Karneval ist auf Teneriffa eine äußerst ernste Angelegenheit. Ein großer Teil der Karnevalsaktivitäten findet in den Messehallen statt und ist damit nur begrenzt zugänglich. Die Karnevalskönigin wird gekört, auch eine Kinder- und eine Senioren-Königin, und Karnevalsgruppen werden in verschiedenen Kategorien wie Tanz, Gesang und Kostümen prämiert. Doch auch für karnevalsscheue Norddeutsche, die gänzlich unvorbereitet in den Karneval trudeln, gibt es viel Karnevalistisches zu sehen.
Bereits Mitte Januar wurde die Vorstellung der Kandidatinnen im Fernsehen übertragen. Produktionsort war eine extra aufgebaute Bühne ganz in der Nähe der Marina. Neugierig wie wir sind, stehen wir an einem kühlen, windigen Abend am Bauzaun und können einen Blick auf die Bühne erhaschen. Hier bekommen wir einen ersten Eindruck von den aufwendigen Kostümen und den Sambagruppen, sehen die Königinnen-Anwärterinnen und erschrecken, als direkt neben uns das Feuerwerk hochgeht.
In den folgenden Wochen hören wir immer mal wieder Proben und verfolgen den Aufbau der Bierbuden, Bühnen und Absperrgitter. Direkt neben der Marina wird der Rummel eröffnet.
Zunächst sind wir traurig, dass wir einen Teil des Karnevals verpassen werden, da er mit unserem Werftaufenthalt zusammenfällt. Als uns unsere Nachbarn zum Werfttermin gratulieren, schwant uns, dass der Termin auch Vorteile haben könnte. Laut soll es werden. So laut, dass einige sich ein Zimmer auf der anderen Seite der Insel gemietet haben.
Von der Werft fahren wir mit dem Bus in die Innenstadt, um uns den ersten Karnevalsumzug anzusehen. Er findet Freitagabend statt. Es gibt einige Wagen, die sich uns nicht erschließen, aber auch viel interessantes Fußvolk. Am Tag, an dem wir aus der Werft kommen (Karnevals-Dienstag), gibt es nachmittags einen noch größeren Umzug, den wir uns natürlich auch ansehen. Mit den Karnevals-Königinnen kann ich wenig anfangen, die Samba (meist mehr Salsa!) – Gruppen haben mir sehr gefallen. Viele Gruppen tragen kreative und kunstvolle Kostüme, die mit großem Aufwand hergestellt wurden. Doch es gibt auch Gruppen mit lustigen „no budget“-Verkleidungen und Trommeln. Mit dem Typen, der auf jedem Umzug stundenlang die Flügel des überdimensionalen Flügel des Loropark-Papageis bewegt hat, habe ich noch immer Mitleid.
Aschermittwoch wird die Sardine beerdigt. Das ist eine typisch spanische Tradition. Am späten Abend zieht eine Sardine aus Pappmaschee durch die Straßen, die schließlich verbrannt wird. Begleitet wird die Sardine von Witwen. Fast alle sind in schwarz als „Witwe“ verkleidet. Wobei „Witwe“ ein weites Feld ist. Mal eher als Nonne, mal als Nutte. Viele Menschen sind in eher fantasievollen Kostümen unterwegs, manchmal tragen Freundesgruppen ein ähnliches Kostüm, oder alle den gleichen Hut oder Schleier. Es ist chaotisch und sehr voll. Die Polizei räumt die Straße, doch dann passiert nichts und die Menge bevölkert wieder jeden freien Platz. Nach über zwei Stunden Wartezeit wollen wir schon aufgeben, doch dann sehen wir sie doch noch, die ausgesprochen sympathische Sardine. Die gekreuzigte Sardine, die kurz vor der „eigentlichen“ Sardine vorbeizieht, trifft nicht jeden Geschmack. Die Frauen neben mir sind entsetzt. Nachts um eins gibt es ein tolles Feuerwerk.
An anderen Orten ist die Karnevalszeit nun beendet. Hier nicht. Hier beginnt die zweite Runde!
Beim Inklusionskarneval gefällt uns die (Salsa)-Musik am besten und das Publikum tanzt toll. Der Kinderumzug hat leider Pech mit windigem kühlem Wetter. Wir tragen eine Jacke, viele der Kinder sehen sehr verfroren aus. Die Tanzschulen, die wir schon von anderen Events kennen, haben schöne Choreografien einstudiert und begeistern das Publikum. Am Wochenende findet Freitag der Karneval der Nacht (den ganzen Tag) und Samstag der Karneval des Tages (den ganzen Tag) statt. Die hübsche, wie ich finde, sehr spanische Formulierung, stammt nicht von mir, sondern von der Veranstaltungsseite. Ab mittags wird gefeiert, abends wird es voll. Sonnabend sollen 420.000 Menschen auf der Straße gewesen sein. Beeindruckend! Mit einem Segelfreund stürzen wir uns ins Gewusel. Schnell wird es uns zu voll, auch wenn die Stimmung sehr fröhlich ist. Neben den viele tollen Kostümen und freundlichen Menschen wird mir leider der intensive Pipi-Geruch in Erinnerung bleiben. Ob es am Mangel an Toiletten oder den bereits am frühen Abend gefallenen Hemmungen liegt, kann ich nicht beurteilen. Nun wird auch mehr als deutlich, weshalb Ladenbetreiber und Hausbesitzer ihre Fassaden in Pastik verpackt haben und die Bierstände mit Bauschaum zum Boden abgedichtet wurden. Auf unserem Nachhauseweg steht die Straße unter Wasser. Nur, dass es sich eben nicht um Wasser handelt…
Gefeiert bis morgens um sechs. Zumindest endet das Bühnenprogramm um diese Zeit. Das können wir auch aus unserer Koje gut verfolgen. Leider wechselt in der zweiten Hälfte der Nacht die Musik und es stimmt: es ist sehr laut. Sonntagabend findet der Karneval schließlich mit einem weiteren Feuerwerk seinen Abschluss.
Nur der Rummel ist noch eröffnet. Uns Marina-Bewohner stört daran nur, dass der Übergang von der Stadt zu Marina jeden Nachmittag um fünf gesperrt wird und wir dann einen weiten Umweg in Kauf nehmen müssen. An das laute Gekreische haben wir uns inzwischen gewöhnt und zum Glück schließt der Rummel jeweils um Mitternacht.

















Beim Straßenkarneval wird es voll!



Die Sardine


