Manchmal ist der kürzeste Weg ein Umweg

Von der Nordseite Bangkas zur Nordwest-Ecke Belitungs sind es 120 Meilen. Wir wählen den Umweg durch die Bangka-Straße zwischen Bangka und Sumatra und umfahren Bangka im Süden. Auf dieser Route hoffen wir kürzere Etappenfahren zu können und dem unangenehmen Schwell aus Osten zu entgehen. Ob das eine schlaue Entscheidung war, werden wir nie erfahren.

Zunächst folgen wir der Nordküste Bangkas bis zur Bangka Straße. Die 50 Meilen vergehen schnell und komfortabel weil der Strom uns schiebt und die Wellen sind im Schutz der Küste sehr klein. Wir suchen uns einen Ankerplatz in der großen Bucht bei Tanjung Ular. In der Bucht zählen wir 70 (!) Zinnflöße. Nachts kann man diese Bucht auf keinen Fall anlaufen, die kleinen Plattformen sind alle unbeleuchtet und zum Teil mit langen Leinen miteinander verbunden.
In der Bangka Straße haben wir ein Problem. Meistens geht die Strömung von Süd nach Nord, meistens moderat, ein paar Stunden am Tag jedoch mit drei bis vier Knoten. Nur wenige Stunden strömt das Wasser nach Süden. Der Südstrom, den wir gerne nutzen würden, setzt leider nachts ein, der starke Nordstrom, den wir vermeiden wollen am Nachmittag. Wir versuchen also in den Stunden mit wenig Strom nach Süden zu kommen.
Als wir morgens den Anker aufholen streikt die Fernbedienung und die Ankerwinsch funktioniert nicht mehr. Schon wieder ein Problem! Zum Glück eines, das wir schnell lösen können. Die Sicherung ist durchgebrannt, hat also ihre Aufgabe erfüllt. Wir haben eine neue Sicherung an Bord und außerdem auch eine neue Fernbedienung. Nach diesem etwas stressigen Start verläuft die erste Etappe in der Bangka-Straße bis auf einen Schauer mit heftigen Böen (natürlich von vorne) entspannt. Wir ankern vor der Küste Sumatras. Die Küste ist flach und schlammig und wir liegen weit draußen. Noch ein wenig weiter draußen liegt ein großer Frachter, der hier von Bargen beladen wird. Hier ist ein reger Verkehr mit Schleppern, die mit ihren Anhängen aus den Flüssen Sumatras kommen oder einfach der Bangka Straße folgen. Nachts schläft der Wind komplett ein und wir sind ausgeschlafen, als der Wecker um fünf klingelt. Noch vor Sonnenaufgang sind wir unterwegs und erreichen unseren Ankerplatz nach 40 Meilen schon mittags. Diesmal ankern wir wieder an der Küste Bangkas. In diesem Abschnitt liegen keine Zinnflöße und am Strand brennen abends nur zwei Lagerfeuer. Ein richtig romantischer Platz.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker schon um halb fünf. Als man um kurz nach fünf Umrisse erkennen kann, fahren wir bereits entlang der Küste nach Süden. Bei einem Fischer blinkt ein weißes Licht. Beim zweiten Geblinke erkennen wir, dass wir gemeint sind und stoppen auf. Der Fischer fährt auf uns zu und zeigt auf ein Fischerfähnchen. Wir machen also einen Bogen um seine Boje und erkennen daran an langes Netz, dass an der Oberfläche schwimmt. Die nächsten Stunden vergehen erfreulich ereignislos. Leider bleibt es nicht so ruhig. Der Wind nimmt zu und schnell baut sich eine kurze steile Welle auf. Wir beginnen zu kreuzen. Ohne Maschine kommen wir gar nicht voran. 