Am Morgen nach unserer Ankunft weht der Wind noch immer aus Norden. Doch wir wissen, dass nachmittags eine Front durchziehen und Südwind mitbringen wird. Dieser Platz bietet keinen Schutz nach Süden, wir müssen also umziehen. Zunächst hatten wir uns einen Ankerplatz auf der Nordseite der kleinen Insel, in deren Westen wir gerade liegen, ausgesucht. Der Ort wurde uns von anderen Seglern empfohlen. Doch bei den jetzigen Windbedingungen ist nicht daran zu denken ihn anzusteuern, wir müssten über eine Sandbank fahren, auf der sich eine hohe Welle gebildet hat.
Auf der Karte haben wir uns daher einen alternativen Ankerplatz vier Meilen weiter im Süden ausgeguckt. Dort sollten uns einige Sandbänke etwas Schutz bieten, so dass wir keine zu großen Wellen erwarten. Schutz vor dem Wind, haben wir hier nicht, vor uns liegt eine tiefe Bucht mit flachem Wasser und vielen Sandbänken.
Laut Wettervorhersage sollen wir während des Frontdurchgangs sieben bis acht Windstärken bekommen und in den zwei darauffolgenden Tagen dann fünf bis sechs Beaufort, gelegentlich Böen von sieben.
Als wir dort ankern umkreist uns eine Gruppe Delfine. Wir entscheiden, dass das ein gutes Omen ist. Einsam ist der Platz nicht. Einige Fischer sind in ihren Booten unterwegs, am Strand spielen junge Männer Fußball und in der Ferne kann man die gewaltige Hafenbrücke und die Hochhäuser von Maputo erkennen.
Am frühen Nachmittag wird es ganz ruhig, absolut windstill und sehr heiß. Dann dreht der Wind auf Süd und nimmt schnell zu. Eine riesige lange Wolke kündigt die Front an. Eine Böenwalze wie aus dem Lehrbuch. Als die Wolke über uns ist, nimmt der Wind weiter zu: 30 Knoten, 35kn und schließlich 45 bis 50kn. Das ist Windstärke 9 bis 10.
Plötzlich gibt es einen lauten Knall, gefolgt von einem Rumpeln. Nobbi weiß sofort was los ist, stürzt hinaus und kriecht aufs Vorschiff. Die Ankerspring, die Leine, die die Ankerwinsch entlastet und die Bewegungen dämpft, ist gebrochen. Die Bremse der Ankerwinsch hält der Belastung nicht stand und Kette läuft ab. Die Kette darf auf keinen Fall ganz ausrauschen, denn ob die Leine, die die Kette mit dem Schiff verbindet bei diesen Bedingungen hält, wollen wir nicht testen.
Nobbi bewahrt einen kühlen Kopf und macht mit dem Rest der Ankerspring einen Stopperstek um die Ankerkette. Auf dem Vorschiff wird er immer wieder von überkommenden Wellen geduscht, allerdings ist er vom Regen ohnehin klatschnass. Nobbi schäkelt zwei Leinen in die Ankerkette und belegt sie auf den Klampen. Ich starte die Maschine und versuche die Ankerkette etwas zu entlasten, wenn ich sehe, dass Nobbi mit seinen Händen an der Kette arbeitet. Absprechen können wir uns nicht, es ist unglaublich laut. Inzwischen weht der Wind in Böen mit über 60kn, die stärkste Böe, die wir auf der Windanzeige sehen, hat 72 Knoten! Das ist Orkanstärke.
Klatschnass verstecken wir uns wieder unter Deck und räumen auf. Auf der Suche nach passenden Schäkeln haben wir einige Kisten ausgeräumt. Nach zwei Stunden nimmt der Weg etwas ab. Die ganze Nacht weht es mit sieben bis acht. Und es blitzt und donnert. Stundenlang gewittert es um uns herum. Wir gucken einen Film um uns abzulenken, aber werfen immer wieder einen Blick nach draußen. Ich mag nicht schlafen gehen, der Lärm und das Heulen des Sturms ist unglaublich. Schließlich kocht Nobbi mir eine Kanne Tee, legt sich in die Koje und versucht etwas zu schlafen, während ich im Salon lese und gleichzeitig unsere Position im Blick behalte. Erst als es um halb fünf hell wird, lege ich mich auch ins Bett. Tagsüber holen wird abwechselnd etwas Schlaf nach.
Die Tidenströmung ist stark. Bei auflaufendem Wasser werden wir quer zum Wind gedreht. Das fühlt sich merkwürdig an, ist aber gemütlicher, als wenn wir mit dem Bug in die kurzen Wellen eintauchen.
