Es wird Zeit den Motor anzuschmeißen. Zwei Knoten Fahrt sind dann doch zu langsam. Wenn wir jetzt die Maschine starten, sind wir morgen früh in Mauritius. Aber vorher wollen wir baden. Wann hat man schon Gelegenheit mitten im Indischen Ozean ein Bad zu nehmen. Das Wasser ist hier 4000 Meter tief. Eigentlich ist die Wassertiefe völlig irrelevant, überall wo Mari schwimmt, kann ich nicht stehen, trotzdem ist es ein komisches Gefühl.
Die Überfahrt von Rodrigues nach Mauritius startete rau und windig. Die erste Nacht war ungemütlich. Böen mit sieben Bft sind ein bisschen unheimlich, wenn man ruhige Tage am Anker verbracht hat. Mitten in der Nacht geht ein Schapp auf und der Inhalt einer Plastikbox ergießt sich in den Salon. In der Box waren auch Drahtbürsten für die Bohrmaschine und leider fliegen zwei in unseren Hochglanz-lackierten Salontisch, eigentlich das einzige Teil, das zuvor nicht auf der „demnächst-lackieren-Liste“ stand. Wir regen uns nicht darüber auf, wir sind heil froh, dass die ohrenbetäubenden Geräusche eine so harmlose Ursache hatten. Nobbi, der gerade Wache hatte und im Niedergang saß, dachte im ersten Moment der Mast sei von oben gekommen.
Am nächsten Tag lässt der Wind nach und bald auch die Wellen. Wir werden langsamer und am zweiten Tag bereits so langsam, dass sich abzeichnet, dass wir nicht nach drei Tagen frühmorgens Mauritius erreichen. Es ist wunderbar hier draußen. Der Sternenhimmel ist unglaublich klar, der schönste Himmel seit Monaten. Das Boot rollt in den Wellen, die von achtern kommen. Das Leben an Bord ist angenehm, wir lesen, hören Podcasts und der Schlaf ist erholsam. Dann sind wir eben einen Tag länger unterwegs. Besser langsam segeln als schnell motoren.
Die Schiffe, die von Singapur nach Südafrika fahren (oder andersrum), fahren zwischen Mauritius und Rodrigues hindurch. Wir sehen nun also häufiger Schiffe. Nach den manchmal haarigen Schiffsbegegungen in SE-Asien sind die Zusammentreffen mit den großen Frachtern eine Wohltat. Wir sehen sie häufig schon auf 12 Meilen (zumindest im Dunkeln) und sollten wir uns eng begegnen ändern die meisten schon viele Meilen entfernt ihren Kurs um den Abstand zu vergrößern. Während die großen Schiffe so gut beleuchtet sind, können sie uns hingegen nicht sehen. Unsere Lichter soll man über zwei Meilen sehen, so eng begegnen wir uns aber selten. Sie sehen nur unseren kleinen Pfeil auf dem AIS.
Am Dienstag (29.10.) erreichen wir in den frühen Morgenstunden den Windschatten Mauritius. „Sailing Yacht Marisol for Mauritius Coast Guard“ die Küstenwache ruft uns und fragt, wo wir hinwollen, wie viele Personen an Bord sind und warum wir Mauritius besuchen wollen. Als ich antworte „just for fun“ muss der Wachhabende lachen. Die Insel riecht süßlich, nach Zucker, nach Melasse. Ein interessanter Geruch. Spannend, dass „Land“ so unterschiedlich riecht, manchmal ganz grün nach Vegetation, manchmal nach Erde oder blumig und diesmal eben süß. Als die Sonne aufgeht treiben wir vor Port Louis, Mauritius Hauptstadt und dem einzigen „Port of Entry“. Der Morgen ist wunderschön. Die aufgehende Sonne zaubert ein goldenes Licht und die hohen Berge Mauritius zeichnen sich dunkel ab. Wir melden uns bei „Port Control“ und warten. Vor sechs Uhr darf niemand in den Hafen einlaufen. Mit uns gemeinsam kommen drei Tanker und einige Fischer an. Es herrscht ein reger Funkverkehr, die einen warten auf einen Platz im Hafen, die anderen wollen nur Proviant übernehmen oder Crews austauschen.
Um sieben Uhr erreichen wir die Zollpier. Die Pier ist interessant, wir liegen im Hafenbecken vor einem Restaurant. Wer an Land will, muss über den Zaun klettern. Kaum sind wir festgemacht, werden wir von Gen begrüßt, wir kennen uns aus Indonesien und sind in Kontakt geblieben. Da wir noch nicht eingereist sind (die gelbe Q-Flagge weht noch unter der Saling), dürfen wir sie nicht zu uns an Bord einladen. Aber wir können uns über den Zaun unterhalten und sie verwöhnt uns mit Cappuccino und Schoko-Croissants. Was für ein schöner Willkommensgruß!
