Eine Reise geht zu Ende

Es ist dunkel geworden. Die Vögel, die eben noch in Schwärmen durchs Schilf geflogen sind und dabei ein riesiges Spektakel gemacht haben, scheinen ihre Schlafhalme gefunden zu haben. Die Sterne kommen raus und es wird kalt.
Wir sind tatsächlich angekommen und haben am letzten Platz unserer Reise festgemacht – zuhause. Hier, an der Werft an der Lesum, sind wir vor zehn Jahren losgefahren, hier endet unsere große Reise.

Zwei Tage zuvor (am Freitag, 2. Oktober) sind wir sehr früh aus Norderney ausgelaufen. Der Wecker klingelt um 3:30, kurz nach vier geht es los. Wieder gilt es die unbeleuchteten Tonnen zu suchen, einige beleuchtete geben Orientierung. An der Westecke der Insel wird es ein bisschen ungemütlich. Wind gegen Strom. Eine kleine unruhige Welle hat sich gebildet. Wir biegen nach Osten ab, an der Nordseite der Insel ist das Wasser glatt. Wir lassen die letzte Leuchttonne hinter uns, nun gilt es noch die unbeleuchtete auf der Barre zu finden. Im Dunkeln bei ablaufend Wasser übers Flach zufahren ist ein bisschen aufregend. Wir sind froh, dass wir so früh gestartet sind, noch später hätten wir nicht an der flachsten Stelle sein wollen.
Es knistert im Funkgerät „Marisol“. Ein Windpark-Schiff überholt uns mit 25 Knoten. Wie nett, dass er sich gemeldet hat. Wir waren so auf die Tonne vor uns konzentriert, dass wir nicht gemerkt haben, wie er sich von achtern nähert.
Die Sonne geht auf und wir motoren ganz gemütlich nach Osten. Der Wind ist eingeschlafen. Ab und zu passieren wir eine Tonne. Die Fahrwasser zwischen den Inseln biegen südlich von uns ab, im Norden ziehen die Frachter vorbei.
Als wir das Fahrwasser der Jade queren, kommt uns ein Frachter entgegen, der aus der Weser kommend in die Jade einbiegt, wir machen einen Schlenker, um deutlich zu zeigen, dass wir ausweichen.
Der Leuchtturm Roter Sand ist schon seit 1986 nicht mehr in Betrieb, aber ein besonders schönes Wahrzeichen. Er steht in der Außenweser, an der Einfahrt nach Bremerhaven und Bremen. Auf Höhe des Leuchtturms kommt Burkhard mit seiner „Nessaja“ aus dem Unterholz. Er ist morgens in Helgoland abgefahren und hat sich vorgenommen uns auf den letzten Meilen zu begleiten. Das rührt uns, so eine nette Geste. Dass Burkhard nebenbei einen anderen Segler abschleppt, der einen Elektromotor aber nicht genügend Batterie hat, ist typisch für Burkhard. Immer nett und hilfsbereit.
War es morgens noch kühl wird es nun richtig warm. Wir tauschen den Faserpelz gegen kurze Hosen. Was für ein unglaubliches Wetter! Nobbi setzt unsere Flaggen. Gestern haben wir alle Gastlandflaggen der Länder, die wir besucht haben, zusammengeknotet. Nun wehen sie an unserem Vorstag.
Bremerhaven hat eine 5 km lange Containerpier, Freizeitboote können sich, gewissenmaßen auf dem Fußweg, außerhalb der Tonnen daran vorbeischleichen. Das ist praktisch, da vor der Pier gerade ein großes Containerschiff gedreht wird.
Nun müssen wir nur noch durch die Schleuse in den neuen Hafen fahren. Susanne steht auf der Pier, Burkhard fährt mit uns zusammen in die Schleuse, meine Eltern winken vom Schleusentor. Plötzlich ist auch Egon da. Wir suchen uns einen Platz im Hafen, stoßen mit Sekt an und gehen gemeinsam Fisch essen. Ganz vielen Dank für den schönen Empfang!
Völlig übermüdet fallen wir in die Kojen und lassen es Samstag ruhig angehen. Abends treffen wir uns noch auf ein (oder zwei) Bier in einer Kneipe.
Am Sonntag brechen wir zur letzten Etappe auf. Wir wären gerne noch ein paar Tage in Bremerhaven geblieben, doch ab Montag ist die Schleuse gesperrt. Die Saison ist vorbei und es wird Zeit für Wartungsarbeiten. Wir könnten uns kein schöneres Herbstwetter wünschen. Es ist sonnig und warm. Die 14 Uhr- Schleuse ist mit neun Booten und einem Ausflugsschiff rappelvoll, aber es geht sehr ruhig und freundlich zu. Sehr sympathisch, diese Bremer Segler. Susanne und Egon stehen wieder auf der Schleuse und winken.
Die letzten Flusskilometer zwischen Bremerhaven und Bremen sind nicht die schönsten der Weser. Hier ist sie zum Teil zwischen stark befestigten Ufern eingezwängt, Häfen, Industrieanlagen und Kraftwerke säumen das Ufer. Die Weser ist unsere Lebensader. Doch das goldenes Nachmittagslicht lässt die Herbstlandschaft leuchten. Das Wasser glitzert, die ersten Bäume beginnen sich zu verfärben und im weichen Licht sieht sogar das Kraftwerk schön aus. In den kleinen Nebenarmen liegen Boote, vor uns fährt die „Großherzogin Elisabeth“, ein Großsegler. Die Menschen genießen den sonnigen Nachmittag am Fluss, gehen mit ihren Hunden spazieren oder angeln. Und, wir sehen sogar Reiter am Weserstrand. Ein Seehund guckt neugierig, Seevögel sitzen auf den Tonnen, Zugvögel sammeln sich auf den Wiesen.
Als die Sonne untergeht, sind wir schon fast zuhause. Wir biegen von der Weser in die Lesum ein, meine Eltern winken vom Ufer. Mit zweimaligem Tuten bitten wir um Öffnung des Sperrwerks. Die Brücke hebt sich und wir können hindurchfahren. An der Werft werden wir erwartet und unsere Leinen angenommen. Was für eine schöne Ankunft.
Den letzten Abend verbringen wir ganz ruhig im Cockpit und sehen dabei zu, wie es dunkel wird.

