Nach Boulogne-sur-Mer sind es 50 Seemeilen. Um sieben Uhr wollen wir losfahren. Umgeparkt haben wir bereits am Abend vorher. Nicht, um eine bessere Startposition zu haben, sondern weil es an unserem Liegeplatz doch sehr flach wurde. Das Niedrigwasser am Morgen unserer Abfahrt sollte weitere 50 cm niedriger ausfallen, da hätten wir aufgesessen. Bei unserer Abfahrt ist es richtig kalt. Unser Nachbar misst sieben Grad. Brr.
Zunächst ist weniger Wind als erhofft, nur dadurch, dass der Strom uns schiebt, kommen wir trotzdem gut voran. Es weht genau von achtern, die Fock schlackert herum und das nervt. Schließlich dreht der Wind leicht westlich und Mari zieht los. So macht das Segeln Spaß. Endlich segeln wir mal wieder ungerefft. Nachmittags nimmt der Wind weiter zu und wir sind flott unterwegs. Die Einfahrt nach Boulogne ist dann interessant. Da der Seegang von der Mole reflektiert wird, ist es recht kabbelig und natürlich haben wir genau hier die stärksten Böen des Tages. Wir binden ein Reff ein, so ist die Halse in der Hafeneinfahrt auch etwas entspannter. Im Vorhafen bergen wir die Segel und fahren in den Hafen.
Auch in Boulogne ist viel Platz. Die Möwen haben die Stege in Besitz genommen. Wir sehen nicht viel vom Ort, abgesehen von den heißen Duschen, und fahren am nächsten Vormittag weiter nach Dunkerque.


Im Kanal zum Vorhafen kommen uns zwei Seehunde entgegen geschwommen. Dann erwischt uns ein heftiger Schauer beim Segel setzen. Wir sind begeistert, dass wir frischen Segelwind haben und die Wellen in der Hafeneinfahrt schütteln uns ordentlich durch. Mari trabt los. Kurs Kap Grisnez. Leider ist der Spaß nach drei Meilen vorbei. Nach dem nächsten Schauer nimmt der Wind ab und dreht genau auf die Nase. Wir schmeißen die Maschine wieder an.
Der Himmel reißt auf, an Steuerbord liegt Kap Grisnez in der Sonne, an Backbord leuchten Englands Kreidefelsen. Dazwischen liegt die Straße von Dover, dort tummeln sich die großen Schiffe. Der Strom schiebt mit bis zu vier Knoten, wir sind mit knapp neun Knoten unterwegs. Nach der Rundung des Kaps nähern wir uns der Einfahrt nach Calais. Eine Fähre läuft nach Calais ein, eine macht sich auf den Weg über den Kanal nach Dover. Wir queren die Einfahrt, bevor die nächsten Fähren kommen. An der Westtonne nördlich der Einfahrt liegt die „Abeille Normandie“, ein großer Bergungsschlepper. Wir beschließen uns zwischen Tonne und Schlepper durchzumogeln. Als wir neben dem Schlepper sind, stellt er gerade übungsweise seine Feuerlöschpumpen an. Mit dem Löschstrahl könnte er Mari sicherlich versenken.
Immer wieder sehen wir Seehunde, die neugierig aus dem Wasser schauen. Unser Marisol-Vokabular wird erweitert. Zu den Tigertonnen (Sammelbegriff für gelb-schwarze Kardinaltonnen) und Flugbojen (Möwen, die man für eine Boje hält, bis sie abheben) kommen nun Tauchbojen (Robben, die man für eine Fischerboje hält, bis sie abtauchen).
Aus der Westeinfahrt nach Dunkerque kommt nur ein Fischer, der erst im Hafenbecken fischt und dann im Fahrwasser. Der riesige Gastanker parkt zum Glück erst aus, als wir die Zufahrt lange passiert haben. Kurz vor der östlichen Einfahrt stoppen wir auf. Ein Bulki wird ausgeschleust und verlässt den Hafen. In der Hafeneinfahrt drehe ich mich um, ich will sehen, was der große Schlepper hinter uns macht, und erschrecke sehr, ein Seehund guckt mich mit seinen Kulleraugen an. Die Viecher machen einfach gute Laune, fast wie Delfine.
Als wir die Marina anfunken, bekommen wir sofort eine Antwort und können im Port du Grand Large festmachen. Dunkerque ist unser letzter Hafen in Frankreich und der erste in der Nordsee.
Dank des starken Stroms waren wir im Schnitt mit über sieben Knoten unterwegs. Irgendwie rennt Mari, vermutlich macht es sich bemerkbar, dass wir leichter werden.
Abends mache ich noch einen Spaziergang an den Strand und halte die Füße in die Nordsee. Wir waren ja auch lange nicht am Meer…













Dunkerque oder Dünkirchen ist eine erstaunlich sehenswerte Stadt. An der langen Promenade am Strand stehen ganz hübsche und vor allem unterschiedliche Häuser und Villen. In der Stadt gibt es einige geschichtsträchtige und beeindruckende Gebäude. Der Belfried wurde 1233 erbaut und im 15. Jhd. aufgestockt, die Saint-Eloi Kirche liegt direkt gegenüber, das Hafenmuseum ist in einem ehemaligen Tabakspeicher untergebracht und mein Lieblingsgebäude ist das verspielte Rathaus. Die vielen Hafenbecken und ihre Brücken unterteilen die Innenstadt, die Museumsschiffe bieten einen Blickfang. Die Stadt wurde im zweiten Weltkrieg zu 90 % zerstört. Neben der abgeblätterten Nachkriegsarchitektur gibt es aber viele moderne, spannende Wohngebäude mit außergewöhnlichen Formen und Farben. Ein gewisser Aufbruch ist spürbar.
Im Hafenmuseum lernen wir, dass der Hafen nach dem Krieg zunächst gar nicht wieder aufgebaut werden sollte. Heute er der drittgrößte Hafen Frankreichs reicht 17km an der Nordsee entlang. Durch die Osteinfahrt passen auch die ganz großen 400m langen Containerschiffe. Im Museum lernen wir auch Jean Bart kennen, er ist gewissermaßen das französische Pendant zu Francis Drake. Er war ein Pirat im Auftrag Ludwig XIV. und hat, vor allem den Engländern, das Fürchten gelehrt.
Das Hafenmuseum hat uns sehr gut gefallen. Ein tolles, modernes Museum, das die Geschichte der Stadt und seines Hafens beschreibt. Die „Duchesse Anne“, der große Dreimaster, der vorm Museum liegt, wurde 1901 in Bremerhaven als Großherzogin Elisabeth gebaut. Einige an Bord waren sich gleich sicher, dass es sich nur um einen Tecklenborg-Rumpf handeln kann.
In Dünkirchen hätten wir noch ein wenig Zeit verbringen können, nicht nur wegen der netten Begegnungen und langen Abende mit anderen Seglern, auch wegen der interessanten Stadt. Übrigens, der Nahverkehr ist hier kostenlos und bringt einen nicht nur durchs Stadtgebiet, sondern sogar bis an die belgische Grenze.