Nachdem wir am Tag zuvor erstaunlich cool waren und einfach reagiert haben, wird uns langsam klar, wie knapp es war. Fast 30 m Kette sind ausgerauscht und nur noch 10 m liegen im Ankerkasten. Die 100 Meter Ankerkette, die wir durch die Gegend segeln, sind also fast komplett im Einsatz. Nobbi hat uns mit einer Mischung aus Können, guten Nerven und Glück gerettet. Wie er bei diesem Bedingungen den Stopperstek auf die Kette gemacht hat ohne sich zu verletzen, ist mir schleierhaft. Irgendwann ist dann auch bei dem Bolzen, der die Ankerrolle hält, der Kopf abgeschoren. Die Ankerrolle ist weg und der Bugbeschlag etwas verbogen. Mit Bordmitteln bauen wir ein Provisorium.
Wir kochen Pudding und öffnen das leckerste Glas aus dem Vorrat. Es gibt nichts zu tun, wir können nur abwarten. Auch die nächste Nacht ist unruhig. Immer noch haben wir sechs bis sieben Windstärken. Mitten in der Nacht ziehen wir in den Salon um, weil es im Vorschiff so laut ist.
Auch am folgenden Tag weht es. Vormittags nimmt der Wind auf fünf Windstärken ab und uns kommt es vor als sei es windstill. Wenig später ist der Wind wieder da und damit auch die Schüttelwelle. An unserem Ankerplatz haben wir keinen hohen Schwell, draußen sollen die Wellen vier Meter hoch sein. Aber der starke Wind baut in der Bucht auch im flachen Wasser ganz ordentliche Wellen auf. Mal sind sie nur einen halben, mal einen Meter hoch, oft haben sie weiße Kappen. Gemütliches Ankern sieht anders aus.
In der nächsten Nacht lässt der Wind nach. Endlich. Bereits um sieben gehen wir Anker auf. Der Anker liegt gut auf der provisorischen Ankerrolle. Der Wind weht nur noch schwach aus Süden und der Wetterbericht verspricht, dass er mittags auf Ost und später auf Nordost dreht.
Viele der großen Handelsschiffe, die auch vor dem Sturm Schutz gesucht hatten, sind schon wieder weg. Ein 300m langes Kreuzfahrtschiff kommt uns entgegen und ankert vor Ilha Portugueses. MSC veranstaltet Kreuzfahrten von Durban aus.
Es ist ein schöner Tag. Das Wasser leuchtet türkis und immer wieder begleiten uns großen Gruppen Delfine. Wir verlassen die große Bucht von Maputo und freuen uns, dass Mosambik uns Schutz gewährt hat, sind aber auch froh, dass wir weit draußen vor der Hauptstadt bleiben konnten. Denn während wir den Sturm abgewettert haben, gab es in Maputo riesige Demonstrationen gegen die Regierung mit über 70 Toten. Zur Zeit kein gutes Pflaster für Touristen.
200 Seemeilen trennen uns von Richards Bay und zunächst kommen wir nur sehr langsam voran. Gegenstrom! Unter Motor mit Segelunterstützung machen wir nur vier Knoten, manchmal nur drei. Das ist frustrierend. Wir steuern wieder per Hand. Nach der ersten Nacht beginnen wir zu rechnen ob der Diesel reicht. Der erhoffte Strom will einfach nicht einsetzen und der Wind ist schwächer als versprochen.
Nachmittags kommt endlich etwas Wind auf und wir können segeln. Später setzt dann auch langsam der Südstrom ein. Gerade haben wir es uns im Cockpit gemütlich gemacht und hören einen Krimi, als die Wolke an Steuerbord immer dunkler wird. Wir entschließen uns, das zweite Reff ins Großsegel zu binden und Minuten später erreicht uns die erste 30er Böe. Wir haben Glück, es bleibt bei wenigen Böen und die Wolke zerfleddert über See. Tatsächlich können wir bis zur Einfahrt nach Richards Bay segeln. Wir rufen Port Control an und bitten um Erlaubnis in den Hafen (größter Kohleverladehafen in Afrika) fahren zu dürfen. Um viertel nach vier machen wir an der Immigration-Pier fest.
Morgens begrüßt Natasha von OSASA uns. OSASA ist eine Organisation, die sich um die Belange der Ozeansegler kümmert und über die man sich in Südafrika anmeldet. Es ist ein schönes Gefühl persönlich begrüßt zu werden und toll, dass Natasha vor der Arbeit bei uns vorbeiguckt. Die Damen von Immigration kommen bald vorbei und wir erhalten unseren Stempel in den Pass. Beim Zoll dauert es etwas länger. Mittags sind die Formalitäten erledigt und wir ziehen an einen Stegliegeplatz im Zululand Yacht Club um.
Die Marina-Bar hat montags geschlossen, aber ein Freund spendiert uns zwei kalte Dosen Bier, denn unser Kühlschrank ist nach 20 Seetagen leer. Wir schaffen es gerade noch unser Ankunftsbier zu genießen bevor wir früh ins Bett gehen und lange schlafen.










