Durchs Alderney Race nach Cherbourg und weiter nach Le Havre

Zwischen dem Kap de la Hague und den Kanalinseln, genauer Alderney, liegt das Alderney Race, eine für seine Strömungen berühmt-berüchtigte Wasserstraße. Bei gutem Wetter ist es hier kabbelig, es entstehen Strudel und unangenehmer Seegang. Bei schlechtem Wetter möchte man hier nicht sein, dann türmen sich hohe Wellen auf, die auch für große Schiffe gefährlich werden können.
Der Revierführer empfiehlt, bei Slack, also wenn der Strom kentert, am Beginn des Race zu sein. Das bedeutet, dass man bei Gegenstrom aus St. Peter Port auslaufen muss. Ortszeit Viertel nach fünf, um Viertel nach sechs deutscher Zeit, zeigt sich gerade ein heller Streifen am Horizont. Wir verlassen den Hafen und spüren bald den Gegenstrom. Im Little Russel, der Wasserstraße zwischen Gurnsey und Herm, kommen wir nur mit drei Knoten voran. Kaum haben wir die engste Stelle passiert, nimmt unsere Geschwindigkeit wieder zu und schon viel früher als erwartet, haben wir leichten Strom mit. Die Sonne geht auf, Alderney liegt voraus, der mitlaufende Strom setzt sein, das Wasser ist glatt und bildet kleine Strudel, wir werden immer schneller und die flotte Fahrt macht richtig Spaß. Bis zu sieben Knoten Strom und eine Geschwindigkeit von bis zu zwölf Knoten über Grund beobachten wir. Da der Strom nicht genau von achtern, sondern schräg von hinten kommt müssen wir ordentlich vorhalten.
Kurz vorm Kap de la Hague nimmt zwar unsere Geschwindigkeit nicht ab, jedoch die Lustigkeit. Hier hat sich ein wirrer Seegang ausgebildet. Die Wellen sind gar nicht so hoch, aber sehr steil. Unsere Geschwindigkeit durchs Wasser nimmt auf unter vier Knoten ab, trotzdem sind wir mit zehn bis elf Knoten unterwegs. Wir müssen uns gut festhalten, Mari hüpft in alle Richtungen. Als wir das Kap mit der wenig malerischem Atommüllaufbereitungsanlage hinter uns lassen, ist das Wasser plötzlich schlagartig wieder glatt. Mit zehn Knoten gleiten wir mühelos auf Cherbourg zu. Kurz vor der Einfahrt in den riesigen Vorhafen ist der Strom weg. Eine Punktladung.
Auf Guernsey gab es richtige Vollmilch, mit einem Fettanteil von 5 %. Diese Milch haben wir im Geschaukel vorm Kap de la Hague zu Butter geschlagen. Das dürfte eine eher ungewöhnliche Art der Buttergewinnung sein, dass man gleich das ganze Schiff schüttelt.
Am nächsten Morgen (Mittwoch) heißt es Abschied nehmen, Freunde ziehen weiter, wir bleiben in Cherbourg. Das ist ein bisschen traurig, weil es so nett war. Gleichzeitig freuen wir uns, sie sind auch Bremer und wir werden uns bald wiedersehen.
Wir spazieren durch Cherbourg sehen uns die beeindruckende Basilika Sainte Trinité an, erfahren in der Regenschirmfabrik, dass das Einsteigermodell 280 Euro kostet und besuchen das Thomas Henri Museum. Der Sammler schenkte seine Gemälde der Stadt zunächst anonym. Die gegründete Stiftung erweiterte die Sammlung und weitere Bürger der Stadt schenkten Kunstwerke. Die Sammlung umfasst Werke aus ganz verschiedenen Epochen von Kirchlichem aus dem 14. Jhd., über riesige Seestücke bis zu vielen Gemälden aus dem 19. Jhd.
Donnerstagmorgen ist es grau und es nieselt. Die Lust loszufahren ist begrenzt. Wir motoren in eine graue Nieselwand. Im riesigen Vorhafen setzen wir Segel. Der Wind kommt zunächst genau von achtern. Wir schalten den Motor ab und wollen uns gerade einer Tasse Tee widmen, da stellen wir fest, dass unsere Großschot gebrochen ist. Vom Drahtstropp, der Großbaum und Talje verbindet, stehen drei Kardeele ab, die verbliebenen vier werden sich wohl auch gleich verabschieden. Provisorisch baut Nobbi einen neuen Draht an, so können wir erstmal weiter segeln.
Wir nähern uns dem Leuchtturm von Gatteville und der Strom setzt, wie geplant ein. Als wir das Pointe de Barfleur runden, kommen wir mit fast zehn Knoten voran und freuen uns über die schnelle Fahrt. Auf Raumschotskurs geht’s nun mit frischem Wind immer geradeaus nach Le Havre. Diese Bedingungen liegen Mari, ordentlich Wind schräg von achtern. Sie stören auch die Schauer nicht. Ich steuere von Hand und freue mich, dass der Regen von hinten kommt. Navigatorische Schwierigkeiten gibt es nicht, nur der Schiffsverkehr sorgt für Abwechslung. Gleich zwei große Containerschiffe lassen sich treiben, während sie auf ihren Liegeplatz in Le Havre warten, ein paar kleine Tanker kommen vorbei und die Fähre aus England überholt uns. Erst als wir das Fahrwasser nach Le Havre schon fast erreicht haben, setzt leichter Gegenstrom ein und der Wind nimmt ab. Plötzlich erklingt ein komisches Geräusch hinter uns, eine neugierige Kegelrobbe schaut uns interessiert an und schwimmt ein paar Meter hinter uns her, bevor sie wieder abtaucht. Das war ein schöner Segeltag! Über 70 Meilen und es hat sich gar nicht so lang angefühlt.
Einen Tag bleiben wir in Le Havre liegen, waschen Wäsche, reparieren die Großschot, kleben Segelstiefel und machen einen Spaziergang. Anders als Saint Malo wurde Le Havre nach dem Krieg nicht nach historischem Vorbild wieder aufgebaut, sondern als eine moderne Stadt aus Beton errichtet. Durch einheitliche Gebäudehöhen und abwechslungsreiche Fassaden entsteht trotzdem ein angenehmer Gesamteindruck. Besonders positiv fallen uns die viele Radwege und die tollen Kunstwerke auf.

Über den Felsen nördlich von Herm geht die Sonne auf.
Im Alderney Race ist das Wasser glatt, aber es bilden sich Strudel.

Cherbourg:

Le Havre:

Die Möwen öffnen die Miesmuscheln, in dem sie sie aus einigen Metern Höhe auf die Stege fallen lassen.