krokodil aufgetaucht und hat dafür gesorgt, dass die badenden Touristen auch ganz schnell aufgetaucht sind.
Australien ist auch ein Land der Schilder, insbesondere Warnhinweise gibt es reichlich. Viele sind sicher sinnvoll, viele erscheinen mir ein wenig übertrieben. Mit oder ohne Schild, hatte ich noch nie die Idee Wasser aus einem Teich zu trinken oder bin auf die Idee gekommen Abdeckplatten abzuschrauben, um in einen Installationsschacht zu steigen. Es gibt auch Schilder, die darauf hinweisen, dass die Pikser, die auf dem Zaun sind, damit man da nicht darüber klettert, einen verletzen könnten, wenn man es trotzdem versuchen sollte.

Wir waren wieder im Botanischen Garten, diesmal sind wir mit dem Bus gefahren, hatten noch genug Energie um uns umzusehen und haben von dort eine kleine Wanderung unternommen. Auf dem Hinweg haben wir im Bus gar nichts bezahlt, der Busfahrer war allerdings ziemlich grummelig und wir haben nicht erfahren, weshalb die Fahrt kostenlos war.
Auf dem Wanderweg war es nicht gerade ruhig, weil er am Flughafen vorbeiführt. Wir haben beim Picknick Flugzeuge geguckt und den Stegnachbarn weit draußen segeln sehen, der zwei Stunden zuvor seine Leinen in der Marina gelöst hatte. Während der tolle Wanderweg in Kuranda menschenleer war, war hier richtig was los. Wir müssen uns erst daran gewöhnen, dass man anscheinend nicht grüßt, das kennen wir aus Neukaledonien oder Vanuatu nicht. Viele meiden sogar den Augenkontakt. Umso mehr freuen wir uns, als eine junge Frau uns anlacht „Tilley, ehy!“ Sie winkt mit ihrem Tilley-Hut. Das Tilley-Hut-Träger sich grüßen, steht sogar im Manual (ja, diesen Hut gibt es tatsächlich mit einer Anleitung).


Wir haben genug eingekauft. Eine Liste gibt es nicht, aber die Kaffeepakete im Bücherregal weisen darauf hin, dass die Schränke voll sind. In die letzten leeren Gläser ist süß-saurer Kürbis gewandert und alle befüllten Gläser haben einen sicheren Platz gefunden. Nur der Frischproviant fehlt uns noch und ein bisschen weniger Wind in der Vorhersage wäre nett.