Wieder geht es zeitig los. Wir verlassen Jersey und machen uns auf den Weg zur Nachbarinsel Guernsey. Die Überfahrt ist angenehm und wir freuen uns über Delfinbegleitung.
Mit den Kanalinseln ist es kompliziert. Sie gehören nicht zum Vereinigten Königreich, sondern sind Kronbesitzungen und direkt der britischen Krone unterstellt. Die Kanalinseln bestehen politisch aus zwei unabhängigen Vogteien: Jersey und Guernsey. In Saint Peter Port müssen wir fürs „Bailiwick of Guernsey“ ein eigenes Zollformular ausfüllen. Das ist schnell erledigt, der Zettel wird einfach in den gelben Briefkasten vom Zoll eingeworfen, dann darf man die gelbe Q-Flagge runternehmen.
Übrigens gelten die Kanalinseln als der Ort mit dem besten Wetter Englands. Die Franzosen sagen, das liegt daran, dass die Inseln nicht in England liegen… Uns verspricht die Wettervorhersage windige Tage, daher bezahlen wir gleich für fünf Nächte und ziehen am ersten Abend noch in den geschützteren Innenhafen um. Wir bekommen den gleichen Liegeplatz wie vor zehn Jahren, mit unserem vergleichsweisen großen Tiefgang kommen auch nicht viele Plätze in Frage, der Hafen ist ziemlich flach.
Die Kanalinseln haben eine lange und wechselhafte Geschichte. Die
Neandertaler lebten dort schon vor 250000 Jahren. So weit wollen wir aber nicht zurückgehen. Ich bin schon beeindruckt, dass der „Welcomer“ in der Kirche erzählt, dass seine Vorfahren 1066 England erobert haben. Im Mittelalter gehörten diese Inseln, und somit auch die Ahnen des Welcomers, zum Herzogtum Normandie und Herzog Wilhelm siegte in der Schlacht von Hastings, was ihm den Namen Wilhelm der Eroberer einbrachte. Beeindruckt bin ich nicht von dem geschichtlichen Schlamassel 1066 sondern davon, dass der Welcomer weiß, was seine Urväter vor 1000 Jahren gemacht haben. Nun möchte manch einer gar nicht wissen, was die Urväter vor, sagen wir, 85 Jahren gemacht haben. Die Verstrickung in 1000 Jahre zurückliegende Kriegsgeschehen ist für die Familiengeschichte attraktiver und zumindest typisch britisch.
Die sehenswerte Kirche stammt aus dem 15. Jhd. und ist uns zunächst durch ihr Glockengeläut aufgefallen, Donnerstagabend wird das Läuten der Glocken geübt. Dank eines englischen Seglers mit einer Leidenschaft für Kirchenglocken, mit dem wir viel Zeit in Vanuatu verbracht haben, wissen wir einiges über die Tradition des Wechselläutens in England. Wenn mehrere Menschen gemeinsam die Glocken läuten, muss das natürlich geübt werden. In der hiesigen Town Church findet das donnerstags statt.
Wir spazieren durch St. Peter Port und kommen am Victoria Tower vorbei. An der Tür hängt ein Schild, dass man den Schlüssel im Museum bekommen kann. Also nichts wie hin. Wir bekommen den Schlüssel ausgehändigt und laufen wieder zum Turm. Eine schmale Wendeltreppe führt hinauf aufs Dach. Von hier haben wir einen tollen Ausblick über den Hafen und die Insel.
Ein schöner Wanderweg führt an der Küste Guernseys entlang nach Süden. Oberhalb des Wegs können wir einige Villen erahnen, unter uns liegen felsige kleine Buchten.
Mit dem Bus fahren wir am nächsten Tag in den Westen der Insel. Als wir aus dem Bus steigen, türmen sich dunkle Schauerwolken über dem Meer auf. Da kein Unterstand in Sicht ist laufen wir einfach los und nach einem kurzen Schauer reißt der Himmel auch wieder auf. Die kleine Insel Lihou ist bei Niedrigwasser trockenen Fußes erreichbar. Ein schöner Spazierweg führt uns um die Insel. Ein paar Mauerreste aus dem 12. und 14. Jhd. erinnern an ein Kloster, sonst gibt es hier nur ein Haus, viele Vögel, Felsen und trockene Wiesen. Die Stimmung ist ein wenig wehmütig, nicht nur der Sommer, auch unsere Reise neigt sich dem Ende zu.
An unserem letzten Tag auf Guernsey findet ein Autorennen statt. Der Start ist in Hörweite des Hafens, sodass wir natürlich angelockt werden und es uns ansehen. Es kommen schnelle Rennwagen zum Einsatz, aber auch manch ein Familien-Fiesta wird den Berg hochgejagt.
Gesellschaftlich ist Guernsey ein Highlight. Wir werden auf einem Nachbarboot zu einem sehr englischen Tea-Time eingeladen und schnell ist klar, dass wir einander mögen. Lange Abende und viele Gespräche auf dem Steg folgen. Ein Segler will nachmittags nur mal Hallo sagen und bleibt bis nach Mitternacht, mit einem Paar verbringen wir einen fröhlichen Abend. Wir freuen uns, hier so viele interessante und nette Menschen zutreffen.
























