Fischer, Verkehr und Lummerland

Von Lombok machen wir uns auf den Weg nach Norden. Zunächst verlegen wir wieder in die Bucht im Norden Lomboks. Von dort sollen uns 3 Etappen nach Belitung bringen.
Zunächst liegen 110 Meilen nach Kangean vor uns, der nächste Abschnitt ist mit 170 Meilen nach Bawean schon etwas länger und die dritte Überfahrt ist dann ganze 350 Meilen lang und führt uns nach Belitung. Alle Strecken sind zu lang um sie am Tage zu bewältigen, wir müssen die Nächte durchsegeln. Eigentlich ist das schon lange nichts Besonderes mehr, wir haben schon etliche Nachtfahrten unternommen. Besonders sind nur die indonesischen Herausforderungen. Es kursieren abenteuerliche Geschichten. Die meisten lassen sich kurz zusammenfassen: Fischer, unglaublich viele Fischer. Positionslichter führen diese Boote natürlich keine, zu sehen wären diese sowieso nicht, da ganze Batterien von an Deck installierten Scheinwerfern die Fische in die Netze locken sollen und alles überstrahlen. Vernünftigerweise gehen wir davon aus, dass der Schiffsverkehr in der Umgebung nicht mit der nötigen Sorgfalt beobachtet wird, schon gar nicht segelnde Yachten. Das Radar hilft uns auch nicht weiter, da die hölzernen Fischerboote im Seegang oft kein Echo liefern. Wir starten also mit einigem Respekt in diesen Abschnitt. Vor allem ich habe Bammel. Blinkende Fischer überall, das ist der Stoff aus dem meine seglerischen Albträume gestrickt sind. Jetzt steht also eine Konfrontationstherapie an.

Die erste Etappe nach Kangean verläuft weitgehend ruhig, das Segeln macht Spaß und wir kommen gut voran. Tatsächlich sind wir so schnell, dass wir reffen um nicht zu früh anzukommen. Wir wollen den Ankerplatz nicht im Dunklen ansteuern. In der zweiten Nachthälfte sehen wir viele Fischer, die meisten sind jedoch weit weg. Ein Frachter überholt uns und ich versuche ihm ein Stückchen hinterher zu fahren. Dort wo er gerade gefahren ist kann kein Fischer sein. Mal wieder wundern wir uns, dass in Indonesien doch noch immer große Schiffe ohne AIS unterwegs sind. Außerdem haben viele indonesische Schiffe so schwache AIS-Signale, dass sie erst auf dem Display erscheinen, wenn das Schiff nur noch 1,5 oder 2 Meilen entfernt ist.
Als ich gerade darüber nachdenke, dass es eigentlich gar nicht so schlimm ist, huscht in der schwarzen Nacht ein FAD, eines dieser unsäglichen Flöße die Fische anlocken sollen, vorbei. Nur wenige Meter neben uns, 15 Meilen von der nächsten Insel entfernt. Ich hab mich sehr erschrocken und frage mich wie viele von den Dingern wir wohl nicht gesehen haben. Die Aussicht auf die kommenden Segelnächte deprimiert mich, genau zur rechten Zeit taucht eine Schule Delfine auf und begleitet mich einige Meilen. Mit dem allerersten Lichtschein erreichen wir Kangean und fahren langsam zu unserem Ankerplatz.

