Eine schwierige Entscheidung – Planänderung

Der versprochene Wind setzt ein und wir sind nun wieder flotter unterwegs. Aus Süden rollt eine hohe Dünung heran, aus Nord-Osten läuft die kleine und kürzere Windsee dagegen, wir werden zwischen beiden Wellensystemen hin- und her geschubst. Wieder kommen die Delfine zu Besuch und unterhalten uns mit ihren Kunststücken. Sie springen nicht nur hoch aus dem Wasser, sie machen auch elegante Schraubendrehungen.
Ich habe Halsschmerzen und fühle mich krank. Nachts trage ich nun einen Schal und Nobbi macht mir zu Beginn jeder Nachtwache eine Kanne Tee. Nach ein paar Tagen fühle ich mich zum Glück wieder fit.
Südlich von Madagaskar wird es windig. Sechs Windstärken aus Osten treiben uns voran. Wir haben den Strom der nach Westen setzt gefunden und sind schnell unterwegs. Auch wenn wir immer wieder siebener Böen haben, ist der Seegang nicht so hoch wie befürchtet und wir sind ziemlich zufrieden mit der Welt um uns herum. Wir queren die Schifffahrtsroute zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und Singapur und sehen in jeder Wache Schiffe. Meistens ändern die großen Handelsschiffe ihren Kurs schon früh und wir kommen uns kaum einmal näher als drei Meilen. Nur einmal ruft Nobbi ein Schiff über Funk. Keine Reaktion. Wir beschließen ihn über DSC direkt anzurufen, dann klingelt es auf der Brücke und lässt sich schwer ignorieren. Auf Nobbis Frage, ob er uns gesehen habe und ob er uns bitte ausweichen könne, wir würden segeln, kommt ein zackiges „Yes, Sir!“. Der große Erzfrachter ändert seinen Kurs nun um 30 Grad und passiert uns mit reichlich Abstand. Da war wohl jemand anderweitig beschäftigt oder hatte geschlafen.

Leider trägt der Wetterbericht nicht zur entspannten Stimmung an Bord bei. Das Tief im Norden, das wir schon vor unserer Abfahrt beobachtet hatten, hat inzwischen einen Namen bekommen und ist damit bereits der zweite Tropische Sturm dieser Saison und er zieht, sehr untypisch für diese Jahreszeit, auf die Südspitze Madagaskars zu. Uns wird er nicht mehr gefährlich werden, höchstens für etwas mehr Wind südlich von Madagaskar sorgen. Nervös macht uns die Wetterlage bei Südafrika, denn dort zeigt sich ein Windfeld, gefolgt von einer Front und Südwind. Das ist nicht das Wetter was wir uns für unseren Landfall wünschen. Erst hoffen wir, dass die Front etwas später kommt. Doch unsere Hoffnungen werden nicht erfüllt. Jede neue Vorhersage zeigt eine stärkere Front und länger andauernden Südwind.
Wir beschließen einen etwas nördlicheren Kurs einzuschlagen, um uns die Option nach Norden abzudrehen offenzuhalten. Leider heißt das, dass wir das schöne Strömungsband verlassen müssen und zeitweise Gegenstrom haben werden. Nun beginnen anstrengende Tage, wir wägen die verschiedenen Optionen ab. Keine der Möglichkeiten gefällt uns richtig gut und alle sind hunderte Meilen entfernt.

Entscheiden wir uns den direkten Weg nach Richards Bay zu segeln erwarten uns mindestens 24 h Windstärke 7 bis 8 aus Nord, je nachdem wann wir ankommen auch länger. Kommen wir nicht rechtzeitig an, treffen wir auf die Front die Südwind in Sturmstärke bringt. Diese Situation gilt es auf jeden Fall zu vermeiden. Wenn starke Südwinde auf den nach Süden laufenden Agulhas-Strom treffen entstehen hier sehr schnell sehr gefährliche, hohe und steile Wellen vor denen sogar die Seekarten („abnormal waves“) warnen.
Alternativ könnten wir im Südwesten Madagaskars hinter der kleinen Insel Nosy Ve Schutz suchen und von dort nach Passieren der Front und dem Südwind erneut starten. Oder wir könnten in Mosambik Schutz suchen. Dort gibt es zwei Möglichkeiten, entweder bei Linga-Linga oder in der großen Bucht vor Maputo.
Das große Rechnen beginnt. Kaum haben wir das große Windfeld südlich von Madagaskar hinter uns, erwartet uns eine ausgedehnte Flaute. Die Planung wäre einfacher wenn wir nicht so langsam wären, Maris Bauch muss massiv bewachsen sein, wir waren noch nie so lahm. Unsere Dieselvorräte haben wir bisher nicht angetastet, wir können also einen Teil der Strecke motoren. Allerdings wollen wir nicht unsere ganzen Vorräte aufbrauchen, da wir noch Diesel für die Strecke nach Richards Bay brauchen werden.
Wir schlafen schlecht. Die Entscheidung liegt uns im Magen. Was sollen wir tun? Es zehrt an den Nerven bei Schwachwind zu versuchen vor einem nahenden Sturm zu fliehen.
Schließlich fällt die Entscheidung für die Bucht von Maputo und den Ankerplatz bei Ilha Portugueses oder Ilha Inhaca. Am 23. November (Tag 12) entscheiden wir, uns nicht mehr umzuentscheiden.
Das Vergleichen der verschiedenen Wettermodelle und das Befragen der Strömungskarten war in dieser Form nur möglich, weil Starlink diesmal gut funktioniert. Wir hatten, anders als auf der Etappe von Cocos nach Rodrigues, jeden Tag eine gute Satelliten Verbindung.

