Tréguier und Saint Quay Portrieux

Tréguier hatte uns schon vor zehn Jahren gefallen. Die Stadt ist sehr alt: 535 wurde der Ort das erste Mal erwähnt. Das gegründete Kloster wurde zerstört, die Stadt aufgegeben, eine neue Kathedrale wurde erbaut, von der nur ein Turm erhalten ist. Der Bau der heutigen Kathedrale wurde 1339 begonnen. Ungewöhnlich ist die durchbrochene schlanke Turmspitze aus dem 18. Jhd, die man schon von weitem sieht.
Eine kleine Wanderung führt uns entlang des kleinen Flusses le Guindy und über schmale Wirtschaftswege. Auf dem Rückweg machen wir einen Abstecher zu Super U, kaufen ein und legen die letzten 1,5 km entsprechend schwer beladen zurück.
Abends gibt es in vielen Bars Live Musik, auch am Hafen wird tolle Musik gespielt. An einem Vormittag findet ein großer Flohmarkt statt. Nobbi liebäugelt mit einer traditionellen Ankerlaterne, doch die ist so schwer, dass wir verzichten.
Eine zweite kleine Wanderung bringt und auf die andere Seite des Flusses. Teile des Weges kann man bei Hochwasser nicht laufen. In den Kastanienbäumen hängt Seetang von der letzten Flut. Der Rückweg zieht sich, überall am Wegesrand wollen Brombeeren von mir geerntet werden.
Es ist Springzeit, die Ebbe fällt besonders niedrig, die Flut besonders hoch aus. Der Tidenhub, also der Unterschied zwischen Ebbe und Flut, beträgt ganze neun Meter. Dadurch ist auch die Strömung auf dem Fluss besonders stark. Die Marina liegt in einer Flussbiegung mitten im Fluss und wir mitten in Strom. Ein bis zwei Stunden nach Hochwasser gurgelt das Wasser unter uns durch. Neben den Booten bilden sich kleine Strudel, Boote mit tiefen Kiel (wie Mari) legen sich leicht auf die Seite. Es ist nicht daran zu denken die Festmacherleinen durchzusetzen oder gar auszulaufen.
Extrapunkte gibt es für den Bäckerservice. Man kann im Hafenbüro Baguette und Schoko-Croissants bestellen und sie am nächsten Morgen dort abholen.

Wir können nur bei Hochwasser aus Treguier ausparken. Doch an der Küste setzt der Ost setzende Strom erst nach Niedrigwasser ein. Eigentlich wollen wir wieder ankern. Diesmal passt es nur zeitlich nicht so gut. Das Niedrigwasser kommt so spät, dass wir dann im nächsten Hafen erst im Dunkeln ankämen. Also wollen wir eine Nacht ankern und am nächsten Morgen weiterfahren. So ganz überzeugt sind wir vom ausgesuchten Ankerplatz nicht. Dort scheinen Austernbänke zu sein, wir bräuchten bei 9m Tidenhub recht viel Ankerkette, der Ankerplatz scheint nicht so geschützt zu sein und der Wetterbericht verspricht eine windige Nacht. Wir fragen die Franzosen um uns herum, die ebenfalls aufbrechen, wo sie hinfahren. Viele wollen in die gleiche Richtung. Auf die Frage, ob sie den Gegenstrom ignorieren, bekommen wir die Antwort dann seien wir eben langsamer.
Wir legen ab, genießen die Flussfahrt und halten Ausschau nach den grünen Fahrwassertonnen, die die östliche Ausfahrt markieren. Der Gegenstrom verlangsamt unsere Fahrt. Kurz bevor wir die engste Stelle erreichen, taucht ein Nieselschauer die Welt in gleichmäßiges Grau. Das kann doch nicht sein! Nebel oder Nieselregen, immer an den engsten Stellen!
Vor uns fährt ein französisches Boot, hinter uns ein englisches. Wir finden die Tonnen und hangeln uns daran entlang bis zum Leuchtturm. Es hört auf zu nieseln, die Sicht wird besser, der Strom nimmt zu und wir werden langsamer. Wir segeln inzwischen. Die Wellen werden höher, wir schaukeln und kommen nur mit zwei Knoten voran. Irgendwann wird es besser, wir freuen uns, das Schlimmste hinter uns haben. Das entsprach leider nicht der Wahrheit. Der Wind frischt auf, wir segeln mit sechs Knoten, leider nur durchs Wasser. Über Grund sind es nur ein bis zwei. Den Booten um uns herum ergeht es nicht besser. Solange es nicht schlimmer wird… Irgendwann muss der Strom doch mal abnehmen. Vor uns sehen wir ein Feld stehender weißer Wellen, das wir umfahren können. Hinter einer Untiefe sind die Wellen plötzlich weg. Zwar haben wir immer noch Gegenstrom, aber das Wasser ist glatt, das Segeln macht wieder Spaß. Wir sind einfach nur langsamer. So hatten wir uns das vorgestellt. Die Etappe gegen den Strom, und dann auch noch zur Springzeit, zu segeln, war doch keine so gute Idee. Machen wir nicht wieder.
Abends ist der Strom dann wieder auf unserer Seite und setzt uns vorm Hafen von Saint Quay Portrieux ab. Der Hafenmeister empfängt uns mit dem Schlauchboot und bringt uns zu unserem Platz.

Freunde machen gerade ganz in der Nähe Urlaub. Als sie hören, dass wir St. Quay Portrieux angelaufen sind, schwingen sie sich aufs Fahrrad und besuchen uns. Was für eine nette Überraschung!
Unser zweiter Tag vor Ort soll ein Regentag werden, also Zeit für Bordarbeiten. Als ich mit der frischgewaschenen Wäsche aus dem Waschsalon komme, geht die Welt unter. Ich stelle mich unter, die Wäsche ist im Gegensatz zu mir wasserdicht verpackt. Nachmittags reißt es auf, die Sonne scheint und wir wollen die Küste entlang spazieren. Da meine Jacke vom Vormittagsschauer noch klatschnass ist (auch von innen), hole ich meine Schwerwetterjacke raus und muss feststellen, dass sie nicht gut gealtert ist. Die Verschweißung der Nähte hat sich abgelöst.
Auf dem Weg zur Post kommen wir an einem Segelladen vorbei, der eine Jacke, die mir passt und gefällt, im Angebot hat. Das ist ein Zeichen. Auf unserem ausgedehnten Spaziergang durch den Ort, in die Kirche und entlang der Küste, trage ich nun zwei Ölzeug-Jacken in der Tüte überm Arm, die alte und die neue. Inzwischen ist es so warm, dass ein T-Shirt völlig ausreicht.
In Binic, dem nächsten Ort, ist Markt. Wir nehmen den Bus und stürzen uns ins Getümmel. Der Markt ist toll, es riecht nach leckerem Essen, es gibt bretonische Kunst und Gemälde, Sommerkleidung, Dekoartikel und super saugfähige Schwämme. Wir brauchen aber gar nichts. Unsere Freunde verbringen einen Teil ihres Urlaubs hier auf dem Campingplatz. Gemeinsam genießen wir den Sommertag. Anschließend laufen wir zurück nach St. Quay Portrieux. Wir nehmen nicht den Wanderweg entlang der Küste, sondern schmale Straßen und idyllische Wege zwischen Feldern, Wäldern und durch kleinere Wohnstraßen. In einem Strand-Café legen wir eine Pause ein und essen einen Galette complète, einen Buchweizen Crêpe mit Käse, Schinken und Ei. Beim Einkauf im Supermarkt haben wir schon sehr platte Füße, zum Glück geht’s zum Boot nur noch bergab.