Zunächst kommt Health-Control, wir füllen Formulare aus und bekommen ein Papier. Dann kommt der Zoll und nimmt Nobbi mit zum Papiere ausfüllen, dort erledigt er auch gleich den Schreibkram für die Coast Guard. Als nächstes kommen vier Leute vom Zoll an Bord, führen eine Kontrolle durch und füllen weitere Papiere aus. Nun müssen wir warten, auf Immigration und auf ein Papier vom Zoll.
Inzwischen sind zwei weitere Yachten angekommen, eine möchte bei uns längsseits gehen. Das ist uns nicht so recht, das Hafenbecken ist unruhig und die andere Yacht viel schwerer und erheblich größer als wir. Es gibt keine andere Möglichkeit, also stimmen wir zu. Die Segler auf dem anderen Boot, haben nicht nur ihr Schiff gut im Griff, sie sind auch sehr nett und wir kommen ins Gespräch. Wir haben reichlich Zeit uns zu unterhalten, auch bei ihnen kommt der Zoll an Bord, obwohl sie nur in den Gewässern Mauritius unterwegs waren. Wir warten noch immer auf die Immigration. Ich laufe zur Coast Guard und frage, wann wir mit der Immigration rechnen können. Inzwischen ist Wind aufgekommen und es wird mühsam das Boot von der Betonwand abzuhalten. Schließlich kommt der Beamte von Immigration und stempelt unsere Pässe. Wir wären nun fertig, hätte der Zuständige nicht vergessen unser Zollpapier zu unterschreiben. Also warten wir weiter. Endlich bekommen wir den fehlenden Wisch und können ablegen. Der ganze Spaß hat über fünf Stunden gedauert, aber alle mit denen wir gesprochen haben waren außerordentlich nett.
Wir würden gerne für mindestens eine Nacht, gern auch etwas länger im Hafen in Port Louis liegen. Noch liegen die 18 Yachten der WorldARC (das ist eine Rally mit ziemlich großen Booten) in dem Hafenbecken, doch wir wissen, dass die gleich alle auslaufen. Marisol passt hervorragend an einen kleinen Platz in der Einfahrt. Dort legen wir an und ich laufe ins Hafenbüro.
Bei Hafenmeister ist es sehr nett. Ich werde vielen Leuten vorgestellt, schüttle Hände und alle sind sehr zuvorkommend. Wir bekommen nicht nur einen Platz für mehrere Tage, ich bekomme auch noch das Mittagessen des Hafenmeisters geschenkt. Unglaublich. Ich fühle mich sehr willkommen und gerührt. Darüber hinaus ist der scharf gefüllte Roti (ein dünner Fladen) extrem lecker. Nachdem die Rally-Yachten ausgelaufen sind, legen wir uns ins Hafenbecken.
Mein Auge schmerzt etwas, seit über einer Woche ist es rot und entzündet. Auf Rodrigues gibt es keinen Augenarzt. Ein Freund riet mir per „telemedizinischer“ Beratung zur Behandlung mit Augentropfen. Christopher wurde zum Schiffsarzt befördert, in Frankfurt erkennt man ihn fortan an der Mütze, meine Symptome wurden besser und ich war beruhigt. Nun meldet sich mein Auge wieder und ich beschließe einen Termin zu vereinbaren. Die nette Mitarbeiterin am Telefon informiert mich, dass der Arzt die nächsten Tage in anderen Teilen der Insel arbeitet und diese Woche außerdem gleich zwei Feiertage hat. Ich solle mich sofort ins Taxi setzen und kommen. Sie sendet mir die Adresse per WhatsApp und ich suche mir ein Taxi. Mein Auge wird gründlich untersucht. Der Arzt wirkt sehr kompetent, ist modern ausgestattet und sehr sympathisch. Zuviel Sonne und eine Entzündung ist die Diagnose, mit der Fernbehandlung des deutschen, internistischen Kollegen ist er zufrieden. Mit zwei Rezepten für Augentropfen und der Ermahnung immer eine Sonnenbrille zu tragen werde ich entlassen. Bezahlen darf ich den Arztbesuch nicht, ich werde eingeladen. Unglaublich, das dritte Geschenk an diesem Tag, von einem völlig Fremden. Ich bin tief berührt.
Die Dunkelheit bricht bereits herein als ich zurück zum Hafen laufe. Vermutlich wird dringend davon abgeraten auf leeren Straßen im Dunkeln durch Port Louis zu laufen. Egal. Große Flughunde kreisen am Himmel, die Luft ist weich und angenehm. Es ist interessant hier, aber ich bin hundemüde (quasi flughundemüde). Letzte Nacht habe ich drei Stunden geschlafen, verteilt auf zwei Pausen.
Nach einem schnellen Abendessen fallen wir in die Koje. Was für ein Tag: lauter nette Begegnungen und gleich dreimal wurde ich völlig unerwartet beschenkt.
Wir freuen uns drauf Port Louis zu erkunden!


























































































