17 Wenden fahren wir, um zwischen den Sandbänken der Südwestküste Bangkas nach Osten zu folgen. Es ist ätzend. Wir sind nicht überrascht, Spaß macht es trotzdem nicht. Wir hören ein Hörbuch und kämpfen uns Stunde um Stunde gegen den zunehmend stärkeren Gegenstrom voran. Nachmittags erreichen wir die Südecke Bangkas. Hier soll es einen zweifelhaften Ankerplatz geben, wo wir hoffen für einige Stunden abwarten zu können bis der Gegenstrom abnimmt. Am Ankerplatz brechen sich die steilen Wellen. Wir wenden wieder und haben eine Nachtfahrt gewonnen. Noch vor Einbruch der Dämmerung wimmelt es von Fischern. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit fahren wir über ein Netz. Nobbi sieht eine Boje direkt vor uns und im kupple die Maschine aus. Falls wir hängen bleiben, wollen wir uns das Netz wenigstens nicht um den Propeller wickeln. Wir haben Glück, es ist nichts passiert. Die Stimmung an Bord ist auf dem Tiefpunkt. Überall blinken Fischer und Fischerfähnchen, wie sollen wir die Nacht überstehen?
Der Rest der Nacht verläuft kurzweilig aber viel besser als der Beginn hoffen ließ. „Mond ist besser als gar keine Sonne“ ist das Motto. In der zweiten Nachthälfte sorgt der Mond für ausreichende Beleuchtung. Weiter entfernt vor der Küste treffen wir hauptsächlich auf die großen Tintenfischboote, die mit sehr hellen Lampen fischen und deshalb gut zu erkennen und umfahren sind. Außerdem ist überraschend viel Verkehr. Langsame Schlepper mit ihren langen Anhängen, Tanker und Fähren halten uns auf Trab. Am frühen Morgen erreichen wir Pulau Liat, eine Insel zwischen Bangka und Belitung. Gemeinsam mit vielen Tintenfischbooten, die mich an riesige Wäschespinnen erinnern, fahren wir durch die breite Öffnung im Riff. Wir ankern in leuchtend blauem, klarem Wasser. Vor uns säumen Mangroven das Riff, hinter uns leuchtet weißer Sand über dem Flach. Das Frühstück fällt aus und wir ins Bett.
Mittags sind wir wieder einigermaßen hergestellt und während ich Brot backe, repariert Nobbi unser Hecklicht. Mitten in der Nacht fing das Licht an zu flackern und wir haben als Notfallmassnahme erst mal die Birne rausgeschraubt.
Nun trennen uns nur noch 47 Meilen vom angepeilten Ankerplatz in Belitung. Wir starten wieder zeitig und freuen uns über einige schöne Segelmeilen. Dann nimmt der Wind ab, um schließlich aus Nordost wiederzukommen. Nordostwind hätten wir in den letzten Wochen sehr gut gebrauchen können, nur ausgerechnet heute nicht. Die letzten Meilen zum Ankerplatz sind kein Spaß. Die Welle, die uns ausbremst, ist inzwischen fast eineinhalb Meter hoch. Wir verzichten darauf vor dem Wind zwischen Steinen und dem Riff zum favorisierten Ankerplatz zu fahren und werfen den Anker etwas weiter draußen vorm Strand von Kelayang. Hier ist die Welle schauklig, aber nicht mehr gefährlich. Wie so oft schläft der Wind abends ein, wir sitzen noch lange im Cockpit und schauen erst einen Film und dann den fantastischen Sternenhimmel an.
Wir freuen uns, Belitung erreicht zu haben, der Weg hierher war doch etwas mühsamer als vorab befürchtet.

Ein Zinnsuchschiff.
Großes Zinnschürfschiff.
Zinnflöße in der Bucht bei Ular.
Der Leuchtturm bei Muntok.
Ab und zu kommt die Regenjacke zum Einsatz.
Die flache Küste Sumatras.
Der Frachter wird beladen.
Mühsam arbeiten wir uns nach Südosten vor.
Sonnenaufgang über Pulau Liat.
Das Tintenfischschiff sieht aus wie eine Wäschespinne.
Anker auf im Morgenlicht.