Neun Tage nach unserer Abfahrt von Ponta Delgada sind wir in Vigo in Spaniens Nordosten angekommen. Dort wollten wir eigentlich gar nicht hin, doch das Wetter hat uns gewissermaßen umgeleitet.
Bei der Abfahrt von Ponta Delgada weht ein frischer Nordwind. Direkt hinterm Hafen können wir Segel setzen und folgen der Südküste der Insel Sao Miguel nach Osten. Mehrere befreundete Boote sind zeitgleich ausgelaufen und wir machen uns als kleine Flotte auf den Weg. Bevor wir den Windschatten der Insel verlassen, wird es ein wenig mühsam. Ab und zu ist der Wind ganz weg, dreht, kommt aus einer anderen Richtung wieder. Manchmal kann ein Boot segeln, ein anderes hundert Meter davor nicht. Schließlich motoren wir alle ein paar Seemeilen, bis wir wieder segeln können. Abends wird es östlich von Sao Miguel zunächst ungemütlich, es weht stärker als gedacht und die Wellen sind steil. Nach einigen Stunden werden die Bedingungen angenehmer. Unsere kleine Flotte zieht sich schnell auseinander, die großen Boote sind viel schneller, ein Hecklicht können wir die ganze Nacht sehen und mitten in der Nacht überholen uns Freunde, mit denen wir über Funk sprechen.
Am Morgen des zweiten Tages ist es flau und so wird es, bis auf eine windige Episode kurz vor Ankunft, auch bleiben. Zweimal, an Tag zwei und an Tag sieben, motoren wir einige Stunden. Ansonsten segeln wir mit dem wenigen Wind so gut es geht. Meistens hart am Wind. Nur an Tag vier, kommt der Wind schräg von achtern. Wir baumen die Fock aus, dann schlägt sie nicht, wenn es wieder flau wird.
Mit einem leisen „Plong!“ bricht der Lümmel. Der Lümmelbeschlag verbindet Mast und Baum. Der Bolzen ist uns schon einmal gebrochen, glücklicherweise hatten wir damals Ersatz und haben den alten dann in Horta schweißen lassen. Nach einer halben Stunde haben wir es geschafft den Lümmel zu ersetzen. Schön, wenn so eine Baustelle nicht nachts oder bei viel Wind auftritt!
Nachdem wir uns damit abgefunden haben, dass uns ein riesiges Windfeld mit starkem Nordostwind den Weg in die Biskaya versperrt, ist die Stimmung an Bord entspannt. Dann segeln wir eben nach Portugal oder Spanien. Wir können gut schlafen und kochen, die Tage vergehen mit Lesen, Podcasts und aufs Wasser schauen.
Morgens beim Kaffeetrinken meldet Nobbi einen Wal. Zunächst beobachten wir eine größere Gruppe etwas weiter entfernt. Dann kommen drei Wale zu uns und schwimmen eineinhalb Stunden mit uns. Sie sind deutlich länger als Mari, vielleicht 15 Meter? Mal tauchen sie Steuerbord mal Backbord auf. Meistens kommen sie dreimal zum Atmen an die Oberfläche und tauchen dann für ein paar Minuten ab. Sie queren dicht vor unserem Bug, überholen uns, lassen sich zurückfallen. Wir können uns gar nicht satt sehen. Eine Befragung unserer Walbestimmungsbücher deutet auf Finnwale hin. Noch nie haben wir Wale so in Ruhe ansehen können. Eine Begegnung, die wir immer erinnern werden.
Am vorletzten Tag nimmt der Wind zu. Zunächst ist das erfreulich, wir kommen flott voran. In der Nacht und am Morgen weht ein kräftiger Wind, leider aus Nordost. Die Wellen werden steiler und wir durchgeschüttelt. Wir binden das zweite Reff ins Groß und fallen etwas ab. So lässt es sich aushalten. Vor der iberischen Küste ist viel Schiffsverkehr. Erst treffen wir auf die Frachter, die nach Süden fahren, dann queren wir den Verkehr nach Norden. Nun trennt uns nur noch das Orca-Wohngebiet von der Küste. Normalerweise gehört die Sichtung von Orcas zu den Highlights für Segler. Vor der iberischen Halbinsel gilt das nicht. Seit einigen Jahren haben einige Tiere ein merkwürdiges Hobby entwickelt, sie rammen Segelboote und beißen in die Ruder oder brechen sie ab. Für uns Segler ist das alles andere als lustig. Viele Boote wurden schwer beschädigt und mussten manövrierunfähig in den Hafen geschleppt werden, einige sind sogar gesunken.
Am frühen Nachmittag schläft der Wind komplett ein. Wir starten den Motor und erleben, wie sich im Abendlicht die spanische Küste aus dem Dunst schält. Immer wieder sehen wir Delfine. Sie springen aus dem Wasser, kommen kurz bei uns vorbei, verschwinden wieder. Ich weiß nicht, ob sie einen bestimmten Dialekt sprechen oder, ob sie sich einfach besonders laut unterhalten: ich kann die Delfine unter Deck hören, wenn sie sich uns nähern. Eine Schule aus acht Tieren schwimmt lange am Bug mit uns. Die Tiere begleiten uns gewissenmaßen durch die Orca-Zone. Wir nehmen ihre Gesellschaft als guten Omen.
Als wir endlich in den Ría de Vigo einfahren, ist es lange dunkel. Der Sternenhimmel ist klar und die vielen Lichter an Land bieten eine schöne Hintergrundbeleuchtung. Die Bugwelle hat einen glitzernden Saum, kleine Dinoflagellaten reagieren auf unsere Anwesenheit mit Biolumineszenz oder, poetischer ausgedrückt, Meeresleuchten. Der Delfin, der uns begleitet, zieht einen leuchtenden Schweif hinter sich her.
Vigo begrüßt uns mit einem Feuerwerk. Nicht nur unsere Ankunft wird gefeiert: Spanien ist Fußball-Weltmeister! Mitten in der Nacht machen wir im Real Club Nautico de Vigo fest. Freunde, die zwei Tage vor uns angekommen sind, nehmen uns in Empfang. Nach einem gemeinsamen Ankunftsbier stellen wir fest, dass es inzwischen vier Uhr morgens ist: Zeit ins Bett zu gehen.
Wir freuen uns über die angenehme Überfahrt und darüber, nun nach über neun Jahren den europäischen Kontinent wieder erreicht zu haben.