Nach dem Frühstück baden wir ausgiebig, erledigen ein paar Kleinigkeiten und schleppen uns müde durch den Tag. Direkt nach Sonnenuntergang gehen wir ins Bett. Die Nacht endet früh, um zwei Uhr gehen wir Anker auf und verlassen die große Bucht. Hier sind viele kleine Fischerkanus unterwegs, die meist nur mit kleinen Blinklichtern beleuchtet sind. Oder gar nicht. Es blinkt grün oder blau, oder jemand wedelt plötzlich mit einer Taschenlampe, um auf sich aufmerksam zu machen.
Als die Insel hinter uns zurückbleibt werden auch die kleinen Fischer weniger. An Steuerbord reiht sich ein großer Fischer an den anderen, ein Band aus hellen Lichtern zieht sich am Horizont entlang.
Der Tag ist recht ruhig, aufpassen muss man aber immer, es gibt viel Verkehr. Und Müll. Immer wieder treiben einzelne Plastiktüten oder Planen vorbei oder aber ganze Teppiche oder Bänder aus Plastikteilen. Abgesehen davon, dass der Müll nichts im Meer zu suchen hat und eine ökologische Katastrophe bedeutet, haben wir Segler Angst vor Plastiktüten, die den Kühlwassereinlass verstopfen können. Dann läuft der Motor innerhalb kürzester Zeit heiß und kann beträchtlichen Schaden nehmen. Eine weitere Müllgefahr stellen Leinen dar. Hier werden gerne schwimmende Leinen verwendet, die sich am Schiff vertüddeln oder in den Propeller geraten können.
Wir sind froh, dass wir die ganze Strecke segeln können. Segeln macht mehr Spaß, es ist leiser, wir verbrauchen keinen Diesel und wir brauchen uns keine Sorgen ums Kühlwasser zu machen.
In der zweiten Nacht wird es wieder spannend. Um uns herum sind so viele Lichter, dass ich große Teile meiner Wache auf der Cockpitbank stehe um alle im Blick zu behalten. Sieht man nur den Wiederschein am Horizont, ist der Fischer weit weg, kann man die hellen Lichter sehen, ist er näher dran. Wie nahe ist kaum einzuschätzen. Lange funktioniert es, ab und zu ein bisschen an der Windfahne zupfen, etwas anluven, etwas abfallen, wir schlängeln uns durch.
Ein Frachter überholt, ein Frachter kommt entgegen. Diese Fischer bei denen man oft weder Abstand, noch Geschwindigkeit, manchmal nicht mal Fahrrichtung ausmachen kann, machen mich verrückt. Man lernt einen Tanker auf Gegenkurs zu schätzen, da weiß man woran man ist. Die Lichter sind eindeutig zuzuordnen, meistens erscheint er früh auf dem AIS (Ausnahmen, ihr wisst schon. Indonesien gewöhnt einem in dieser Hinsicht das Wundern ab) und er dreht nicht einfach um, stoppt auf oder fährt zick zack. Ich sehe ein komisches Licht vor mir. Erst dachte ich es sei ein Fischer, doch nun kann ich mehrere weiße Lichter ausmachen und ein grünes. Das könnte ein Schlepper sein! Hat der einen Anhang? Und wo will er hin? Irgendwie kann ich das auf dem Radar nicht zuordnen, aber das Ding scheint nun doch recht nah zu kommen. Ich wecke Nobbi. Irgendwann sehen wir weit hinter dem Schlepper den Anhang. Bei uns an Bord heißen diese Anhänge Lummerland, da die Schüttgutbeladung auf der Barge aus der Ferne wie eine Insel (oder zwei) aussieht. Das Ding ist nicht beleuchtet. Wir schmeißen schließlich die Maschine an um noch vor dem Schleppverband zu passieren, dann kehrt wieder Ruhe ein.
Auch am nächsten Tag hält uns der Verkehr auf Trab. Ein Tanker zwingt uns zum Halsen, er weicht nicht aus und meldet sich nicht am Funk. Viele Fischer sind auf dem Weg nach Hause, andere ankern irgendwo mitten auf See und schlafen. Mittags kommen wir der Küste von Bawean näher und damit auch den kleinen Fischern, ihren Bojen und den FADs. Zwischen Kangean und Bawean sind wir zehn Halsen gefahren, ein paar, weil wir vorm Wind gesegelt sind, die meisten aber um auszuweichen.
In der Ansteuerung der Bucht auf der Nordseite Baweans haben wir wieder ein Lummerland-Erlebnis. „Nobbi, hier ist eine Insel zu viel“. Da sollen ein paar kleine Felsen sein, aber diese Insel kann ich nicht zuordnen. Ihr ahnt es, eine Schute liegt vor der Bucht vor Anker. Diese hat vier Hügel, wir nennen sie Neu-Lummerland. In der Bucht liegen noch weitere Schlepper samt ihrer Anhänge und sorgen für ein wenig Logistiker-Romantik.
Auf Bawean bleiben wir etwas länger, schlafen gründlich aus, treffen mal wieder andere Segler und sehen uns an Land um.