Wo sollen wir die Front abwettern? Alle Optionen sind hunderte Meilen entfernt.


Eineinhalb Tage motoren und motorsegeln wir in Richtung Maputo. Wir steuern per Hand. Da wir die Segel gesetzt haben, um wenigstens einen kleinen Hauch Wind einzufangen und das Ruder der Windsteueranlage angebaut ist, ist der Ruderdruck für unseren kleinen elektrischen Autopiloten zu hoch und für die Windsteueranlage haben wir meistens nicht genügend Wind. Dank der moderaten Welle gehen die Wachen schneller um als befürchtet. Viele Podcasts tragen uns durch die Nachtwachen und wir versorgen einander mit Tee und Keksen. Vormittags segeln wir einige Stunden bei sehr wenig Wind und die Hydrovane steuert, so dass wir beide etwas Schlaf nachholen, den Motor checken, kochen, aufräumen und duschen können, bevor es in eine weitere Nacht unter Motor geht.
Ein großer Wal taucht mehrfach neben uns auf. Walbegegnungen sind etwas ganz besonderes. Dies war ein sehr großes Tier, viel größer als Mari.
Eine extrem aufdringliche Schwalbe flattert um uns herum und landet immer wieder. Auf der Starlinkantenne, auf den Schoten, auf dem Bimini, auf dem Seezaun. Aber sie ist unzufrieden und flattert immer hektischer, sie fliegt ins Boot und sieht sich unter Deck um, doch wir scheuchen sie wieder nach draußen. Schließlich findet sie ins Schwalbenfest und übernachtet dort. Wo auch sonst!

Dann ist der Wind wieder da. Am Abend von Tag 14 haben wir wieder sechs bis sieben Windstärken. Diesmal segeln wir mit halben Wind, das ist nicht ganz so angenehm. Vor Einbruch der Dunkelheit nehmen wir das Bimini weg, damit es nicht zur Lärmkulisse und damit zum Stresslevel beiträgt. Wir sind froh Strecke zu machen. Morgens dreht der Wind immer weiter nach Nord. Wir kämpfen um jede Segelmeile zur Ansteuerung. Wir wollen nicht unnötig Diesel verschwenden. Im Fahrwasser nach Maputo ist viel los. Gleich vier Schiffe treffen wir und stoppen sogar, um einen Frachter bei der Einfahrt ins Fahrwasser nicht zu behindern.

Die letzten Meilen sind mühsam. Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns herunter. Ich spanne mir ein Handtuch an der Wäscheleine als Sonnenschutz. Das Bimini haben wir ja vorsorglich eingepackt. Der Wind dreht auf Südost und kommt nun gegenan. Kurz vorm Ankerplatz nimmt er auf satte sechs Windstärken zu. Das wäre jetzt nicht nötig gewesen.
Am 26. November fällt am 15. Tag um 14:00 Uhr der Anker östlich der Ilha Portugueses. Hier haben wir guten Schutz gegen den in der Nacht zu erwartenden Nordwind.

Wir freuen uns, dass wir angekommen sind. Zwar haben wir unser Ziel (noch) nicht erreicht, aber wir sind auf dem gewünschten Kontinent gelandet und haben wieder einen Ozean überquert! Unsere Ankunft feiern wir mit einem Glas südafrikanischen Rotwein.
Eigentlich hatten wir eine gute Überfahrt über den Indischen Ozean. Lediglich wenige Tropfen Regen, keine (größeren) Schäden, meistens angenehme Bedingungen und schöne Tierbegegnungen. Die ganze Etappe sind wir barfuß und in kurzen Hosen gesegelt, nachts brauchten wir manchmal eine leichte Windjacke und ein Handtuch über den Knien. Stressig war die Passage wegen der wechselhaften Bedingungen und des drohenden schlechten Wetters.

Hier ist es schön. Ilha Portugueses ist eine kleine, flache Insel mit weißem Strand. Auf der Insel sind Sonnenschirme und ein großes Restaurant für Kreuzfahrtgäste. Das große MSC Schild weist auf die Nutzung hin. Jetzt ist hier nichts los. Eine Handvoll Touristen baden im flachen Wasser und werden später von Motorbooten abgeholt. Zurück bleiben nur einige Wächter.
In der Ferne sehen wir die Silhouetten der Hochhäuser Maputos. Die Hauptstadt Mosambiks liegt einige Meilen westlich auf der anderen Seite der großen Bucht. Wir wollen nicht nach Mosambik einklarieren, deshalb werden wir nicht an Land gehen. Zwar sind wir neugierig auf das fremde Land, doch Mosambik gilt nicht als sehr Segler freundlich. Uns scheint es keine gute Idee zu sein in der Nähe der Hauptstadt zu ankern, wo es gerade massive Demonstrationen gibt. Wir wollen versuchen gewissenmaßen unterm Radar zu bleiben, das schlechte Wetter hier abzuwettern und dann wieder zu verschwinden.

Morgen werden wir uns einen anderen Ankerplatz suchen müssen. Die Front, die den Südwind im Gepäck hat können wir hier nicht abwettern. An diesem Ankerplatz haben wir keinen Schutz nach Süden. Doch das ist morgen. Heute Nacht schlafen wir erst einmal lang und fest.

Über dem warmen Mosambik-Strom entsteht eine lange Wolke.
Schwalbe sucht Wohnung.
Schwalbe im Schwalbennest.
Hohe Wellen.
Auf der Suche nach Schatten.
Angekommen. Ankerplatz an der Ilha Portugueses.
Sonnenaufgang über Ilha Inhaca.

Dem vorletzten Eintrag habe ich noch einige Bilder hinzugefügt.