Inzwischen sind wir schon eineinhalb Wochen zu Hause. Die Tage sind sehr schnell vergangen. „Marisol“ steht inzwischen in der Halle, bereit für Wellness-Kur und Winterschlaf. Die Waschmaschine läuft im Dauerlauf, Dinge, die einsortiert und weggeräumt werden möchten, stapeln sich.
Endet der Blog an dieser Stelle? Fast. Wir werden ein Resümee ziehen, die Statistik mit euch teilen, die Webseite vervollständigen und berichten, wie es mit „Marisol“ weitergeht. Wir haben uns fest vorgenommen euch in einigen Monaten wissen zulassen, wie es ist, nach so langer Zeit wieder ins Landleben zu schlüpfen.
Und, weil wir so oft gefragt wurden, ob wir weiterschreiben, wenn wir wieder losfahren: Falls wir wieder losfahren, werden wir wieder darüber berichten.

Bis hierhin möchten wir uns bei euch für eure Begleitung danken. Es war uns eine große Freude unsere Erlebnisse mit euch zu teilen. Wer wissen möchte, was bei uns los ist oder wie es uns geht, muss uns besuchen, anrufen, schreiben oder eine Brieftaube senden.

Egon, Susanne, Burkhard und Nicola haben einige der Fotos gemacht. Danke!

Leuchtturm Roter Sand.
Die Weser hat sehr schöne und verschiedene Leuchttürme. Dies ist Robbenplate.
Leuchtturm Hohe Weg.
Leuchtturm Robbennordsteert.
Burkhard begleitet uns mit seiner Nessaja!
Nobbi setzt den TO-Stander in der der Weltumsegler-Edition mit dem Stern!
Die Gastlandflaggen werden am Vorstag gesetzt.
Mari mit Flaggen auf der Außenweser. Foto: Burkhard.
Die auflaufende Tide schiebt uns nach Bremerhaven.
Seehunde in der Sonne.
Ein großes Containerschiff wird gedreht.
Die „Skyline“ von Bremerhaven.
Simon Loschen Leuchtturm Bremerhaven.
Susanne wartet auf der Pier.
Otti mit dem Schild!
Die Deutschland hat über die Toppen geflaggt. Vielleicht nicht nur für uns.
Im neuen Hafen in der Lloyd-Marina.
Angekommen in Bremerhaven.
Wir verlassen Bremerhaven, um die letzte Etappe zurückzulegen.
Die Flaggen wehen am Vorstag.
Das Weserufer im Abendlicht.
Ponys am Weserstrand.
Bei der Einfahrt in die Lesum wird es schon dunkel.
Nebel auf der Lesum.
Der letzte Morgen an Bord verwöhnt uns noch einmal.
Mit diesem und ähnlichen Büchern hat alles begonnen. Nun liest Nobbi wieder „Komm wir segeln um die Welt“. Was bedeutet das?
Zu Fuß sind wir vor zehn Jahren von unserer Wohnung zum Boot gegangen, zu Fuß laufen wir nun über den Deich vom Boot nach Hause.