In Bawean treffen wir James Bond.
Das ist mal eine gelungene Luxus-Yacht!

Nun steht die Überfahrt mit drei Nächten an. Wir sind gut vorbereitet, die MP3 Player sind mit Podcasts und Hörbüchern bestückt, zum Lesen finden wir bei so viel Verkehr kaum Ruhe. In den ersten beiden Nächten ist der Horizont fast durchgehend von unendlichen vielen Fischerbooten erleuchtet. Die meisten liegen vor Anker, das macht das Ausweichen einfach, einige fahren aber auch auf und ab und wollen sorgsam beobachtet werden.
Der zweite Tag ist richtig anstrengend. Den ganzen Tag sehen wir hunderte von Fischern. Die Boote sind bei Tageslicht oft erst spät zu sehen, mal liegen sie vor Anker, mal haben sie ein Netz draußen und wieder andere fahren auf und ab. Einer fährt ganz dicht hinter uns durch. Der wollte wohl mal gucken.
Am Morgen des dritten Tages erreichen wir die ASL, eine Art empfohlene Route für die Großschifffahrt und von einem Moment auf den anderen sind die Fischer weg. Den ganzen Tag sehen wir nur zwei große Schiffe. Es fühlt sich an wie Urlaub. Allerdings rumpelt es einmal heftig. Ich erschrecke und springe raus. In unserem Kielwasser treibt eine dicke Holzbohle Typ „Eisenbahnschwelle“. Bei der Kontrolle der Bilgen finden wir nur Staub. Es scheint nichts passiert zu sein. Später stellen wir leider fest, dass diese Kollision nicht ohne Folgen blieb, der Geber unseres vorausschauenden Echolots ist angebrochen und funktioniert nicht mehr. Auch die dritte Nacht ist unwirklich ruhig. In der ganzen Nacht sehen wir nur fünf Fischer und müssen kein einziges Mal ausweichen.
Bei der Ankunft in Belitungs Gewässern haben wir unglaubliches Glück und sehen zwei Walhaie. Nur wenige Meter vom Boot schwimmen die riesigen Fische (über 5m lang) direkt an der Wasseroberfläche. Und noch unglaublicher, bei unserer Abfahrt von Lombok haben wir in ganz klarem Wasser auf 20m den Grund gesehen und einen weiteren Walhai, der unter uns durch zog. Auch wenn diese Begegnungen so kurz sind, so sind sie doch etwas ganz Besonderes. Wir fühlen uns reich beschenkt.
Der Wind weht kräftig, der Strom schiebt und wir sind schnell unterwegs. Es ist noch früh und wir entscheiden uns gleich noch ein Stückchen weiter zu segeln. Am angepeilten Ankerplatz steigen schwarze und weiße Wolken auf. Das sind nicht die üblichen Qualm Wolken der kleinen Müllfeuer. Hier ist eine große Industrieanlage gebaut worden. Das ist nicht der richtige Ankerplatz für uns, wir biegen ab und ankern hinter einer kleinen Mangroveninsel. Eine gute Wahl. Wir schlafen wunderbar.
Nach der ruhigen erholsamen Nacht, ziehen wir Bilanz. Es war anstrengend, aber eigentlich gar nicht so schlimm. Die Konfrontationstherapie war erfolgreich. Das ist gut, denn das waren nicht die letzten Nachtfahrten in dieser Saison und wir überlegen, ob wir die Strecke im nächsten Jahr von Nord nach Süden segeln wollen.