Nobbi weckt mich um vier zu meiner Wache und ist ausgesprochen kommunikativ – im Gegensatz zu mir, ich muss erstmal aufwachen. Bevor er in der Koje verschwindet, wirft er noch einen Blick nach draußen. Dann ruft er mich, ich soll schnell rauskommen.
Ein breites, weißes Band zieht sich über ein Drittel des Himmels, im Nordosten berührt es den Horizont. So etwas haben wir noch nie gesehen. Was kann das sein? Es ist unheimlich und bietet Raum für Spekulation. Ein ganz besonderes Polarlicht? Etwas Militärisches? Nach ein paar Minuten beginnt es zu verblassen und verschwindet schließlich.
Was bleibt ist der wunderbare Sternenhimmel. Die schmale Sichel des zunehmenden Mondes ist kurz nach Einbruch der Dunkelheit hinterm Horizont verschwunden. Die Wasseroberfläche ist so glatt, dass sich ganze Sternenbilder spiegeln. Mari scheint zu schweben. Ganz langsam schieben wir uns nach Nordwesten.
Seit Tagen ist es flau. Mal segeln wir bei wenigen Knoten Wind ganz langsam, mal driften wir. Es fühlt sich an wie Urlaub. Wir sind gewissermaßen ausgeklinkt. Baden, lesen, aufs Meer schauen. Ohne Internetverbindung, weit weg vom Rest der Welt. Oft ist es so ruhig, dass man unwillkürlich flüstert. Andere Leute nennen das Retreat und bezahlen dafür Geld.
Unterm Boot entdecken wir einen Schwarm Tintenfische, ein Krebs versucht hinter uns her zu paddeln und am Horizont vollführt eine Gruppe Delfine kunstvolle Sprünge.
Gelegentlich treibt eine abgerissene Boje, eine Plastikflasche, etwas Fischernetz oder ein Stück Styropor vorbei. Um eine verrostete Gasflasche treiben wir in einem großen Kreis herum. Oder sie um uns?
Der Beginn der Reise war etwas ungemütlich. Bei böigem Wind verlassen wir Lanzarote. Wir können sogar etwas höher am Wind segeln als gedacht. Wir müssen uns ständig festhalten, jede kleine Tätigkeit will geplant werden und nur liegend in der Koje kann man etwas entspannen.
Am dritten Tag geraten wir südlich von Madeira in eine Flaute, nehmen in der Nacht sogar die Segel runter und überlegen nach Maderia zu motoren. Doch wir entscheiden uns dagegen. Der Wind dreht auf Nord und wir segeln ganz gemütlich nach Westen.
Dass wir nach dem windigen Beginn ins Hoch und damit in die Flaute fahren würden, wussten wir ja vorher. Wir sind noch langsamer unterwegs als gedacht, aber was macht das schon. Ob wir dieses Gefühl von Zeitlosigkeit und Unendlichkeit jemals wieder erleben werden? Vielleicht gibt es diese andere Welt gar nicht mehr? Oder wir werden von der Matrix verschluckt und haben es nur noch nicht gemerkt.
Die Tage gleiten ineinander über und werden nur durch den Bordalltag aus gemeinsamen Mahlzeiten und Nachtwachen strukturiert. Kochen ist keine akrobatische Meisterleistung mehr und es gibt einen Apfel-Marzipan-Kuchen, den wir so gut finden, dass er auch an Land gebacken werden darf. Jeden Vormittag stellt Nobbi seine Pflanzen ins Cockpit und bringt sie abends zurück ins Waschbecken, wo sie die Nacht verbringen.
Zu Sonnenaufgang habe ich Wache, meistens tummeln sich Wolken am Horizont und ich sehe unseren Lieblingsstern erst, wenn er schon etwas höher steht. Doch an einem Morgen habe ich Glück. Unmittelbar, bevor die Sonne hinter dem Horizont auftaucht, sehe ich einen „Green Flash“. Grün wie eine Ampel blinkt es, dann geht die Sonne auf. Das grüne Leuchten haben wir schon einige Male beim Sonnenuntergang gesehen, aber noch nie zu Sonnenaufgang!
Schließlich kündigt sich das Ende der Flaute an. Ein Tief zieht über die Azoren und bringt uns Südwest und später Westwind, so dass wir nach Santa Maria segeln können. Unseren Morgen-Kaffee trinken wir ausnahmsweise nicht im Cockpit, sondern sitzen auf dem Aufbau. In der glitzernden Morgensonne sehen wir drei Pottwale. Zwei graue und ein bräunliches Tier, leider tauchen sie ab und wir sehen sie nicht wieder.
Mit dem Wind nimmt auch die Wellenhöhe zu. Wir sind wieder auf Am-Wind-Kurs unterwegs und wieder wird es gelegentlich ungemütlich. Bei uns überwiegt die Freude, dass wir wieder vorankommen. Ein paar kleine Schauer waschen unser Boot, das braune sandige Wasser tropft aus dem Rigg. Noch immer transportieren wir reichlich Sahara-Staub von den Kanaren.
Abends um neun erreichen wir kurz vor Sonnenuntergang die Südostecke Santa Marias. Die ganze Nacht kreuzen wir mit kleinen Segeln bei ständig drehenden Winden aus westlichen Richtungen nach Westen. Im ersten Licht sehe ich die Rückenflossen zweier Orcas, glücklicherweise beißen die Orcas der Azoren keine Segelboote und sind leider auch schnell wieder verschwunden. Wenig später stehen wir vor Vila do Porto. Im Vorhafen bergen wir die Segel und fahren in die Marina. Um Punkt sieben machen wir in einer freien Box fest.
Ziemlich genau elf Tage haben wir für die Überfahrt gebraucht. Wir sind 878 Meilen auf der direkten Distanz von 750 Meilen gesegelt, haben also einen kleinen Umweg gemacht. Wir hatten eine Nacht (bei Madeira) und drei Tage Flaute. Vier sehr kleine Etmale (zurückgelegte Distanz zwischen den Mittagsorten) haben wir geloggt: 29, 33, 53 und 57 Seemeilen. Das 29 Meilen Etmal ist tatsächlich unser neues Winzigkeits-Rekord-Etmal. So wenige Seemeilen sind wir noch nie in 24 Stunden gesegelt (getrieben), die bisher kürzeste Distanz lag bei 30 Meilen auf der Strecke zu den Kapverden in Äquatornähe.
Santa Maria hatte uns bereits bei unserem letzten Besuch im September gut gefallen und wir freuen uns wieder hier zu sein!
















